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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Was macht die Schönheit der Sonnentaler aus?

Schau diese Sonnentaler. Liebevoll betrachtet er das Lichtspiel. – Ist es die Natur in ihrer Kunstmässigkeit, die ihre Schönheit ausmacht, und ist nicht die Technik ihre notwendige Bedingung? (…) Die kreisrunde Form verdanken sie den gebündelten Strahlen, die, gezwungen durch eine winzige Öffnung im Blattwerk, die Sonne abbilden – nach dem Prinzip der Camera obscura, für die der Physiker zuständig ist. Meint er, der Reiz dieses Lichtspiels verdanke sich dem Zusammenwirken von Naturerscheinung und Wissen um deren Gesetzmässigkeit in der Anschauung? Man müsste Physiker sein, um die Sonnentaler schön zu finden? Was es denn sei, was den Betrachter des Baumblattes in Staunen versetze, wenn nicht  die Anschauung einer Mannigfaltigkeit, die ex negativo auf das Prinzip einer Vernunftordnung verweise, ohne die das Mannigfaltige nicht denkbar sei. –
Nicht denkbar – muss es denn denkbar sein für eine Erfahrung, die ihren Weg über das Auge nimmt? Schiller sagt unmittelbare Reflexion für ein Ereignis, das sich ganz ausdrücklich dem sinnlichen Auge verdankt. Da ist er sich nicht so sicher, jedenfalls könne er seine Freude an diesen Sonnentalern nicht abtrennen von seinem Wissen um deren physikalische Gesetzmässigkeit. Sie schon – jedenfalls konnte sie es bis anhin. Möglich allerdings, dass mit seinen Erklärungen ihr Vergnügen seine Unschuld verliert.*

Obwohl es den Namen Sonnentaler für die runden Lichtflecken unter dem Blätterdach von Bäumen noch gar nicht so lange gibt, findet man ihn inzwischen nicht nur in physikalischen Kontexten, sondern auch in schöngeistiger und geisteswissenschaftlicher Literatur. Für letztere ist der obige Ausschnitt ein Beispiel. Die Sonnentaler dienen hier als markantes Beispiel für die „Kunstmäßigkeit“ der Natur. Ich will den Beitrag nicht kommentieren und für sich sprechen lassen. Aber eine Formulierung finde ich doch etwas fragwürdig, nämlich wenn davon die Rede ist, dass die Lichtstrahlen gezwungen werden, durch eine winzige Öffnung im Blattwerk zu gehen. Da klingt Goethes Polemik gegen das physikallische Experiment an, die hier ja wohl keine Berechtigung hat. Sonnentaler gab es schon immer, selbst Aristoteles hat sie beschrieben. Oder befinde ich mich bereits in der Falle, wenn mir die Rundheit auffällt und ich eine Ursache dafür suche?


* Wehrli, Beatrice: Wenn die Sirenen schweigen. Gender studies: intertext im kontext. Würzburg 1998, S. 53f

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