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Physik im Alltag und Naturphänomene

Wintermücken – Mücken im Winter

Als ich vor kurzem mein Erstaunen über einen Mückenschwarm im Winter und bei Regen zum Ausdruck brachte, konnte ich mich in dem Punkt beruhigen, dass ihnen der Regen nichts ausmachte. Und die relativ hohe Umgebungstemperatur von 13 °C erleichterte es mir, den Mückentanz als in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen zu sehen. Inzwischen bin ich durch einige erhellende Kommentare und eigene Recherche etwas weiter gekommen.
Das entscheidende Stichwort war „Wintermücken“. Mir war bislang nicht aufgefallen, wohl auch weil ich es aus bestimmten Gründen für unmöglich hielt, dass Mückenschwärme einer bestimmten Mückenart im Winter keine Besonderheit sind.
Demnach sind Wintermücken (Trichoceridae) eine weltweit (außer in Afrika) verbreitete Familie der Zweiflügler. Mit einer Körperlänge von 3 bis 8 Millimetern und einem schlanken Körperbau sind sie relativ kleine und grazile Wesen, die man bei ihrem wirbelnden Tanz kaum als solche wahrnehmen kann. Es sei denn man rückte ihnen mit einem guten Makroobjektiv auf die Pelle.
Bei derartig kleinen Wesen ergibt sich aus rein physikalischen Gründen, dass sie der Umgebungstemperatur weitgehend schutzlos ausgeliefert sind. Da nützt dann auch die uns hektisch erscheinende Bewegung nicht viel. Denn der Wärmeaustausch des Körpervolumens erfolgt über die Oberfläche des Tieres und die ist proportional zu dieser. Weil die Oberfläche im Verhältnis zum Volumen (Oberflächen-Volumen-Relation) bei kleinen Objekten bzw. Subjekten sehr groß ist, sind die Stärke des Wärmestroms vom Tier zur Umgebung und damit der Wärmeverlust ebenfalls besonders groß.
Das gilt allerding auch umgekehrt für die Aufnahme von Wärme aus der Umgebung und macht plausibel, dass die Schwärme der Mücken im Winter vornehmlich bei Sonnenschein zu beobachten sind. Zur Aufnahme von Strahlungswärme sind die Wintermücken besonders qualifiziert, weil sie eine dunkelgraue Färbung haben (siehe Foto) und selbst die transparenten Flügel mit fast schwarzen Adern durchzogen sind. Dadurch wird das Absorptionsvermögen von Strahlungsenergie erheblich erhöht. Dass meine Beobachtung des Mückentanzes im Regen ohne Sonnenschein stattfand, ist daher wohl hauptsächlich durch die relativ hohe Temperatur erklärbar.
Die Mücken können sogar bis zu Umgebungstemperaturen knapp über dem Gefrierpunt beobachtet werden. Denn sie verfügen über eine besondere Frostresistenz, die durch glycerinähnliche Substanzen in der Körperflüssigkeit ermöglicht wird. Diese wirken wie Frostschutzmittel  und verhindern, dass die ansonsten wasserbasierte Körperflüssigkeit nicht zur Austrocknung des Körpers und/oder zum Platzen bzw. Zerreißen der Zellen führen. Wegen der Dichteanomalie dehnt sich Wasser beim Gefrieren aus*.


* Eine wissenschaftliche Übersicht über die Frostresistenz und – toleranz findet man beispielsweise in dem Überblicksartikel: Jantina Toxopeus, Brent J. Sinclair. Mechanisms underlying insect freeze tolerance Biol. Rev. (2018), 93, pp. 1891–1914. 1891.

Diskussionen

5 Gedanken zu “Wintermücken – Mücken im Winter

  1. Hab, deinem link folgend, fantastische Mückentanzfotos gesehen und Bauernregeln gelesen, zB
    Wenn im Februar die Mücken schwärmen, muss man im März die Ohren wärmen. oder
    Spielen die Mücken im Februar, friern Schafe und Bienen das ganze Jahr.
    Wenn am Paulustag die Mücken tanzen, Bauer schnür enger den Futterranzen.

    Kurzum: wenn du im Februar Mückentänze gesehen hast, dann darfst du dich auf ein kaltes Jahr gefasst machen. Erderwärmung ade? Hungersnot angesagt?

    Verfasst von gkazakou | 6. Februar 2021, 00:21
    • Ja, das ist so etwas mit den Bauernregeln. Mein Opa hatte einen hundertjährigen Kalender, der davon ausging, dass das Wetter sich wiederholen würde. Er fand es jeden Tag mehr oder weniger gut bestätigt. Jetzt erwarten wir für morgen erst einmal das prognostizierte Schneechaos für unser Gebiet – wir werden sehen…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Februar 2021, 10:38
  2. Diese Wintermücken (Hier: Trichocera hiemalis) erscheinen wie winzige Schnaken. Ich habe sie speziell im Dezember bei 4 Grad am Efeu sehen können. Es muss etwas Sonne herrschen, so meine Beobachtung. Auch beim Schneeball schwirten sie herum.
    Es gibt verschiedene Arten. Meine jetzt im Wintergarten haben keine langen Beine.
    Im vorletzten Winter konnte ich am Rainfarn am 12. Dezember Motten beobachten. Die sind ähnlich filigran.

    Diesen Mückentanz komnnte ich am 4.02., als mal nach langer Zeti wieder die Sonne schien, beobachten. Da ich kein Spiegelreflex dabei hatte, konnte ich natürlich nicht fixieren.

    Diese Flächen-Volumen-Relation macht also klar, daß die Mückeleinchen gerade von Sonne besonders deftig profitieren.

    Verfasst von kopfundgestalt | 6. Februar 2021, 00:33
    • …ja sie profitieren von der Sonne, sollten aber aus dem selben Grund auch von Auskühlung bedroht. Deswegen wunderte ich mich, dass ich gesterm wieder einen Mückenschwarm ohne Sonne beobachten konnte. 5 °C reichten völlig aus.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Februar 2021, 10:45

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  1. Pingback: Tanzende Wintermücken | Die Welt physikalisch gesehen - 18. März 2021

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