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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Sinne können täuschen

Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahr gehalten habe, verdanke ich den Sinnen oder der Vermittlung der Sinne. Nun aber bin ich dahintergekommen, daß diese uns bisweilen täuschen, und es ist ein Gebot der Klugheit, denen niemals ganz zu trauen, die uns auch nur einmal getäuscht haben.*

Das gilt auch für eine gewöhnliche Pflasterung. Neben irritierenden vermeindlichen Stufen, die hier durch Fugen und Spiegelungen auf den nassen Steinplatten ins Spiel kommen, treten Farben auf, die an den trocken Stellen kaum in Erscheinung treten.


René Descartes. Meditationes de prima philosophia. Hamburg: Felix Meiner 1959, S. 31f+

Diskussionen

24 Gedanken zu “Die Sinne können täuschen

  1. Feines Beispiel einer recht verwirrenden Ansicht.
    Um solches in Realita tunlichst zu vermeiden, hat uns die Natur Augenwinkel geliehen, die einen Ausschnitt erweitern helfen zu einem möglichst zu verstehenden Eindruck.

    Verfasst von kopfundgestalt | 30. Dezember 2020, 00:19
  2. Auf dem Foto ist die Sinnestäuschung perfekt. In der Wirklichkeit würde uns die Erfahrung wohl helfen, nicht zu stürzen.
    Descartes Verallgemeinerung über die Nicht-Verlässlichkeit der Sinneseindrücke hat wohl mit dazu beigetragen, die empirische Wissenschaft zu begründen. Was man durch wiederholte Messung unter kontrollierten Bedingungen bestätigt erhält, darf man glauben. Leider ist dadurch der natürliche Zusammenhang zwischen Wahrnehmen und Fürwahrhalten aufgelöst und durch einen künstlichen Kontext ersetzt worden, der die Alltags.Empirie zugunsten des wissenschaftlichen Experiments entwertet. Die Gesellschaft spaltet sich auf in Laien und Experten, eine Aufspaltung, die in vielem der zwischen Priestern und Gläubigen ähnelt. .

    Verfasst von gkazakou | 30. Dezember 2020, 00:50
    • Du hast vollkommen Recht. Descartes hat wesentlich dazu beigetragen, die physikalische Sehweise auszubilden. Diese ist inkommensurabel mit der lebensweltlichen Sehweise. Es gibt also keinen direkten Weg von der Alltagserfahrung zur Physik. Das heißt, man kommt nicht zur Physik, wenn man nur genau genug hinschaut. Carl Friedrich von Weizsäcker, bei dem ich Philosophie studiert habe, sah Galilei als einen weiteren Wegbereiter der neuzeitlichen Physik und drückte es einmal so aus: „Galilei wagt es, die Welt zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren“ (aus der Erinnerung zitiert). Konkret: Licht hat den Aspekt der Wellenlänge nicht gleichsam ablesbar an sich.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Dezember 2020, 10:51
      • War Galilei tatsächlich der 1, Physiker, der das tat? Und anhand der Wellennatur des Lichts?

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. Dezember 2020, 11:38
      • Nein, ich denke nicht, es gab schon lange vor Galilei Philosophen/Wissenschaftler, die so dachten und handelten. Aber Galilei ist halt wegen seiner Verdienste die prominenteste Persönlichkeit, die gewissermaßen für die ganz neue Richtung steht. Das mit der Wellenlänge sollte nur ein Beispiel meinerseits sein, um zu zeigen, dass man nicht nur durch genaues Beobachten zur Physik kommt. Im Übrigen waren und sind sehr viele Physiker selbst der Meinung, die physikalische Sehweise sei letztlich diejenige, die die Welt beschreibe, so wie sie wirklich ist.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Dezember 2020, 13:01
      • Ich freue mich, dass ich es richtig gesehen habe, und merke mir den Satz: „Diese (die physikalische Sehweise) ist inkommensurabel mit der lebensweltlichen Sehweise. Es gibt also keinen direkten Weg von der Alltagserfahrung zur Physik“ und frage schlussfolgernd: ist der Rückweg zur Alltagserfahrung dem Physiker versperrt? Oder besser: wie gelingt es ihm, die phyikalische Sichtweise in die lebensweltliche zu integrieren? Wenn ein Physiker einen Sonnenuntergang beobachtet – kann er seine Erfahrung als Mensch und als Physiker verschmelzen oder bleibt er in einer gespaltenen Welt, in der die physikalisch erprobten und die lebensweltlich für wahr befundenen Sätze wie aus zwei getrennten Lexika abgerufen werden?

        Verfasst von gkazakou | 30. Dezember 2020, 18:27
      • Ich denke, dass Physiker in der Lage sein müssen, beide Sehweisen zu akzeptieren und auch zu praktizieren. Viele sind es nicht zum Teil sehr bekannte. Die haben vergessen, dass die neuzeitliche Physik nur den Teil der Welt in den Blick nimmt, der mathematisch beschreibbar ist und geraten daher zuweilen in Situationen, die der berühmte Physiker Arthur Eddington einmal dem Sinne nach einmal folgendermaßen karrikiert hat: Wer davon überzeugt ist das alles durch mathematische Formeln gesteuert wird, muss vermutlich davon ausgehen, dass seine Frau eine ziemlich ausgeklügelte Differentialgleichung ist; aber er ist wahrscheinlich taktvoll genug, diese Meinung nicht zu Hause zu äußern. Der letzte Halbsatz ist ein wenig tröstlich, weil er zeigt, dass er doch noch in einer anderen Welt lebt, auch wenn er es sich nicht zugesteht. Was den Sonnenuntergang und andere Naturphänomene betrifft, so sprechen micht die meisten zunächst gefühlsmäßig an – zum Beispiel der Sonnenuntergang. Es ist eine andere Ebene, wenn ich mir dann auch noch klarmache, was dort physikalisch vor sich geht. Es ist dem positiven Gefühl bzw. der Erhabenheit des Vorgangs nicht abträglich, sondern ergänzt und bereichert es. Aber auch das extreme Beispiel der Physik bemühen zu müssen, leben wir doch auch ansonsten in einer eher mehrperspektivischen Welt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Dezember 2020, 19:26
      • Bin dankbar auch für diese philosophischen Ausfüge.
        Arthur Eddingtons „Scherz“ kannte ich, wer kennt ihn nicht?
        Im Grunde ist ein jeder neidisch (oder könnte es zumindest sein), wenn jemand so „abgehoben“ ist, daß er in Formeln denkt und fühlt.
        Den berühmten Film „A beautiful mind“ empfand ich jedenfalls in dieser Weise.

        Das mit der anderen Ebene (zum Schluss) erleben wohl auch Musikproduzenten, die sich oft erheblich von Musikkonsumenten, wie ich einer bin, abheben. Sie haben einen Zugang zur „Motorik“ der Musik, zu ihren Zutaten, denken aber manchmal auch oft „in terms“ eines blossen Konsumenten.
        Wie überrascht war ich jüngst, daß ein Produzent eine Scheibe eines anderen Produzenten so beschrieb, wie es ein Konsument tun und dazu einzig fähig sein würde.

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. Dezember 2020, 21:58
      • Ich denke, zu einem umfassenden Blick gehören mehrere Sehweisen. Es ist allerdings nicht leicht, von einer in die andere Sehweise zu wechseln. Aber es ist nötig. Dein Beispiel zeigt, dass es nicht nur für die Physik gilt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Dezember 2020, 22:09
      • Danke von Herzen. „Mehrperspektivisch“ ist unproblematisch.

        Verfasst von gkazakou | 30. Dezember 2020, 19:37
  3. Wieder einmal begeistert mich die Kombination aus Bild und Text. Aber auch das Bild für sich bekommt durch die Wahl des Ausschnitts eine spannende Dynamik.

    Verfasst von Ule Rolff | 30. Dezember 2020, 09:16

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