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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Spuren im Sand

Vielleicht wollte die Sammlerin (des Sandes, HJS) sich gerade den Lärm der verzerrenden und aggressiven Sinneseindrücke vom Leibe halten, den konfusen Wind des Erlebten loswerden, um endlich die sandförmige Substanz aller Dinge für sich zu haben, die Kieselstruktur des Seins zu berühren. Darum löst sie die Augen nicht von jenen Sänden, dringt mit dem Blick in eins jener Gläser ein, gräbt sich ihr Loch, versetzt sich hinein und liest die Myriaden von Nachrichten, die in einem Häufchen Sand stecken. Jedes Grau, das einmal in helle und dunkle, glitzernde und trübe, kugelförmige, polyedrische und flache Körnchen zerlegt worden ist, erscheint nicht mehr als grau oder beginnt überhaupt erst, uns begreiflich zu machen, was eigentlich grau bedeutet.
Derart das Tagebuch der melancholischen (oder glücklichen!) Sandsammlerin entziffernd, frage ich mich am Ende, was eigentlich in jenem Sand der zahllosen Wörter geschrieben steht, die ich mein Leben lang aneinandergereiht habe, in jenem Sand, der mir jetzt so fern von den Stränden und Wüsten des Lebens erscheint. Vielleicht können wir, wenn wir den Sand als Sand und die Wörter als Wörter betrachten, ein wenig besser begreifen, wie und in welchem Maße die zermahlene und zerfallene Welt darin noch ein Fundament und Modell finden kann.
*


* Italo Calvino. Gesammelter Sand. Essays. München 1995, S. 13f

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Spuren im Sand

  1. Auch du ein Sandsammler. Wie viele feine Stücke hast du gesammelt und uns schon gezeigt … Dies ist wieder ein köstliches Kunstwerk.

    Verfasst von gkazakou | 27. Januar 2022, 00:37
  2. Jeder ein sorgend-sorgloser Protagonist im „Sandbuch“ (Louis Borges) seiner (un)endlichen versinkenden und anlandenden Geschichten. Alle zwischen einer Rettung durch eine kindliche Kaiserin und dem Kampf gegen den Sand-Sumpf der Hoffnungslosigkeit, in dem die Regieanweisungen, kaum gelesen, von der nächsten Welle aus Lebensdrang überspült werden. Darum halten manche ihre Kämpfe mit den Freibeutern und Ungeheuern aus Wahrheit, Lüge und Fantasie in Büchern fest. Alle in der Hoffnung, sie würden nie verwehen, oder wie in einer Flaschenpost in 500 Jahren von Ratsuchenden an Stränden gefunden und nützlich sein können. Wenn doch jeder nur früh genug wüsste, dass er ein selbst-repräsentativer Autor auf Zeit ist, der aus seinem eigenen unkopierbarem Wortschatz schöpft. Aber machte er daraus ein reales Buch, so liest auch der Leser doch nur sein eigenes darin. Immer noch scheint es nicht genug Bücher zu geben, weil wir auch im tausendsten Variationen von uns zu finden meinen. Seit es Bücher gibt, erfindet der Mensch sich fast mit jedem Buch neu. So könnte etwas dran sein an der Vermutung, wir seien als „die Modernen“ mehr und mehr die Spuren in den Schriftzügen anderen. Wir würden, wie Sand am Meer, sekündlich neu fort- und angespült, nur Figuren des Augenblicks. Haben wir nich längst einen unveröffentlichten Packt aus Verschwinden und Neuerfinden geschlossen?
    Ist dieser nicht schon Uralt und offensichtlich unser Fatum? Nicht wenige meinen, nur eine Welle könne vor diesem ewigen Hin und Her, diesem immer wieder neu anfangen noch retten. Aber auch mit ihr kommen doch immer nur oder hoffentlich neue Autoren. Was wäre statt dessen denkbar, wenn die Wellen sich für immer glätteten, der Sand verschwände, das Schriftband zerriss?

    Verfasst von paulpeterheinz | 27. Januar 2022, 08:11
  3. was eigentlich in jenem Sand der zahllosen Wörter geschrieben steht, die ich mein Leben lang aneinandergereiht habe…

    Könnte man diese Wörter darbieten gleich einem Feld an Sand, was könnte man darin lesen, welches Muster böte sich an?
    Nun sind Worte oft Schall und Rauch, sie transportieren nicht zwingend genau definierten Inhalt. Ein und derselbe Satz kann in „1000“ Bedeutungen zerspringen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. Januar 2022, 17:47

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