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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Spirale 15 – eine eingerollte Gebärde

Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder manchen Treppen den Augen darstellt. Doch sobald wir uns daran erinnern, daß reden erneuern heißt, können wir eine Spirale ohne Mühe definieren: es ist ein Kreis, der aufsteigt, ohne je imstand zu sein, sich zu schließen. Die meisten Leute, ich weiß es wohl, würden es nicht wagen, auf diese Weise zu definieren, weil sie annehmen, daß definieren das aussagen heißt, was die anderen hören möchten, und nicht das, was man sagen sollte, um zu definieren. Besser gesagt: eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend entfaltet, ohne je zu seiner Verwirklichung zu gelangen. Aber nein, diese Definition ist ebenfalls noch abstrakt: Ich werde eine konkrete Formulierung suchen und alles wird klar sein: eine Spirale ist eine Kobra, die sich vertikal nicht einrollt.*


Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. München 1987, S.: 292

Diskussionen

25 Gedanken zu “Spirale 15 – eine eingerollte Gebärde

  1. Nahe kommen, ohne nahe zu kommen

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juni 2021, 00:31
  2. abstrahierter Bewegungsablauf des Diskobolos (Diskuswerfers)

    Verfasst von gkazakou | 25. Juni 2021, 09:07
  3. Ich finde, dass es ohne begleitende Handbewegung nicht geht. Das gilt, glaube ich, auch für die Beschreibung einer Wendeltreppe, Liebe Grüße
    Jürgen

    Verfasst von juergenkuester | 25. Juni 2021, 09:32
  4. Jürgen hat schon die Wendeltreppe erwähnt… das hatte ich auch sofort im Sinn. Manchmal kommen wir ohne Gebärden nicht aus. Daher finde ich die Gebärdensprache so faszinierend. Wenn ich beim Zeichen für leise sein den Zeigefinger nicht auf den Mund legen kann, fehlt mir auch etwas und eine Kusshand zuwerfen ohne die dazugehörigen Gesten geht schon gar nicht…. das siehst du dich gewiss auch so oder? In diesem Sinne…hab einen schönen Tag. Marie

    Verfasst von mmandarin | 25. Juni 2021, 10:58
    • Die Gebärdensprache ist in der Tat faszinierend. Dass sie funktioniert zeigt einmal mehr, wie aussagestark Gebärden sind. Einen gebärdenfreien Redepartner kann ich mir nur als eine Art Roboter vorstellen. Auch dir einen schönen Tag und ein schönes Wochenende. Das Wetter scheint ja mitzuspielen. LG, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Juni 2021, 14:15
  5. Wenn reden sich wieder mehr dem „erinnern“ anschlösse, dann könnte man zeigen, wie wir in den ersten Fötuswochen eine ebensolche „Spirale“ waren. Das menschliche Leben „faltet sich aus“. Es drängt sich in die vertikale, räkelt und sträkelt sich, hört hin, fühlt, kommt mit vielem „tätoviert“ zur Welt. Nie als Blankoblatt. Dann erst, nach den Gefühlen kommt die Sprache.

    Verfasst von Paul | 25. Juni 2021, 12:28
  6. Man sagt, ich habs nicht ausprobiert, dass man einer Kobra von direkt oben auf den Kopf fassen kann, ohne gebissen zu werden, sie sich also nicht nach hinten oben zu biegen vermag, was der abgebildeten Spirale widerspricht.
    Aber wie wäre es damit: die Spirale ist einfach das Lieblingssymbol der Kelten und der Maori (der sich langsam entrollende, riesige Farn dort war wohl die Vorlage in der Gegenfüßler – Welt)?
    Ja, die Spirale ist einfach ein junges Farnblatt. Und wer dieses nicht kennt, sollte in den Wald gehen und schauen lernen. Nicht nach der in unseren Breiten eher seltenen Kobra, sondern nach den zunächst unscheinbaren Dingen.

    Verfasst von gerlintpetrazamonesh | 25. Juni 2021, 15:43
    • In der natürlichen Umwelt gibt es in der Tat zahlreiche Spiralen unterschiedlichster Art. Das mit der Kobra leuchtet mir insofern ein, als das Drehen des Kopfes nach oben, also senkrecht zum Drehsinn der flach auf dem Boden liegenden Spirale biomechanisch wohl nicht möglich ist. Es gibt allerdings Spiralen, die sich aus der Ebene hinaus in die Höhe spiralen. In der Mathematik muss man auf biologische/materielle Einschränkungen keine Rücksicht nehmen und kommt zu einer großen Vielfalt von Spiralen.
      Sich entrollende Farnblätter sind schöne Beispiele, die man jedes Jahr wieder beobachten kann.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Juni 2021, 17:10
  7. Es ist jedenfalls leichter, über das Für und Wider des Gestikulierens zu diskutieren als eine Spirale korrekt, verständlich und dazu noch mit einer gewissen Poesie zu beschreiben. Mir fallen dabei immer diese rotierenden Scheiben an den Zuckerwatteständen ein.

    Verfasst von christahartwig | 25. Juni 2021, 20:05
    • Dabei werden Spiralen in Bewegung gesetzt und rufen ungewohnte optische Eindrücke hervor. Schön sind auch die Metallspiralen unterschiedlicher Ausführung, die man – meist mit einer Glaskugel besetzt- als Designobjekte an die Decke hängt. Wenn sie rotieren sieht es so aus, als würden sie ständig auf- oder absteigen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. Juni 2021, 20:57
      • Stimmt. Und ich freue mich auch an den „Barbierstangen“, die man neuerdings auch bei uns hin und wieder an der Fassade eines Herren-Friseurgeschäfts findet – wenn sie auch hier keine Tradition haben. Dennoch vermisse ich den Barbierteller, der allerdings optisch keinen besonderen Reiz bietet.

        Verfasst von christahartwig | 26. Juni 2021, 06:44
      • Bei den Barbierstangen kommt ja auch noch der Reiz einer optischen Illusion hinzu, wonach es so aussieht als würde sich da gar nichts drehen, sondern die Streifen einfach nach oben wandern… Ja die stets blank geputzten Teller haben mich früher auch immer beeindruckt. Inzwischen habe andere „Spiegel“ im Alltag ihnen wohl den Rang abgelaufen…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Juni 2021, 09:38
  8. Vor vielen Jahren habe ich mich malend und sehend mit dem Mandala beschäftigt, noch bevor der Mandalaboom eintrat. Für mich gehört die Spirale auch dazu. Ich male sie heute noch gern als Verzierung in Varianten auf handgeschriebene Post. Die Spirale symbolisiert für mich einen dynamischen Kreis, ich mag sie sehr. In der Natur ist sie, zu meiner Freude, wirklich oft vertreten.

    ..grüßt Syntaxia

    Verfasst von o)~mm | 25. Juni 2021, 21:58
    • Viele Dank für deine Ausführungen, die einmal mehr bestätigen, dass wir von spiraligen Formen angezogen werden. In der Kindheit haben wir oft ein Spiel gespielt, bei dem man sich in einer mit einem Stock auf die Straße (nicht asphaltiert) gezeichneten Spirale nach bestimmten Regeln (die ich nicht mehr erinnere) fortbewegen musste, um auf diese Weise ins Innere der Spirale zu gelangen. Ich war fasziniert von der Form und der dadurch erzwungenen Bewegung… Die Spirale scheint etwas Archetypisches an sich zu haben. Gruß, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Juni 2021, 09:25
      • Ja, genau, ich glaube auch, das sie archetypische Wurzeln hat. C.G Jung hat sich bestimmt damit beschäftigt, wie mit den Mandalas auch. Allerdings habe ich nicht alles gelesen.

        …grüßt Syntaxia

        Verfasst von o)~mm | 27. Juni 2021, 14:36
      • Es ist lange her, dass ich etwas von C.G. Jung gelesen habe. Die Spirale gehört jedenfalls zu den Archetypen der Bwegung; man denke nur an Wirbel, Strudel, Tornados… Gruß, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Juni 2021, 16:41

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