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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Verlorene Schuhe

Schuhe assoziiert man nicht gerade mit großer Höhe, vermitteln sie doch normalerweise den Kontakt der meisten Menschen mit dem Boden. Umso erstaunter war ich als mein Blick auf ein Paar Schuhe fiel, das offenbar die Bodenhaftung verloren hatte und in großer Höhe auf einer über die Straße gespannten Stromleitung balancierte. Interessant ist daran nicht nur, warum und in welchem Zusammenhang (nach dem Zweck will ich gar nicht erst fragen) jemand das Kunststück vollbracht hat, die Schuhe – auch wenn es nur Latschen sind – auf diese nicht gerade übliche Weise zu präsentieren oder gar zu entsorgen, denn mit vertretbarem Aufwand wird man sie von dort nicht wieder in normale Reichweite bringen.
Ist schon die Hinaufbeförderung und Fixierung eine nicht gerade einfache Aktion, so dürften mit alltäglichen Mitteln versuchte Rückführungsaktionen ziemlich aussichtslos sein. Denn das Schuhpaar baumelt hier in einer ziemlich stabilen Position.
Und hier beginnt die Physik im engeren Sinn: Durch das Zusammenbinden hat man zum einen erreicht, dass die Schuhe, wenn sie denn den gespannten Draht in geeigneter Weise treffen, überhaupt eine Möglichkeit haben, hängen zu bleiben – genauso wie sie es auf dem Foto tun und das seit langem. Da sie beide die gleiche Masse haben – Links- und Rechtsvertauschung ändert die Masse nicht – ziehen beide mit derselben Kraft am Seil. Die Reibungskraft des Bandes* mit der gespannten Leitung ist proportional zur Masse der beiden Schuhe und zudem infolge der Krümmung besonders groß, sodass weder ein starker Wind noch gezielte Steinwürfe dem etwas anhaben können. Es sei den man schaffte es, einen Gegenstand ausreichender Masse so stark zu beschleunigen und so präzise zu zielen, dass in dieser Höhe einer der Schuhe genügend angehoben und damit das Kräftegleichgewicht kurzzeitig aufgehoben würde.
Ich will nicht ausschließen, dass dies mit viel Übung und Geschick möglich wäre – aber wann sollte das in einer belebten Straße geschehen?
Das Hinaufbefördern ist hingegen einfacher, wenn auch nicht einfach. Man gibt dem zusammenhängenden Schuhpaar einen gehörigen Drall, wodurch sich wegen der Trägheit der Schuhe das sie verbindede Seil spannen und das System rotierend mit der Leitung zusammentreffen würden. Dabei käme es dann zur Umschlingung und der damit verbundenen Fixierung der Schuhe.
Aber auch dazu gehört Übung – oder Glück?, sodass die nach dieser Überlegung noch mehr als beim ersten Blick zu bestaunende „Installation“ nach wie vor einen Teil ihres Geheimnisses bewahrt.

Zusatz: Inzwischen habe ich von einem Freund den Hinweis auf einen englischsprachigen Wikipedia-Artikel erhalten (https://en.wikipedia.org/wiki/Shoe_tossing). Demnach handelt es sich beim Schuhewerfen offenbar um einen Sport. Shoe-tossing, auch Shoefiti nennt man diese Beschäftigung, bei der ein Paar geschnürte Schuhe auf hohe Drähte (z. B. Telefondrähte und Stromleitungen) oder auf Äste geworfen wird. Shoe-Tossing kommt in Nordamerika, Lateinamerika, Europa, Australien, Neuseeland und Südafrika sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten vor. Oft handelt es sich bei den Schuhen um Turnschuhe. In unserem Fall waren es einfache Latschen. Ich sah es allerdings erst zweimal.


* Es handelt sich offenbar nicht um Schnürsenkel, die noch eine ganz andere physikalische Problematik ins Spiel brächten.

Diskussionen

29 Gedanken zu “Verlorene Schuhe

  1. Airart…die nächste Sphäre nach landart und waterart.
    Wobei mit waterart die plastikozeane zu meinen sind.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. November 2021, 00:52
  2. da wollte einer hoch hinaus, kippte aber aus den Latschen. Viellleicht ist dies eine Reklame für festes Schuhwerk bei Alpenbesteigungen?

    Verfasst von gkazakou | 25. November 2021, 01:04
    • Vielleicht sollte hier auch nur gezeigt werde, dass anders als man es kennt, „hoch hinaus“ manchmal leichter zu haben ist, als wieder herunter zu kommen. Unsere Katze könnte das bestätigen. Sie musste mehrere Male von mir von einem hohen Baum gerettet werden, auf den sie ohne Probleme hochgeklettert war…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. November 2021, 10:31
  3. Ist hier etwa ein Mensch gespannt und hängt an ihm aneinander gebunden ein Tier und ein Übermensch, wahlweise ein korrekter Seiltänzer und ein bunter Possenreißer? In jedem Fall zwei Gegenüber-Kräfte in sorgsam ausbalancierter Kunst. Wollen Seil und Schuhe Mahnung, Beispiel, Vorbild sein? Oder war das ganze einfach nur ein Irrtum? War es hohe Kunst? Was war es, das so hoch zielen ließ? Nur so strittig-vereint kamen und blieben sie wohl so hoch das niemand sie so leicht abwerfen kann. So souverän, um als Fragezeichenprovokateur zu dienen.
    Wer stellt die Fragen, wer gibt hochhaltende Antworten?

    Verfasst von paulpeterheinz | 25. November 2021, 06:45
    • Vielleicht wollte der Täter/Künstler auch nur die Aufmerksamkeit, die ihm nunmehr durch uns widerfährt…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 25. November 2021, 10:15
      • Mir hat zur Schulzeit mal ein Mitschüler die Mütze vom Kopf gezogen und unerreichbar in einen Baum geworfen.
        Vielleicht war das mit den Schuhen ebenso. Aber immerhin haben sich die Physik und die wilde Spekutlation, also „hochbezahlte“ Personen um ungelegte Eier gekümmert. So so so….

        Verfasst von paulpeterheinz | 25. November 2021, 16:43
      • Inzwischen weiß ich, dass es sich um einen Sport handelt, ähnlich wie Grafiti (shoefiti). Ich habe eine entsprechende Ergänzung in dem Beitrag gemacht. Wenn du mit „ungelegte Eier“ gegen meine Leidenschaft für Natur- und Alltagsphänomene sticheln möchtest, gibt es weitaus irrelevantere Dinge…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 25. November 2021, 21:00
      • Nicht im Ganzen, überhaupt nicht, aber -Du konntest es ja nicht ahnen- meine Bemerkung zu den Schuhen stammte aus einem ernsten Impuls und dann hat mich Deine Bemerkung „Vielleicht wollte der Täter/Künstler auch nur die Aufmerksamkeit, die ihm nunmehr durch uns widerfährt“ ebenfalls als eine „Stichelei“ erwischt. Sorry!! .…

        Verfasst von paulpeterheinz | 26. November 2021, 04:45
      • Alles gut, Sticheleien befördern die Kreativität. Ähnliches hat, wenn ich mich recht erinnere schon Georg Christoph Lichtenberg geäußert…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 26. November 2021, 09:54
  4. Auf dem Weg in den Himmel hängen geblieben, im Sinne von „walking to the moon“
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Verfasst von Ulli | 25. November 2021, 08:37
  5. Man kann hier nur auf die Porosität der Schnüre hoffen und auf einen kräftigen Sturm. Ansonsten empfehle ich eine elektrisch betriebene Drehleiter und eine hilfreiche Person der Stadtverwaltung.

    Verfasst von tinderness | 25. November 2021, 11:21
  6. Noch nicht lange her, da haben wir hier auch ein Paar auf einer Stromleitung entdeckt und uns gefragt, wie lange der Werfer wohl beschäftigt war.

    ..grüßt Syntaxia

    Verfasst von bohlmeise | 28. November 2021, 14:49
    • In flagranti habe ich auch noch niemanden dabei gesehen. Wie ich durch einen Kommentar erfuhr, scheint das ja ein richtiger Sport zu sein und da wird es dann wohl einige schöne Tricks geben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 28. November 2021, 16:00
      • Als Kind habe ich Drachen gemocht. Selber gebaut und steigen lassen. Je höher, je weiter, umso besser. Einmal hatte ich einen besonders schönen Drachen und er stand ausgefallen hoch. Stolz wollte ich es den Eltern zeigen und sie überraschen. Dazu musste ich vom Stoppelfeld aus eine Straße überqueren, über die eine Stromleitung verlief. Mit aller Kraft nahm ich den noch aufgewickelten Rest der Drachenschnur in die eine Hand, den Rest in die andere und versuchte den Knäul über die Stromleitung zu werfen. Damals waren dort drei oder vier paralell gespannt. Dann plötzlich verfingt sich der Drachenknäul zwischen der zweiten und dritten Leitung und ich ließ vor lauter Schreck die Schnüre los. Der Wind zog mächtig so das die Leitungen nun aneinander gerieten und Flammen schlugen. Zum Glück wohnte der Experte des Stromanbieters in der Nähe und kam mit einer Aufstellleiter und schnitt die Schnüre durch und den Drachen frei. Ich kam damals mit einem erhobenen Zeigefinger davon. Heute würde das Geld und Anzeigen kosten…

        Verfasst von paulpeterheinz | 28. November 2021, 16:15
      • Einerseits zeigt deine Geschicht einmal mehr, wie tückisch es ist, etwas über Stromleitungen zu werfen, deren Entfernung einerseit und die Wurffähigkeiten andererseits weder einzeln noch erst recht im Zusammenspiel richtig einzuschätzen sind. Offenbar kann man es aber üben…
        Zum anderen erinnert mich deine Geschichte an das eigene Drachensteigen lassen und eine Rettungsaktion meines in einem hohen Baum gelandeten Drachens. Die ganze Nachbarschaft half mit Leitern und waghalsigen Kletteraktionen meinen Drachen zu retten. Heute würde man sich einfach einen neuen kaufen. Ja, die Zeiten haben sich geändert…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. November 2021, 20:27
      • :-))

        Verfasst von paulpeterheinz | 28. November 2021, 21:44

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