//
Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Unaufgeregtheit der Pflanzen

Bei uns in der Nähe gibt es einen bewaldeten Bergrücken, der früher bergbaumäßig genutzt wurde, inzwischen aber mit hohem Mischwald bewachsen ist. Nur steile Hänge und andere Unwegsamkeiten lassen auf die früheren Aktivitäten schließen. Interessant sind manche Wechselwirkungen von Natur und früherer „Industriekultur“.
Da gibt es dann z.B. Reste verrosteter Zäune, deren Ursprung nicht mehr nachvollzogen werden kann, die völlig unaufgeregt in die undurchschaubaren Pläne der zum Licht strebenden Pflanzen integriert werden (siehe Fotos). Eine Kletterpflanze windet sich durch die quadratischen Maschen des Drahtes und integriert diese wie Treppenstufen zum Licht in ihr fortschreitendes Höhenwachstum. Wenn man sich die komplizierten und aus menschlicher Sicht schon wieder ästhetisch ansprechenden Verrenkungen der Pflanze anschaut, kann man sich kaum vorstellen, welche „Entscheidungen“ und vielleicht auch welche „Dramen“ sich beim Aufstieg unter dem Motto „Der Sonne entgegen“ abgespielt haben mögen.
Die Kletterpflanze ist schließlich vom Zaun zum Baum übergegangen und hat von da an den direkten Weg nach oben genommen, wo ihr Sonnenenergie zur Genüge zur Verfügung steht. Der an anderen Stellen bereits niedergesunkene und durch den ständigen Kontakt mit der feuchten Erde weitgehend weggerostete Zaun hat für die Funktion als Gerüst im Gegenzug eine stabile Stütze erhalten und kann auf diese Weise noch wesentlich länger an die bereits dem menschlichen Vergessen anheimgefallenen Zeiten seiner ursprünglichen Funktion erinnern.
Im unteren Ausschnittsfoto erkennt man, dass der Draht nicht nur von der Pfanze aufgenommen wurde, sondern streckenweise einen auffälligen Drehwuchs bewirkt hat, durch den sich die Pflanze um den Draht herumgewunden hat. Warum die Pfanze in dieser unterschiedlichen Weise auf das technische Stützwerk reagiert, indem sie es einmal in sich aufnimmt und ein anderesmal um ihn herumwächst, bleibt mir verborgen. Es muss irgendwo eine Entscheidung für die eine oder andere Version getroffen worden sein.

Diskussionen

16 Gedanken zu “Die Unaufgeregtheit der Pflanzen

  1. Eine gewisse Freiheit war wohl im Spiel

    Verfasst von kopfundgestalt | 16. März 2021, 00:43
    • Damit würde sich aber die Frage stellen, wie die Pflanze entscheidet.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. März 2021, 08:46
      • Die Pflanze entscheidet unaufgeregt. Zwar geht es um ihre Existenz, aber eine falsche Einzelentscheidung (Draht ist bald nicht mehr stützend) wäre nicht dramatisch, da sie ja keine Einzelpflanze ist. Insofern kann sie spekulieren.
        Über ihre Sensoren bekommt sie Rückmeldungen, sodaß sie so weiter machen kann wie bisher. Das Einwickeln in ein Vorgefundenes ist ja häufige Strategie. So wirdd das Ganze stabiler.
        Würde das Ganze zu locker und instabil, müsste die Pflanze nach einer Strategie b) suchen oder aufs Ganze gehen und auf eine baldige festere Stütze hoffen.

        Versuchsanordnungen scheitern wohl, da der Startpunkt zu vergleiechender Pflanzen immer etwas abweichend wäre, selbst wenn man der Pflanze genau das gleiche Gerüst (in x-facher Ausfertigung) gäbe. Wären alle Parameter die gleichen (1. Pflanzengestalt, Umfeld ect), dann würde man erwarten, daß überall das gleiche Bild entstünde. Würde es aber nicht, denn die „1. Pflanzengestalt“wird notwenigerweise immer abweichen von denen anderer 1. Pflanzengestalte, da beisst die Maus keinen Faden ab.

        Verfasst von kopfundgestalt | 16. März 2021, 14:27
      • Ja, das Experimentieren mit lebender Materie ist äußerst schwierig. Es fragt sich nur, schwierig, weil man nicht alle Parameter im Griff hat, oder weil es keine identischen Pflanzen gibt? In der Physik ist es einfacher: Elektronen sind ununterscheidbar. Aber dennoch oder deshalb lassen sich nur Wahrscheinlichkeitsaussagen machen.
        Was Ules Einwand zu der Benutzung von Anthropomorphismen betrifft, so hast du dich in der verbalen Umschreibung offenbar deutlich dafür entschieden 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 16. März 2021, 16:18
      • Beides, keine identische Pflanzen und nicht alle Parameter im Griff.

        Ja, das mit dem Entscheiden fiel mir leicht.

        Verfasst von kopfundgestalt | 16. März 2021, 18:24
  2. Die „Entscheidungen“, die eine Pflanze trifft, um optimal wachsen zu können, sind auch für uns Menschen interessante Vorgänge. Inwiefern unterscheiden sich diese „einfachen“ Aktionen und Abläufe bei Pflanzen von unseren Entscheidungen? Gibt es die Freiheit, die wir empfinden, wenn wir vor einer Wahl stehen?

    Verfasst von tomfmr | 16. März 2021, 08:44
  3. Pflanzen entscheiden? Das kommt mir etwas märchenhaft vor.
    Bei solch gewundenen Wegen spielen wohl auch Wetterbedingungen eine Rolle: Drückt der Wind den frischen Trieb durch eine Zaunmasche, wächst er dort weiter … aber immer zur Sonne empor.

    Verfasst von Ule Rolff | 16. März 2021, 09:19
    • Das Wort „Entscheiden“ sollte vielleicht in der Tat dem menschlichen Bereich vorbehalten bleiben. In den Naturwissenschaften hat man oft keine Probleme damit, selbst Teilchen entscheiden zu lassen. So heißt es beispielsweise in einer Überschrift zu einem Fachbeitrag „How photon will decide when to behave like a wave or particle?“ Aber davon einmal abgesehen genügt es mir gerade nicht, mich mit Wind und Wetter oder andere unbekannte Einflüsse zu begnügen, um eine Frage wie: Warum wird der Draht einmal ins Gewebe eingebunden und ein anderesmal umrundet? anzugehen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. März 2021, 11:12
      • Mystische Bedürfnisse sollte man nicht übergehen, sondern unbedingt zufriedenstellen, da kann ich dir schon folgen.
        Geht es in deiner Beispielfrage zu den Photonen tatsächlich um das Problem HOW, oder eher darum, unter welchen Bedingungen sie sich so oder so verhalten?

        Verfasst von Ule Rolff | 16. März 2021, 11:54
      • Der Unterschied zwischen „how“ und „unter welchen Bedingungen“ ist schwer auszumachen. Wie sich ein Teilchen im Allgemeinen verhält wird durch die Bewegungsgleichung beschrieben. Um zu bestimmen, wie es sich dann im konkreten Fall verhält hängt auch noch von den (Anfangs-) Bedingungen ab. Überhaupt hat man es in der Physik einfach, weil man letztlich mathematische Zusammenhänge hat, die sich um die jeweilige verbale Umschreibung wenig „kümmern“. (Wieder so ein Anthropomorphismus). In der Didaktik der Physik ist man sich durchaus uneins, ob man mit jungen Schüler*innen Anthropomorphismen vermeidet oder sie sogar unterstützt. Zum Beispiel: „Ein Elektron sieht oder spürt ein elektrisches Feld“ versus : „Ein Elektron ist einem elektrischen Fels ausgesetzt“.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 16. März 2021, 16:11
      • Danke, Joachim.
        Du hast mich mit dem Satz „… hat man es in der Physik einfach, weil man letztlich mathematische Zusammenhänge hat …“ zum Lachen gebracht: Die meisten Menschwn finden gerade das nicht einfach, sondern abschreckend, obwohl sie sich für die natürlichen Phänomene, um die es geht, durchaus interessieren.

        Verfasst von Ule Rolff | 16. März 2021, 16:43
      • Das Lachen kann ich durchaus nachvollziehen. Es erinnert mich an das Lachen der Thrakischen Magd angesichts des Sterne guckenden und dabei in eine Mistkuhle fallenden Thales von Milet.
        Einfach ist also gar nicht einfach, weil es vom Kontext abhängt, was damit gemeint ist. Die Physik ist deshalb einfach, weil sie sich weitgehend auf das Berechenbare und damit auf die Mathematik beschränkt. Wer aber diese „Geheimsprache“ nicht beherrscht, für den erscheint das vermeintlich Einfache schwierig oder wie du sagst abschreckend. Um den physikalischen Reduktionismus drastisch zu beschreiben, ist vielleich Einsteins Antwort auf die Frage, ob sich denn alles auf naturwissenschaftliche Weise abbilden ließe: „Ja, das ist denkbar, aber es hätte doch keinen Sinn. Es wäre eine Abbildung mit inadäquaten Mitteln, so als ob man eine Beethoven Symphonie als Luftdruckkurve darstellte“. Du siehst also, die naturwissenschaftliche Sehweise bildet nur einen Aspekt der Welt ab. Das Phänomenale, das Schöne, das was uns an Naturphänomenen begeistert, kann durch die Naturwissenschaft nicht erfasst werden. Es kann allerdings dennoch als eine Ergänzung und damit eine Bereicherung der lebensweltlichen Sehweise empfunden werden. Diese Verbindung zwischen Physik und Lebenswelt ist ein Motiv für meinen Blog.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 16. März 2021, 17:49
      • Diese Verbindung zwischen Naturwissenschaft, praktischem Leben und Ästhetik gelingt dir immer wieder auf eine Weise, die es zu einem Genuss macht, deinen Gedanken und Bildern zu folgen. ☺

        Verfasst von Ule Rolff | 16. März 2021, 23:26
      • Danke, liebe Ule!

        Verfasst von Joachim Schlichting | 17. März 2021, 09:17

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: