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Physik im Alltag und Naturphänomene, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Der vornehme Schein eines Käfers

Auf diesen grün-blau irisierenden Grünen Scheinbockkäfer (Oedemera nobilis) stieß ich, als ich mir das Innere von Mohnblüten ansehen wollte. In einer Körpergröße von 12 mm und ebenso langen Fühlern strahlte er mir seine Strukturfarben entgegen. Diese Farben werden nicht durch Pigmente hervorgerufen, sondern entstehen durch einen „Eingriff“ der nanometer feinen Strukturen des Panzers und der Deckflügel des Käfers, die aus durchsichtigen Chitinebenen bestehen. Die an den verschiedenen Ebenen reflektierten Lichtwellen überlagern sich im Auge des Betrachters und verstärken oder schwächen bestimmte Wellenlängen (Farben) des weißen Lichts, so dass der im Foto zu sehenden Farbton entsteht. Da sich die Lichtwege je nach der Einfallsrichtung ändern, sieht man aus verschiedenen Blickwinkeln leicht zwischen grün und blau changierende Farbtöne, was als Irisieren empfunden wird. (Ausführlicher wird die Farbentstehung für die Goldfliege beschrieben).
Die Deckflügel des Scheinbockkäfers verjüngen sich nach hinten hin und sehen aus wie die Frackschöße eines altertümlich gekleideten vornehmen Mannes. Dadurch wird die „scheinbare“ Eleganz des Tierchens ebenso unterstrichen wie die metallisch spiegelnden Knickerbocker. In der Welt der Insekten passen Frack und Knickerbocker offenbar zusammen. Der Schein im deutschen Namen des Käfers trifft also im doppelten Wortsinn zu: als farbiger Lichtschein und als das aufwändige Bemühen, durch ein raffiniertes Outfit (vulgo: Körperbau) den Schein zu wahren. Schön ist der Scheinbockkäfer trotzdem und sympatisch ebenfalls. Immerhin ließ er sich ohne Probleme ablichten.

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Der vornehme Schein eines Käfers

  1. Vielleicht werden sie selten Beute, da können sie auch einen aufdringlichen Fptografen gewähren lassen und fliehen nicht.
    Das „Irisieren“ hast Du schön thematisiert.
    Die Knickerbocker-Hinterbeine sind einfach prächtig.

    Verfasst von kopfundgestalt | 12. Juli 2021, 00:41
  2. Hand aufs Herz Joachim, das ist doch kein Insekt, sondern eine feine Brosche, die ich mir glatt an den Hut stecken würde, wenn ich denn Hüte trüge. Was die Natur doch hervorbringt. Immer wieder kann ich nur staunen. Danke fürs Zeigen. Ich werde das Tierchen heimlich in Steinbockkäfer umbenennen, das entspricht dann meinem Sternkreiszeichen. Liebe Grüße Marie

    Verfasst von mmandarin | 12. Juli 2021, 16:04
    • Vielen Dank, liebe Marie! Ich war auch fasziniert von dieser schönen Kreatur der Natur, die beim Ändern des Blickwinkels auch noch in der Farbe schwankte. Es war ein Zufallsfund, denn normalerweise gehe ich kaum auf Insektenfotojagd. Beim Namen werden sich die Linnés sicher verschrieben haben – statt „Stein“ „Schein“. Liebe Grüße und eine schöne Woche, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Juli 2021, 16:42

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