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Physik im Alltag und Naturphänomene

Sandstrukturbildung mit Zuschauer

Beim morgendlichen Wandern durch die Sanddünenlandschaft kämpfe ich mit dem Gemisch aus schwarzen und hellen Sandkörnern, die einzeln völlig harmlos sind, als größeres Kollektiv aber zumindest äußerst beschwerlich werden können. Beim Aufstieg an der steilen Leeseite einer Düne werden die Sandkörner durch kleinste Einwirkungen zu kollektiven Abwärtsbewegungen animiert, die mich – der ich mich auf ihnen abstütze – gleich wieder ein ganzes Stück weit mit nach unten nehmen (siehe Foto).
Das ist beim Aufstieg ärgerlich, weil man einen Teil der gewonnenen Höhe wieder abgibt, beim Abstieg allerdings beflügelnd. Wenn es dann auch noch heiß ist und der Wind sein gestalterisches Spiel mit den Sandkörnern treibt, wünschte ich mir schon mal festeren Boden unter den Füßen. Allerdings werde ich reichlich entschädigt durch das unmittelbare Erlebnis, Zeuge und Teil der kollektiven Gestaltung- und Umgestaltungsvorgänge zu sein, in denen der durch den Wind in Bewegung gesetzte Sand in Wechselwirkung mit und teilweise auf Kosten der schon bestehenden Strukturen neue erschaffen werden. Dabei spielen Mischungs- und Entmischungsvorgäng eine besondere Rolle.
Ich selbst werde wie ein beliebiger anderer Gegenstand in die Prozesse mit einbezogen: Bleibe ich beispielsweise eine Zeit lang stehen, kann ich beobachten wie sich zunächst zaghaft, dann aber deutlicher werdend zu meinen Füßen ein dieser Situation entsprechendes konkretes Rippelfeld bildet. Dabei docken die Sandteilchen nicht direkt an meine Füße an, sondern bauen die Rippel in einem diskreten Abstand auf. Beim Weitergehen verschwindet die Struktur nicht sofort wieder, sondern stellt eine neue Gegebenheit dar, die den weiteren Verlauf der Strukturbildung mitbestimmt.

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Diskussionen

17 Gedanken zu “Sandstrukturbildung mit Zuschauer

  1. Sandkörnchen, die diskret Abstand halten…genau beobachtet mit naturwissenschaftlicher Präzision…Ich hätte das ganz anders ausgedrückt, mehr so lyrisch dramatisch 🙂

    Verfasst von wildgans | 26. August 2020, 00:06
  2. wieder wunderbar in Bild und Gedanken. Wie anschaulich wird, dass sich die Strukturen unablässig nach geltenden Gesetzen neu bilden, und wir, als Körper, da eingebaut werden1 Wir sind es ja immer, wenn auch meist von uns unbemerkt. Wird nicht auch der Wind durch meine gehende Gestalt modelliert? Wird nicht die Raumtemperatur durch mich verändert? Das Wachstum der Pflanzen durch das von mir ausgestoßene CO2? Jeden Morgen beim Schwimmen studiere ich den Einfluss meiner Bewegungen auf die Lichtwellen am Meeresgrund. Ein zauberhaftes Spiel.

    Verfasst von gkazakou | 26. August 2020, 10:42
    • Wieder einmal sehr schön gesagt! Letztlich gibt es überhaupt keine Beobachtung, die nicht in irgendeiner Weise vom Beobachter beeinflusst wird, mal stärker, mal kaum merklich. Und wenn du im Meer schwimmst, bestimmst du die Lichtkaustiken auf dem Meeresgrund durch die Beeinflussung der Wasserwellen mit, was wiederum deine Bahnen verändern kann usw. Wir sind also immer irgendwie mittendrin.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. August 2020, 12:40
  3. Aufjedenfall sehr spannend beschrieben!👌👍
    Liebe Grüße Babsi

    Verfasst von kunst-schaffende-BaSch-Babsi Schnabel | 26. August 2020, 10:44
  4. Denke mit etwas Schmnerz an das Universum Bremen im Februar zurück, wo man solche Bildungsvoränge des Sands „studieren konnte“.

    Verfasst von kopfundgestalt | 26. August 2020, 14:36
  5. Wenn wir das, was du hier beobachtest und mit uns teilst auch auf das menschliche Miteinander übertragen, dann ist da zum einen Verantwortung im Handeln, Denken und Sein, gleichzeitig wird aber auch die Chance sichtbar, wie jede und jeder seins und ihrs für eine Umgestaltung von Strukturen beitragen kann.
    Hab ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag, lieber Joachim, den ich durch Gerdas heutigen Beitrag aufmerksam geworden bin. Mehr noch habe ich gerade bei Gerda geschrieben.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 28. August 2020, 15:26
    • Vielen Dank, liebe Ulli, ich habe deinen Kommentar bei Gerda zustimmend zur Kenntnis genommen. Die Übertragung der Beobachtungen in der Sandwüste auf den menschlichen Bereich, darf allerdings nur als eine sehr grobe Modellierung angesehen werden. Es kann uns allerdings darauf aufmerksam machen, dass das was im Sand ein als Verhalten der toten Materie im bewussten Handeln der Menschen seine Entsprechung hat. Es zeigt uns aber auch, dass – ob wir es nun wollen oder nicht – an Strukturänderungen beteiligt sind. Und wenn wir das nicht wie in der Sandwüste dem Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit überlassen wollen, müssen wir ganz bewusst entscheiden, wohin wir den nächsten Schritt machen, um an einer verantwortungsvollen Strukturbildung zum Wohle aller beteiligt zu sein.
      Liebe Grüße,
      Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 28. August 2020, 19:05

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  1. Pingback: Kleine Beobachtungen (5) Störung und Neu-Strukturierung | GERDA KAZAKOU - 28. August 2020

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