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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Viskoses Verästeln in Physik und Kunst

Im Rahmen der nichtlinearen Physik stehen oft Experimente im Vordergrund, die im weitesten Sinne mit Strukturbildung zu tun haben. Diese Strukturen und ihre dynamischen Veränderungen sind oft von großem ästhetischem Reiz. Lange bevor im heutigen Sinne von nichtlinearer Physik die Rede war, haben Künstler wie etwa Max Ernst bestimmte Maltechniken benutzt, die heute im Rahmen der nichtlinearen Physik von Interesse sind.

Max Ernst nutzt beispielsweise die Bildung von fraktalen Formen durch die Décalcomanie genannte Technik, bei der er mit einem Pinsel Deckfarben auf einem Blatt Papier verteilt, ein zweites Blatt auf die frische Farbe legt und dann beide Blätter trennt, indem er sie vorsichtig auseinanderzieht. Die dadurch entstandenen Zufallsgebilde, die Assoziationen von Felsen, Wasser- und Korallenlandschaften wachrufen, werden von Ernst gezielt eingesetzt, um das schöpferische Potenzial des Unbewussten fruchtbar zu machen. Diese Art der Formfindung kann als konsequente Umsetzung der surrealistischen „écriture automatique“ in der Malerei angesehen werden. Allerdings half der Maler dem Zufall etwas nach, indem er die natürlicherweise entstandenen Strukturen der künstlerischen Absicht entsprechend in entscheidenden Details veränderte.

Derartige fraktale Gebilde kann man genießen, man kann sich aber auch dadurch motivieren lassen, ihr Zustandekommen verstehen zu wollen. Denn es sind einfache, aber nichtlineare Mechanismen, die dieser Strukturbildung zugrunde liegen.
Für eigene Experimente besonders geeignet sind Overheadfolien. Dazu bekleckst man die Folie z.B. mit Öl- oder Akrylfarbe. Man kann sie aber auch weiter künstlerisch gestalten. Anschließend legt man vorsichtig eine zweite Folie darüber und presst beide sorgfältig zusammen, sodass keine Luft mehr zwischen ihnen eingeschlassen ist. Anschließend zieht man die obere Folie wieder ab. Da die Natur sich gegen ein Vakuum sträubt, ist das nur möglich, wenn von den sich trennenden Rändern der Folien her Luft eindringt. Dabei muss sie die dickflüssige Farbe verdrängen. Wenn aber ein Fluid, hier die Luft, ein dickflüssigeres (viskoses) Fluid (hier die Farbe) verdrängt, dann geschieht dies nicht auf breiter Front, sondern erfolgt durch viskoses Verästeln. Die dadurch entstehende fraktale Struktur macht den Reiz des entstehenden Bildes aus, die auch Max Ernst und andere zu schätzen wussten.

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Diskussionen

18 Gedanken zu “Viskoses Verästeln in Physik und Kunst

  1. Lieber Joachim, das war einmal mehr eine Stunde der Physik bei dir, die mir Welten öffnete.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 15. Oktober 2021, 00:52
  2. Guten Morgen, Joachim,
    Ich habe mit Monotypien angeregt durch Max Ernst experimentiert. Es ist nicht meine Technik, ist sie mir doch zu „Zufallgesteuert“.
    Einen schönen Tag von Susanne

    Verfasst von Susanne Haun | 15. Oktober 2021, 06:37
    • Guten Morgen, Susanne,
      du hast natürlich Recht, der Zufall spielt hier eine entscheidende Rolle und die Hervorbringungen steuern in starkem Maße auch das, was die KünstlerInnen daraus machen. Es war halt eine Zeit in der das angesagt war. Ich kann mir deine Kunst auch nur sehr schwer in Verbindung derart starker Einwirkungen des Zufalls vorstellen.
      Auch dir einen schönen Tag, Joachim

      Verfasst von Joachim Schlichting | 15. Oktober 2021, 11:35
  3. Hier machst du mir (mal wieder) bewusst, wie allgegenwärtig die Physik ist. Natürlich wirkt sie auch in der Kunst, und ein Mensch mit so universalem Blick wie du kann davon überzeugen, dass diese Wissenschaft wahrhaft interdisziplinär ist.
    Wie sind denn die beiden Beitragsbilder zustandegekommen? Sie wirken nicht wie die durch die beschriebenen Techniken entstanden. Aber vielleicht fehlen mir da Erfahrungen. Das werde ich nachholen 😉.

    Verfasst von Ule Rolff | 15. Oktober 2021, 08:53
    • Danke, liebe Ule. Die beiden Bilder sind total zufallsgesteuert. Sie stammen aus einer Sammlung, die ich als Beispiele für einen Kurs „Physik und Kunst“ im Schnelldurchlauf angefertigt habe: Einen Klecks Farbe auf eine Overhead Folie, manchmal noch einen Tupfer einer weiteren Farbe und dann eine zweite Folie darüber. Mit dem mehr oder weniger schnellen Auseinanderziehen der Folien entstehen dann zwei komplementäre Zufallsgebilde. Auf einen passenden Hintergrund gelegt, entsteht dann das „Kunstwerk“. Viel Spaß beim Ausprobieren!

      Verfasst von Joachim Schlichting | 15. Oktober 2021, 12:03
      • Bin schon dabei. Da ich die Versuche mit Aquarellfarbe mache, habe ich die Pigmente in Kleister gerührt: funktioniert! Auch klasse, um es über eine getrocknete Aquarellzeichnung als Hintergrundstruktur zu drucken. Oder eine Basisstruktur herzustellen für eine Tuschezeichnung ….

        Verfasst von Ule Rolff | 15. Oktober 2021, 12:57
      • Das sind ja echt kreative Erweiterungen. Vielleicht sieht man j mal ein Ergebnis…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 15. Oktober 2021, 14:50
      • Ich bin wohl zur Zeit wieder sehr zum realen Machen orientiert (und mal wieder auf zu vielen Hochzeiten unterwegs); das mindert meine Lust den PC einzuschalten. Aber vielleicht krieg ich in den nächsten Tagen mal die Kurve …

        Verfasst von Ule Rolff | 15. Oktober 2021, 16:32
  4. Max Ernst ist ein besonderer.
    In den Augen vieler.
    Selbst ein Freund, der sich wenig mit Kunst beschäftigt, hat einen großformatigen Nachdruck des Vogels Loplop.
    Seine dschungelartigen, teils mit Décalcomanie gewonnenen Gemälde sind schon besonders. Immer noch, denke ich.
    Bei einer Tour de Force, einem Museumssturm in 6 Tagen, suchten wir zunächst das Max Ernst Museum in Brühl auf, um dann fortzuschreiten.
    15 – 20 Jahre zuvor war ich auch in seinem ehemaligen Wohnort Sedona in Arizona, dies aber zufällig, aber mit vollem Bewusstsein.

    Verfasst von kopfundgestalt | 15. Oktober 2021, 18:42
  5. Auch ich bin fasziniert von diesen Zusallsstrukturen und habe eine zeitlang mit Bildschöpfungen im Medium Eitempera experimentiert. Der menschlich-kreative Faktor bestand für mich in der Betrachtung und letztlichen Auswahl dessen, was da in immer neuen Varianten entstand. Manche Gebilde riefen spontane Assoziationen an organische Lebewesen hervor, und immer spannend war der Moment des Abziehens der aufeinander gepressten Papiere (oder Folien). Danke für die Erklärung des zugrundeliegenden Phänomens!

    Verfasst von derdilettant | 15. Oktober 2021, 18:50
  6. Hier war die Kunst der Physik wieder einmal voraus 😉

    Verfasst von Joachim Schlichting | 15. Oktober 2021, 20:54
  7. Auch von mir ein Dankeschön für die schönen Beispiele unddiephysikalischeErklärungeines Phänomens, das ich, wieso viele andere hier Kommentierende, auch schon beobachtet und künstlerisch zu nutzen versucht habe. Hier ein Beispiel mit dem drei Tage alten Will.i, Akryll (oder Tempera?) auf Glas.https://gerdakazakou.com/2021/01/03/kunst-am-sonntag-willi-will-selbermachen-3-januar-2021/

    Verfasst von gkazakou | 15. Oktober 2021, 23:04

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  1. Pingback: Bäume im Baum | Die Welt physikalisch gesehen - 22. November 2021

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