//
Marginalia, Physik und Kultur

Eine weiße Baumwurzel vor dem Osnabrücker Rathaus

Vor dem historischen Osnabrücker Rathaus kann man zurzeit eine Ausstellung eines weiß gefärbten Wurzelstumpfes einer 200-jährigen Eiche sehen. Sie wird mit White Root bezeichnet und ist hier von dem Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb (*1966) platziert worden. Sie stammt von den Seelower Höhen, wo sich die letzten Kämpfe des zweiten Weltkrieg zugetragen haben. Nach der Eröffnung der Ausstellung in Osnabrück wurde im Rathaus des 50. Todestages des gebürtigen Osnabrückers Erich Marie Remarque (1898 – 1970) gedacht, der in seinem Werk u.A. die Greuel der Kriege thematisiert hat (siehe auch hier).

Als ich vorgestern das Kunstwerk besuchte, fand ich außerdem von der weißen Wurzel ausgehende Bahnen von Grablichtern vor,  die jeweils mit einem beschrifteten Keramikschild versehen auf das Rathaus zulaufen. Dabei stellte ich fest, dass die Bahnen nicht parallel zueinander verlaufen, sondern geringfügig divergieren mit der Wirkung, dass von der Wurzel aus gesehen, die perspektivische Verjüngung weitgehend kompensiert wird. Allerdings verrät sie sich in der Zunahme des Zwischenraums zwischen den Lichterreihen in Richtung Rathaus (mittleres Foto).

Auf den Keramikschildern liest man:

ES GIBT IM GEHEN EIN BLEIBEN,
IM GEWINNEN EIN VERLIEREN,
IM ENDE EIN NEUANFANG.

Dieser Ausspruch kommt vermutlich aus Japan, wo er lautet:

Es gibt ein Bleiben im Gehen,
ein Gewinnen im Verlieren,
im Ende einen Neuanfang.
(Quelle)

Diskussionen

19 Gedanken zu “Eine weiße Baumwurzel vor dem Osnabrücker Rathaus

  1. Die Wurzel ist sehr schön, und die Installation als Gesamtbild eindrucksvoll, aber mir zu überladen mit Symbolen, die mir hinten und vorn nicht zu passen scheinen. Bemerkenswert die Veränderung des Spruchs: „ein Gewinnen im Verlieren“ wäre ja für den Anlass immerhin passender als das Umgekehrte: „Im Gewinnen ein Verlieren“. Denn wo sind die Gewinner?

    Verfasst von gkazakou | 24. April 2021, 00:17
    • Mir geht es ähnlich. Die eigentliche Botschaft droht in Nebenaspekten unterzugehen. Und die Abänderung des japanischen Ausspruchs leuchtet mir auch nicht ein. Eindrucksvoll war der Besuch für mich auch deshalb, weil außer einigen Personen vor dem Rathaus (vermutlich Teilnehmer einer Hochzeit) der ansonsten vom städtischen Leben erfüllte Platz wie ausgestorben wirkte. So habe ich das noch nie erlebt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 24. April 2021, 08:57
  2. Guter Trost.
    Man kann sehr leicht dazu Parallelen im eigenen Leben finden.

    Verfasst von kopfundgestalt | 24. April 2021, 01:23
  3. Die Lichter auf Astscheiben zu setzen und so deren Beziehung zur Wurzel zu verstärken gefällt mir.

    Verfasst von Ule Rolff | 24. April 2021, 08:34
  4. Was das Zitat angeht: Zuschreibungen wie „aus Japan“ sind ungefähr so zuverlässig wie die Zuschreibungen an Goethe, Mark Twain, Albert Einstein oder den Dalai Lama/Buddha – irgendwer wird es schon gesagt haben. Deine Quelle (bei der ich oft bin) hat ursprünglich auch nicht anderes getan, als alles, was im Internet kreist, abzufischen. Manches Mal haben sie detaillierte (und korrekte) Quellenangaben, oft nicht; ich habe mich bereits häufig geärgert.

    Bei Zitaten hilft es oft, sie ins Englische zu übersetzen, da viel aus dem asiatischen Sprachraum zuerst ins Englische übertragen und dann übersetzt wurde. Hier ist es:
    „In each loss there is a gain, As in every gain there is a loss, And with each ending comes a new beginning.“ Mir persönlich gefällt es viel besser; und noch mehr gefällt mir, dass es (scheinbar) eine Quelle dazu gibt: Rochelle B. Weinstein in ihrem Buch „This Is Not How It Ends“. Leider schreibt auch sie dazu, dass es ein „Buddhist Proverb“ sei.
    https://www.goodreads.com/work/quotes/68315880-this-is-not-how-it-ends (erstes Viertel)

    Ich halte das Zitat für gut erfunden 😉 und die Baumwurzel für beeindruckend. Vielen Dank fürs Zeigen und Erinnern! 😀
    Schönes Wochenende dir!
    Christiane 😉

    Verfasst von Christiane | 24. April 2021, 11:00
    • Vielen Dank, Christiane, für deine Recherche. Ich ziehe eigentlich auch gute Quellen vor und verbringen manchmal Stunden damit bestimmten Aussagen nachzugehen (macht mir nebenbei auch Spaß). Aber die Idee, den Spruch ins Englische zu übersetzen, war mir nicht gekommen. Das Ergebnis ist wie du schon sagst gut erfunden, bzw. in Anlehnung an den in Deutschland kursierenden Ausspruch frei variiert. Denn die Bedeutung ist ja in allen drei Versionen eine andere. Mit der englischen Version kann ich auch am ehesten etwas Konsistentes verbinden.
      Auch dir ein schönes Wochenende!
      Joachim 🙂

      Verfasst von Joachim Schlichting | 24. April 2021, 15:45
    • Sehr schön, Christiane!

      Verfasst von kopfundgestalt | 25. April 2021, 09:34
  5. Was meinst Du?
    (Hatte das gestern Nacht auf dem Handy angeguckt, was selten gut ist (meine, mit dem Handy))

    Ein Kreuz aus Lichtern, geweisste Wurzeln…
    Der japanische Spruch hat einen anderen Tenor…
    ein Gewinnen im Verlieren heisst es auf japanisch.
    IM GEWINNEN EIN VERLIEREN auf den Tafeln.
    Letzteres kennt man etwa von der LA: Wenn ich 5000 m trainierre, verliere ich Grundgeschwindigkeit. Im Schach gibt es das natürlich auch: Frische geht verloren, wenn ich zu stark theoretisch arbeite.
    Im japanische Satz geht es darum WOHL, dass man nicht nur verliert, sondern sich auch Spitzen eines Gewinns zeigen, gewöhnlich. Zerfällt ein Gebäude, übernimmt die Natur.

    Bei solchen Darbietungen wie auf dem Vorplatz gehören m.E. IMMER begleitende Gedanken des Schaffers hinzu. In Bonn, in der zeitgenössischen Kunstausstellung, die ich zuletzt wohl 2019 sah, war dies der Fall. Das klärt vieles und verstärkt die Wirkung des jeweiligen Kunstwerks. Nichts wurde da weggenommen. Ohne „Lenkung“, Hinweis, Begleittext wirkt das Kunstwerk nicht, es spricht nicht.

    Bei öffentlicher Kunst ist das auch ein Problem. In Lohr, wo ich arbeitete, beschmierten Leute ein Werk nach Aufstellung. Viele nannten es scheusslich, das Werk. Ich fand das Werk aber spannend.
    Aber ein solches Werk, das im „eher zeitgenössichen Stil“ geschaffen wurde, kann man m.E. nicht ohne weiteres zentral aufstellen. Noch dazu, wenn man wusstes, was es gekostet hatte.
    Wenn ich z.b. Ipousteguys Werk mir ansehe, dann brauche ich gewissermassen eine Vorbildung.

    Verfasst von kopfundgestalt | 24. April 2021, 12:01
    • Ich kann dir weitgehend folgen. Bei diesem Künstler, der in unserer Gegend sehr vieles im öffentlichen Raum untergebracht/aufgestellt hat vermisse ich oft ein paar hinführende Worte – keine Erklärung, sondern kleine Hinweise und sei es nur zur Motivation.
      Ich habe mir die Installation lange angeschaut und endete schließlich dabei, dass ich so etwas wie einen antiperspektivischen Effekt… war er zufällig, war er beabsichtigt? Immerhin ist das Anliegen lobenswert und als Ganzes auch ansprechend.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 24. April 2021, 12:17
      • Dieses antiperspektivische ist ja auch von der Architekur genutzt worden, Um Grösse vorzutäuschen. Hat Du nicht einmal so etwas vorgestellt?
        hinführende Worte – keine Erklärung, d’accord.

        Dieses antperspektivische:
        Wenn man Unmengen an Opfern darstellen will und sich die Zahl der Toten nicht in der Ferne verjüngen soll bis zum Geht nicht mehr, dann muss man Kniffe verwenden.

        Der Fotokünstler Chris Jordan (Running the numbers) hat es auf seine Weise versucht.
        Grosse Zahlen müssen auf eine bestimmte Weise greifbar gemacht werden.

        Übrigens haben in meiner Heimatstadt auch „letzte Kämpfe“ stattgefunden. Da wurden 16-Jährige eingesetzt. Jedesmal wenn dich diese Erinnerungsstätte aufsuche, bin ich entsetzt.
        Und entsetzt war ich auch, dass da eine betagte Frau zum Opfer fiel/ihren Gedenkstein hat. Zum Ende eines langen Lebens so aus dem Leben scheiden zu müssen!

        Verfasst von kopfundgestalt | 24. April 2021, 12:35
      • Das ist eine sehr einleuchtende Erklärung. Wenn man jedoch vom Rathaus her in Richtung White Root blickt, wird durch diesen Kniff der Perspektiveneffekt jedoch noch verstärkt. Auch hier wäre, was wir schon gesagt haben, ein Hinweis gut, wie man auf das Ganze schauen sollte.
        Wir haben hier in unserem Dorf auch eine Gedenkstätte (Augustaschacht), die die Greuel im Bewusstsein hält.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 24. April 2021, 13:16
      • Meine Frau mag diese Dinge nicht hören. Es fehlt mir in solchen Augenblicken immer eine Person, mit der ich solche Greuel reflektieren kann.

        Verfasst von kopfundgestalt | 24. April 2021, 13:31
      • Es ist auch wirklich nicht leicht, die Greuel zu ertragen und zu sehen, dass sie sich an anderen Stellen der Welt auch heute noch in der einen oder anderen Form abspielen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 24. April 2021, 15:48
  6. Als ich die Worte „White Root“ gelesen habe, habe ich es für mich übersetzt als „meine weiße … heilen Wurzeln“ verstanden. Die eigenen Wurzeln heilen. Ich sehe das auch in Verbindung mit der eigenen Ahnenreihe. Das was war, in die Heilung zu bringen. So, daß man ganz im Hier und Jetzt leben kann.

    Verfasst von hollaholle | 24. April 2021, 20:59

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: