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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Du sollst dir kein Bildnis machen

Was unterscheidet den auf dem Foto zu sehenden, auf einer nicht ganz ruhigen Wasseroberfläche spiegelnd reflektierten Menschen? Ihr sagt: Ich sehe nur die Reflexion des Menschen und das sei ein Unterschied zur direkten Ansicht. Doch wie ist es mit einem Objekt, das ich durch aufsteigende warme Luft hindurch sehe, wie es zuweilen bei einer aufgeheizten Straße oder bei einem Feuer beobachtet werden kann? Es erscheint durch die Brechung des Lichts in der heißen Luft noch stärker verzerrt als der im Wasser gespiegelte Mensch. Sehe ich ihn nicht direkt? Denn Luft ist auch zwischen ihm und mir, wenn er mir näher und weniger verzerrt ist.
Wo setze ich die Grenze zwischen direktem und indirektem Sehen? Letztlich kann ich nicht anders als ihn durch ein Medium zu sehen und muss darauf vertrauen, dass dieses Medium eine vernachlässigbar kleine Veränderung des von dem Gegenstands ausgehenden Lichts vornimmt. Dieses Vertrauen ist eine der Grundvoraussetzungen dafür zu sagen: Ich sehe etwas so wie es (optisch) ist. Wenn es heißt, man soll sich kein Bildnis von jemanden oder etwas machen, dann heißt dies doch wohl: Man kann gar nicht anders, als sich ein Bildnis machen.

Diskussionen

12 Gedanken zu “Du sollst dir kein Bildnis machen

  1. Wenn ich montags in Zürich live ronin spielen sehe, wenn auch per livestream, dann wirkt es reichlich real. Vernachlässigbar sind Effekte wie eine mühhselige Anreise, das Flair des Clubs, die Möglichkeit einer kontaktaufahme.
    Ähnlich ist es bei kunst.
    Im Museum kann mir ein Gemälde oder skulptur authentischer erscheinen. Doch in kunstbänden kann ich durchaus nähere und intensivere darstellungen erleben.
    Bei Makro Fotografie kann ein Insekt sehr unterschiedlich dargestellt sein. Völlig disparate Abbildungen.

    Insgesamt ein spannendes Thema.

    Alles per Handy getippt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 10. April 2021, 01:03
  2. spannende Fragen zum spannenden Foto. Vielleicht spielt für unser Wahrnehmen, ob jemand bzw etwas „wirklich“ oder nur ein Eidolon ist, auch die Identität des Raums eine Rolle. In der Wasserspiegelung ist der Mensch nicht da, wo er „in real“ sich befindet, hinter der Flamme aber genau dort, wo er sich ohne die Verzerrung durch die aufgeheizte Luft befinden würde und wohl auch tatsächlich befindet, wie wir durch unsere anderen Sinne feststellen können.
    Ein anderes Phänomen ist das Phantom, das „Erscheinende“ ohne dazu gehörigen materiellen Körper. Der auferstandene Christus mit seinem Noli me tangere und der „ungläubige Thomas“ wären wohl das klassische Beispiel, aber auch die Spökenkieker daheim, die einen Ertrunkenen tropfend und leichenblass in der Ecke des Zimmers stehen sehen, haben es wohl mit Phantomen zu tun. Oder Odysseus, der die Geister der Verstorbenen beschwor und sie kamen und wollten vom Blut des Opfertiers trinken. Das Ka – der von Hermes angefertigte Doppelgänger – ist nochmal eine andere Erscheinung. Sie kommt zB bei Euripides vor: Helena lebt real als Priesterin in Ägypten, in Troja befindet sich nur ihr Ka. Als Menelaos sie schließlich auf der Rückfahrt in Ägypten findet, löst sich das Ka,das er auf dem Schiff aus Troja mitgebracht hat, in Luft auf und wird durch die wahrhaftige Helena ersetzt.

    Verfasst von gkazakou | 10. April 2021, 01:53
    • Deine kenntnisreichen Ausführungen zeigen einmal mehr, dass das Problem zwischen Bild und Wirklichkeit die Menschen von jeher beschäftigt hat. Äußere Erscheinung und unsterbliche Lebenskraft, das Ka, konnten getrennt gedacht werden, was natürlich den (begrifflichen und gedanklichen) Umgang mit entsprechenden Phänomenen erleichterte. Das ist eine äußerst gehaltvolle Ergänzung meines kurzen Beitrags, mit dem ich darauf hinweisen wollte, dass es selbst aus naturwissenschaftlicher Perspektive nicht trivial ist zu bestimmen, was direktes Sehen insbesondere einer Person beinhaltet.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 10. April 2021, 10:23
  3. Wie wahr, Liebe Grüße

    Verfasst von juergenkuester | 10. April 2021, 08:23
  4. Die Unsicherheit bleibt, ob wir irgendetwas sehen „wie es ist“. Ich kann ja nur darüber Aussagen treffen, was ich sehe oder darüber, was ich weiß. Ob das den objektiven Tatsachen entspricht … wie soll ich das beurteilen? Das ist zwar mehr philosophisch als physikalisch gefragt, aber auch bei dir empfinde ich eine restliche Unsicherheit, die du durch Vertrauen löst.

    Verfasst von Ule Rolff | 10. April 2021, 09:12
    • Die Unsicherheit kann in der Tat nicht aufgelöst werden. Wo will man die Grenze zwischen realem Subjekt bzw. Objekt und Bildnis derselben ziehen. Selbst physikalisch kann das Problem nicht befriedigend gelöst werden. Dass die philosophische und allgemein kulturelle Dimension dieser Problematik die Menschheit schön länger beschäftigt, darauf weist Gerda in ihrem Kommentar hin.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 10. April 2021, 10:32
  5. Lieber Joachim,
    well, das Sehen findet ja im Kopf statt, man sieht nur, was man dort als Struktur gespeichert hat. Also man sieht gemäß seines Erwartungshorizonts. Wie du sagst, wir sehen stets indirekt.
    Mach’s gut
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    Verfasst von Klausbernd | 10. April 2021, 12:45
  6. Da stellt sich eben auch die Frage, wie unser Sehen funktioniert, unser Auge allein schon, das alles erst mal verkehrt herum weitergibt, das seinen berühmten blinden Fleck hat, das nur eine Auswahl von Helligkeiten und Farben wiedergeben kann, womit wir ja noch längst nicht im Sehnerv, im Gehirn sind – heißt das nicht, dass wir gar nicht wirklich sehen (können), sondern uns nur eine reichlich unbeholfene Annäherung von Allem und Jedem basteln?

    Verfasst von gerlintpetrazamonesh | 11. April 2021, 20:58
    • Und wenn man dann noch hinzunimmt, dass auch nur ein bestimmter Ausschnitt aus dem Sonnenspektrum gesehen werden kann, ist die Abbildung der Wirklichkeit noch magerer. Aber das wissen wir erst, nachdem wir uns mit indirekten Methoden davon überzeugt haben, dass da noch mehr ist … Offenbar war es aus evolutionärer Sicht für die Ausstattung des Menschen mit diesem eingeschränkten Gesichtssinn ausreichend. Ich finde es beachtlich, dass wir inzwischen dank der Naturwissenschaften von diesen Einschränkungen wissen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. April 2021, 22:38

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