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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Grün wie Mondschein

Dass Schriftsteller oft naturwissenschaftliche Zusammenhänge benutzen, um bestimmte Situationen zu gestalten, dürfte bekannt sein. Vermutlich spielt dabei eine Rolle, dass man möglichst sachkundig erscheinen und dem jeweiligen Sachverhalt eine naturwissenschaftliche Dignität verleihen möchte – falls es so etwas gibt.

In einem Text von Djuna Barnes (1892 – 1982) heißt es an einer Stelle: „Für Garvey färbte sich schlagartig alles hellviolett. Das rührte daher, daß er gleichzeitig grün war vor Eifersucht und rot sah“.*

Das klingt so, als würde sie auf die Mischung beider Farben anspielen. Bei additiver Farbmischung ergibt sich aus rot und grün allerdings gelb, was fast an den entgegengesetzten Enden des solaren Spektrums liegt. Warum wählt sie violett? Hat sie es nur so hingeschrieben? Geht sie davon aus, dass der Leser es einfach hinnimmt, überliest? Oder will sie dadurch eine bestimmte Wirkung erzielen, die sich mir allerdings nicht erschließt?
Stutzig wurde ich in einer herrlichen Beschreibung einer bukolischen Situation von Felix Timmermans: „Die Bäume waren breit und voll, und das Licht, das um die Stämme hing war grün wie Mondschein“.**
Ich habe zwar vom Blauen Mond und Supermond gehört, aber dass Mondschein grün sein kann ist mir bislang verschlossen geblieben. Vielleicht war die Wirkung der Situation, die Timmermans beschreiben wollte so stark, dass ihm die wahren Worte viel zu schwach erschienen. Da half es nur surreal zu werden um zu sagen, die Situation war so einzigartig wie grüner Mondschein.


*Djuna Barnes. Die Nacht in den Wäldern. Short Stories. Frankfurt 1993, S. 14
** Felix Timmermans. Palieter. Leipzig 1931, S. 37

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Diskussionen

24 Gedanken zu “Grün wie Mondschein

  1. Ja, und „bukolisch“ ist ein feines Wörtchen!

    Verfasst von wildgans | 11. Mai 2020, 00:06
  2. Grüner Mondschein hat etwas Giftiges, Kränkliches ….
    Jetzt muss ich ausprobieren, ob rot und grün nicht braun ergeben, das sind schließlich Komplementärfarben …..

    Verfasst von Myriade | 11. Mai 2020, 00:49
    • Ja, merkwürdig. Der Kontext weist allerdings darauf hin, dass Timmermans eine angenehme Atmosphäre schaffen wollte. Grün und rot ergeben meines Wissens gelb, es hängt allerdings davon ab, wo man die Grenzen einer bestimmten Farbe setzt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Mai 2020, 09:36
      • Die drei Grundfarben der Malerei sind Rot, Blau, Gelb. Blau plus Gelb ergeben Grün, kommt Rot hinzu, ergibt sich eine Mischfarbe, die von Klee als Grau bezeichnet wird. Auch Weiß oder Schwarz stehen zur Debatte, nicht aber Gelb, das im Grün enthalten ist.
        Allerdings gibt es die Druckfarben, die anders gegliedert werden, nämlich Rot, Grün, Blau – und auf der Gegenseite Cyan, Magenta und Gelb. Warum das so ist, habe ich nie verstanden.

        Verfasst von gkazakou | 11. Mai 2020, 21:56
      • Da sprichst du ein komplexes Thema an. Das Hauptproblem ist m.E., dass oft nicht zwischen additiver und subtraktiver Farbmischung unterschieden wird, also der Frage (jetzt sehr vereinfacht gesprochen), ob die Farbe durch Überlagerung von verschiedenfarbigem Licht zustande kommt (additive FM) oder durch Überlagerung von Pigmenten (z.B. Tuschfarben). Es kommt also darauf an ob die den Farben entsprechenden Wellenlängen kombiniert werden (additiv) oder herausgefiltert (subtraktiv) werden. Bei additiver Farbmischung ergibt die Überlagerung von rotem, grünem und blauem weißes Licht. Bei subtraktiver Farbmischung mischen sich gelb, zyan und magenta zu schwarz. Das alles nur in Idealfall. Meist bekommt man in der Praxis weder ein sauberes Weiß noch ein sauberes Schwarz hin.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Mai 2020, 11:48
  3. Ja, die Verlockung ist groß, zumal sich, mit ein wenig Fantasie, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, ein spannungsreicher Hintergrund für die Akteure gestalten lässt.
    Einfach ist es nicht, weil man peinlich „daneben liegen“ kann. Für meine Aurumer-Reihe habe ich viel mit „Die Entdeckung des Unteilbaren“ von J. Resag gearbeitet. Weil mir Grundlagen fehlten und ich für Leser ohne Grundlagen schreiben wollte, habe ich mich bemüht, das Gelesene plausibel zu interpretieren. Ich denke das Spiel mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ist legitim, wenn es als Spiel erkennbar ist (und dient das Interesse für Wissenschaft zu erhöhen). Im gleichen Moment da Fakten kommuniziert werden, sollten sie plausibel sein, damit der Mondschein nicht grün wird. Es ist nebenbei ein Gewinn beim Schreiben, immer wieder zu prüfen (Danke google), ob stimmt was man in Szenen und Metaphern packt.

    Verfasst von pgeofrey | 11. Mai 2020, 08:38
    • Ich stimme dir im Wesentlichen zu. Ebenso wie im Alltagsdiskurs keine Instanz darüber wacht, ob die Aussagen wissenschaftlich korrekt sind, sollten Erzählungen entsprechend frei sein. Außerdem hängt es sehr stark vom Kontext, dem Anspruch des Verfassers und den Erwartungen des Lesers ab, wie die Aussagen zu werten sind. Plausibilität ist schon ein wesentlicher Aspekt, der möglichst beachtet werden sollte. Andererseits muss ich zugeben, dass mich das grüne Mondlicht wohl wegen der Kühnheit der Behauptung beeindruckt und der Szene eine größere Ausstrahlung verliehen hat.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Mai 2020, 09:25
  4. „sollten sie plausibel sein“
    „… sie fundiert …“

    Verfasst von pgeofrey | 11. Mai 2020, 08:40
  5. Dazu ließe sich viel sagen.
    Die Intention des Dichters ist ja im Druck nicht sichtbar.Ist es Versehen, ist es dichterische Freiheit, ist es expressionistische Dichtung oder Unvermögen?
    In meinem Hobby Schach ärgert mich fast jeder Essay, den ich zu lesen bekomme. Aber wenn ich selbst über einen Gegenstand darin schreiben müsste, wären darin auch Verkürzungen und Unrichtigkeiten. Das merke ich auch an anderen Texten, die ich endlos umformulieren müsste.
    Aber zurück zu dem Anfangsgegenstand: der Schreiber wählte wohl bewusst – in expressiver Manier- den grünen Mondschein.

    Verfasst von kopfundgestalt | 11. Mai 2020, 09:55
  6. Hm, ist es nicht das, was allgemein als „die künstlerische Freiheit“ hochgepriesen wird und irgendwie die Fantasie des Lesers anregt?
    Wenn dann natürlich jemand vorbeikommt, der die Worte umdreht und auf ihre physikalische Bedeutung hin untersucht, als würde er sie auf einem Tisch sezieren, dann haben ein grüner Mondschein und hellviolette Färbungen, wo sie gar nicht sein dürften, keine Chance.
    Wobei, ich muss gestehen, ich wäre über diese kleinen Ungereimtheiten nicht gestolpert, wieso ich hier wieder einmal mein „Danke“ hinausposaune, und in Zukunft werde ich doch mal genauer lesen – und zur Not meine Fragen ihr in den Raum werfen.

    Vielen Dank für die aufklärenden Worte.
    Herzliche Grüße, Kaya Licht

    Verfasst von Kaya Licht | 11. Mai 2020, 16:34
    • Bei anderen Schriftstellern, die die Landschaftsbeschreibungen ganz grob und nur so nebenbei abhandeln, wäre ich wohl kaum darüber gestolpert. Aber bei jemanden, der alles sehr präzise mit ausgewählten Veranschaulichungen beschreibt, fällt es natürlich sofort auf, wenn da eine Ungereimtheit auftritt. Und die hat dann meist auch einen Grund. Einige mögliche Gründe sind ja in den Kommentaren angesprochen worden… 😉

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Mai 2020, 18:51
  7. Nun, es gibt literrarische Quellen für den grünen Mond. Z.B. im Woyzek von Georg Büchner wird der Mond von dem (zugegebenermaßen schon etwas irren Woyzek als verschimmelter Käse angesprochen. Dazu scheint es auch einen etwas verworrenen Hintergrund zu geben, der es sogar ins Wiki geschafft hat: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Artikelentwurf_f%C3%BCr_umstrittene_Theorien

    Verfasst von rolfnoe | 11. Mai 2020, 20:07
  8. Lieber Joachim, ich habe Dich für den „Awesome Blogger Award“ nominiert und ich hoffe sehr, dass Du die Herausforderung annimmst!

    https://selbstwertpflege.de/2020/05/14/awesome-blogger-award/

    Liebe Grüße für Dich, Kaya Licht

    Verfasst von Kaya Licht | 14. Mai 2020, 18:03
    • Liebe Kaya, vielen Dank für die Nominierung. Ich bin mir der Ehre wohl bewusst, muss aber die „Herausforderung“ ablehnen, da ich nach der Rückkehr von einer zehntägigen Abwesenheit derart mit Arbeit belastet bin, dass ich mich um den Award nicht kümmern. Dennoch vielen Dank und liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 22. Mai 2020, 14:47
  9. Wie schön, ein Gefühl aus gemischten Faben zu beschreiben, Joachim!
    Ich habe dich in meinem Blog in einem Kommentar mit Jürgen angeredet. Das tut mir leid. Manchmal schreibe ich zu schnell….
    Liebe Grüße von Susanne

    Verfasst von Susanne Haun | 18. Mai 2020, 17:53

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  1. Pingback: Sehnsucht nach reinen Farben (Aquarell) | GERDA KAZAKOU - 15. Mai 2020

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