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Marginalia

Erinnerung an den Tante-Emma-Laden

        Ich gehöre zu der Generation, die noch das Sterben der kleinen Einkaufsläden miterlebt hat. Als Kind habe ich öfter in einem solchen Kolonialwaren- oder Gemischtwarenhandlung einkaufen müssen. Mehl, Zucker und ein paar weitere Grundnahrungsmittel standen auf dem Zettel, den mir meine Mutter mitgab. Den Rest hatte man im eigenen Garten. Ich hasste das Einkaufen, weil sich die Erwachsenen immer vordrängelten und lange Gespräche („Klönschnack“) führten. Der einzige Trost – es gab oft einen Bonbon von Tante Emma. Ja, sie hieß zufällig wirklich so.
Auf den Fotos sind noch Reste eines solchen Ladens im ostfriesischen Pilsum zu erkennen. Die jetzigen Bewohner haben einige Insignien einer verlorenen Welt einfach vor Ort gelassen. Nicht jeder geht daran ohne Erinnerungen an frühe Jahre vorbei.
Dass die Tante-Emma-Läden heute wirklich aus der Zeit gefallen sind, sieht man auch daran, dass seit einigen Jahren „Emma“ wieder ein gebräuchlicher Name für Mädchen ist.

Diskussionen

26 Gedanken zu “Erinnerung an den Tante-Emma-Laden

  1. Als Kind wurde ich auch in solch einen Tanta Emma Laden geschickt. Ich weiß, wo der stand.
    Wenn meine Großmutter mir einen Zehner gab (ich war zu schüchtern, mehr als dreimal sie um einen solchen zu bitten, konnte ich mir recht viel davon kaufen.

    Im „Unterdorf“ gab es einen Wohnzimmer-Eisladen. Eine Frau verkaufte dort die 3 üblichen Eissorten bis in ihre Mitneunziger!
    Ich träumte damals von exotischen Eissorten wie Senfeis oder ähnlichem.
    Einen Tanta-Emma-Laden gab es noch im Dorf vor gut 5 Jahren. Kaum zu glauben, wie lange. Die Artikel waren etwas teurer und es gab wenig Auswahl. Ich glaube, viele Arbeitnehmer kauften sich schnell was, bevor sie auf die Arbeit fuhren. Das Teil war schon um spätestens 6 Uhr auf. Schöner kann man den Tag kaum beginnen…

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. Oktober 2020, 01:05
  2. Ich habe ähnliche Erinnerungen, es war meist die einzige Möglichkeit in den ländlichen Gebieten einzukaufen, bevor die „Discounter“ überall aus dem Boden geschossen sind… ein Bonbon, ja…

    Verfasst von Maccabros | 14. Oktober 2020, 05:08
  3. Corona lässt bedauern, dass die Menschen sich als Kunden dem Einkaufs-Erlebnis zugewandt und vom kleinen, schmal sortierten Alltagslädchen abgewandt haben, und ihnen so die Überlebensmöglichkeiten entzogen haben. Gerade auf dem Lande, wo man nun kilometerweit fahren muss oder schlimmerenfalls hoffen muss, dass es einen Bringservice gibt, hat man das schmerzich bemerkt.
    Was den Stadtbewohnern ihr Kiosk an der TankeKiosk oder ihr Spätie, oder sogar bloss die langgeöffneten grossen Supermärkte bieten – all das hat es nicht gebraucht, solange es nur eine „Tante Emma“ um die Ecke gab, zu der man ggfs.auch ausser der Reihe mal kommen konnte.
    Man sieht also, so gestrig sind die kleinen Strukturen gar nicht, nur will keiner mehr dafür bezahlen, sondern hechelt dem niedrigsten Discounterpreis hinterher.

    Verfasst von puzzleblume | 14. Oktober 2020, 08:50
    • Danke für deine Kurzanalyse, der ich voll zustimme. Die letzten Läden dieser Art, die ich noch bis vor etwa 20 Jahren erlebt habe, waren wirklich beeindruckende Beispiele für ein Sortiment, das auf die Alltagsbedürfnisse der jeweiligen Kunden passgenau zugeschnitten war. Ich erinnere mich an ein Erlebnis, in dem die schon ältere Betreiberin eines solchen Ladens Knöpfe für Bettlaken aus dem privaten Nähkästchen besorgte… Teilweise findet man ähnliche Läden noch auf dem Lande in Südeuropa – aber das sind wirklich Ausnahmen. Einer der Totengräber ist wohl das Auto…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 09:24
      • Nun ist wieder deine Ergänzung für mich erinnerungsträchtig.
        Gerade auf spanischen und französischen Dörfern waren sogar die Öffnungszeiten der Läden, ob Gemischtwaren oder Lebensmittel häufig so „flexibel“, dass man einfach Klopfen durfte, und es der eigenen Höflichkeit überlassen war, ob man es um diese Zeit tat oder nicht. Dann erlebte ich es als Fremde sogar, dass man vom einen zum nächsten persönlich geleitet wurde, damit man ihn auch findet. Das dürfte insgesamt verloren gegangen sein.
        Das Autofahren ist bestimmt das Vehikel in den Abgrund dieser Kleingeschäftskultur, in Verbindung mit der Neugier im wörtlichen Sinne, mit dem Bedürfnis, nicht nur das zu kaufen, was man auf dem Zettel hat, sondern sich sozusagen mit Angeboten verwöhnt zu fühlen. Darin ist der einkaufende Mensch nicht anders als der erotische.

        Verfasst von puzzleblume | 14. Oktober 2020, 09:46
      • Die gleichen Erfahrungen in Frankreich und Spanien habe ich gemacht. Das Einkaufen wurde zusätzlich durch die sprachliche Verständigung zum Erlebnis.
        Dass das Einkaufen etwas Erotisches hat, ist ein guter Gedanke. Was früher der Austausch von Informationen (der Klatsch) war, ist heute vielleicht – allerdings stark individualisiert – die Lust zwischen 5 Joghurtarten und 25 Käsesorten zu wählen und sich von neuen Produkten inspirieren zu lassen. Bei mir beschränkt sich diese Lust leider nur auf Buchläden.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 10:04
      • Die Wirkung von Buchläden beginnt schon beim Duft, der einen kurz hinter der Tür empfängt und euphorisiert – erotisch, ganz bestimmt.

        Verfasst von puzzleblume | 14. Oktober 2020, 11:01
      • Ich glaube nicht das daß Auto als Schuldiger herhalten muss!
        Es ist einfach das Kaufverhalten der Menschen und die Nichtachtung für Lebensmittel! Außerdem muss heute alles schnellgehen und kosten darf es auch nix!

        Verfasst von kunst-schaffende-BaSch-Babsi Schnabel | 14. Oktober 2020, 16:20
      • Ohne Auto hätte es das Problem zumindest in ländlichen Gegenden nicht gegeben. Ich kenne nicht motorisierte Menschen, für die es echt ein Problem ist, zum nächsten Supermarkt zu kommen. Hier helfen teilweise „fahrende“ Tante-Emma-Läden“ mit beschränktem Angebot aus. Dass die von dir angeführten Gründe auch noch eine Rolle spielen, kommt natürlich hinzu. LG, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 18:09
      • Knöpfe für Bettlaken aus dem privaten Nähkästchen – das klingt klasse.

        Meine Frau hat vieles an Kleinteilen weggeworfen. Der Nachbar hatte aber etwas passendes, als wir einmal feststellten, das ein Kleinteil be einem Möbel nicht mitgeliefert war.

        Verfasst von kopfundgestalt | 14. Oktober 2020, 12:54
      • Wir sind eher wie der Nachbar – Sammler!

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 13:15
      • ich auch.
        Habe die letzten Tage mal Inventar in meiner Werkstatt gemacht.

        Verfasst von kopfundgestalt | 14. Oktober 2020, 13:24
      • Wäre bei mir auch mal nötig 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 17:55
    • …oder der grösseren Auswahl.

      Verfasst von kopfundgestalt | 14. Oktober 2020, 12:51
  4. Wir hatten noch bis vor einigen Jahren ein solches kleines Geschäft in der Nachbarschaft. Die hatten, weil sie Molkereiprodukte verkauften, auch Sonn- und Feiertags geöffnet. Für unsere Kinder war das ein herrliches Ding…Auch war es der Dorfmittelpunkt, denn die Inhaber wussten über alles Bescheid, und der Gemeindediener bekam immer seine „Heftchen“ von unterm Ladentisch gereicht…Es gäbe noch viel zu erzählen…Fazit: Schade,diese Welt ist gegangen…
    Gruß von Sonja

    Verfasst von wildgans | 14. Oktober 2020, 09:59
    • Ja, man könnte sich lange über diese Zeiten austauschen. Mir ist noch der Duft unseres Kaufmannsladens in Erinnerung. Auch zu den Sachen, die im inzwischen sprichwörtlichen Sinn unterm Ladentisch gehandelt wurden, kommt mir einiges wieder in den Sinn. Aber das war einmal und wird heute durch andere Einkaufserlebnisse ersetzt…
      Gruß, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Oktober 2020, 10:14

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