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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Gelb am Abend

Gestern Abend als es schön dämmerte fielen mir die farbkräftigen Blüten der Goldrute durch ihr intensives, die anderen Farben dominierendes Gelb auf. Es war als würden sie von innen leuchten. Der Blauschimmer des Himmels kann im Unterschied zu den meisten anderen Farben dem Gelb nichts anhaben, weil offenbar der vergleichsweise starke Blauanteil im Abendlicht von den gelben Blüten absorbiert wird. Denn Gelb ist die Komplementärfarbe von Blau, jedenfalls von diesem Blau. Um diese These zu überprüfen, habe ich das Foto in den Komplementärfarben daneben gestellt. Und siehe da, das Gelbe wird durch ein kräftigen Blau ersetzt. Und der unten links zu sehende Straßenabschnitt, der das Blau des Himmels besonders gut wiedergibt, nimmt stattdessen einen erstaunlich satten Gelbton an.

Diskussionen

10 Gedanken zu “Gelb am Abend

  1. Erstaunlicherweise wird das Grün zu Violet statt zu Rot und Gelb zu Blau obwohl die Komplementärfarbe von Gelb nicht Blau sondern Violet ist… Spannend !

    Verfasst von Myriade | 5. August 2021, 00:30
    • Da wir unter den Farben stets einen ganzen Bereich von Frequenzen verstehen, sind die Grenzen oft fließend. Schau dir mal die Grafik an rechts oben unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Komplement%C3%A4rfarbe
      an. Dort sieht man das sehr schön. Das Grün wird ja von dem Himmelsblau überlagert, das muss man mit einbeziehen. Entscheidend ist immer, dass sich Farbe und Komplentärfarbe zu Weiß vereinigen. Da unser Wahrnehmungssystem stets dazu tendiert, als überwiegende Farbe Weiß zu sehen, kommt es außerdem manchmal zu subjektiven Fehleinschätzungen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. August 2021, 09:13
      • Interessant! Ich dachte bisher, dass Ittens Modell diesbezüglich das Maß aller Dinge wäre, was ja offensichtlich doch nicht so ist. Vielen Dank für den Hinweis auf die Tendenz zum Weiß sehen und die Subjektivität so mancher Einschätzung.

        Verfasst von Myriade | 5. August 2021, 12:14
      • Ja, es gibt da zahlreiche Modelle, auch Goethe ist auf diesem Gebiet erfolgreich tätig gewesen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 5. August 2021, 13:21
  2. Da fällt mir direkt Rilkes blaue Hortensie eine:

    So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
    sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
    hinter den Blütendolden, die ein Blau
    nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

    Sie spiegeln es verweint und ungenau,
    als wollten sie es wiederum verlieren,
    und wie in alten blauen Briefpapieren
    ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

    Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
    Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
    wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

    Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
    in einer von den Dolden, und man sieht
    ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

    Rainer Maria Rilke, Juli 1906, Paris

    Verfasst von paulpeterheinz | 5. August 2021, 07:57
  3. Für mich ist bemerkenswert, dass das ins Blau invertierte Gelb sich so stark vom Hintergrund abhebt. Es wirkt außerdem sehr künstlich, fast wie das Akryll-Blau von Yves Klein, nur einen Schatten heller. Eigene Untersuchungen hatten mir nahegelegt anzunehmen, dass Gelb „nach vorne dringt“ und Blau „zurückweicht“. https://gerdakazakou.com/2016/05/14/farb-kraft-felder/

    Verfasst von gkazakou | 5. August 2021, 14:32
    • Die Sache ist ja auch eine sehr künstliche Angelegenheit. Nie würde man so etwas in der Natur sehen, vielleicht auf einem Gemälde. Der Eindruck, dass Gelb „nach vorne dringt“, war ja gewissermaßen der Anlass für diesen Beitrag. Dass einem das Blau auf den im abendlichen Blau liegenden Pflanzen kaum auffällt, bestätigt ja deine These.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. August 2021, 15:18
  4. Ich bin etwas irritiert:
    „weil offenbar der vergleichsweise starke Blauanteil im Abendlicht von den gelben Blüten nicht absorbiert wird. “
    Mein bisheriges Verständnis war, dass grüne Blätter deshalb grün sind, weil sie alle anderen Spektral-Farben des Sonnenlichts schlucken/verwerten, nur das Grün nicht. Das werfen sie zurück oder lassen es übrig.
    Somit müssten ja die gelben Blüten am Abend blau sein.

    Verfasst von kopfundgestalt | 5. August 2021, 16:04
    • Vielen Dank, Gerhard, das „nicht“ gehört da nicht hin. Wer weiß, wie es dahinkam? Du hast völlig Recht, auch die Blüte ist deshalb gelb, weil sie alles andere, vor allem Blau absorbiert. Ich hatte mal einen Mathelehrer, der sagte immer, wenn er bei einem Fehler ertappt wurde: Ich wollte ja nur mal sehen, ob ihr es merkt. Das tue ich jetzt nicht, sondern zolle dir hiermit mein großes Kompliment für das sorgfältige Durchlesen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. August 2021, 21:42

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