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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Dämmerung – Zeit der großen Gedanken

Ja, die Dämmerung- der Augenblick des planetarischen Schattens – ist die Zeit, in der man großen Gedanken am wahrscheinlichsten begegnen kann. Wegen irgendeines Machtkampfs zwischen den Zapfen und Stäbchen der Netzhaut, der mit dem Nahen der Dunkelheit ausbricht, gibt es ungefähr eine Viertelstunde, in der die Farben, wenngleich weniger deutlich, ungeheuer pigmentiert erscheinen und die wichtigen Dinge, Gesichter und insbesondere die Zähne eines Lächelns, zu Quellen warmen Lichts werden; genau dann können große Gedanken am besten dabei beobachtet werden, wie sie über ihre düsteren Veranden schlendern und aus ihren Kodizes rezitieren.*

Außerdem kann man drei Tage vor dem Jahreswechsel durchaus schon mal anfangen, sich große Gedanken für das Neue Jahr zu machen, auch wenn man angesichts der Einschränkungen durch Corona meinen könnte, es lohne sich nicht, sich groß Gedanken zu machen.


* Nicholson Baker. U&I. Wie groß sind die Gedanken. Reinbek 1999, S.222

Diskussionen

23 Gedanken zu “Dämmerung – Zeit der großen Gedanken

  1. Stimmt, das mit den großen Gedanken. Aber etwas kleinere kann man sich wohl machen…
    Gruß von Sonja

    Verfasst von wildgans | 28. Dezember 2021, 00:05
  2. Menschen haben sich immer Gedanken gemacht, dafür braucht es keinen geeigneten Rahmen.
    Der dritte Buchstabe des Alphabets, den du ansprichst, kündet doch nur davon, dass die Hybris des Menschen wohl ihr Ende finden wird oder schwingt sie sich vielleicht alsbald noch höher?
    Ein Vernunftwesen war der Mensch nie. Das klappt nicht. Mit seinem Steinzeit-Gehirn steht er ziemlich blank da. Insofern muss man Milde walten lassen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 28. Dezember 2021, 00:14
    • Man kommt allerdings nicht aus dem Zirkel heraus, als Mensch (mit Steinzeitgehirn) über eben diesen Menschen ein objektives Urteil zu fällen…

      Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 10:53
      • Was ist denn dann eigentlich „objektiv“? 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 28. Dezember 2021, 11:07
      • Das ist eine gute Frage. Der Mensch kann offenbar immer nur einen Teil seines Denkens abspalten, um über den anderen Teil nachzudenken. Über sich selbst nachzudenken, kann nicht anders als zirkulär sein. Aber wir haben nichts Besseres. Das wurde auch schon von den alten Philosophen und Religionsstiftern erkannt, indem sie kurzerhand die „Großen Gedanken“ als den Menschen von Gott übergeben ausgaben (siehe z.B. die Aussagen in derBibel) . Da Gott bzw. die Götter außerhalb und über der menschlichen Sphäre agieren, ist das für die Menschen das Objektive.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 11:58
      • Ausserhalb der menschlichen Sphäre kann es aber im Grunde nichts geben. Das ist wie eine Vorstellung zu haben ohne eine Vorstellung.

        Verfasst von kopfundgestalt | 28. Dezember 2021, 16:34
      • Naja, es gibt schon Menschen, die an ein höheres Wesen glauben, das den Überblick hat und alles was ist gemacht hat. Auch wenn es für Philosophen wohl nur eine Hilfsvorstellung ist. Physiker glauben an die Absolutheit der Naturgesetze, die allerdings auch nicht vom Himmel gefallen sind.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 16:46
      • Ich denke eigentlich zum 1. Mal über diese Ding etwas näher nach, hier.
        Wenn jemand einen Tisch gebaut hat, fragt man nach dem Schreiner dazu. Weil der Tisch hier auf Erden entstanden ist.
        Aber ausserhalb von uns sind alle Fragen sinnlos, weil dort ja überhaupt nichts gilt, was hier auf Erden gilt… keine Ursache, keine Wirkung.

        Verfasst von kopfundgestalt | 28. Dezember 2021, 17:45
      • Ursache und Wirkung sind ja auch menschliche Hervorbringungen. Und der Mensch sucht natürlich auch außerhalb seiner Selbst nach solchen Zusammenhängen. Mit Recht, denn nur so kann er die Komplexität da draußen auf ein für ihn verdauliches Maß reduzieren.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 19:30
      • Was ist Objektiv, gibt es etwas außerhalb der menschlichen Sphäre? Ein Vernunftwesen war der Mensch nie…
        Man, das sind aber geballte Fragen, die immer noch auf eine Antwort warten.

        Schau mal unter „Kontingenz“ nach…:
        „Selbst die Wahrnehmung der Welt ist kontingent, ein Individuum kann also beispielsweise den Wald so, aber auch anders wahrnehmen: Einer wird das zu verarbeitende Holz und den Gewinn daraus wahrnehmen, ein anderer die Idylle und das Vogelgezwitscher. Keiner kann von sich behaupten, seine Wahrnehmung sei die einzig mögliche und richtige. Und keiner kann sicher voraussehen, wie der andere diesen Wald nun wahrnimmt aufgrund der Kontingenz des anderen.“

        Das Objektive ist in Verruf geraten, seit feststeht, dass „das Auge des Betrachters“, „die Sprache des Beschreibers“, die „Interessen des Sprechers“ usw. unterschlagen wurden und nun ins Spiel gekommen sind. Alleine die Sprache: das Gemeinte ist nicht das Gesagte, das Gesagte nicht das Gemeinte…
        Oder in der Naturwissenschaft: Da kommt es auch auf die Versuchsanordnung an..

        Gestern wurde ein Vertreter der NASA zitiert: „Beim ersten Mondflug wussten wir vieles nicht.“ Sie waren also „Objektiv halb wissend“?
        Aber der Mensch ist ja „nicht nur xyz“.
        Er ist vieles gleichzeitig: vernünftig-riskant, freundlich-feindlich, geplant- kreativ, brutal-einfühlsam, stetig-flexibel.

        Das einzige, was m.E. nicht hinterfragt, also für dich Objektiv ist, aber auch nur schwer nachzuweisen ist, das ist:
        Dein Gefühl, dein Leib der dir Schmerzen oder Glück ansagt, die aber nur Du beurteilen kannst. Dahinter kann man nicht zurück. Sage ich…subjektiv … Andere sagen doch: mit Experimenten, Messgeräten..oder Gott.

        Verfasst von paulpeterheinz | 28. Dezember 2021, 18:12
      • „Ein Vernunftwesen war der Mensch nie… “
        Das beurteilt hier gerade ein Mensch, der für sich in Anspruch nimmt, ein Vernunftwesen zu sein. Und schon sitzt man wieder in dem Zirkel.
        Noch weiter reduziert ist man dann wieder bei Descartes „Cogito ergo sum“ .

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 19:41
      • Meine erste Zeil war nur eine Wiederholung von Gerhard ..wegen der Zuordnung…

        Verfasst von paulpeterheinz | 29. Dezember 2021, 13:19
      • Ja, war mir wohl bewusst. Da eure Kommentare sich manchmal aufeinander beziehen, wollte ich diesen Aspekt nocheinal besonders hervorheben. Dinge die mich überzeugen, wiederhole ich meist nicht noch mal…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. Dezember 2021, 14:03
  3. Ja, das ist schon eine Sache mit den „großen Gedanken“ Sie drängen sich unweigerlich auf. Es ist schon eine besondere Zeit. Liebe Grüße Marie

    Verfasst von mmandarin | 28. Dezember 2021, 06:30
  4. Aus Nietzsches Zarathrustra:
    Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch,
    ein Augen-Blick – Wenig macht die Art des besten Glücks. Still!
    – Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht – horch! in
    den Brunnen der Ewigkeit?
    – Was geschieht mir? Still! Es sticht mich – wehe – in’s Herz? In’s Herz! Oh zerbrich, zerbrich,
    Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!
    – Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des goldenen runden Reifs –
    wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!
    Still – – (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er schlafe.)
    Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer! Wohlan, wohlauf, ihr alten
    Beine! Zeit ist’s und Überzeit, manch gut Stück Wegs blieb euch noch zurück –

    Der Mensch lebt zwar unter der „Diktatur“ der Augenblicke die auch von unumgänglichen Entscheidungen besetzt sind. Aber wir bleiben“ nicht im Augenblick obwohl wir möchten. Wir wollen, müssen „über“ ihn hinaus. Auch der Meditierende ZEN Meister meditiert ja „um zu…“.

    Zur Aussicht auf das nächste Jahr:
    Gestern „trafen“ mich zwei Dinge nochmals besonders:
    Ein Gespräch auf dem roten Sofa der Sendung DAS / NDR mit der Direktorin des Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, Prof. Antje Boetius. Dort ging es u.a. um die noch immer unkartierten und unerforschten Meerstiefen am/um den Nordpolund das Manganknollen für nur 2% Anteil seltenen Erden abgeerntet werden könnten. Ein weiterer „Naturraub“ und eine Natur(zer)störung durch den Menschen.

    Und ein Bericht in der Sendung über das James-Webb-Teleskop das laut Betreiberangaben rund 30 Jahre lang entwickelt wurde und etwa 10 Milliarden Dollar (8,8 Milliarden Euro) kostet. Es übersteigt die Leistungsfähigkeit des bekannten Hubble-Teleskops um ein Vielfaches. Wissenschaftler erhoffen sich von den Aufnahmen des James-Webb-Teleskops unter anderem Erkenntnisse über die Zeit nach dem Urknall vor rund 13,8 Milliarden Jahren.
    „An Bord dieser Rakete sind die Hoffnungen und Träume von Zehntausenden Wissenschaftlern, die von den Erkenntnissen dieser Mission profitieren werden“ sagte NASA-Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen.

    Beides erzeugte in mir folgendes Bild:
    Der Mensch ist und bleibt unruhig, klar. Aber er ist auch ein „All in One“: SorgenvollSorgenlos, ÄngstlichFrivol, ÜbersattUnersättlich. Unten bekommt er kalte Füße, die Beine wollen immer laufen, in der Mitte der Leib mit Zeugungsdrang und nimmersattem Magen, weiter oben der nimmersatte unruhige Mund der aufnimmt und Ausspukt, darüber der nie ruhige Kopf mit seiner Schaltzentrale, nach hinten Schultern und Rücken, die zu schmal sind für die Schwere der Welt die er aber überläd und weiter unten die Ausscheidungen. Alles was reingeht muss auch überweigend wieder raus. Alles usponnen von den klugen, autonomen Sinnen, Nerven und Muskeln.
    Wie soll so eine Maschine – kombiniert mit den o.a. zwei Ereignissen von denen es täglich hunderte gibt-zurückschalten?
    Im nächste Jahr wird „er“ also alles weiter so treiben. Wenn wir Glück haben, fällt eine Brotkrumen für den Umweltschutz und fürs Klima ab. Dazu müssten aber vorher alle Arten ausgestorben sein und die Hitzeperioden afrikanische Verhätnisse angenommen haben. Damit rechne ich im nächsten Jahr noch nicht.

    Dazu noch ein Songtext:
    Ein Jahr (Es geht voran)
    von der Band „Fehlfarben“

    Keine Atempause
    Geschichte wird gemacht
    Es geht voran!

    Spacelabs fall’n auf Inseln
    Vergessen macht sich breit
    Es geht voran!

    Berge explodieren
    Schuld hat der Präsident
    Es geht voran!

    Graue B-Film Helden
    Regieren bald die Welt
    Es geht voran

    Verfasst von paulpeterheinz | 28. Dezember 2021, 07:55
    • Eine schöne Zusammenstellung „Großer Gedanken“! Typisch und sinnbildlich erscheint mir das Nachfolge-Hubbel-Projekt: Statt sich der (bedrohten) Zukunft unseres Planeten zuzuwenden versteigt man sich in die vermeintliche Vergangenheit des Kosmos – das sind die nach hinten gerichteten Großen Gedanken.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 11:48
      • Genau das stört mich auch daran so gewaltig. Da wird sich beklagt, dass die neue Regierung den Klimawandel „so teuer macht“ und hinten herum wurde das notwendige Geld bereits für „nach hinten gerichtete Großprojekte“ ausgegeben.

        Ich gehe gleich in den Garten und schaue den Pflanzen beim Überwintern in der +10grad warmen „Wintereifel“ zu.
        Vielleicht blüht ja bald mein Olvienbaum….

        Verfasst von paulpeterheinz | 28. Dezember 2021, 12:11
      • „Wohl gesprochen“, erwiderte Candid, „allein es gilt, unseren Garten zu bebauen“.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Dezember 2021, 12:38
  5. Auch Zeit der blauen Stunde für Fotografen
    Danke für deine inspirierenden Worte und Zeilen

    Verfasst von ꜼƢAMAɠYÑIC🌐 | 28. Dezember 2021, 17:08
  6. Ein wunderschönes Panorama!

    Verfasst von Seelengedicht | 29. Dezember 2021, 09:11

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