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Physik im Alltag und Naturphänomene, Rubrik: "Schlichting! "

Ein Geysir mitten in Deutschland

H. Joachim Schlichting. Spektrum der Wissenschaft 6 (2010), S. 82 – 83

Dass nichts von selbst geschieht,
sondern unter dem Druck der Notwendigkeit
Leukipp (5. Jh. v. Chr.)

In tiefem Grundwasser kann sich unter hohem Druck viel Kohlendioxid lösen. Wenn sich die Mischung unter speziellen Bedingungen den Weg zur Oberfläche bahnt, kommt es zu einem spektakulären Ausbruch – und zwar immer wieder.

Ein Geysir ist ein besonderer Anblick, vom plötzlichen Ausbruch bis zum Kollaps der Fontäne. So ein Naturschauspiel ist auch hierzulande in Andernach am Rhein zu erleben – erschaffen mit etwas menschlicher Hilfe. Anders als die aus Island und anderen Teilen der Erde bekannten Exemplare, die von heißem Wasserdampf angetrieben werden, befindet sich dort ein so genannter Kaltwassergeysir. Er bezieht seine Energie aus dem Lösungsvermögen von Kohlendioxid (CO2) in Wasser.
Wir kennen das Phänomen im Prinzip von kohlensäurehaltigen Getränken (siehe »Spektrum« Januar 2020, S. 72). So trennt sich beim Öffnen einer Sprudelflasche ein Teil des Gases zischend vom Mineralwasser. Das CO2, das bei höherem Druck im Wasser gelöst war, sammelt sich in Gasblasen. Diese steigen infolge des Auftriebs zur Oberfläche und entweichen in die Atmosphäre. Verstärkt man den Vorgang, indem man die Flasche vor dem Aufdrehen heftig schüttelt, so hat man grob gesehen bereits eine Miniaturversion eines Kaltwassergeysirs.
Kohlendioxidhaltiges Wasser entsteht oft natürlicherweise in der Erde. So auch beim Geysir von Andernach – das CO2 stammt aus tiefen Magmakammern. Obwohl das darüber befindliche Schiefergestein ziemlich undurchlässig ist, gelangt das Gas durch Risse und Brüche zu den immer noch mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche befindlichen Grundwasserschichten. Dort steht das Wasser unter einem relativ hohen Druck. Deswegen kann es beachtliche Mengen CO2 aufnehmen. Ein Rechenbeispiel: Die Löslichkeit von CO2 in Wasser beträgt bei normalem Luftdruck und einer Temperatur von 20 Grad Celsius 1,7 Gramm pro Liter.  Verzehnfacht man den Druck, erhöht sie sich auf 14 Gramm pro Liter, also auf mehr als das Achtfache.
In Andernach wurde ein 350 Meter tiefer Brunnen gebohrt. Nun verbindet ein langes Rohr, das in den unteren Bereichen mit seitlichen Öffnungen versehen ist, die dortigen Wasserschichten mit der Erdoberfläche. Die unter Druck stehende Flüssigkeit dringt ein und steigt langsam auf. Wenn das Rohr gut gefüllt ist, lastet die hohe Wassersäule stark auf dem untersten Bereich. Darum bleibt das CO2 hier im Wasser gelöst. Weiter oben ist der hydrostatische Druck jedoch kleiner. Wie beim Öffnen einer Sprudelflasche bilden sich dort Gasblasen. Während das Wasser langsam zum oberen Rand steigt, entweicht blubbernd CO2. Die Zuschauer an der Oberfläche sehen von alldem noch nichts.
Das ändert sich dramatisch, sobald schließlich das Rohr voll ist. Dann läuft es über. Denn von unten kommen beständig weiter Gasblasen, die Wasser verdrängen. Nach dem ersten Herausschwappen lastet weniger Gewicht auf den tieferen Schichten. Das wiederum verringert die druckabhängige Löslichkeit des CO2 und beschleunigt dessen Ausperlen. Außerdem dehnen sich die in größere Höhen gelangenden Blasen aus, denn dort wird der hydrostatische Druck geringer, der sie komprimiert. So ergießt sich noch mehr Wasser heraus. Die mittlere Dichte in der zunehmend von Gas durchsetzten Wassersäule nimmt weiter ab. Manche Blasen füllen den Rohrdurchmesser sogar völlig aus und schieben das ganze darüber befindliche Wasser wie Kolben nach oben. Die positive Rückkopplung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie breitet sich rasch im Rohr nach unten hin aus, und immer größere Blasen pressen die Wasser-Gas-Säule eruptionsartig in Form des Geysirs empor.
Entscheidend für einen solchen Ausbruch ist der Aufstieg des gashaltigen Wassers in einem engen Kanal. Bei einer großflächigen Verbindung mit der Außenwelt könnte Wasser, das von den nach oben entkommenden Blasen verdrängt wird, von den Seiten zurückfließen und den entstandenen Hohlraum schnell wieder füllen. In Andernach verhindert das der dünne Rohrdurchmesser.
Der Ausbruch dieses Kaltwassergeysirs dauert etwa acht Minuten. Dabei erhebt sich die Wasserfontäne bis zu einer Höhe von 60 Metern. Danach sackt sie in sich zusammen; oberflächlich ist die Aktivität zu Ende. Doch tief im Inneren füllt sich der entleerte Brunnen allmählich wieder mit kohlendioxidhaltigem Wasser, und nach rund 100 Minuten herrschen wieder die richtigen Bedingungen für ein erneutes Aufwallen. Es sei denn man verschließt den Brunnen und verhindert den Überlauf – dafür sorgt außerhalb der Besuchszeiten eine entsprechende Vorrichtung.
Was aufsteigt muss auch wieder herunterkommen. Das Wasser regnet in der Nähe der Rohröffnung ab und landet unter anderem auf den gepflasterten Wegen, wo es versickert und verdunstet. Dort wird erkennbar, dass im ausgestoßenen Wasser nicht nur CO2 gelöst ist. Die Steine sind von einem Belag vor allem in Rot- und Brauntönen überzogen. Leider schenken die Besucher diesem Phänomen kaum Aufmerksamkeit oder tun es mit einem negativen Unterton als Rost ab. Schaut man sich den Belag jedoch genauer an, entdeckt man ein ästhetisch ansprechendes natürliches Kunstwerk. Im Lauf der Zeit sind die im Mineralwasser des Geysirs gelösten Stoffe wie Magnesium, Eisen und Kalzium auskristallisiert und haben filigrane farbige Muster gebildet.
Der Geysir zerstäubt das Wasser und vergrößert dessen Oberfläche. So verdunstet es leicht. Das reichert in den Tropfen die gelösten Mineralien bereits etwas an, bevor diese sich nach dem Auftreffen auf dem Pflaster zufällig gesteuert mit den bereits vorhandenen Kristallschichten verbinden. Die abwechslungsreichen Strukturen wachsen damit in jeder Pause ein mikroskopisch kleines Stück weiter. Während sich unter der Erde schon der nächste Ausbruch zusammenbraut, ist die Situation deswegen auch oberirdisch nur scheinbar ereignislos.

Diskussionen

6 Gedanken zu “Ein Geysir mitten in Deutschland

  1. Was war für die Menschen der Grund, ein so tiefes Loch zu bohren?
    Danke für den ausführlichen Bericht!

    Verfasst von wildgans | 3. Juni 2020, 00:05
    • Ich denke, dahinter stand der Wunsch, einem seltenen Naturphänomen etwas nachzuhelfen, um wirklich stattfinden zu können und damit vielen Menschen etwas Eindrucksvolles zu bieten. Auf diese Weise muss man nicht ans andere Ende der Welt fahren, um so etwas zu erleben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 3. Juni 2020, 09:03
  2. Das mit den Rot-und Brauntönen hatte ich m.E. schon mal bei Dir gelesen.
    Diese Art Patina erinnert mich auch an die oft zufällige Verteilung der Farbpigmente nach dem Brennen glasierten Tons.

    Verfasst von kopfundgestalt | 3. Juni 2020, 09:51
    • Das hatte ich in der Tat schon mal in der Zeit gezeigt, als ich den Artikel zum Geysir bei Spektrum eingereicht hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Künstler das was die Natur hier vormacht in anderen Zusammenhängen ausnutzen – so auch beim Brennen von glasiertem Ton.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 3. Juni 2020, 10:24
  3. Ist das der ehemalige Wallende Born in der Eifel? Dort war früher ein blubberndes Brunnenloch, das einmal stündlich langsam Anstieg und brodelte. Bis man es irgendwann zu einem Geysir in der beschriebenen Art umbaute und seitdem wohl auch Eintritt verlangt. Mir hat die alte Variante damals besser gefallen.

    Verfasst von David | 4. Juni 2020, 10:32
    • Nein, Andernach liegt am Rhein, der Geysir auf dem Namedyer Werth einer Halbinsel. Der Wallende Born, das ist ein weiterer Kaltwassergeysir. Die natürliche Variante ist weniger spektakulär, deshalb hat man wohl technisch etwas nachgeholfen. Allerdings ist er bei weitem nicht so hoch wie der Andernacher Geysir.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juni 2020, 11:01

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