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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Brüchige Symmetrie

Auf diesem Foto ist nur eines real – die Ente. Sie manövriert zwischen zwei Reflexen von fast identischen Fenstern auf dem welligen Wasser. Sie hat sich aus der Mitte zwischen den beiden reflektierten Fenstern wegbewegt und dadurch die Symmetrie der Szenerie gebrochen. Sie neigt den Kopf ein wenig nach links – ein weiterer Symmetriebruch. Die vom Wind bewegten Wellen auf dem Wasser verfremden die Fensterreflexe zu neuen Gebilden, die – wenn man es nicht wüsste – kaum ihren Ursprung erkennen lassen und unterscheiden sich der unterschiedlichen Wellenbewegungen entsprechend in ihrer Textur. Das sind weitere Symmetriebrüche. Man könnte noch mehr finden und wundert sich vielleicht, dass wir trotz der zahlreichen Abweichungen von einer Idealkonfiguration, die es nicht einmal gibt, einen entsprechenden Hintergrund des Denkens voraussetzen. Wollte man den Bildinhalt unter wissenschaftlicher Perspektive erfassen, könnte man kaum anders als ähnlich vorgehen.
Die Beziehung zwischen Schönheit und Struktur hat bei der wissenschaftlichen, insbesondere der naturwissenschaftlichen Entdeckung von Neuem stets eine besondere Rolle gespielt, wie es auch in persönlichen Bekenntnissen immer wieder zum Ausdruck gebracht wird. Der Physiker Hermann Weyl (1885 – 1955), der ein klassisches Werk über Symmetrie geschrieben hat, drückte es einmal folgendermaßen aus: „Bei meiner Arbeit habe ich immer versucht, das Wahre mit dem Schönen in Einklang zu bringen; aber wenn ich mich für eines von beiden zu entscheiden hatte, dann habe ich gewöhnlich das Schöne gewählt.“*


* Hermann Weyl. Symmetrie. Basel 1955

Diskussionen

18 Gedanken zu “Brüchige Symmetrie

  1. Eine künstlerische Ente, die genau an der richtigen Stelle schwimmt, eine Freude

    Verfasst von Myriade | 23. August 2020, 00:10
  2. Im genau passenden Moment auf den Auslöser gedrückt -klasse! …“das Schöne gewählt“!

    Verfasst von wildgans | 23. August 2020, 00:13
  3. Dieses Zitat von Weyl ist sehr bekannt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass es einen solchen Anklang fand.
    Wohl deswegen, weil man glaubt, Wahrheit müsste einfach sein.
    In der psychologischen Erforschung des eigenen Lebens gibt es Erkenntnisse, die rasten sofort ein, wenn man sie mal gefunden hat. Aber auch, wenn sie danach zig mal überdacht worden sind: Stimmen sie wirklich?

    Verfasst von kopfundgestalt | 23. August 2020, 00:35
    • Schwer zu sagen, ob sie wirklich stimmen. Jedenfalls liest und hört man sie immer wieder von zahlreichen meist theoretischen Wissenschaftlern. Es liegt wohl daran, dass das Bemühen Ordnung in die ohne diese unüberschaubare Vielfalt der Erscheinungen zu bringen stets an einfachen Strukturen (Idealgestalten) orientiert sein muss. Man denke nur an die Einfachheit der Keplerschen Gesetze. Wenn es aber darum geht, praktisch zu werden, kommen die „Mühen der Ebene“: Um die Bahn für die erste Mondlandung zu berechnen brauchte man Computer, die in der Lage waren, Störungsrechnung mit einigen zehntausend Gliedern zu bewältigen, die gewissermaßen die Abweichung von den Keplerschen Gesetzen vor Augen führen. Und so ist mit vielen anderen Dingen auch.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. August 2020, 09:08
  4. Da ist dir aber wieder ein ganz besonderes, besonders schönes Bild gelungen.
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

    Verfasst von finbarsgift | 23. August 2020, 07:33
  5. Sehr schönes Bild, feine Erläuterungen. Der feine Symmetriebruch ist wohl nötig, um eine innere Harmonie zu empfinden und die Teile als Einheit zu erleben. In diesem Fall gleicht die Kopfbewegung der Ente die unterschiedliche Platzierung der beiden Spiegelsäulen aus: sie gesellt sich etwas näher zu der tiefer platzierten breiteren Spiegelung, wendet aber ihren Schnabel Richtung der weiter zurückliegenden „leichteren“ Spiegelung. So bleiben beide aufeinander bezogen. Die Kopf-Bewegung hält das Bild im Gleichgewicht.
    Ungestörte Symmetrie wirkt unharmonisch, vielleicht weil unsere beiden Augen oder die beiden Hirnhälften Verschiedenes wahrnehmen und wir dann Mühe haben, es zu verbinden. .

    Verfasst von gkazakou | 23. August 2020, 10:24
    • Danke, liebe Gerda, für die einleuchtende Ergänzung. Man erkennt, dass du dich in diesen Dingen auskennst. Bei der Aufnahme habe ich mich so hingestellt und gewartet, bis mir das Gesehene möglichst schön, harmonisch erschien. Dabei habe ich vermutlich unbewusst genau das realisiert, was du in deiner Interpretation zum Ausdruck bringst.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. August 2020, 11:36
      • Ja, wahrscheinlich ist es so. Wir haben quasi ein eingebautes Harmonisierendes Prinzip 🙂

        Verfasst von gkazakou | 23. August 2020, 11:45
      • Was natürlich kulturell geprägt ist…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. August 2020, 11:47
      • Überformt ist es wohl kulturell, aber seine Grundlage hat es meiner Ansicht nach in unserer Physiologie. Die Untersuchungen zum Goldene Schnitt, die Fibunacci-Spirale, die Proportionsstudien von Leonardo oder Dürer (und sicher vielen anderen), ja auch der Satz der alten Griechen „Der Mensch ist das Maß der Dinge“ zeigen, dass die Entsprechungen zwischen Außen und menschlicher Konstitution und dadurch bedingten Wahrnehmung schon viele beschäftigt hat.

        Verfasst von gkazakou | 23. August 2020, 12:02
      • Den kulturellen Anteil sollte man nicht unterschätzen. Inzwischen sind zwar die kulturellen Unterschiede in der globalisierten Welt weitgehend eingeebnet. Studien aus früheren Zeiten zeigen allerdings einige bemerkenswerte Unterschiede. Beispielsweise wurde afrikanischen Stämmen, die noch weitgehend unberührt von der westlichen Kultur waren, perspektivisch verzerrte Aufnahmen gezeigt , z.B. einen Elefanten von oben, dessen Beine nicht zu sehen waren. Sie wurden als völlig unrealistisch eingeschätzt, während ein Elefant ebenfalls von oben gesehen mit abgeklappten Beinen, den wir als unrealistisch ansehen würden, als realistisch eingeschätzt wurde.
        Der Goldene Schnitt, wieder einmal eine Erfindung der alten Griechen, ist auch typisch für den Westen. In anderen Kulturen (natürlich lange vor der Globalisierung) kennt man ihn nicht. Aber im Grunde sind wir uns einig.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. August 2020, 14:25

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