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Marginalia

Monets schimmernde Seerosen und die moderne Physik

In den Jahren, in denen Monet das eruptive Laubwerk und das Schimmern auf dem Teich in Giverny beobachtet, hörten die Physiker auf, an irgendeinem einfachen Konzept der Lokalisation in Zeit und Raum festzuhalten, und ersetzten es durch eine Vorstellung die verwandt ist mit Vibration, mit etwas Unwägbarem im Herzen der Dinge.*


Shattuck, Roger. Approaching the Abyss: Monet’s Era. In: Artforum, March 1982, S. 35-42.

Diskussionen

8 Gedanken zu “Monets schimmernde Seerosen und die moderne Physik

  1. Das ist ja eine interessante Hypothese. Stimmst du zu?

    Verfasst von gkazakou | 4. Juni 2020, 00:49
    • Physik ist Teil der Kultur und hat damit auch Teil an den geistigen Strömungen, Ideen und Gedanken darüber was möglich erscheint und was nicht. Man kann im Verlaufe der Geschichte immer wieder eine Parallelität zwischen dem Grad der „Abstraktheit“ in der Physik, der Malerei und Poesie feststellen. Insofern hat diese Hypothese etwas Eingängiges und Verführerisches…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juni 2020, 08:16
      • Genau diese Parallelität (eigentlich weit mehr, Gleiches in anderem Medium) finde ich das Spannende an deinem Zitat. Und frage mich, welche physikalischen Weltdeutungen heute im künstlerischen Raum ihr Echo entfalten – und bei wem, wie.

        Verfasst von gkazakou | 4. Juni 2020, 16:12
      • Das Problem besteht m.E. darin, dass die moderne Physik derart kompliziert ist und eigentlich nur über Sekundärliteratur – oft von den Protagonisten selbst verfasst (ich denke etwa an Heisenberg, Schrödinger u.ä.) – für Laien zugänglich ist. Darüber wie sich das in der bildenden Kunst niedergeschlagen hat, habe ich keinen rechten Überblick, weil die Künstler sich selbst kaum in interpretatorischer Absicht äußern. In der Lyrik ist es ebenfalls schwierig, weil auch dort viel Platz für Beliebigkeit ist. Es gibt eine umfangreiche Schrift zur Rezeption der modernen Physik in der Literatur und Philosophie von Elisabeth Emter. Die geht aber nur bis 1970. Für die Zeit danach habe einige Romane gelesen, die versuchen auf die moderne Physik einzugehen, entweder explizit wie beispielsweise bei Jeannette Winterson („Das Schwersteruniversum“ und „GUT Symmetries“) oder Juli Zeh (Schilf: das ist ein Krimi, in dem die Mehrweltentheorie durchgespielt wird) oder in einzelnen Passagen, die den einen oder anderen Aspekt der Physik ansprechen. Ansonsten gibt es eine rührige Gruppe von Physikern und Literaturwissenschaftlern in Erlangen, die sich dem Problem „Physik und Literatur“ in Publikationen und Konferenzen angenommen haben.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juni 2020, 17:03
  2. Ich stutze etwas bei dem Wort „eruptiv „.

    Was Monet in seinen Seerosenbildern festhielt, die „Fluktuation“ des zu Sehenden, hat ja auch schon im Prinzip Turner „modelliert“.

    Offenbar meint der Autor die Quantenphysik?!

    Verfasst von kopfundgestalt | 4. Juni 2020, 10:09
    • Der Autor hat die Pflanzen auf den Bildern wohl wie eine Eruption empfunden. Hier zeigt sich einmal mehr die Schwierigkeit, Empfindungen für andere nachvollziehbar zu beschreiben.
      Monet ist natürlich nur ein Beispiel, Turner würde ich auch dazu zählen. Das Gespür, dass die Fixierung auf das rein Gegenständliche, klar Umrissene zur Beschreibung der Realität nicht ausreicht, findet dort seinen visuellen Ausdruck. Die gedankliche Bereitschaft sich einer Welt hinter den festen Konturen des Gegenständlichen zu öffnen, muss auch bei den Schöpfern der Quantenphysik vorhanden gewesen sein. Es waren meist junge, noch nicht so stark in das traditionellen Paradigma der Physik einsozialisierte, kreative Personen, die den Umschwung schafften.
      Im Unterschied zu den bildlichen und poetischen Versuchen diese Welt zu erfassen, haben es Physiker insofern einfacher, als sie sich auf die Mathematik stützen können, die allgemein nachvollziehbare, reproduzierbare Aussagen erlaubt.
      Hier wie dort blieb die Anschauung im naiven Verständnis natürlich auf der Strecke und das macht das Lernen von moderner Physik in der Schule so schwierig.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juni 2020, 10:40
      • Ich bin kein Mathematiker, aber stelle mir vor, daß Formel für den Könner sehr wohl sprechen können, also weiterführende Bilder suggerieren können.

        Aber es stimmt schon: Man kauft für das eine etwas ein, daß auf der anderen Seite verloren gehen muss.
        Um etwas auszuholen: In der Leichtathletik (800 m etwa oder die Meile) kann man die Sprintfähigkeit trainieren, aber verliert dadurch vielleicht die Möglichkeit, die Anfangs-5/6 des Rennens sehr gut durch die Runden zu kommen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 4. Juni 2020, 12:22
      • Ich denke, dass vor allem in der Kreativitätsphase, wo es um die Entwicklung von Neuem geht, also nicht bloß um Ableitungen, auch Mathematiker auf gewisse, wie auch immer geartete Anschauungen angewiesen sind. Sie bleiben allerdings privat und sind später den Ergebnissen nicht mehr anzusehen.
        Dein grobes Bild darüber, dass man nicht alles auf einmal haben kann, teile ich.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 4. Juni 2020, 15:27

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