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Physik im Alltag und Naturphänomene

Auch Bäume müssen sich manchmal abstützen

Als ich gestern seit langem mal wieder vom Wege abkam und den weichen Waldboden unter den Füßen spürte traute ich plötzlich meinen Augen nicht mehr. Vor mir erhob sich ein ansonsten gesunder Baum, der in der Vergangenheit vermutlich Probleme mit diesem Berghang gehabt haben muss. Jedenfalls sieht man, dass sein Stamm fast aus der liegenden Position heraus die Kurve kriegen musste, um sich in die Senkrechte zurückzukämpfen (siehe Foto). Jedenfalls könnte es so gewesen sein. Wahrscheinlich ist der Baum durch ein Abrutschen des Hangs oder durch welches Ereignis auch immer auf die schiefe Bahn geraten und hat durch cleveres Agieren einen haltbaren Weg zurück in die aufrichte Position gefunden.
Es bleibt jedoch die große Frage, durch welches Sensorium der Baum seine missliche Lage festgestellt und darauf reagiert haben mag. Wegen seines verholzten Gewebes hat er sich nicht wie beispielsweise krautige Pflanzen sofort wieder aufrichten können. Dies ist nur in einem mehrjährigen Prozess durch die Bildung von Reaktionsholz möglich. Vielmehr hat der Baum auf die Wirkung der Schwerkraft reagieren müssen. Bei Laubbäumen geschieht dies durch Bildung von Zugholz auf der konkaven Seite der Krümmung zurück in die Senkrechte. Die Holzzellen sind dort zahlreicher und so beschaffen, dass sie durch Zugelastizität die zusätzliche Belastung durch Schwerkraft kompensieren.
Doch wie merkt der Baum, dass er schief wächst und wie organisiert er die Bildung von Reaktionsholz? Man weiß heute, dass es im Rindenbereich der Sprossachsen Stärkescheiden gibt, in denen der Schwerereiz wahrgenommen werden kann. Aber Details dieser Wahrnehmung scheinen wissenschaftlich noch nicht geklärt zu sein.
Aber das Erstaunlichste ist im vorliegenden Fall, wie es der Baum fertig gebracht hat, sich eine zusätzliche Stütze zuzulegen. Denn es ist deutlich zu erkennen, dass von der nach statischen und dynamischen Gesichtspunkten idealen Stelle aus ein nach unten wachsender Ast (eine Luftwurzel?) gebildet und schließlich im Boden verankert wurde. Bei der Einwurzelung müssen dann wohl weitere Wurzeln gewachsen sein, um die vergleichsweise filigrane Stütze fest zu verankern. Und weil auf diese Weise ein ‚Nebenstandort‘ entstanden ist, wurde die Gelegenheit wahrgenommen und ein weiterer Baum ins Leben gerufen, der seinen aufwärts strebenden Stamm der Sonne entgegen richtet. Es ist kaum zu glauben, dass ein Baum so clever sein kann!
Möglicherweise kann es auch umgekehrt so gewesen sein, dass ein jüngerer Baum in der Nähe mit einem Ast den großen Baum berührt hat und es zu einer Verwachsung (Inosculation) kam, die glücklicherweise zu einer Stütze des Baums wurde. Obwohl einiges dagegen spricht, wäre das Problem, dass aus dem Baum heraus ein Ast in den Boden wächst und dort einen weiteren Baum entstehen lässt.
Merkwürdige Wuchsstrukturen von Bäumen findet man in großer Zahl (z.B. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier) auch wenn anders als im vorliegenden Fall deren Sinn sich meist nicht erschließt.

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Diskussionen

21 Gedanken zu “Auch Bäume müssen sich manchmal abstützen

  1. mir scheint, es ist ein ähnliches Phänomen, wie ich es bei meinem „doppelstämmigen Olivenbaum“ beobachtete. https://gerdakazakou.com/2020/12/28/doppelstaemmiger-olivenbaum-kleine-beobachtungen/

    Verfasst von gkazakou | 25. Februar 2021, 00:42
    • Klar, das hatte ich seinerzeit gelesen und bei meiner gestrigen Beobachtung auch noch schwach in Erinnerung. Da ich inzwischen einiges über die Inosculation gelesen habe, wusste ich nicht mehr wo. Auch dort scheint ein Abhang im Spiel zu sein. Was mich umtreibt und worüber in den Wissenschaften offenbar noch keine Erklärung vorliegt ist die Sensorik des Baums: Wie weiß er, was zu tun ist, und wie entscheidet er? Im Grunde nehmen solche natürlichen Konstruktionen vorweg, was der Mensch erst als „Technik“ (Fachwerk u.Ä.) erlernen musste.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Februar 2021, 09:44
  2. Das ist sehr interessant…

    Verfasst von Ariana | 25. Februar 2021, 08:23
  3. Vielleicht sind Bäume ja doch cleverer, als wir denken, Joachim? Kennst du von Peter Wohlleben Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt?

    Verfasst von Ule Rolff | 25. Februar 2021, 09:06
    • Ja, ich kenne das Buch und auch den Film habe ich gesehen. Positiv ist, dass Wohlleben die Aufmerksamkeit auf die Bäume legt, die ja inzwischen allgemein in großer Not sind. Was mich ein wenig stört ist das Sendungsbewusstsein und die Vermarktung… Aber vielleicht tue ich ihm damit Unrecht.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Februar 2021, 09:49
  4. Es scheint, dass da, wo sich „Intelligenz“ ausbilden kann, sie auch ausgebildet wird.
    Was schlussendlich zur Frage führt, wieso dumbe „Materie“ von Anfang an die Tendenz mit sich zu führen schien.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Februar 2021, 09:39
    • Diese Frage beschäftigt die Philosophen schon seit langem. Auch die Wissenschaften befassen sich mit diesem Problem und es gibt auch diverse m.E. sehr spekulative Theorien. Bislang hat mich noch nichts so richtig überzeugen können.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Februar 2021, 10:35
      • So tief bin ich da nicht drin – aus verschiedenen Gründen.
        Unlängst las ich, daß diejenigen Elemente, die aus dem Urknall (so wie er – in unserem Universum – stattfand) resultierten, die geigneten waren, um Prozesse in Gang zu setzen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Februar 2021, 13:11
      • Diese Aussage ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn die Menschen und die ganze Biosphäre sind aus Sternenstaub gemacht und setzen (nach dem jetzigen Verständnis der Naturwissenschaften) (mindestens) eine Supernovaexplosion voraus, d.h. einen Zeitraum von etwa dem Alter des Universums. Irgendwie wird es dann wieder zirkulär: Wir als Produkte des Sternenstaubs entdecken den Sternenstaub und das was damit zusammenhängt, d.h. wir entdecken uns selbst.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Februar 2021, 15:38
      • Als Binse kam mir meine Bemerkung eigentlich nicht vor. Soweit ich weiß, gab es nur eine Handvoll Elemente, und diese prozentual gerade ausgesprochen günstig verteilt.
        Aber man sollte nicht von etwas reden, wenn man nur beiläufig etwas gelesen hat.

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Februar 2021, 15:48
      • Ich wollte nur sagen, dass die vermeintliche Entdeckung, die aus dem Urknall hervorgegangenen Elemente, seien geeignet „um Prozesse in Gang zu setzen“ auch schon darin enthalten ist, dass Jemand, der aus diesem Urknall hervorgegangen ist, dies dem Urknall bescheinigt. Über die darin enthaltene Zirkularität haben wir uns aber schon früher unterhalten.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Februar 2021, 16:57
      • Ja du hast recht.
        Zirkularität wird oft übersehen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 25. Februar 2021, 23:34
      • Vielleicht geht es aber auch nicht anders – womit wir wieder bei Gödel wären.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Februar 2021, 08:41
  5. Was für ein cooles Bild! Wer muss sich nicht hin und wieder stützen lassen 🙂

    Verfasst von Nicole Kirchdorfer | 25. Februar 2021, 10:51
  6. Die Natur ist eben clever! Und wieder was gelernt 😉

    Verfasst von eyeandview | 25. Februar 2021, 14:56

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