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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Eine Welt in Aspik…

…nur hart und eiskalt.

Nach einer Woche eisiger Kälte vollzieht sich ein Temperatursprung in die andere Richtung – zunächst die Luft wird wesentlich wärmer. Der Regen fällt auf vereistes Gelände, sodass die Tropfen instantan vor Kälte erstarren. Doch lassen wir Andrzej Stasiuk (*1960) eine ähnliche Situation poetisch beschreiben, er kann es wesentlich besser als ich.

Holunderbüsche, Salweiden und Haselsträucher breiteten sich aus wie Büsche silbriger Wasserpflanzen, die im Wogen der See erstarrt waren. Alles war von Eis bedeckt. Jeder Zweig, jeder kleinste Halm stak in einem durchsichtigen Hemd. Früher, vor sehr langer Zeit, gab es bunte Bonbons in langen Glasröhrchen zu kaufen, die an einer Seite zugekorkt waren. Etwas in der Art: Glasröhrchen, und in jedem ein Pflanzentrieb, eine Weidenrute, sogar die Kiefernnadeln waren einzeln und sorgfältig verhüllt. Der Schlehenbusch, in Eis gegossen, ähnelte einem lebendigen, körperlichen Wesen, vom Röntgenblitz ertappt.
Wir hielten an. Niemals hatten wir Derartiges gesehen. Den Schnee überzog eine harte Haut. Regentropfen fielen mit leisem Klopfen. In der reglosen Luft beugten sich die Bäume nach allen Seiten. Die Wipfel der großen Tannen auf dem Paß verneigten sich in närrischem Tanz. Ganz so, als wäre ein großer Wind über die Gegend hinweggezogen und dann plötzlich stehengeblieben. Stehengeblieben, ohne zu wehen aufzuhören. Schockgefroren. Ich dachte, das Gefieder der Vögel, wenn es an diesem Tag überhaupt Vögel gab, müßte im Eis knacken, müßte bedeckt sein von einem gefrorenen Panzer.
Wir fuhren weiter. Die grüngrauen Stämme der jungen Eschen hatten den gläsernen Glanz menschengemachter Dinge.
Es regnete die ganze Nacht. Die Welt wollte zu einem Eiszapfen werden. Sie wollte sich einer Glaskugel anverwandeln, in der ein Häuschen und ein Schneemann stehen und Flocken aus dem heiteren Himmel rieseln. Nur der Lärm in der Dunkelheit paßte nicht zu diesem Bild.*


* Andrzej Stasiuk. Die Welt hinter Dukla. Frankfurt am Main 2000, S. 168f

Diskussionen

11 Gedanken zu “Eine Welt in Aspik…

  1. sehr schön poetisch, auch das foto. danke fürs posten und eine angenehme woche dir.

    Verfasst von wolkenbeobachterin | 15. Februar 2021, 08:31
  2. Schockgefroren, ein trefflicher Ausdruck!

    Verfasst von kopfundgestalt | 15. Februar 2021, 10:28
  3. Sehr filigran und wunderschön. Die Natur ist ein wahrer Künstler.

    Verfasst von ch | 21. Februar 2021, 12:24

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