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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Beobachter des Beobachters

Vice versa

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm*

An dieses Gedicht Christian Morgensterns musste ich denken, als ich hinter einer Fensterscheibe eine Beobachterin sitzen sah, die überhaupt nichts dagegen hatte, von mir beobachtet zu werden (siehe Foto). Vielmehr besteht darin ihre aus künstlerischer Absicht entstandene Existenzberechtigung. Dass ich möglicherweise der obigen Einlassung Morgensterns entsprechend beim Beobachten selbst beobachtet wurde, kam mir während der Beobachtung nicht in den Sinn. Und wenn auch, der mögliche Beobachter musste damit rechnen, dass auch er selbst dabei beobachtet wurde, wie er mich beim Beobachten der beobachtenden Frau beobachtete.
Die Spiegelung in der Scheibe kann übrigens auch als eine Art der Beobachtung angesehen werden. Hier sieht man sogar den Ausschnitt der Welt, den die Scheibe gerade beobachtet.


* Christian Morgenstern.

Diskussionen

10 Gedanken zu “Beobachter des Beobachters

  1. Gesehen, fast gesehen werden.

    Ich hatte vor Jahren zufällig eine alte Freundin getroffen, in einer Stadt, wo sie nicht wohnte.
    Dadurch, dass ich zufällig nochmal kurz in eine Gasse zurückging, um ein Schild zu lesen, begegnete ich ihr dann beim Durchschreiten des Platzes. Sonst hätte ich sie nicht sehen können.
    Wie oft war man an Orten unterwegs, wo in unmittelbarer Nähe ein Freund des Wegs ging, nur wenige Meter weiter?
    Am Schluss des Lebens sagt man etwa: Wir haben uns nur dreimal getroffen, Gott sagt aber, ihr wart zehnmal in grosser Nähe .

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. März 2021, 00:26
  2. „Ihn aber blickt hinwiederum ein Gott von fern an, mild und stumm*
    Mit diesem angenehmen Wissen gehe ich jetzt schlafen und vergesse, wer mich sonst noch beobachtet.

    Verfasst von gkazakou | 27. März 2021, 00:38
  3. Sag mal, ich überlege schon die ganze Zeit, das ist doch ein Fall von Schleichwerbung im Gedicht? 🤔😉 Oder weißt du zufällig, ob Zeiss jemals ein Gattungsname (wie Tempo etc.) war?
    Erheiterte Mittagskaffeegrüße 😁🌧️☕🥨👍

    Verfasst von Christiane | 27. März 2021, 13:12
    • Ich denke Morgenstern hielt es wie sein Mondkalb und „tat´s um des Reimes willen“. Jedenfalls, kann ich mich nicht erinnern, dass je ein Fernrohr als Zeiss bezeichnet wurde. Ob es vor unserer Zeit anders war, weiß ich nicht. Heute würde man das wohl als Schleichwerbung ansehen. Und wünsche dir schöne Teepausengrüße, die (statt Kaffee) in einer Stunde anliegen 😉

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. März 2021, 13:30

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