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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Energie und Entropie, Physik im Alltag und Naturphänomene

Der Tanz ist realer als die Atome

Was ist also dieses Gehirn, was sind all diese Atome mit Bewußtsein? Schnee von gestern! Nur deshalb können wir uns daran erinnern, was uns ein Jahr zuvor durch den Kopf gegangen ist – durch einen Kopf, in dem inzwischen längst alles völlig erneuert ist. Genau das bedeutet nämlich die Erkenntnis, wie lang es dauert, bis alle Atome des Gehirns durch andere ersetzt sind: daß meine Individualität nur ein Muster ist, ein Tanz. Die Atome kommen in mein Hirn, machen ihr Tänzchen und gehen dann wieder. Immer andere Atome, aber stets der gleiche Tanz, und immer mit der Erinnerung daran, wie der Tanz gestern ausgesehen hat.*

Der Physiker Richard Feynman (1918 – 1988) bringt hier auf anschauliche Weise zum Ausdruck, dass aus der reduktionistischen Perspektive der Physik die abstrakten Muster der aus den realen Dingen aufgebauten Welt entscheidend sind für das was wir als Wirklichkeit empfinden. Man weiß, dass durch unseren Stoffwechsel – die körperliche Kommunikation mit der Umwelt – die Moleküle unseres Körpers ständig ersetzt werden. So wird beispieslweise unsere Leber in wenigen Wochen durch neue Materie ersetzt. (Leider wird dabei auch eine mögliche Krankheit mit repoduziert).
Was bleibt und was bedeutet es, wenn unser Körper nach einiger Zeit materiell ersetzt/erneuert wurde, die Erinnerung an Kindheitserlebnisse, an den ersten Kuss oder auch an einen Unfall… davon völlig unberührt bleibt?
In der Physik ist es nicht anders. Entscheidend sind die Muster, die Kräfte, die Tänze, die das Verhalten der materiellen Dinge, der Elementarteilchen etc. bestimmen. Und das gilt es zu beschreiben und zu verstehen.


* Richard Feynman, z.n.: K. C. Cole. Warum die Wolken nicht vom Himmel fallen. Berlin 2000; S. 183


Diskussionen

28 Gedanken zu “Der Tanz ist realer als die Atome

  1. „die Erinnerung an Kindheitserlebnisse, an den ersten Kuss oder auch an einen Unfall… davon völlig unberührt bleibt?“

    Erinnerungen gehen ja auch durch sie verändernde Prozesse hindurch.
    Man wird bisweilen vehement draufgestossen, daß sie ein Eigenleben haben.

    Zwei/drei simple Beispiele zeigten mir das auf: Einen mich als Kind sehr beschäftigenden Puppenfilm, den ich 30 Jahre später wiedersah, war kaum mehr wiederzuerkennen.

    Eine Stelle in Monreale, die ich 25 Jahre später wieder aufsuchen konnte. Der neue Eindruck dieser Stelle blieb nicht haften, dafür der alte.
    Ebenso in Rom.

    Verfasst von kopfundgestalt | 7. Februar 2022, 00:53
    • Diese Beobachtungen, insbesondere was Reiseziele betrifft, die ich später erneut besucht habe, habe ich auch gemacht. Von manchen Orten habe ich sogar zwei nahezu gleichstarke Erinnerungsversionen, zwischen denen ich je nach konkreten Einzelerlebnissen wechseln kann. Aber diese Wechsel haben nichts mit dem ständigen Austausch der Hardware zu tun, sie sind m. E. eine im Wesentlichen zerebrale Angelegenheit.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Februar 2022, 09:53
  2. Der „Tanz“ ist also das Entscheidende…

    Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Februar 2022, 12:16
  3. Dein Bild assoziiert bei mir nur mit Mühe einen Tanz, weil meine Synapsen von diesem ungewöhnlich verzerrten Tanzpaar seinen Tanz erst zusammen sammeln muss.

    Der Tanz ist realer als die Atome.. Klingt ja nach einer „Staffelung“ der Bedeutung: oben tanzen darunter Atome…

    Könnte es nicht „besser“ heißen: Das Reale setzt sich zusammen aus Atomen, die, um in die Aufmerksamkeit zu kommen, notwendigerweise Tanzen zuzüglich der Randbedingungen (Temperatur, Jahreszeit, Alter, Stimmung …what ever) unter denen die Beobachtung durch einen Beobachter stattfindet. Bei der Beobachtung oder auch biem „nur darüber sprechen“, beginnen Atome schon mit dem Tanz, selbst wenn sie nur die Erinnerung, einen Schatten oder einen kleinen „Fetzen“ eines Objekts ins Blickfeld nehmen. Denn schon der Schatten kann ja erschrecken, weil er dem Betrachter einen Dieb „vortanzt“. Will sagen: Der Tanz entspricht einem „dünnen“ / wagen XYZ-Musters, dass sich sofort „füllt“, wenn etwas ins Blickfeld oder den Gehörgang gerät. Doch Muster können auch täuschen. Warum verwechseln wir sonst gerne etwas. Muster können durch Interferrenzen „irritiert werden: vorgelagerte oder direkt anschließende, die den zu erinnernden Tanz schneller verflüchtigen lassen oder ihn überlagern.

    Verfasst von paulpeterheinz | 7. Februar 2022, 18:07
    • Gegen das Wort „Tanz“ kann man einiges vorbringen. Dennoch finde ich es von Feynman gut gewählt. Unsere im anschaulichen Alltag geprägten Begriffe müssen scheitern, wenn man sie auf die anschaulich unzugängliche Mikrowelt bezieht. Ein Wort, das völlig unverdächtig ist, etwas mit Physik zu tun zu haben ist daher sehr gut geeignet einen Sachverhalt so zu beschreiben, dass keine Störungen mit anderen Alltagsbegriffen entstehen – wie es beispielsweise beim Kraftbegriff der Fall ist.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Februar 2022, 20:49
      • Ich wollte den Begriff nicht irritieren! Finde es ja gut, wenn Naturwissenschaftler auch Metaphern nutzen. Dann kommt für mich „hinter den Theorien“ noch mehr „Mensch der an Grenzen stößt“ zum Vorschein. Aber Begriffe liegen wohl immer im „Krieg“. Auch, wenn sie noch so behutsam gewählt werden. Gerade hinter „Watte“ wird schnell „Sprengstoff“ vermutet. Zum „Tanz“ passt ja dann Dein heutiger Begriff gut: „Abstraktion“. Da geht der Tanz erst richtig los!

        Verfasst von paulpeterheinz | 8. Februar 2022, 08:41
      • Letztlich geht es darum in alltagserfahrungsmäßig unzugänglichen Bereichen unverbrauchte Begriffe zu benutzen. Und wenn die dann auch noch einen Aspekt aufweisen – in diesem Fall die Bewegung nach einer bestimmten Choreographie – der dem Sachverhalt intuitiv nahe kommen, dann umso besser.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Februar 2022, 10:21
  4. Ich kann dem Ausdruck „Atome mit Bewußtsein“ nicht folgen. Sicher, die Zellen des Körpers erneuern sich. Sie benutzen dazu offenbar eine Blaupause oder eingeschriebene Information, Gedächtnis oder wie immer man das nennen will, aber kein Bewusstsein. ICH habe Bewusstsein, nicht meine Zellenund schon gar nicht die Atome. Kürzlich zitiertest du Verlaine: dass man die Welt nicht ohne den Menschen denken kann. Ich interpretiere das so: Ohne das denkende, das bewusste Ich anzuerkennen, lässt sich nicht die geringste Feststellung über die Welt und den Menschen machen. In allem muss ich es voraussetzen, in allem ist es aktiv, so auch in dem, was ich jetzt grad hier schreibe und in dem, was der Herr Feynman sagt. Der Tanz der Atome ist eine Feststellung seines Bewussten Ich, dass eben nicht zur Welt der Atome gehört .

    Verfasst von gkazakou | 9. Februar 2022, 01:20
    • Ich denke, dass Feynman nicht meinte, dass Atome Bewustsein haben, sondern dass das Bewusstsein nicht auf das materielle Substrat reduziert werden kann, auf das es offenbar angewiesen ist. Dass da also etwas nicht direkt Greifbares, Strukturelles aber gleichzeitig Dynamisches ist, das er in Ermangelung besserer Worte mit „Tanz“ umschrieben hat. In einfachster (aber letztlich zu einfacher) Formulierung geht es darum, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Ich würde deinem letzten Satz hinzufügen: aber auf die Atome angewiesen ist.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Februar 2022, 08:50
    • Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

      Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
      Sie sprechen alles so deutlich aus:
      Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
      und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

      Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
      sie wissen alles, was wird und war;
      kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
      ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

      Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
      Die Dinge singen hör ich so gern.
      Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
      Ihr bringt mir alle die Dinge um.

      Verfasst von paulpeterheinz | 9. Februar 2022, 08:53
    • Auch in „Begriffen“, die uns den Alltag scheinbar erleichtern, stecken „Heisenbergsche Unschärferelation“.

      Verfasst von paulpeterheinz | 9. Februar 2022, 08:59
      • Ich würde sogar sagen: Mehr als das. Außerhalb eines abgeschlossenen formalen Systems haben die Begriffe einen mehr oder weniger großen Bedeutungshof…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Februar 2022, 10:13
  5. Sorry: Verfasser: Rilke

    Verfasst von paulpeterheinz | 9. Februar 2022, 08:54
  6. Kann man Bewusstsein haben? Wer ist außer dem Bewusstsein vorhanden?

    Verfasst von muktananda13 | 12. Februar 2022, 12:54
  7. Was ist Tanz, wenn nicht Bewegung? Was ist Bewegung, wenn nicht Zeit-Raum Bewusstsein?

    Verfasst von muktananda13 | 12. Februar 2022, 12:57
  8. Kann Bewegung realer sein als die atomare Verdichtung der Energie des Bewusstseins?

    Verfasst von muktananda13 | 12. Februar 2022, 13:00
    • Ja, das sind alle Fragen, auf die man gern eine Antwort hätte. Man muss sich daher mit „Bildern“ und Analogien begnügen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Februar 2022, 14:11
      • Nun, dazu gibt`s nur 2 Möglichkeiten: entweder ist man mit bloßen Analogien und Vermutungen zufrieden -oder nicht.
        Es gibt im zweiten Fall auch die Alternative direkter paraphysikalischer Wahrnehmung.
        Das Leben- der Kosmos und alle Wesen – ist/sind weit, weit mehr als nur eine Menge atomarer und molekularer Verbindungen.
        Die Grundlage ist Licht. Alles besteht aus Licht. Und hier geht es nicht um Photonen.

        Verfasst von muktananda13 | 13. Februar 2022, 09:09
      • Das die Welt mehr ist als die Summe der mikroskopischen Vorgänge sollte ja gerade mit der Metapher des Tanzes zum Ausdruck gebracht werden. Schwierig wird es, wenn es um Dinge geht, die intersubjektiv nicht zugänglich sind.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Februar 2022, 09:38
      • Da das Subjektive nur auf individuell- vergänglichen Wahrnehmungen begrenzt ist, wird das Objektive hiermit ethisch- gefühlsartiger Überzeugungspflicht.
        Wirklichkeit zerpringt stets die Begrenzung aller subjektiv- sinnlicher Wahrnehmungen und ihrer starren Logik.

        Verfasst von muktananda13 | 13. Februar 2022, 10:11
      • Wirklichkeit gehört ausgerechnet dem Unsichtbaren, das sich auch grober PappLogik entzieht.
        Das nennt man Absolutes Bewusstsein.

        Mit einem Pappbecher kann man nicht den Ozean messen.

        Verfasst von muktananda13 | 13. Februar 2022, 10:17
      • Das absolute Bewusstsein, was immer das sein mag, ist wohl nur einigen Auserwählten zugänglich. 😉

        Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Februar 2022, 13:12
      • Wer wählt sie denn aus? Trifft nicht etwa jeder jeden Moment die Wahl? Wählt nicht jeder sich selbst aus?

        Verfasst von muktananda13 | 14. Februar 2022, 09:07
      • Wer kann diese Fragen beantworten?

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Februar 2022, 11:36
      • Jeder logisch Denkender.

        Verfasst von muktananda13 | 14. Februar 2022, 18:10
      • Wenn es „nur 2 Möglichkeiten“ gibt, „die Wirklichkeit“ „dem Unsichtbaren gehört“, und dazu ein „Absolutes Bewußtsein“, dann habe ich zunächst eine gewisse Zurückhaltung vor dem Wissen desjenigen, der sich traut, das so zu behaupten. Deshalb hätte ich mal eine Frage an MUKTANANDA13: gibt es dazu noch etwas konkretere Aussagen? Ich tue mich immer schwer mit solchen für mich neuen Erklärungen. Es kann ja immer etwas dran sein. Ich möchte nur sicher sein, nicht auf „Geister “ zu stoßen. Denn an Geister glaubte in unserer Familei zuletzt meine Ur-Großmutter.

        Verfasst von paulpeterheinz | 13. Februar 2022, 15:40
  9. Bin mir nicht sicher, aber vielleicht trägt dieser Vortrag etwas zu den Aussagen von MUKTANANDA13 bei, denn er formuliert ja leider so „sparsam“.
    Armin Nassehi: „Die sieben Paradoxien moderner Gesellschaften“ Ein von mir geschätzter Soziologe. Auch wenn mit Begiffen und Definitionen so „locker“ balanciert: (nur 30 Minuten)…

    Verfasst von paulpeterheinz | 14. Februar 2022, 18:10

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