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Energie und Entropie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Blasenwesen aus dem Geist der Fantasie

Das ständige Nieselwetter hat wenigstens eines für sich. In dem Brunnenring, den wir als Reservoir für das Wasser vom Dach nutzen, entstehen durch das hineinlaufende Wasser Blasen und die haben nichts Eiligeres zu tun als unter Missachtung der Abstandsregeln sich zu größen Blasenteppichen zusammenzuschließen. Dabei bilden sie immer wieder kreative Figuren, die die Fantasie auf Reisen schickt. Manchmal denke ich, die tun das nur für mich. Denn meist ist wieder eine neue Gestalt zu bewundern, wenn ich einige Zeit später wieder mal vorbeigehe. So groß kann die Wahrscheinlichkeit doch nicht sein, etwas Figürliches zu schaffen. Dazwischen müsste es sehr viele sinnlose, allenfalls abstrakt-naturschöne Gestalten geben. Aber vielleicht sind wir Menschen so sehr auf die Sinnsuche fokussiert, dass wir selbst da etwas Sinnvolles finden, wo die Sinnsuche sinnlos ist.
Dass die Blasen so anhänglich sind, hängt damit zusammen, dass Oberflächenenergie gespart werden kann, wenn mehrere Blasen eine gemeinsame Grenzfläche bilden. Und wer sich fragt, wieso auf Regenwasser überhaupt Blasen entstehen können, wo doch die Oberflächensspannung von Wasser viel zu groß ist, um eine merkliche Lebensdauer von Blasen zu ermöglichen, dem sei gesagt: Das Wasser ist durch Verunreinigungen insbesonderer biologischer Stoffe (Proteine) auch ohne Seife derartig entspannt, dass eine halbwegs vernünftige Lebenserwartung der Blasen zustande kommt.
Die weißen Zwischenräume zwischen den großen Blasen sind kleine und kleinste Blasen, bei denen die spiegelnde in diffuse Reflexion des Lichts übergeht.

Diskussionen

25 Gedanken zu “Blasenwesen aus dem Geist der Fantasie

  1. „dass wir selbst da etwas Sinnvolles finden, wo die Sinnsuche sinnlos ist.“
    Ich denke, dass manche Tiere das adäquat erleben. Man kann das sicher experimentell untersuchen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 6. Januar 2021, 00:16
  2. Ob es immer etwas Figürliches ist, weiß ich nicht, aber etwas Gestalthaftes ist es. Die Gestalttheorie hat das ausformuliert: immer will unser Geist zerstreute Phänomene zu einer Gestalt zusammenschließen. Und da das so ist, kommt sie zu dem Schluss, dass sich von der Gestalt her die Einzelteile bestimmen und nicht umgekehrt. In deinem Beispiel wären es also nicht die verstreuten Blasen, die sich zu irgendwelchen Figuren zusammenschließen, sondern die sich bildende Gestalt verfügt über die einzelnen Blasen in einer Weise, dass sich die Gestalt vollenden kann.

    Verfasst von gkazakou | 6. Januar 2021, 01:09
    • Ich habe vielleicht etwas unscharf Figürliches und Gestalthaftes als synonym verwendet. Daher stimme ich mit deinen Ausführungen überein, auch wenn ich nicht so weit gehen würde, der Kausalität der Gestaltbildung die eine oder andere Richtung zu geben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Januar 2021, 09:34
    • Guten Morgen, lieber Joachim! Im Ausdruck „Kausalität der Gestaltbildung“ spricht sich der Physiker aus. In der Gestalttheorie gibt es den Begriff der Kausalität nicht. Sie bedient sich eines phänomenologischen Ansatzes, der sich anstatt auf kausale Erklärungen auf das bewusste Wahrnehmen der sich bildenden und in steter Veränderung begriffenen Gestalt konzentriert – ganz ähnlich, wie es dir mit der Blasengestalt erging, bevor du zum Physiker wurdest.
      Insofern ist auch mein Kommentar ungenau, wenn ich „bestimmen“ sage. Aber ich weiß keinen besseren Ausdruck, um eine Denkrichtung zu verdeutlichen, die das Ganze als etwas qualitativ anderes als die Summe der Einzelteile anerkennt.

      In der Biologie sollte der phänomenologische Ansatz eigentlich grundlegend sein, denn da muss man von der sich entwickelnden und sich transformierenden Gestalt ausgehen, um überhaupt irgendetwas zu begreifen. In der Psychologie gilt dasselbe. In der Soziologie hat der Ansatz immerhin einen ehrwürdigen aber umstrittenen Platz (Lewins Feldtheorie u.a.), die Geometrie ist in ihrem Ursprung gar nicht anders zu verstehen, denn sie lebt von der Anschauung der Gestalt …

      In der Physik aber hat sich das kausale Erklärungsmodell durchgesetzt und wurde von dort her auf die gesamte Wissenschaft verallgemeinert. Der lebendige Seinszusammenhang der Welt wurde in einzelne Segmente aufgespalten und auf handhabbare (anscheinend beherrschbare) Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge reduziert. Den Anfang nahm diese Denkschule bereits im griechischen Altertum, aber erst zu Beginn der Neuzeit (Hume) dehnte sie sich auf alle anderen Bereiche aus und setzte sich weitestgehend auch im Alltagsgebrauch durch. In der Medizin, in der Umweltpolitik, auch in der Ökonomie wird sie uns gerade zum Verhängnis. Die Vorstellung vom lebendigen Seinszusammenhang hat sich teilweise in die Kunst und Philosophie gerettet. Schillers Ästhetische Erziehung ist als ihr Rettungsversuch zu verstehen, Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten als ihr Ausdruck. In der Gegenwart gibt es nun eine Reihe von Versuchen, zu einem Denken zu finden, das nicht von Kausalerklärungen beherrscht, sondern aus der geistigen Anschauung gewonnen wird.Liebe Grüße – Uff, ein bisschen weit ausgeholt habe ich und tastend noch im Ausdruck. Ob du wohl verstehst, worauf ich hinauswill?

      Verfasst von gkazakou | 6. Januar 2021, 11:49
      • Danke, liebe Gerda, für deine ausführlichen Erklärungen, die ich sehr gut nachvollziehen kann.
        Während meines Philosophiestudiums habe ich mich mit auch mit der Gestalttheorie auseinandergesetzt und finde sie bis heute in vielen Zusammenhängen äußerst erschließungsmächtig. In der Modellbildungsphase der Physik spielt das „Gestaltdenken“ eine wichtige Rolle, worauf bereits Max Wertheimer hingewiesen hat. Und in der nichtlinearen Physik sind ganz aktuell holistische Aspekte insofern von Bedeutung, als beispielsweise bestimmte Objekte im Zustandsraum eines Systems durch ihre Gestalt verraten, was aus den Einzelteilen eines Systems nicht zu ermitteln wäre.
        Dass ein halbwegs „reichhaltiges“ System mehr ist als die Summe der Einzelteile darstellt, ist auch in der Physik bekannt. So ist beispielsweise den Wasserstoff- und Sauerstoffatomen nicht anzusehen, dass sie zusammen so etwas wie Wasser mit all seinen überraschenden Eigenschaften bilden könnten. Neueste physikalische Theorien (String-Theorie) zeigen zudem, dass das primitive Ursache-Wirkungsdenken oft nicht zielführend ist.
        Meine Blogbeiträge sind allerdings wesentlich bescheidener. So waren der Ausgangspunkt für meine Beobachtung der Blasengestalt auf dem Wasser auch nicht die Blasen und ihre physikalischen Eigenschaften, sondern das Fantasiewesen, das mich ansprang. Es lässt sich auch überhaupt nicht physikalisch aus den Eigenschaften der Blasen ableiten.
        Allerdings nehme ich gerne solche an sich nichtphysikalischen Phänomene zum Anlass bzw. zur Motivation, auf einfache physikalische Zusammenhänge aufmerksam zu machen.
        Sieh manche meiner Beiträge einfach als Versuch an, zwischen einer lebensweltlichen und einer physikalischen Sehweise zu vermitteln, ohne die Differenz einebnen zu wollen – denn das geht nicht. Die Reichhaltigkeit des Lebens und unserer Kultur resultiert doch gerade daraus, dass es mehrere Sehweisen gibt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Januar 2021, 14:18
    • Ich danke dir von Herzen für deine Antwort, Joachim. Ich hatte natürlich bereits den Verdacht, dass die Physik weit über das primitive Ursache-Wirkungs-Modell hinaus ist und sich mithin starke Berührungspunkte mit einer „holistischen“ Weltsicht ergeben. Dass du selbst eine Vermittlerrolle zwischen einer lebensweltlichen und einer physikalischen Sehweise spielst, habe ich nicht nur verstanden, sondern es macht auch das Faszinosum deiner Beiträge aus. Auch dass es mehrere Sehweisen gibt, kann ich nachvollziehen. Was also ist mein Problem? Dass ich den Eindruck habe, dass eine primitivierte physikalische Sehweise unser Alltagsleben durchdrungen hat und es via politischer Entscheidungen inzwischen fast vollkommen bestimmt. Du bemühst dich, uns phyiskalischen Laien die Erklärungsweisen der Physik nahezubringen – und das gelingt dir auch wunderbar, finde ich. Ich aber hebe auf den umgekehrten Vorgang ab: wie dieses naturwissenschaftliche Denken, in seiner primitiven popularisierten Form, zum Beispiel heute, am Epiphaniastag. die „Segnung der Gewässer“ zum ersten mal seit Urzeiten für obsolet erklärte: es wurde verboten, weil ein Virus das angeblich gebietet. Für mich ist das ein Gipfelpunkt der materialistischen Weltauffassung, in der andere Weltsichten keinen Raum mehr haben und vor der auch die Kirchen fast kampflos kapituliert haben. Die holistische Weltsicht ist nur eine Nischenangelegenheit, als „esoterisch“ und „obskurantistisch“ verdächtigt, ohne Wirkmächtigkeit. Und doch lässt sich das Geschehen um diese „Pandemie“ gar nicht aus dem Virus „als solchem“ heraus erklären. Und noch weniger lassen sich die Folgen dieses Geschehens in eine ursächliche Verbindung mit dem Auftreten des Virus bringen. Genau das aber tun die Politiker, die Medien und mit ihnen die Mehrzahl der „vernünftigen“ Menschen. Hier wird ein Kausalzusammenhang hergestellt, der aus dem naturwissenschaftlichen Denkmodell stammt und bis in die feinsten Verästelungen unseres Daseins hinein verallgemeinert wird

      Verfasst von gkazakou | 6. Januar 2021, 15:15
      • Was den Neomaterialismus in unserer Zeit (so nenne ich das mal) betrifft, so betrachte ich ihn mit Sorge. Er fördert ein Denken, wonach mit einigen wissenschaftlich kontrollierbaren Maßnahmen alle Probleme bewältigt werden könnten. Das betrifft zum Beispiel die Umweltproblematik. Die Politik hat nicht begriffen, dass sie z.B. mit der CO2-Steuer der Klimakatastrophe begegnen könnte wenn andererseits aber an der ruinösen Wegwerfwirtschaft festgehalten wird. Auch die Kriege, Flüchtlingskatastrophen und die Ausbeutung von Menschen gehören hier her. Das Entweder-Oder-Denken steht der Bewältigung solcher Probleme sehr im Wege. Das Nebeneinander verschiedener Sehweisen ist im Sinne der Stabilität eines Systems durch Diversität unabdingbar, obwohl es dabei schwer ist, sich gegen Verschwörungstheorien u. Ä. abzugrenzen.
        Andererseits halte ich es mit Christa Wolf, die einmal gesagt hat (aus dem Gedächtnis zitiert): Sich den wirklichen Zustand der Welt vor Augen halten, ist psychisch unerträglich“. Daher erlaube ich mir mit den Worten zu enden: Und immer schön fröhlich bleiben.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Januar 2021, 16:41
      • Ich denke immer an Chris Jordan, siehe hier:
        http://www.chrisjordan.com/gallery/rtn/#plastic-cups

        Der 2007 beginnend große Zahlen versucht hat, darzustellen, um das Ausmaß von Umweltverschmutzung GREIFBAR zu machen.
        Zahlen müssen anschaulich gemacht werden.

        Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2021, 17:09
      • Das hatten wir schon mal, aber es ist immer wieder eindrucksvoll es zu sehen. Es zeigt aber auch, dass es trotz des kontinuierlichen Zomms plötzliche Gestaltänderungen gibt. Ganz abgesehen von der umweltpolitischen Aussage, die mein Foto ja leider nicht enthält.
        Bei meinen Brechungsmustern fällt der Schwebeeffekt auch erst ab einer bestimmten Größe auf. Ich habe daher das Bild noch mal vergrößert eingebunden.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Januar 2021, 18:37
      • Ich hatte vorhin die Idee, einen Parkplatz fotokünstlerisch zu generieren, auf dem 1000 Autos stehen, bin aber dank eines fehlenden Programms gescheitert…

        Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2021, 19:14
      • Was ist die Segung von Gewässern gegen 1000 Tote am Tag?

        Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2021, 17:07
  3. schön geschrieben. und fotografiert. die blasen haben sich zu einer interessanten figur zusammen getan, es sieht aus wie ein tanzender drache. und darüber: sterne. durch die spiegelung der wolke im wasser sieht es aus, als trage der drache einen hut, einen kleinen französischen hut.
    🙂

    Verfasst von wolkenbeobachterin | 6. Januar 2021, 10:47
  4. Da Wolkenguckerei am einheitlich grauen Himmel (hier jedenfalls) keinen Erfolg verspricht, sind die Blasen auf dem Teich doch eine sehr schöne Alternative. – Ein sich nach möglichen Verfolgern umschauender … äh … Außerirdischer?

    Verfasst von christahartwig | 6. Januar 2021, 11:11
    • Ist bei uns nicht anders. Grau in Grau ohne Struktur. Die Blasengebilde sind in der Tat ein geeigneterer Anlass in Fantasiewelten einzutauchen. Natürlich ist es ein Außerirdischer – oder hast so vergleichbare Typen schon auf der Erde gesehen?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Januar 2021, 14:32
      • Persönlich gesehen nicht. Mit den kräftigen Beinen und den kleinen Ärmchen dachte ich flüchtig an einen Tyrannosaurus Rex. Nur nicht annähernd so bedrohlich. – Diogenes brauchte ein Fass. Mir würde gerade schon eine Regentonne für tiefsinnige Betrachtungen reichen. Oder einfach eine Tasse Kaffee. Nennt man die Bläschen auf dem frisch eingeschenkten Kaffee bei Euch auch Küsschen?

        Verfasst von christahartwig | 8. Januar 2021, 08:17
      • Wenn die Tiefsinnigkeit proportional zur Tiefe ist, stößt man bei einer Tasse Kaffee schnell auf den Kaffeesatz. Darin zu lesen kann zwar kurzweilig sein, ist aber wohl nicht tiefsinnig. Die Bläschen auf dem Kaffee Küsschen zu nennen werde ich mir merken. Klingt gut, nicht nur weil es leicht alliterriert… 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Januar 2021, 09:05
    • Der Ausserirdische hier ist sooo unschuldig und schaut sich ängstlich nach dem Physiker um, der ihn wegerklärt.

      Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2021, 19:26
      • Ja genau. Das ist die andere Sehweise. Beide kämen ohne die andere aus: hier die Fantasiewelt und dort die ´Welt der Physik. Man kann offenbar immer nur eine zur Zeit betreten. Aber beide zusammen bedeuten für den wachen Geist ein umfassenderes „Erlebnis“. 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Januar 2021, 21:29
  5. Die weißen Zwischenräume zwischen den großen Blasen sind kleine und kleinste Blasen, bei denen die spiegelnde in diffuse Reflexion des Lichts übergeht.

    Wieso ist das so?

    Verfasst von kopfundgestalt | 7. Januar 2021, 19:24
  6. Sehr schön gemacht

    Verfasst von Nathalie's Welt | 25. März 2021, 11:34

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