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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Die Schönheit eines verfallenden Baums

Wenn man ein Phänomen einmal gesehen hat, sieht man es immer wieder. Diese Erfahrung mache ich gerade mit dem „Spalting“-Phänomen, das ich vor einiger Zeit an einem abgesägten Baumstamm bewundert und kurz beschrieben habe. Dabei wird das tote Holz eines abgestorbenen oder absterbenden Baums von einem Pilz befallen. Die Spuren des Befalls, die auch Ausdruck des Verfalls des Holzes sind, erscheinen in ihrer Färbung und Strukturierung naturschön. Vor einigen Tagen fand ich einen abgestorbenen Baumstumpf von etwa 1 m Länge, der gewissermaßen schollenweise entlang der Jahresringe zerfällt. Ich konnte die den runden Jahresringen entsprechend gerundeten Schollen mit bloßen Händen abheben und auf den Oberflächen Strukturen wie die im Foto bestaunen. Beim Abheben scheuchte ich Myriaden von Insekten auf, die zwischen den bereits entstandenen Spalten wohl ein Zuhause gefunden hatten. Der tote Baum ist von vielfältigem Leben erfüllt und lebt so auf eine bestimmte Weise weiter.

Wer Freude an der Wahrnehmung von Pareidolien, also Gesichtern und anderen Strukturen hat, wird vielleicht auch noch in dieser Hinsicht fündig.

Vieles Schöne findet im Verborgenen statt und zeigt, dass es gar nicht als etwas Schönes gedacht war. Erst dadurch, dass ein Mensch es zu Gesicht bekommt wird es zum Schönen, in diesem Fall – Naturschönen. Dass ich beim Abheben der Holzscholle einen massiven Eingriff in die Wohnstuben vielerTiere und Pilze unternommen habe, tut mir leid. 😉

Diskussionen

12 Gedanken zu “Die Schönheit eines verfallenden Baums

  1. Diese Myriaden festzuhalten, wäre aus meiner Sicht auch wichtig gewesen. 😉

    Wenn man Schönheit durch etwa Attraktivität ersetzt, gibt es auch für die kleinen Schönen was zu erfeuen. Hormone werden ausgeschüttet und man geht frisch ans Werk, mit oder ohne Erfolg.

    Diese Strukturen im Holz waren vielleicht vor Jahrhunderten bedeutungslos. Wir sind ja geschult durch neuere Kunstrichtungen.
    Heutzuage stellt man Skizzen und Entwürfe von alten Meistern aus, die diese garantiert nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen hatten, etwa solche impressionistischer Art. Flüchtige Entwürfe.
    Heute sagt man: Wie schön verkürzt und abstrakt. Wie genial vereinfacht.

    Verfasst von kopfundgestalt | 19. Mai 2021, 00:29
    • Klar, der Zeitgeist spielt bei der Beurteilung von Bildern und Strukturen eine entscheidende Rolle. Was schön ist, ist es nicht nur von sich aus, sondern auch aus den u.A. durch Sozialisation erworbenen Sehgewohnheiten.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:10
      • Um wieder auf „meine“ Insekten zurückzukommen: Selbst abstrus „konstruierte“ Insekten finde ich – mittlerweile – schön. Das ist eben „erschaffenes“ Leben, Leben, im dem das Blut pocht.

        „Was schön ist, ist es nicht nur von sich aus“:
        Ich hatte einst eine Blume nicht veröffentlicht, weil sie in allem zu perfekt geformt war – in solche einem Fall wird das m.E. schon fast hässlich.

        Verfasst von kopfundgestalt | 19. Mai 2021, 10:20
      • Das ist ja auch typisch für die Kunstbetrachtung. Ich habe es selbst erfahren. Was ich (vor allem in der zeitgenössischen Kunst) zunächst als nicht besonders bemerkenswert empfand rückte in dem Maße, wie ich mich in die Kunstrichtung durch häufigere/intensivere Betrachtung „einarbeitete“ in den Fokus meines Interesses und wurden schlussendlich zu Favoriten. In der Musik habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Und ja, manche Dinge sind in der Tat so schön, dass es irgendwie übertrieben wirkt und ins Gegenteil kippt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:35
  2. Wie unachtsam von dir. 😉

    Verfasst von Kevin Schmidt | 19. Mai 2021, 00:37
  3. Das ist mir so vertraut…. eine ähnliche Beobachtung habe ich vor ca. einem halben Jahr auch gemacht. (Und darüber geschrieben). Und so wie du habe ich über diese von der Natur unbeabsichtigte Schönheit gestaunt. Es liegt immer im Auge des Betrachters, ob wir es für schön befinden oder nicht, oder? Gestern habe ich während dem Abendessen eine Amsel im Garten beobachtet, die gerade einen dicken Wurm verspeiste. Ich konnte kaum hinsehen und en wenig schlug es mir auf den Magen. Eigentlich Unsinn, sagte mein Verstand, aber dennoch fühlte ich ein wenig Ekel. Die Amsel sah das gewiss anders. Sie flog vergnügt von dannen. So ist das wohl mit den verschiedenen Blickwinkeln. Liebe Grüße und einen wachen Tag wünscht Marie

    Verfasst von mmandarin | 19. Mai 2021, 06:12
    • Ja, Marie, so sehe ich das auch. Es sind verschiedene Lebenswelten. Entweder wir befinden uns mitten in ihr oder wir schauen in sie von außen hinein. Ich hatte gestern auch so ein Erlebnis am Teich, wo ich sah, wie eines der vielen Tiere (die ich nicht kenne) eine Kaulquappe angriff. Ich fühlte mich aufgefordert, die Kaulquappe zu retten und die beiden zu trennen, bis mir aufging, dass mir das gar nicht zusteht. Auch dieses unbekannte Tier hat ein Recht zu leben. Die Natur ist eben nicht nach menschlichen Vorstellungen zu organisieren. Und wo wir es dennoch tun, geht es meistens schief. Auch dir liebe Grüße und neue Eindrücke und Beobachtungen, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:20
  4. Die Natur, als Wesen begreifend, sehe ich sie in der Position der Nichtwertenden … es gibt kein schön und kein häßlich. Und da kann sie, in mancherlei Form und ein Vorbild sein. Ich finde den Anblick auch schön, wenn ich tiefer grabe berührt mich es eher: „Ich staune“, sie teilt sich uns mit. Die Natur als Künstler, ohne dem Menschen nachzueifern. Sie war ja zuerst da und diesem Wandel des Ausdrucks durch Jahreszeiten und Wettereinflüsse zu beobachten und zu begleiten, ist einfach spannend ! Danke …

    Verfasst von hollaholle | 19. Mai 2021, 10:19
    • Das sehe ich ähnlich. Manche Phänomene und Anblicke faszinieren uns auf Anhieb, andere erst dadurch, dass man sich (länger) mit ihnen beschäftigt und wiederum andere nehmen wir kaum zur Kenntnis. Dabei spielen die eigene Sozialisation, erworbene Vorlieben und Geschmäcker eine entscheidende Rolle.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2021, 10:27

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