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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Bewegungen aus dem Fluge heraus

Eben ruft Tine mich, um mir etwas Merkwürdiges zu zeigen. Sie steht am offnen Fenster und liest ihre Rolle durch – die der Clara in Maria Magdalena, die morgen ist – da fliegt eine Schwalbe vorbei, entleert sich ihres Überflusses und so, daß es mitten ins Zimmer fliegt!*

Ganz so schlimm wie in dieser Tagebuchnotiz von Friedrich Hebbel (1813 – 1863) war es bei uns nicht. Das Fenster war verschlossen und der Schiss war nur auf der Scheibe gelandet – allerdings trotz erheblichen Dachüberstands (siehe Foto).
Wie machen die Vögel das? Unterliegen sie nicht auch ebenso wie das was sie im Fluge loslassen der Schwerkraft? Die Schwerkraft ist zwar an dem Vorgang beteiligt aber entscheidend ist die Tatsache, dass es sich hier im physikalischen Sinne um einen Wurf handelt. Ebenso wie man mit einem Stein eine Fensterscheibe einwerfen kann, kann der Vogel seinen Schiss auf dem Fenster platzieren. Er wirft zwar nicht, sondern lässt nur los. Aber da dies aus dem Fluge heraus auf das Fenster zu geschieht, fällt der Schiss zwar zu Boden aber gleichzeitig fliegt er (aus Trägheit) mit der ihm vom fliegenden Vogel mitgegebenen Geschwindigkeit weiter. Und wenn er nicht vorher den Boden erreicht, landet er eben auf der Scheibe. Demgegenüber fliegt der Vogel entweder über das Gebäude hinweg oder er dreht vorher ab, damit ihm kein ähnliches Schicksal ereilt. Das gelingt ihnen leider nicht immer.
Als ich diese Episode einem Bekannten erzählte, zog er diese Erklärung in Zweifel. Er berichtete, dass er kürzlich mit dem Fahrrad fahrend kräftig nach vorn ausspuckte. Dabei landete der Rotz trotzdem auf seiner Brust. Er sei regelrecht hineingefahren.
Hier zeigt sich, dass die Sache etwas differenzierter zu betrachten ist. Der Fahrtwind ist in Betracht zu ziehen und wenn dessen Geschwindigkeit groß genug ist, um den Rotz genügend stark zu bremsen, so holt man ihn unter Umständen schneller ein, als er den Boden erreicht.
Da wir Würfe meist nur aus der Ruhe heraus erleben, kann es zu ungewohnten Beobachtungen kommen, wenn man aus schneller Bewegung heraus wirft. So berichtet der für seine präzisen Alltagsbeobachtungen bekannte Romanschriftsteller Nicholsen Baker (*1957) Folgendes von einer Autofahrt:
Mir war „aufgefallen (…), wie von unsichtbaren Pendlern vor mir durch schmale Fensterschlitze geschnipste Zigarettenkippen im hohen Bogen auf der kalten, unsichtbaren Straße landeten und ein kleines Feuerwerk aus Tabakfünkchen entfachten, und (…) daß diese Zigarettenfunken die Abschiedsexplosionen so intimer Dinge waren, noch warm von den Lippen und Lungen des Menschen, wenn sie ganz kurz vor den Scheinwerfern erschienen und dann von ihnen ausgelöscht wurden, während man mit hundert Sachen die noch immer wild kullernde und schleudernde Kippe überholte, die sechzig km/h drauf hatte. Das hatte mich daran erinnert, daß ich, als ich klein war, bei Autofahrten immer das Fenster herunterdrehte, ein Apfel- oder Birnenkernhaus in das Kissen aus Luft und Lärm fallen ließ und zusah, wie es auf der Fluchtlinie der Straße hinter dem Auto herhüpfend und sich schnell drehend immer kleiner wurde – und plötzlich von etwas, das ich in der Hand hielt, zu etwas geworden war, das nicht mir gehörte und auf einem Straßenabschnitt, der sich durch nichts besonders auszeichnete, ein Ort zwischen bewohnten Orten, als Abfall ausrollte; und ich fragte mich, ob die Leute, die ihre Zigarettenkippen in die Nacht hinauswarfen (…) wußten, welch erhabene Momente sie die Nichtraucher hinter ihnen erleben ließen, und es mithin für uns.**
Aus unmittelbar einsichtigen Gründen möchte ich mich allerdings von diesen Praktiken in aller Form distanzieren.


* Friedrich Hebbel. Tagebücher 1848 – 1863. München 1966/67, S. 19
** Nicholson Baker. Rolltreppe oder die Herkunft der Dinge. Reinbeck 1993, S. 8

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Diskussionen

8 Gedanken zu “Bewegungen aus dem Fluge heraus

  1. Nachdem manche Vögel gewohnheitsmässig im Abspringen zum Abflug koten, gehe ich von einer Muskeltätigkeit aus, so dass der Batzen mit Druck hinter sich gelassen wird.

    Verfasst von puzzleblume | 22. Mai 2020, 00:17
  2. Ich fuhr einst als Beifahrer mit einem Kollegen nach Würzburg zum Schachspielen in einer Kneipe.
    Offenbar hatte mein Fahrer dabei jemand kurz vor Würzburg geschnitten.
    Der lief an einer Ampel nach vorne zu unserem Auto.
    Durch den sehr schmalen Fensterschlitz an der Fahrertür schaffte es dieser, meinem Fahrer eine zu wischen.
    Das war regelrecht ein Kunststück. Ich war sehr verdutzt über die Kombination von Agression und Geschicklichkeit.
    Wut kann erfinderisch machen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 22. Mai 2020, 02:54
  3. Jetzt sehe ich die Taubenscheisse auf meine Auto ganz anders: mehr poetisch!
    Das macht die Reinigung beim nächsten Male einfacher,
    Liebe Grüße
    Juergen

    Verfasst von juergenkuester | 22. Mai 2020, 08:09
    • Manchmal hat also das physikalische Verständnis auch eine „reinigende“ Wirkung. Ich habe mich manchmal sogar dabei ertappt gewisse Vogelschisse der schönen Struktur wegen zu fotografieren. Allerdings mischt sich in das ästhetische Empfinden auch noch die gedankliche Relativierung, die das Ganze wieder neutralisiert.
      Liebe Grüße, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 22. Mai 2020, 15:29
  4. deine Literaturfunde sind immer wieder grandios passend. zu deines rotzenden Freundes Einwand vielleicht noch: er war; anders als der Vogel, im Wege. Ist eben nicht dasselbe, ob man sich, vorwärtseilend, vorne oben oder hinten unten entleert.

    Verfasst von gkazakou | 22. Mai 2020, 10:02
    • Vielen Dank! Beim Lesen habe ich immer einen Bleistift dabei und streiche mir auch physikalisch interesssante Stellen an. Und was das Rotzen betrifft, so hat sich da schon manch einer verkalkuliert – auch oder weil er oder sie glaubte die Sache im Griff zu haben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 22. Mai 2020, 15:37

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