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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Ist die Schönheit der Kartoffelblüte sinnlos?

Angesichts der schönen Blüte der Kartoffel würde man nach der üblichen Ansicht davon ausgehen, dass dadurch Insekten angelockt werden sollen, um wie bei anderen Pflanzen auch die Bestäubung herbeizuführen. Doch das ist bei der Kartoffel offensichtlich nicht der Fall, weil sie dazu den Wind ausnutzt. Aber der Wind lässt sich wohl kaum durch schöne Blüten anlocken.
Ich frage mich nicht erst angesichts dieses offensichtlichen Gegenbeispiels einer rein evolutionsbiologischen Begründung für die Schönheit, bzw. – weniger anthropomorph ausgedrückt – für den Farb- und Strukturreichtum, ob es dafür nicht auch andere, weniger utilitaristischere Gründe geben könnte?

Diskussionen

14 Gedanken zu “Ist die Schönheit der Kartoffelblüte sinnlos?

  1. Leben will gelebt werden?!

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Juli 2020, 00:50
  2. Es ist auch garnicht ausgemacht, wie stark der Seesinn bei Insekten Bedeutung hat. Zwar gibt es Fälle von optischer Täuschung durch die Blüte (Partner), aber Insekten wählen wohl vornehmlich durch andere Sinne gelenkt Blüten. Etwa durch Erfassen von Spannungsdifferenzen oder Wissen um die Qualität des Nektars.
    Bei unserer wunderbaren Hortensie stelle ich fast nie Insektenbesuch fest.

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Juli 2020, 01:08
  3. Die Evolution sagt: Ich kann auch Schönheit. Zwar ist sie nicht nötig, aber ich liebe den Bonusgedanken, das Extra das Sahnehäubchen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Juli 2020, 01:14
  4. Kartoffelblüten erzeugen immernoch sehr geringe Mengen Nektar, und es gibt Sorten, die von Hummeln besucht werden, wenn auch in erster Linie wegen der Pollen.
    Unkontrollierte Befruchtung ist wegen der Sortenreinheit aber generell unerwünscht. Moderne Kartoffelsorten sind Ergebnisse jahrhundertelanger Züchtung, und wie bei anderen Blütenpflanzen unter den Händen des Menschen ist es wahrscheinlich, dass ihnen die Produktion von Nektar erst in wesentlich jüngerer Zeit züchterisch abhanden gekommen ist, und dies schon längst nicht mehr dem Ursprung der zahlreichen lateinamerikanischen Urkartoffel-Arten entspricht, die etwa 8000 Jahre lang von den Bewohnern im Andenhochland angebaut und domestiziert wurden.

    Verfasst von puzzleblume | 2. Juli 2020, 01:15
    • Dass die Domestizierung auf das Verhalten bestimmter Kulturpflanzen von erheblichem Einfluss ist, leuchtet mir ein. Aber die grundsätzliche Frage bleibt: Welchen Sinn machen schöne Blüten bei Pflanzen die Windbestäubung ausnutzen? Oder bist du der Meinung, dass ursprünglich die Insektenbestäubung Standard war und die Windbestäubung erst später kam?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Juli 2020, 08:46
      • Ja. Hast du die ebenfalls als Nachtschattengewächse den Kartoffeln verwandte Tomaten im Garten? Auch sie galten früher gemeinhin als Windbestäuber, als gäbe es nur diese Option, die Tipps zum Platzieren im Garten weisen ständig darauf hin, dass sie von regen geschützt, aber dem Wind ausgesetzt stehen sollen, und dennoch kannst du nicht nur bei dir zuhause begeisterte Hummeln daran beobachten- Diese werden auch seit Jahren im gewerblichen Tomatenanbau in Gewächshäusern eingesetzt. Hummeln und Mauerbienen werden eigens für diese Zwecke gezüchtet, jeder kann sie für seine Gewächshäuser online bestellen.
        In der Regel werden sie zum Saisonende durch Einfrieren der Nester getötet.

        Verfasst von puzzleblume | 2. Juli 2020, 09:42
      • Ja, Tomaten habe ich im Gewächshaus. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie die Blüten bestäubt werden. Da Windbestäubung im Gewächshaus wohl weitgehend ausgeschlossen ist, müssen es dann ja wohl Insekten gewesen sein. Denn seit vielen Jahren ernte ich bis weit in den Herbst hinein Tomaten. Dass die Hummeln als Dank getötet werden, ist menschlich betrachtet kein guter Zug. Man sollte sie lieber einen natürlichen Todes sterben lassen, so wie die Natur es „vorgesehen“ hat. Aber wenn man die Diskussion über die Abschaffung der Boxen für die Sauenhaltung verfolgt, sind in der Landwirtschaft weitaus schlimmere Dinge im Gang. Vielen Dank für deine erhellenden Informationen. Nächstes Jahr werde ich auf die Hummeln und Co im Gewächshaus achten.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Juli 2020, 12:19
  5. Soweit ich weiß, gibt es bei vielen Pflanzen diese Mischbestäubung. Ohne Insekten wäre bei vielen Nutzpflanzen der Ertrag deutlich geringer, aber bei vielen würde die Windbestäubung trotzdem Früchte erzeugen.
    Die Kartoffel interessiert Honigbienen nicht, Hummeln aber schon, habe ich gelesen und im Garten auch schon beobachtet. Das hat zu der unsinnigen EU-Regelung geführt, dass Neonikotinoide für einige Pflanzen verboten wurden, auf den Kartoffeln der Einsatz aber weiterhin erlaubt war. Die Imker haben sich nicht beschwert, wenn die Hummeln desorientiert waren, solange den Honigbienen nichts passiert ist. Uns geht es halt oft nur ums Geld.
    Womit die Schönheit ja auch wieder ihre evolutionsbiologische Begründung hätte. Es würde uns sicher besser gehen, würden wir uns mehr mit ästhetischen Fragestellungen beschäftigen. Ich glaube ja auch, dass die Schönheit den Tieren bei ihrer Entscheidung wichtig ist. Vielleicht fliegt die Honigbiene die Kartoffel aus ästhetischen Gründen nicht an, während sie der Hummel einfach gefällt. Und dann ist Schönheit nicht nur nützlich, sondern für die Vielfalt auch wichtig, dass nicht allen das gleiche gefällt.

    Verfasst von Richard | 2. Juli 2020, 07:56
    • Danke für den ausführlichen Kommentar, der mir sehr überzeugend klingt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Ästhetische (oder wie immer man diesen Aspekt unter Einbeziehung der Insekten nennen möchte) eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Außerdem denke ich, dass da vieles noch unverstanden ist. Gruß, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Juli 2020, 08:52
  6. Dies ist für mich eine zentrale Frage, die ich mit einem generellen JA beantworte. Der Utilitarismus des 19. Jahrhunderts, der immer noch die Köpfe nicht nur der Ökonomen, sondern auch der Biowissenschaftler beherrscht, sollte als menschliches Konstrukt erkannt werden. Während Schönheit (Symmetrie, Farbspiele, Formenvielfalt etc) Ausdruck des Lebens selbst ist. Dann wird man zurückgeführt auf die Frage: was ist Leben?

    Verfasst von gkazakou | 2. Juli 2020, 08:56

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