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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Das Schwanken zwischen zwei Polen

Ich möchte einen Ausdruck finden für die Zweiheit, ich möchte Kapitel und Sätze schreiben, wo beständig Melodie und Gegenmelodie gleichzeitig sichtbar wären, wo jeder Buntheit die Einheit, jedem Scherz der Ernst beständig zur Seite steht. Denn einzig darin besteht für mich das Leben, im Fluktuieren zwischen zwei Polen, im Hin und Her zwischen den beiden Grundpfeilern der Welt. Beständig möchte ich mit Entzücken auf die selige Buntheit der Welt hinweisen und ebenso beständig daran erinnern, daß dieser Buntheit eine Einheit zugrunde liegt*.


Hermann Hesse. Kurgast. Aufzeichnungen von einer Badener Kur. 1977; S. 107

Diskussionen

16 Gedanken zu “Das Schwanken zwischen zwei Polen

  1. Vieldeutigkeit, Interpretation, das Sowohl als auch. Zwar sagen manche Mathematiker, die Welt sei Zahl , das ist sie aber nur, wenn man den menschlichen Geist aussen vor lässt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 31. Januar 2021, 00:17
  2. Als wäre Hesse der Text beim Anblick deines Fotos eingefallen. Und naturwissenschaftlich inzwischen belegt: ohne Spannung kein Leben … wusste man das damals schon so genau, oder war es bei ihm noch poetische Ahnung?

    Verfasst von Ule Rolff | 31. Januar 2021, 09:23
  3. Wunderbare, treffende und weise Worte!

    Verfasst von Johanna | 31. Januar 2021, 20:00
  4. Das Oszillieren – wer kennt es nicht als Zustand des Herzens, das hin und her geworfen wird, mal sich leicht beruhigend, dann wieder in heftigen Ausschlägen. Das Foto illustriert das perfekt.

    Hesse sagt mir nicht so zu. Ich fürchte, ich bin früh gegen den Hesseschen Charme geimpft worden (Deschners „Kitsch, Konvention und Kunst“ las ich mit 16). Was meint er mit „zwei Grundpfeiler der Welt?“ Und wieso ist die Buntheit „selig“, und ist, dem polaren Gesetz folgend, die dieser Buntheit angeblich zugrunde liegende und ihr entgegengesetzte Einheit unselig? „Melodie und Gegenmelodie“ ist gut. Aber: Hesse neigt dazu, finde ich, wenn er einen Gedanken gefasst hat, ihn x mal zu variieren, bis er im Schwulst untergeht.

    Verfasst von gkazakou | 31. Januar 2021, 21:42
    • Ich gebe zu, dass Hesse oft Gefahr läuft, die Grenze zum Schwulstigen zu überschreiten. Dennoch sollte man den Kontext seiner Zeit in der er lebte einbeziehen. Außerdem habe ich oft den Eindruck, dass er oft Dinge anspricht, vor denen sich andere drücken.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 31. Januar 2021, 22:15
      • Und ich gebe zu, dass ich an einem Hesse-Vorurteil leide, das ich trotz aller Versuche nicht überwinden konnte. Hat biografische Gründe, die weniger mit dem Autor als mit der Zeit zu schaffen haben, in der ich aufwuchs. Woraus ist denn das Zitat? Siddharta? Eingebettet in Romanfiguren könnte es stimmiger sein.

        Verfasst von gkazakou | 31. Januar 2021, 22:31
      • Ich glaube zu verstehen. Die Quelle des Zitats hatte ich angegeben. Es sind Aufzeichnungen Hesses während einer Kur, in der er seinen Kuralltag beschreibt gespickt mit klugen Aussagen wie der zitierten.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 1. Februar 2021, 09:27
  5. Immer wieder Hermann Hesse und mir von Jugend an immer wieder lieb. Er war in seinem Denken dem Yin und Yang sehr nahe.

    Verfasst von christahartwig | 1. Februar 2021, 06:13

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