//
Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Fundstück 9 – Holz mit Gebrauchsspuren

Ein etwa 15 cm langer Stab – ein Fundstück. Ich finde ihn nicht etwa im Wald, sondern am Meeressaum, angeschwemmt von Wer-weiß-woher. Das Leben hat Spuren hinterlassen und die lassen Geschichten erahnen. Ich lege es auf einen ebenfalls vom Zahn der Zeit geprägten Holzstücks, das vermutlich ebenfalls vom Meer hierher transportiert wurde. Wie schön es doch harmoniert. Holz zu Holz, Spuren werden zum Schluss von einem Menschen zusammengeführt.
Vielleicht war das kurze Rundholz früher einmal eckig und in menschlichem Gebrauch, ein Teil eines Möbelstücks, vom Holzwurm zerfressen, weggeworfen, wie auch immer ins Meer gelangt. Dort wurde es schließlich – an der fremden Küste angelangt – im ewigen Auf und Ab der Wellen in Kontakt mit dem sandigen Untergrund glattgeschliffen, sodass die Fraßgänge, der Ursprung seiner Zerstörung, nunmehr zu naturschönen, dreidimensionalen Zeichnungen wurden.
Alles Vermutungen. Vermutlich war es ganz anders, denn es gäbe unendlich viele Geschichten. Nur eines ist sicher. Ich nehme es mit, zunächst auf der langen Wanderung am Meeressaum. Meine Hand umfasst es. Es fühlt sich zugleich glatt und rau an, je nachdem, in welcher Richtung und mit welcher Stärke ich die Finger daran entlang gleiten lasse. Ein Handschmeichler mit Ecken und Kanten.
Nun ruht es auf dem Bücherbord in Gemeinschaft von weiteren Fundstücken mit ähnlich unbestimmten Geschichten.

Diskussionen

9 Gedanken zu “Fundstück 9 – Holz mit Gebrauchsspuren

  1. Ich habe mehrere Handschmeichler.
    Das Original meiner Sammlung schenkte mir mein jüngerer Bruder, der 2005 verstorben ist.
    Es ist einfach ein Stück Holz, WOHL durch einen Holzhandwerker geschliffen, aber dennoch mit einer oder zwei scharfen Ecken. Was man ja nicht vermuten würde. Denn ein Handschmeichler sollte wohlig rund sein in jeder nur erdenklichen Ansicht.

    Was macht man beim Aktzeichnen, wenn ein portraitierter Akt Ecken hat? Das kommt häufiger vor, als man denkt.
    Deshalb bevorzugt ein Zeichner rundliche Formen. Sie können sogar adipös sein, istt von Vorteil. Aber dann aber Volumen, das dennoch gut geformt ist.

    Gleiche Formen können in der Natur durchaus durch heterogen verschiedene Prozesse entstanden sein. Das ist ja das Bizarre: Gleiche Form bedeutet noch nicht gleicher Prozess.

    Mit Strukturen fing meine Leidenschaft für Makrofotografie an. Dann interessierte mich zwischendurch das Lebendige mehr, auch und gerade, weil es nicht leicht zu bändigen war. Jetzt interessiert mich, die Schönheit auch winzigster Lebensspuren zu zeigen. Mit meiner Kamera kann ich das bis etwa 1 mm schaffen.

    Dazu bedarf es Beständigkeit und auch ein gewissenermassen verschrobenes Interesse.
    Verschroben ist ja nicht gleich schlecht oder?!

    Jetzt habe ich das Wesentliche zur Nacht gesagt!
    Guten Morgen!

    Verfasst von kopfundgestalt | 30. Mai 2021, 00:44
    • Dank dir, lieber Gerhard! Das ist ja fast eine verkürzte Künstlerbiografie. Es zeigt mir, dass auch bei dir die Ästhetik das treibende Element ist: vom wohlgeformten Handschmeichler zu den bizarren Schönheiten an der optischen Wahrnehmungsschwelle.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Mai 2021, 08:21
      • Bizzarismen sage ich oft, weiss aber garnicht ob es das Wort gibt.
        Mir war gestern nach einem Redefluss – der aber bei Dir ja gut aufgehoben ist.
        Liebe Grüsse.

        Verfasst von kopfundgestalt | 30. Mai 2021, 09:34
      • Bei mir kommen deine Redeflüsse auf jeden Fall gut an. Sie führen oft in das Umfeld des jeweiligen Beitrags und weisen damit über den oft engen Anlass hinaus. Danke dafür und ebenfalls liebe Grüße!

        Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Mai 2021, 20:22
  2. Was für ein schöner Handschmeichler. Ich muss schmunzeln. Ich kenne diese Art des Sammelns und Bewahrens nur zu gut. Auch das Geschichten spinnen um diese Fundstücke. Für den Einen ist es „nur“ ein Stück Schwemmholz, für den/die Anderen ein kleiner Schatz. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Seit Tagen geht mir (wieder einmal) die Geschichte „Das Blatt“ von Ludwig Hohl nicht aus dem Kopf. Vom Mann, der ein Blatt intuitiv aufhebt, es mitnimmt, sich ein wenig dessen schämt, es verliert und dessen Verlust ihn letztendlich umtreibt. Ich glaube, wir brauchen diese scheinbar nutzlosen Gegenstände als Gleichnis für Etwas. Für was??? Was denkst du? Ich wünsche dir noch viele dieser Erlebnisse und einen schönen Sonntag auch. Marie, die bedauert , deinen Blog erst so spät für sich entdeckt zu haben.

    Verfasst von mmandarin | 30. Mai 2021, 04:34
    • Was uns an solche marginalen Gegenstände fesselt ist in der Tat merkwürdig. Einerseits sind sie rein materiell gesehen völlig wertlos, andererseits können sie zum Lebensbegleiter zumindest längs einer gewissen Strecke werden. Es ist schwer zu sagen, was einen an solche Dinge bindet. Einerseits ist es sicherliche eine besondere, individuell empfundene Art der Schönheit, die nicht unbedingt dem jeweiligen öffentlichen Ideal entspricht. Sie sind persönlich, hängen oft mit eindrucksvollen Erlebnissen oder Gefühlen zusammen, die man bewusst oder unbewusst mit diesen Dingen in Verbindung bringt. Gleichnis sind sie sicherlich auch, für schöne Momente im Leben, für Vergänglichkeit, vielleicht sind sie auch Vanitassymbole… ich weiß es nicht. Jedenfalls gibt es unterirdische Verbindungen zwischen ihnen und den jeweiligen Menschen. Liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Mai 2021, 08:44
  3. Schön, Joachim, und der Erzählung kann ich sehr gut folgen, denn habe nicht auch ich schon oft so vor mich hingesonnen? Und habe das Stück eingesteckt, habe es auf dem Kaminsims oder sonst wo platziert, immer wieder betrachtet…und schließlich vergessen?
    Dies hier könnte zB ein Stück vom Floß der Medusa sein, über das ich seit heute morgen immer wieder nachsinne. Denn ich assoziierte diese ganze fatale Geschichte mit dem, was grad mit uns geschieht: eine unfähige, arrogante „Elite“, die sich retten wird, wenn sie das Floß mit dem populo abgekoppelt und seinem Schickksal überlassen hat. Abandonnez! sagte der hohe Kommandeur damals. Sonst gehen wir mit zugrunde.
    Schwarze Gedanken, ich weiß. Und ganz unpassend angesichts dieses holzwurmigen Stücks Holz, das wahrscheinlich eher von einem Kirchengestühl als von der Medusa stammt. 😉

    Verfasst von gkazakou | 30. Mai 2021, 15:18
    • Bei mir finden solche Fundstücke meist eine Bleibe vor den Bücherreihen meiner Bücherborde. Das hat den Vorteil immer dann in die Hand genommen zu werden, wenn das dahinter stehende Buch benötigt wird. Das kann manchmal lange dauern. Das wäre natürlich toll, wenn die Medusa da im Spiel wäre. Diese geheimnisumwobene Gestalt fasziniert mich von jeher. Was die „Eliten“ betrifft, so ist das Fatale daran, dass die Menschen sie sich immer wieder selbst wählen. Was erwartest du? War es je anders? Aber selbst das Kirchengestühl dürfte nicht unschuldiger sein. Welche Gräueltaten sind im Name der christlichen Kirchen geschehen. Lass uns das Schöne des Dasein nicht vergessen!

      Verfasst von Joachim Schlichting | 30. Mai 2021, 20:34

Trackbacks/Pingbacks

  1. Pingback: Fundstück 10 – Holzvogel | Die Welt physikalisch gesehen - 17. Juli 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: