//
Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Kunst unter dem Weinstock

Eines Sommers, als ich noch klein war, im Sommer vor Pearl Harbor, wollten meine Eltern weg von Bethesda, und wir mieteten uns für eine Monat ein Backsteinhaus in Virginia; da gab es eine riesige Weinlaube mit Backsteinboden, wo die Ameisen kleine Hügel bauten. Ich muß damals – warten Sie – einundvierzig – sieben gewesen sein. Verzeihen Sie, ich bin sonst nicht so geschwätzig.
Ich weiß.
Ich kann mich noch erinnern – die kleinen Nebensprößlinge der Ranken bildeten Buchstaben, waren buchstabenförmig gekringelt, verstehen Sie. Sie formte ein A mit den Fingern. Ich wollte mir eine vollständige Sammlung zulegen. Von A bis Z.
Wie weit sind sie gekommen?
Ich glaube, bis D. Ich habe nie ein richtiges E finden können. Dabei sollte man doch meinen, daß es in all dem Gerank auch ein E gegeben haben muß.
Sie hätten es überspringen und mit F weitermachen sollen.
Ich war abergläubisch. Ich dachte, das dürfe ich nicht. Ich hatte die ganze Zeit Hemmungen.*

Ich habe einfach ein paar dieser vertrockneten und mit dem Beginn des Blätterfalls abgefallenen Nebensprosse der Weinranken auf ein Blatt Papier gelegt. Alles andere spricht für sich. Insbesondere die winzigen Spiralen erinnern an die frühere biologische Funktion dieser nunmehr zum Kunstwerk erstarrten Überbleibsel. Die üppig wuchernde Weinpflanze hatte sich in ihrer Wachstumsperiode durch raffinierte Suchbewegungen der Ranken in der Umgebung Objekte gesucht, an denen sie festmachen konnte, um so den weiteren Wuchs der Pflanze zu sichern. Denn sie ist auf ein Stützgerüst angewiesen. Wer Lust hat, kann ja mal Buchstaben und Ziffern suchen.


John Updike. Ehepaare. Reinbeck 1976

Diskussionen

6 Gedanken zu “Kunst unter dem Weinstock

  1. Wer Updike liest, ist schwer in Ordnung…Kleiner Witz am Rande, jedoch ehrlich gemeint!
    Unser wilder Wein macht mit seinen winzigen Saugnäpfchendingern sogar an den Fenstern seine Versuche…
    Gruß von Sonja, die grad keine Buchstaben und Ziffern suchen will, weil `se müde ist…

    Verfasst von wildgans | 16. September 2020, 00:07
    • Da es sich bei uns um echten Wein handelt, muss ich auf die interssanten aber auch teilweise ärgerlichen Säugnäpfchen verzichten. Ich verstehe, dass sich Buchstabensuchen und Müdigkeit nicht vertragen. Interessant ist, dass der Mensch sich auch angesichts dieser Zufallsergebnisse fallender Pflanzenteile sogleich auf Struktursuche begibt. Gruß, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 22. September 2020, 09:40
  2. Weinrankenschriftzeichen gleichen nur entfernt dem lateinischen Alphabeth. Sie wirken orientalisch – woher der Wein ja auch ursprünglich kommt. Am öhnlichsten scheinen mir O und Y zu sein,

    Verfasst von gkazakou | 16. September 2020, 10:27
  3. Viele B ein y p und 6 oder 9 eine 8 – schön! So geht es mir mit den Weidenblättern meiner Korkenzieherweide auf dem Balkon. Das hat mich letztlich zu unserem Logo inspiriert. Hier zu sehen https://bohlmeisenatuerlich.art/

    ..grüßt Syntaxia

    Verfasst von o)~mm | 16. September 2020, 16:25

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: