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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Magnetismus und Zentrifugalkraft als Metapher

Wenn man den aus Magnetkugeln gefertigten Kreisel (unteres Foto) in sehr schnelle Rotation versetzt (oberes Foto), müsste der schließlich zerreißen, indem sich die äußeren Kugeln tangential entfernten. Die Fachtermini, die von Laien bei der Beschreibung eines solchen Vorgangs bemüht werden, sind neben Magnetismus Zentrifugalkraft.
Diese Termini tauchen auch in der Belletristik immer wieder auf, auch wenn es nicht um physikalische Sachverhalte geht. Hier ein Beispiel:
Mir war, als entwickelte sie einen zu geringen Magnetismus für die Dinge, die ihr gehörten. Es gab da keinen Sog, der die Sachen rund um ihre Person zusammenhielt, sondern eher im Gegenteil eine Zentrifugalkraft, die alles ihr bestimmte und ihr Gehörige weit von ihr wegfliegen ließ.*
Das klingt sehr ähnlich, obwohl es hier um eine Veranschaulichung des Verhaltens eines Menschen geht. Hier wird Magnetismus nicht als physikalische Eigenschaft von Objekten verstanden, sondern ganz allgemein als Anziehungskraft. Vermutlich will der Autor aber mehr sagen als das; vielleicht will er etwas mit Worten nicht Erfassbares durch etwas Geheimnisvolles zum Ausdruck bringen, das im Alltagsverständnis auch dem Magnetismus anhaftet.
Der zweite verwendete physikalische Terminus ist die Zentrifugalkraft. In der Physik handelt es sich um eine Scheinkraft, also keine wirkliche Kraft, sondern nur eine solche, die dadurch zustande kommt, dass sich die/der Beobachter* selbst bewegt. Dazu ein Beispiel: Wenn bei einer scharfen Linkskurve im PKW die Person auf dem Beifahrersitz sich gegen die Tür gedrückt fühlt, erfährt sie eine Zentrifugalkraft. Vom nicht bewegten Straßenrand betrachtet sieht die Situation ganz anders aus. Die Person tendiert lediglich dazu, aus Trägheit ihren Bewegungszustand beizubehalten, und sich weiterhin gleichförmig geradeaus zu bewegen. Aber das Auto beschleunigt nach links und durch diese Bewegungsänderung wird sie gezwungen mitzumachen – was in Bezug auf das Auto gesehen wie eine Kraft wirkt.
Auch in diesem Fall scheint es mir, als wollte der Autor diesen weitgehend ungeklärten Aspekts der Zentrifugalkraft anklingen lassen. Obwohl beide Begriffe aus einer exakten Wissenschaft stammen und eine eindeutige Definition besitzen, werden sie hier paradoxerweise gerade dazu genutzt, etwas Ungefähres, Schwebendes, nicht adäquat in Worte zu Fassendes zu beschreiben.


* Martin Mosebach,: Das Beben. Dtv: München 2007, S. 93

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Diskussionen

24 Gedanken zu “Magnetismus und Zentrifugalkraft als Metapher

  1. Früher auf der Kirmes, da war dieses Fahrgeschäft namens „Raupe“, da spürte ich diese Kraft ganz gewaltig…aufregend war das…
    Gruß von Sonja

    Verfasst von wildgans | 30. März 2021, 00:05
    • Zur Aufregung trägt m.E. nicht nur das körperliche Empfinden bei, sondern auch die Tatsache, dass man den Ursprung dessen was man spürt, nicht so recht eingeschätzt werden kann. Denn wenn man z.B. durch eine Person in derselben Weise „bedrängt“ würde, fände man das kaum aufregend, sondern normal.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. März 2021, 09:26
  2. Ich kann mich an einen Prof erinnern, der vor der Uni im Verlassen derselben einen kleinen Kreisbogen im Park abschritt.
    Den Kopf zur Mitte des Kreises geneigt .
    Als er danach wieder eine Gerade durchschritt, war der Kopf punktgenau wieder aufgerichtet

    Verfasst von kopfundgestalt | 30. März 2021, 00:29
  3. „Obwohl beide Begriffe aus einer exakten Wissenschaft stammen und eine eindeutige Definition besitzen, werden sie hier paradoxerweise gerade dazu genutzt, etwas Ungefähres, Schwebendes, nicht adäquat in Worte zu Fassendes zu beschreiben.“ – Dieses Paradox,das du hier so anschaulich beschreibst, ist meines Erachtens die Normalität, sobald sich Nicht-Physiker physikalischer Begriffe bedienen. Ich nenne mal, was mir so einfällt: „Schwerkraft“, „Anziehungskraft“, Magnetismus“, „Trägheit“, neuerdings vermehrt auch „Unschärferelation“, „Unbestimmtheitsprinzip“, „Kernspaltung“ „Quantenverschränkung“, „spukhafte Fernwirkung“ – egal, was immer unverständlich ist, wird pseudowissenschaftlich als „erklärt“ hingestellt, indem man ihm ein Etikett aus der Physik anheftet. Ich kenne das sehr aus der Psychologie. Wobei ich als Nichtphysikerin unfähig bin einzuschätzen, ob diese Begriffe, die ja dem Alltagsvokabular entnommen sind, die physikalischen Phänomene überhaupt richtig beschreiben. Mir scheint, es handelt sich um zirkuläres Herumtreiben von Begriffen um Nichtverstandenes (oder, höflicher ausgedrückt, um „Ungefähres, Schwebendes“). Wissen Physiker zB wirklich, was Magnetismus ist? Korrigiere mich bitte, wenn ich Unrecht habe.

    Verfasst von gkazakou | 30. März 2021, 00:39
    • Ja, so sehe ich es auch. Etwas nicht Verstandenes oder nicht so recht Verbalisierbares bekommt durch einen (nicht verstandenen) Ausdruck aus einer exakten Wissenschaft eine Dignität, die ihr eigentlich nicht zusteht. Damit wird oft Unwissen verschleiert bzw. man wird der Pflicht einer weitergehenden Erklärung enthoben, weil man die Verantwortung dafür in die Physik verlagert hat.
      Deine Frage, ob Physiker wirklich wissen, was Magnetismus ist – man könnte auch noch hinzufügen: was Masse ist, was Licht ist usw. – stellt sich in der Physik nicht. Physiker können oder streben es an die Wirkungen und den Ursprung des Magnetismus u.Ä. mathematisch beschreiben und wissen damit im Sinne ihrer selbst auferlegten Beschränkung, auf ontologische und allgemein philosophische Fragen nicht einzugehen, alles das was im Rahmen physikalischer Fragestellungen relevant ist – nicht mehr aber auch nicht weniger. Mit Fragen zur „Interpretation der Physik“, wie man es häufig auch nennt, befassen sich Wissenschaftstheoretiker, Philosophen und Physikdidaktiker, die versuchen eine Brücke zwischen physikalischer und lebensweltlicher Sehweise zu schlagen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. März 2021, 09:54
  4. Hi, Joachim,
    ich glaube, dass Metaphorik aus der Physik in der Literatur weniger das Vage ausdrücken soll, sondern eher, dass es sich um eine Naturkraft handelt, eine unsichtbare Kraft, der man ausgeliefert ist.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Verfasst von Klausbernd | 30. März 2021, 15:23
    • Dann aber eine „Naturkraft“, die die Naturwissenschaften nicht kennen („Es gab da keinen Sog, der die Sachen rund um ihre Person zusammenhielt“). Und dann sind wir wieder beim Geheimnisvollen, Schwebenden usw.
      Auch euch alles Gute, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. März 2021, 18:26
      • Hi, Joachim,
        so ist aber nicht vom den Autoren gemeint. Die Semantik der Sprache in Fiktion ist ja eine andere als die der Naturwissenschaften. Wir haben hier den sogen. symbolischen Bezug der analogen Abbildung. Die Semantik von Sprachen hängt doch von der Art der Feldes ab, in der man sie benutzt. Semantik ist relativ zu ihrem Feld. Wenn in einem Gedicht oder Roman geschrieben steht „draußen regnet es“, misst auch keiner den Wahrheitsgehalt der Aussage daran, ob nun regnet, wenn er aus dem Fenster schaut.
        Als Linguist halte ich deine Argumentation für zwar nett, aber nicht wissenschaftlich. Widersprichst du da nicht, deinem eigenen Anspruch?
        Mit herzlichem Gruß vom sommerlichen Meer
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

        Verfasst von Klausbernd | 30. März 2021, 20:10
    • Ich glaube wir reden gründlich aneinander vorbei. Mir geht es letztlich um die triviale Feststellung, dass der Gebrauch ursprünglich physikalischer Termini im literarischen Kontext mit ihrer präzisen Bedeutung und Funktion in der Physik nichts zu tun haben. Vielmehr knüpft der Autor an seine lebensweltlichen Vorstellungen von den Begriffen an und muss davon ausgehen, dass seine Leser ähnliche Vorstellungen haben. Ich glaube nicht, dass er das kann. Bei der Zentrifugalkraft gibt es beispielsweise keine auch nur halbwegs einheitlichen Vorstellungen bei Laien. Sie ist, wie es einmal ein kluger Mensch ausgedrückt hat, eine Art Raumgespenst, das überall bereitsteht, wo sich etwas dreht, um pflichtgemäß einzugreifen.
      Gruß, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. März 2021, 21:16
      • So ausgedrückt, kann ich dir teilweise recht geben. Es handelt sich hier um eine andere Art der Präzision. Damit haben sich ja eingehend die Rezeptionstheoretiker des Prager Strukturalismus wie Mukarovsky auseinandergesetzt.
        Ich komme übrigens aus einer Physikerfamilie, habe jedoch mich mit Wissenschaftstheorie und Linguistik beschäftigt, was ich an der McGill University in Montreal lehrte.
        Gruß zurück
        Klausbernd 🙂

        Verfasst von Klausbernd | 31. März 2021, 11:04
      • Hallo Klausbernd, bei mir war es insofern umgekehrt als ich mit Germanistik und Theaterwissenschaften begonnen habe und über die Philosophie zur Physik gekommen bin. Gruß, Joachim

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. März 2021, 11:47
      • Hi, Joachim,
        das ist ja ein ungewöhnlicher Weg.
        Ich komme aus einem bildungssnobistischen Elternhaus. Es wurde als selbstverständlich angenommen, dass ich ein geistes- und naturwissenschaftliches Studium beenden würde. Unemanzipiert, wie ich damals war, folgte ich dem und bin heute darüber froh.
        Na, dann wünsche ich frohe Ostern.
        Gruß vom sonnigen Meer
        Klausbernd 🙂

        Verfasst von Klausbernd | 31. März 2021, 11:59
      • Hallo Klausbernd,
        ich komme demgegenüber aus einem völlig unakademischen Elternhaus und war nur meinem eigenen „Druck“ ausgesetzt. Ich fand die verschiedenen Etappen meines beruflichen Werdegangs spannend und faszinierend – auch heute noch…
        Auch dir und deinen Lieben frohe Ostern von der sonnigen Nordsee
        Joachim

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. März 2021, 22:09
      • Hi, Joachim,
        auch wir wohnen direkt an der Nordsee und zwar im idyllischen Cley-next-the-Sea an der Küste Nord Norfolks.
        Hier hat sich heute das Wetter signifikant verschlechtert. Es ist kälter, bedeckter und windiger geworden.
        Alles Gute, schöne Feiertage dir und deinen Lieben wünschen
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

        Verfasst von Klausbernd | 1. April 2021, 12:11
      • Hallo Klausbernd,
        das ist also gewissermaßen gegenüber (im Westen, ein klein wenig nach Süden). Vor vielen Jahren war ich mal in Norwich, aber habe kaum noch Erinnerungen daran. Auch verabschieden sich gerade die warmen Tage, sodass wir uns mit vielen Ostereiern von innen wärmen müssen…
        Auch euch schöne Festtage! Joachim

        Verfasst von Joachim Schlichting | 1. April 2021, 12:33
      • Hi, Joachim,
        Norwich ist die nächste Großstadt von uns. Es ist eine schöne Stadt sicher auch, weil es eine der reichsten Städte Englands ist. Außerdem ist es weltberühmt für sein Uni-Institut für kratives Schreiben. Es brachte fast alle berühmten zeitgenössischen englischen Autoren hervor und wurde deswegen von der Unesco als ‚Literary City of World‘ ausgezeichnet.
        Macht’s euch schön
        Klausbernd
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

        Verfasst von Klausbernd | 1. April 2021, 13:14
      • …und wieder was dazugelernt 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 1. April 2021, 13:49
      • P.S.
        Ich find das übrigens toll, wie du die Naturwissenschaften in der Bloogosphäre vertritts, die ja weitgehend vom wissenschaftlichen Denken frei ist.

        Verfasst von Klausbernd | 31. März 2021, 12:02
      • Mich wundert, dass diejenigen meiner Leser, die sich äußern, physikalisch kaum „vorbelastet“ sind. Das hat die Themen und die Diktion/Anspruchsniveau inzwischen beeinflusst. Ich vermute aber, dass die „Physiker“ – vielleicht aufgrund ihrer Fachsozialisation- sich nur selten auf dem Blog zu erkennen geben. Bei Tagungen und anderen fachlichen Gelegenheiten werde ich aber oft auf meinen Blog angesprochen… 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. März 2021, 12:13
      • Ich glaube, dass wenig Naturwissenschaftler am Bloggen interessiert sind. Was verstänflich ist, da die Bloggosphäre eher ein Tummelplatz von wissenschaftsskeptischen Leuten ist.

        Verfasst von Klausbernd | 31. März 2021, 12:19
      • Ja, das kommt verschärfend hinzu.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 31. März 2021, 12:45
  5. „… die Bloggosphäre eher ein Tummelplatz von wissenschaftsskeptischen Leuten“ – die ganze Welt ist, wenn man es genau nehmen möchte, eher den bequemen Annahmen zugeneigt, als der Auseinandersetzung mit mühsamen, sich immer wieder wandelnden Wissensgebieten zu widmen.
    Ich bezweifle, dass der Teil der Menschheit, der sich in Blogs äussert, mehr dazu neigt, Wissenschaften mit Skepsis, Zweifeln oder far Ignoranz zu betrachten, als der Rest.
    Wie bei der Auswahl seines Medienkonsums bildet sich nur auch in den Blogs seine „Blase“ in der er sich bewegt, und in der er sich am wohlsten fühlt, zumals Blogschreiben für viele eine Freizeitangelegenheit ist.
    Aber da als Ausgangspunkt zur generellen Beurteilung der Gesinnung von Schreibenden in der Blogosphäre heranziehen zu wollen …

    Verfasst von puzzleblume | 31. März 2021, 16:49

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