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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Natürliche und naturschöne Wohnhöhlen

Als ich endlich nach Jahren auf das am Gartenzaun gelagerte Kaminholz zurückgreifen will, erlebe ich eine große Überraschung. Von dem Holz ist nicht viel Brennbares übrig geblieben. Es ist teilweise verfault und vor allem stark durchlöchert, weist aber wie zum gerechten Ausgleich für den Frust an einigen Stellen eine große Ästhetik auf (oberes Foto).
Aber bevor ich das so richtig zu Gesicht bekomme, finde ich das freigelegte Holz von Tausenden aufgeregter Ameisen übersät vor,  die eifrig dabei sind, die ebenso vielen Eier und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Holzameisen sind hier am Werk. Sie haben sich in den Holzscheiten wohnlich eingerichtet, indem sie entlang der Jahresringe Wohnhöhlen hineingefressen haben. Diese fallen durch äußerste Sauberkeit auf: von den während der Bauphase unweigerlich entstandenen Spänen ist nichts mehr zu sehen.
Da die Ameisen selbst kein Holz fressen, müssen sie es irgendwo hingebracht haben. An einigen noch nicht von den Ameisen bezogenen Holzscheiten kann man erkennen, dass andere Insekten, wie der Holzbock gründliche Vorarbeit geleistet haben. Diese haben sich allerdings vom Holz ernährt. Dass die „Decken“ der „Zimmer“ in den einzelnen Stockwerken erstaunlich gerade verlaufen, ist der scharfen Grenze zwischen den  einzelnen Jahresringen im früheren Baum zu verdanken. Denn diese verliefen ehemals im Baum wie senkrecht ineinander gestellte Zylinder. Die Jahresringe sind in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit des Dickenwachstums des Baums im Jahresverlauf durch härteres und weiches Holz geprägt, das sich auch in der Farbe unterscheidet. Die ökonomisch arbeitenden Ameisen haben vorwiegen weiche Teile ausgeräumt und die harten stehen gelassen.  

Mich erinnert der Anblick sehr an die Wohnhöhlen, die ehemals von Menschen in das weiche Tuffgestein in Kappadokien (Anatolien) eingearbeitet wurden (unteres Foto). Hier sind die Stockwerke den Jahresringen entsprechend durch Sedimentschichtungen des Gesteins entstanden. Auch die Menschen haben sich an diesen natürliche Gegebenheiten bei der Schaffung ihrer Wohnungen gehalten. Bei meinem letzten Besuch in Kappadokien hatte ich das Vergnügen in einem Hotel zu übernachten, dessen Zimmer ebenfalls ins Gestein gemeißelt worden waren. Diese Zimmer haben im Somme und im Winter etwa die gleicht Temperatur, da das Gestein nur sehr träge auf Änderungen der äußeren Temperatur reagiert (große Wärmekapazität).
Wer diese Bauweise von wem abgeguckt hat, die Ameisen von den Menschen oder umgekehrt, habe ich nicht herausfinden können.

Diskussionen

10 Gedanken zu “Natürliche und naturschöne Wohnhöhlen

  1. Um etwas frech zu sein:
    Niemand hat etwas vom anderen abgeguckt.
    Jeder macht sein eigen Ding.

    Abgesehen von dieser für mich üblichen düsteren Ansicht: diese wohnhölen kenne ich von Kappadokien ebenfalls und auch von den USA. Ob da wanderungsströne stattgefunden haben?! Das wäre doch naheliegend!! 😉
    Heutzutage wird ja viel gemutmasst, ein einmal zufällig gesetztes Wörtchen verweist auf lange geplantes tun. Aber das Wort fängst du nicht mehr ein!!
    Zurück zu den feinen Ameisen. Die schaffen redlich, spänchen für spänchen und machen das klaglos, obwohl sie doch keine Maschinen sind. Wer lenkt sie, sind es ihre säfte?
    Und das alles eingedenk, dass ihr tun ad absurdum geführt sein könnte, bloss weil einer heizen will? Selbst solche Dinge beziehen sie ein, denn alles kann man nicht modellieren
    Einen modelldienstag wünsche ich dir!

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Mai 2021, 09:57
  2. Die Höhlen die hierbei entstanden sind sind sagenhaft schön. Abbrennen konntest du das Holz nicht mehr oder hast der Rest noch gereicht?

    Verfasst von eyeandview | 25. Mai 2021, 13:53
    • Einen Teil des Holzes, wie im Beitrag gezeigt, war zu schön, um verbrannt zu werden. Einige Exemplare stehen jetzt zur „Zierde“ im Garten. Ein Teil war noch zu verbrennen und der Rest war nur noch Späne. Aber wegen dieser schönen Strukturen freue ich mich über die Ameisenkunstwerke, auch wenn ich leider ihre schönen Wohnhöhlen zerstört habe.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Mai 2021, 16:32
  3. Sehr schöner Beitrag, was die kleinen Ameisen so zustande bringen!!! Herzliche Grüße, Hania
    Übrigens, die ehemaligen Wohnhöhlen von Kappadokien kenne ich – sind auch wunderschön!

    Verfasst von Hania Kartusch | 25. Mai 2021, 16:49

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