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Physik im Alltag und Naturphänomene

Blindschleiche mit blauen Flecken

Auf meiner gestrigen Wanderung hatte ich eine Begegnung mit einer Blindschleiche (Anguis fragilis). Sie hatte mich seltsamerweise nicht sofort gesehen (sic!). Daher konnte ich noch für  einen Moment beobachten, dass sie etwas aus ihrem Maul beseitigen wollte. Auf dem unteren Foto erkennt man, dass es wohl ein ziemlich anhänglicher fehlgeleiteter Gleitschirm des Löwenzahnsamens ist. Sie tat mir in ihren Bemühungen irgendwie leid, ohne Arme und Beine bzw. vergleichbare Extremitäten das Problem lösen zu müssen. Als sie mich bemerkte zuckte sie kurz zusammen – menschlich gesprochen war sie erschrocken – stellte sich dann aber tot. Ich konnte ihr so nahe kommen, wie ich wollte, sie verharrte wie eingefroren in dieser Position.
Da ich seit einigen Jahren öfter auf Blindschleichen treffe, erwähne ich diese Begebenheit auch deshalb, weil ich bisher noch kein Exemplar mit derart leuchtenden blauen Flecken gesehen habe. In einem Wikipedia-Beitrag finde ich dazu folgende Bemerkung: „Eine Besonderheit ist das Auftreten blau getüpfelter Individuen; fast immer sind dies ältere männliche Tiere. Allerdings ist dieses Merkmal für Exemplare der neuerdings abgegrenzten Art Östliche Blindschleiche (Anguis colchica) eher typisch“. Da wir hier nicht im Osten sind, hatte ich wohl einen älteren Herrn Schleiche vor mir (unteres Foto).

Beim Versuch die blauen Flecken deutlich ins Bild zu setzen, stellte ich fest, dass die Schleiche einen ziemlich glänzenden Körper hat. So sehr ich mich auch bemühte, die spiegelnde Reflexion des Lichts überstrahlte die diffuse Reflexion teilweise erheblich, sodass die Farben verwässert erscheinen. Diese Eigenschaft hat übrigens zu dem deutschen Namen des Tiers geführt. Auf Althochdeucht heißt es nämlich plintslîcho, wobei plint aber nicht für blind, sondern für blend steht, was wohl auf den blendenden Glanz anspielt. Auch wenn die farbenblinde Schleiche nicht gerade besonders gut sehen kann, so ist sie mit zwei Augen mit beweglichen und verschließbaren Lidern ausgestattet und alles andere als blind. Dass sie mich nicht sofort gesehen hat, muss an ihrer Beschäftigung mit dem Löwenzahnpappus gelegen haben.
Die Blindschleiche hat viele Feinde, u. A. auch den Storch, der, wenn man einem alten Lied/Gedicht Glauben schenken darf, beim Verschlingen einer blinden Schleiche sein blaues Wunder erleben kann.

Diskussionen

17 Gedanken zu “Blindschleiche mit blauen Flecken

  1. „Dass sie mich nicht sofort gesehen hat, muss an ihrer Beschäftigung mit dem Löwenzahnpappus gelegen haben.“
    Das glaube ich wiederumeigentlich nicht, da auch wesentlich kleinere, sogar kleinste Tiere in der Lage sind, simultan Aufgaben zu erledigen. Das ist meine Überzeugung, ich gebe zu, wenig belegt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 18. Mai 2021, 00:09
    • Bislang hatte ich bei Begegnungen mit Blindschleichen stets die sofortige Starre bemerkt. Diesmal kam die Reaktion sehr spät. Das sind die Fakten, alles andere ist Interpretation. Auch wir Menschen sind ja in der Lage, simultan Aufgaben zu erledigen. Dennoch passiert es uns, dass wir überrascht und erschreckt werden können. Warum sollte das bei Tieren nicht auch der Fall sein können.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Mai 2021, 09:46
  2. 😊Sehr informativ 👍

    Verfasst von junymond | 18. Mai 2021, 06:58
  3. Sehr schöne Fotos! Die Blindschleichen, die ich bislang gesehen habe, hatten immer diese Längsstreifung, wie in deinem verlinkten Beitrag. Evolutionsmäßig gesehen sind sie übrigens selber Schuld, dass sie die Beine nicht mehr haben. Die waren ihnen anscheinend im Weg.
    Bei Echsen, die noch kleine Beine haben aber auch walzenförmig sind wie bei den Skinken, liest man in den Reptilienbüchern, dass sie zwei Fortbewegungsarten haben. Mit Beinen gehen sie auf die Jagd und schleichen sich an, aber wenn es schnell gehen soll und sie auf der Flucht sind, bewegen sie sich wie Schlangen. Ohne Beine scheint paradoxerweise schneller.

    Verfasst von Richard | 18. Mai 2021, 07:59
    • Vielen Dank für die informativen Ergänzungen. Dass die schlängelnde Fortbewegung in der Lebenswelt und -weise der Schleichen offenbar günstiger war/ist als das Laufen bzw. das durch Beine unterstützte Laufen (wie bei den Eidechsen), ist ein interessanter Befund, immerhin wurden damit ja andere Funktionen der Extremitäten aufgegeben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Mai 2021, 11:25
      • Ja, erstaunlich, aber die Hände frei zu haben scheint nicht immer wichtig zu sein. In manchen Umgebungen sind Arme und Beine hinderlich.

        Verfasst von Richard | 18. Mai 2021, 11:31
      • Es gibt nicht wenige Insekten, die eigentlich „ungünstig“ konstruiert sind, wie etwa Schlupfwespen. Dennoch bewegen sie sich sehr behende. Das liegt sicher daran, daß sie allzeit wissen, wo der lange Stachel oder Balast-Hinterleib oder übermässig lange Beine gerade sind in Bezug auf die Umgebung. Mit ein wenig technischer Intelligenz geht das also sehr wohl. Man wird wohl kaum solch ein Insekt erleben, das sich verhakt oder verheddert.

        Verfasst von kopfundgestalt | 18. Mai 2021, 21:04
      • Das fällt mir immer wieder bei den Weberknechten auf, die unsere wenig benutzten Räume ohne zu fragen mitbenutzen. Dass die mit ihren langen Beinen überhaupt zurecht kommen, ist mir immer wieder ein Rätsel. Interessant ist auch, dass beim Raustragen der Untermieter schon mal ein Bein auf der Strecke bleibt. Sie eilen dann eben mit einem Bein weniger fort, sobald ich sie loslasse. Es bleibt doch vieles rätselhaft – und das ist auch gut so.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Mai 2021, 21:28
      • Dazu habe ich jetzt ein Foto veröffentlicht, das zeigt, wie „bewusst“ diese Tierchen ihre Umgebung integrieren:
        „Braucht es einen Stand?“

        Verfasst von kopfundgestalt | 18. Mai 2021, 22:21
      • Ja, das ist eine tolle überzeugende Aufnahme. Sie zeigt auch die beispielsweise im Vergleich zum Menschen andersartige Lebenswelt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:06
      • Da hast du sicher recht. Viele Konstruktionen haben sowohl Vor- als auch Nachteile, und erstaunlich ist, dass die Evolution so viele verschiedene Wege eingeschlagen hat. Jede Linie optimiert nach anderen Kriterien.

        Verfasst von Richard | 18. Mai 2021, 21:48
      • Stabilität durch Diversität. Daher ist auch das Artensterben für das Gesamtökosystem so bedrohlich…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:01
      • Ja, Richard, gerade den letzten Satz meine ich unterstreichen zu können. 🙂
        Zu den Konstruktionen: Man sagt ja auch, daß das menschliche Gehirn eigentlich ein „Unglücksfall“ ist. Es wurde eben neues auf alten Strukturen draufgesattelt.

        Verfasst von kopfundgestalt | 19. Mai 2021, 10:14
  4. Ein wunderschönes Tier! Es ist auch interessant zu lesen, welche Schwierigkeiten es beim Fotografieren von so einem Wesen geben kann. Bis jetzt dachte ich, Schleichen, Schlangen, Echsen sind so schnell weg, dass ich das Wort „Kamera“ nicht mal so schnell denken kann. So kann man sich irren. Dankeschön für diesen interessanten Bericht!
    LG Natalia

    Verfasst von chaoslady | 18. Mai 2021, 16:13
    • Vielen Dank! Für Blindschleichen scheint es typisch zu sein, in Totenstarre zu verharren, wenn sie einschätzen, dass sich die Flucht nicht mehr lohnt. Offenbar haben die Vorfahren damit bessere „Erfahrungen“ gemacht. Diese ließ sich in aller Ruhe ablichten und verschwand erst, als ich mich ein Stück weit entfernt hatte. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 18. Mai 2021, 16:44

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