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Physik im Alltag und Naturphänomene

Selbstaufzeichnung von Schmutzbahnen

Eine unangenehme Eigenschaft von Schmutz besteht darin, dass er oft ziemlich anhänglich ist. Er bleibt an den Schuhen, an den Reifen und fast an allem hängen, wenn er nicht aktiv daran gehindert wird. Schaut man sich Oldtimer-Autos an, so mag ja vieles an ihnen fehlen, aber Kotflügel findet man fast immer. Selbst die Pferdekutschen hatten bereits solche, auch wenn die „Flügel“ heute weniger vor Kot schützen als vor Dreck ganz allgemein. Dabei besteht dieser Dreck vor allem aus Staub, Erde, Sand, die mit Wasser vermengt eine klebrige Masse – Matsch – ergeben.
Die Ursache für diese Anhänglichkeit ist vor allem die Wasserliebe (Hydrophilie) des Straßendrecks einerseits und der Karosserie des Autos andererseits. Wenn man durch Matsch fährt, bleibt dieser zum Teil an den Reifen kleben. Das liegt daran, dass das Reifenmaterial ebenso wasserliebend ist wie der Dreck, der mit Wasser zusammen eine Art Kleister bildet.
Wenn sich die Reifen drehen, wird der anhaftende Schmutz ebenfalls auf die Rundreise geschickt. Aber nur bei kleinen Geschwindigkeit. Bei höherer Drehzahl, löst sich der Schmutz. Um das zu verstehen, müssen wir kurz auf den physikalischen Trägheitssatz zu sprechen kommen. Demnach bleibt ein Körper in Ruhe oder gleichförmiger Bewegung (bewegt sich also mit konstanter Geschwindigkeit geradeaus), wenn er durch keine Kraft daran gehindert wird. Der mit den Reifen in Bewegung gesetzte Schmutz wird auf eine Rundreise gezwungen. Das macht er aber nur solange mit, wie die Adhäsionskraft ausreicht, die Kraft mit der der Schmutz vom drehenden Reifen zum Zentrum der Drehbewegung gezogen wird, zu kompensieren. Da diese sogenannte Zentripetalkraft mit der Geschwindigkeit zunimmt, die Adhäsionskraft aber konstant ist, kommt es schließlich zur Trennung von Reifen und Schmutz. Auf diese Weise sich selbst überlassen bewegt sich der Schmutz geradlinig gleichförmig weiter und entfernt sich tangential vom Reifen. Die Kotflügel sind dazu da, den sich entfernenden Schmutz aufzufangen. Dabei kann es passieren, dass insbesondere bei Kurvenfahrten ein Teil streifend an der Karosserie entlang schleift und teilweise haften bleibt. Dadurch werden die geraden Bahnen gewissermaßen aufzeichnet (siehe Foto).
Genau genommen ist der Weg des frei gewordenen Schmutzes auch nicht ganz gerade und gleichförmig. Denn sobald er den Reifen verlassen hat, macht sich die Erdanziehungskraft bemerkbar, durch die er auf eine Bahn des schiefen Wurfs gezwungen wird. Aber diese Kraft ist vergleichsweise so gering, dass die Bahnkrümmung auf dem kurzen Weg bis zum Kotflügel nicht zu sehen wäre. Nur wenn der Kotflügel fehlte, würde der schräg nach oben startende Schmutz im hohen Bogen wieder zur Erde oder vorher auf andere Verkehrsteilnehmer zurückkommen. Dabei hätte er abermals Gelegenheit, seine Anhänglichkeit unter Beweis zu stellen.
Doch kaum einer interessiert sich für die spannende Geschichte des Schmutzes und die rühmliche Rolle, die ein Kotflügel spielt…

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Diskussionen

16 Gedanken zu “Selbstaufzeichnung von Schmutzbahnen

  1. Wer möchte heute noch daran erinnert werden, dass der dominierende Teil „der Menschheit“ 2500 Jahre lang dem Irrtum erlag, aus Staub und Atem geworden und als klebrige Masse aus einer fremden Hand geboren worden zu sein. Solch einen Irrtum verzeiht man sich nicht. Da ist es nur zu verständlich das der Schmutz die größte Verachtung erfährt. Die aus dem Boden schießenden Reinigungsprodukte für Körper, Kleidung, Wäsche, Auto, Haus und Hof sprechen eine beredte Sprache. Alles „Dreckvernichter“! Wer so richtig auf sich wütend ist, der neigt zum „Vernichter“, getarnt als „Modern-Rein“.

    Verfasst von paulpeterheinz | 19. Januar 2022, 06:40
  2. wo sonst kein mensch drauf schaut…der sinn des „kotflügels“ wird mir ein erstes mal bewusst…auch dinge dabei, die nicht zu sehen sind, aber trotzdem den ganzen schwung verdeutlichen…

    Verfasst von wildgans | 19. Januar 2022, 07:57
    • Bei modernen Fahrzeugen sind die Kotflügel kaum mehr in ihrer Aktion zu erkennen, heute wird alles was mit Kot und Dreck zu tun hat gerne versteckt, so als gäbe es das nicht. Manchmal wird man dann mit Spuren konfrontiert, die manche Leute – ich zähle mich dazu – zur Spurensuche animieren. 😉

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Januar 2022, 09:57
  3. Fazinierend! Du machst auch nem dreckigen Kotflügel eine Physikstunde. Und danke für das erklären warum das Teil so heißt. Das wusste ich vorher nicht.

    Verfasst von Uschi | 19. Januar 2022, 11:55
  4. Sehr erhellender, und unterhaltsam geschriebener Beitrag. Mich würde mal interessieren, warum es beim Fahhrad „Schutzblech“ heißt. Die Funktion dürfte doch dieselbe sein. Umfahren Radfahrer den Kot ohnehin, und müssen folglich nur allgemein geschützt werden?

    Verfasst von derdilettant | 19. Januar 2022, 17:35
    • Beim Auto, das ja zunächst als motorisierte Kutsche in den Straßen auftauchte, gab es keinen Grund die alte Bezeichnung aufzugeben. Das sehr viel später entstandene Fahrrad hatte diese Tradition nicht. Ich vermute daher, dass die Bezeichnungen weitgehend ohne Bezug auf die vierrädrigen Vehikel entstanden. So spricht man beim Fahrrad auch eher vom Lenker als vom Steuer.
      Ganz strickt ist die Differenzierung im Übrigen nicht. Denn auch beim Fahrrad wird manchmal von Kotflügel und beim Auto von Lenker gesprochen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Januar 2022, 18:38

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