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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Pappus in der Juniluft

In der Schule verabreichte man uns tonnenweise Wissen, das ich fleißig verschlang, das mein Blut aber nicht in Wallung brachte. Ich betrachtete die schwellenden Knospen im Frühling, den Glimmer im Granit, meine eigenen Hände und sagte mir: „Ich werde auch das begreifen, ich werde alles begreifen, aber nicht, wie SIE es wollen. Ich werde eine Abkürzung finden, ich werde mir einen Dietrich machen, ich werde die Pforten sprengen. Es war entnervend, widerlich, sich Reden über Sein und Erkennen anzuhören, wenn alles um uns her Geheimnis war, das nach Enthüllung schrie: das alte Holz der Bänke, die Sonnenkugel jenseits der Fensterscheiben und Dächer, der ziellose Flug des Pappus in der Juniluft. Wären etwa alle Philosophen und alle Heere der Welt in der Lage gewesen, diese Mücke zu konstruieren? Nein, nicht einmal begreifen konnten sie sie: das war schimpflich, schändlich, es galt einen anderen Weg zu finden.*


* Primo Levi. Das periodische System.

Diskussionen

8 Gedanken zu “Pappus in der Juniluft

  1. Schändlich ist es keineswegs.
    Wieso sollte man wissenschaftliches Suchen in den Streit mit lyrischem Empfinden schicken?

    Verfasst von kopfundgestalt | 26. Juni 2020, 00:53
  2. Ich finde es viel schlimmer, dass ich von dem tonneweisen Wissen nicht wusste, was ich brauchen würde und was nicht. Manchmal ertappe ich mich, dass ich mir Sachen gemerkt habe, die die Welt tatsächlich nicht braucht 😉
    Einen schönen Wochenbeginn!

    Verfasst von Susanne Haun | 29. Juni 2020, 10:19
    • Damit sprichst du ein wesentliches Problem der Schulausbildung an: Die Lernenden werden zu wenig angeleitet, sich das zu erarbeiten, das sie wirklich interessiert. Manche vermeindlichen Wissenselemente bleiben wie sinnlose Relikte im Gedächtnis und erscheinen im günstigsten Fall nur noch kurios. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. Juni 2020, 11:20
      • Lieber Joachim,
        mein Sohn ging auf eine Schule, die als Konzept das „Lernen wie man lernt“ federführend ausprobierte. Ich bin jetzt noch froh, dass wir diesen damaligen Testballon mittrugen.
        Ich bin immer wieder erstaunt, was sich mein inzwischen fast 26 jähriger Sohn während seines Jurastudium/ Referendariat an Lernplänen selbst erarbeitet. Richtige Tabellen mit Datum und Thema, die er abhakt, wenn er den Punkt erledigt hat. Er arbeitet sehr strukturiert.
        Ich habe die Hoffnung, dass inzwischen alle Schulen nach diesem Konzept arbeiten, es ist schliesslich 15 Jahren her, dass mein Sohn die 5. Klasse besuchte.
        Einen schönen Tag von Susanne

        Verfasst von Susanne Haun | 29. Juni 2020, 12:47
      • Liebe Susanne,
        ich kann mich auch noch gut an die Zeit erinnern, als „Lernen Lernen“ (also Lernen zu lernen“) propagiert wurde. Davon hat vermutlich dein Sohn profitiert. Trotzdem sollt man das nicht überschätzen, denn ansonsten müsste es inzwischen besser aussehen bei Schulabgängern. Andere Einflüsse wie Motivation und Ehrgeiz, sind m.E. wichtige Erfolgsmomente. Eine gute Kindheit halte ich nach wie vor für sehr entscheidend.
        Liebe Grüße, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. Juni 2020, 17:45
      • Lieber Joachim,
        ich denke auch, dass eine gute Kindheit die Tür zu vielem öffnet. Kinder schauen sich auch viel ab, so wie die Eltern leben, so leben sie mit kleinen (fortschrittlichen) Änderungen auch selber.
        Ich finde es traurig, dass so viele Eltern die Verantwortung für die Erziehung der Kinder delegieren. Vieles kann die Schule nicht leisten, es sollte ineinander Zahnen, Schule und heimische Erziehung. Dazu gehört auch, dem Kind beizubringen, dass Lernen und Wissenszuwachs Freude bereitet!
        Liebe Grüße von Susanne

        Verfasst von Susanne Haun | 30. Juni 2020, 08:11
      • Das ist es, liebe Susanne, Lernen muss Freude bereiten! Auch dir liebe Grüße, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Juni 2020, 08:22

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