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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Von den blauen Bergen kommen wir

Der Nachkriegsschlager „Von den blauen Bergen kommen wir“ klingt mir noch heute in den Ohren. Als Kinder sangen wir zu der eingängigen Melodie den folgenden „Protestsong“:

Von den blauen Bergen kommen wir,
Unser Lehrer ist genauso dumm wie wir,
Mit der Brille auf der Nase sieht er aus wie’n Osterhase,
Von den blauen Bergen kommen wir.

Davon gab es dann noch mehrere Strophen, in denen wir unsere Auflehnung gegen die Schule auslebten.
Da ich auf dem platten Land aufwuchs und in meiner Kindheit keine blauen Berge erlebt habe, erschien mir die absurde Bläue von Bergen dem Geist des verrückten Textes noch zu unterstreichen. Viel später stellte ich aus eigener Anschauung fest, dass die Berge aus der Entfernung wirklich blau erscheinen und lernte, dies auch physikalisch zu erklären.
Inzwischen habe ich mich auch an blaue Berge gewöhnt und wundere mich über die ungleichmäßige Verteilung des Blaus. Es zeigt sich nämlich, dass bei der Betrachtung der Staffelung unterschiedlich weit entfernter Berge nicht nur das Blau mit zunehmender Entfernung immer heller wird, sondern an der Grenze zwischen unterschiedlich weit entfernten Bergen eine Art Aufhellung zu sehen ist, so als müssten die Übergänge farblich hervorgehoben werden.
Um es gleich vorwegzunehmen: Diese streifenförmige Aufhellung ist eine optische Täuschung, die nach dem Physiker  Ernst Mach (1838 – 1916) als Machsche Streifen bezeichnet werden. Sie verstärken den Kontrast zwischen Bereichen unterschiedlicher Helligkeit, sodass eine dunkle Kante noch dunkler und eine helle noch heller erscheint. Denn bei der visuellen Verarbeitung von Kontrasten werden die Rezeptoren in der Netzhaut so verschaltet, dass diese verstärkt oder abgeschwächt werden (laterale Hemmung). Wir haben uns an diese Hervorhebung von Übergängen gewöhnt, sodass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen.
In der unteren Grafik ist der Effekt besonders gut zu erkennen, wenn man die Helligkeit einzelner Graustufenfelder an den beiden Rändern miteinander vergleicht. Deckt man die angrenzenden Streifen ab, so zeigt sich, dass die Felder in Wirklichkeit jeweils einheitlich grau sind.

Diskussionen

8 Gedanken zu “Von den blauen Bergen kommen wir

  1. Dieser Machsche Streifen und andere Phänomene unterstreichen die Argumentation von Donald D. Hoffman, der da sagt, daß es zwar „draussen“ ein Ding an sich gäbe, wir aber nur Bilder produzieren, die uns zu allererst fit machen sollen und nicht die „Wirklichkeit“ wiedergeben. Auch Synästhesie führt er als Beispiel an.

    Verfasst von kopfundgestalt | 11. August 2020, 00:33
    • Was zumindest auf Eindeutigkeit bedachte Menschen umtreibt sind doch sich widersprechende oder auch nur unverträgliche „Ansichten“ ein und derselben Sache. Sie geben nicht eher Ruhe, bis der die Diskrepanz in der einen oder anderen für sie akzeptablen Weise gelöst ist. Man sollte das Problem, was die Wirklichkeit ist, so weit wie möglich ausklammern.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. August 2020, 09:13
  2. Das Lied sangen wir auch, und auch bei uns war das Land platt. Dennoch wunderte ich mich nie über blaue Berge, schien mir ganz natürlich zu sein. Zum Wörtchen „in Wirklichkeit“: ist unsere Wahrnehmung nicht als Wirklichkeit zu bezeichnen? Denn blau sind die Berge ja nicht wirklich, egal ob mit oder ohne Aufhellungsstreifen. Sie erscheinen uns so bei gehörigem Abstand.

    Verfasst von gkazakou | 11. August 2020, 07:14
    • „In Wirklichkeit“ ist in der Tat problematisch. Allerdings gibt es schon so etwas wie eine „robuste“ Version der Wirklichkeit. Da unsere Wahrnehmung (wennauch oft aus gutem Grund) täuschbar ist, würde ich die getäuschte Ansicht nicht als Wirklichkeit ansehen. Ich denke man muss kein Naturwissenschaftler sein, um die Diskrepanz zwischen den grün bewaldeten Bergen aus der Nähe und den blauen aus der Ferne betrachtet auflösen zu wollen. Indem ich einen einsichtigen und nachvollziehbaren Grund für die Diskrepanz finde, habe ich das Gefühl, dass alles mit mit rechten Dingen zugeht. Schwierig wird die Sache dadurch, dass einige Gründe für Wahrnehmungsdiskrepanzen in der Natur (das Blau) und andere in unserer Wahrnehmung (die hellen Streifen) zu suchen sind.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. August 2020, 09:01
      • danke, Joachim. das klingt plausibel: „einige Gründe für Wahrnehmungsdiskrepanzen sind in der Natur (das Blau) und andere in unserer Wahrnehmung (die hellen Streifen) zu suchen“.
        Natürlich liegt die Frage nahe, ob unsere Wahrnehmung (oder auch die Wahrnehmung irgendeines Lebewesens, zB eines Raben) nicht auch zur Natur gehört. Und ich verstehe, dass du darauf nicht eingehen möchtest, weil es in das Dickicht des „an sich“ führt. Was ich nicht recht verstehe, ist, warum du den gesunden Menschenverstand bemüht, um Diskrepanzen aufzulösen, die für den gesunden Menschenverstand überhaupt nicht existieren. Menschen halten die gewellte und bläulich abgeschattete lichtblaue Fläche am Horizont unweigerlich für Berge, und denken vielleicht darüber nach, wie weit sie entfernt sind, ob sie sie besteigen könnten etc. , nicht aber über ihr Sosein.

        Verfasst von gkazakou | 11. August 2020, 12:17
      • In der Tat gibt es Menschen – sicherlich die Mehrheit – die sich angesichts der blauen Berge nicht solche Gedanken machen. Anderen fällt das Blaue vielleicht auf und möchte wissen, wie es dahinkommt. Ich erinnere mich, dass mein Sohn in jungen Jahren genau nach der Ursache der „blauen Berge“ fragte. Ich selbst habe ebenfalls Freude daran, Naturphänomene aufzuspüren, zu beschreiben und durch Publikationen inclusive dieses Blogs anderen Menschen zugänglich zu machen. Ich versuche aber gleichzeitig auch die Ästhetik und andere nicht naturwissenschaftliche Aspekte mit anklingen zu lassen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 11. August 2020, 13:29
  3. Ich liebe die Ansicht dieser Silhouetten der Berge, kann mich nicht sattsehen und fotografiere sie immer wieder.
    Ein feines Farbspiel der Natur.

    ..grüßt Syntaxia

    Verfasst von o)~mm | 16. August 2020, 13:36

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