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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Denken heißt, Unterschiede vergessen

Tatsächlich erinnerte Funes sich nicht nur an jedes Blatt jedes Baumes in jedem Wald, sondern auch an jedes einzelne Mal, da er es gesehen oder sich vorgestellt hatte…Nicht nur machte es ihm Mühe zu verstehen,daß der Allgemeinbegriff „Hund“ so viele Geschöpfe verschiedener Größe und verschiedener Gestalt umfaßt, es störte ihn auch, daß der Hund von 3 Uhr 14 Minuten(den er im Profil sah) denselben Namen führen sollte, wie der Hund von 3 Uhr 15 Minuten (den er von vorn gesehen hatte). Sein eigenes Gesicht im Spiegel, seine eigenen Hände überraschten ihn immer wieder.
Denken heißt, Unterschiede vergessen, heißt verallgemeinern, abstrahieren. In der vollgepfropften Welt von Funes gab es nichts als Einzelheiten, fast unmittelbarer Art…
*


* Jorge Louis Borges. Das unerbittliche Gedächtnis, in: Ders.Labyrinthe. München 1959, S. 238

Diskussionen

9 Gedanken zu “Denken heißt, Unterschiede vergessen

  1. Interessante Gedanken. Doch scheint mir: Die Abstraktion ist nur eine Form des Denkens.

    Verfasst von gkazakou | 27. Februar 2022, 00:28
    • Da stimme ich dir zu. Aber sie ist eine sehr mächtige, was uns kaum bewusst ist.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Februar 2022, 09:38
      • O doch, das ist mir bewusst, wenngleich nicht in der Weise, wie Borges es hier beschreibt. Ich schwanke beim Zeichnen zwischen weitgehender Abstraktion und dem Nachfühlen jeder kleinsten zufälligen Erscheinung an einem Gegenstand. Und beim Betrachten abstrakter Bilder bleibe ich an jedem Körnchen hängen und ziehe aus ihm den größten Genuss. Und so auch vor der Natur. – Nun muss ich grad an den Kleinen Prinzen und seine Rose denken: die eine einzige Rose ist es, die ihn beseligt, auch wenn es Millionen gibt. Er erlebt die Liebe konkret, nicht abstrakt.

        Verfasst von gkazakou | 27. Februar 2022, 10:14
      • Schön, dass du auf diese Stelle im Kleinen Prinzen hinweist. Das ganze Werk von Saint-Exupéry durchzieht dieser Geist…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Februar 2022, 14:04
  2. Mit Borges kam ich früh in Berührung las ihn aber merkwürdigerweise kaum, weil ich kein Leser war. Nun fragt man sich, wieso.

    Das was Borges sagt, kennt wohl jeder oder hat es zumindest mal gespürt…oder doch nicht?!
    Ich finde, es ist bisweilen als Gnade anzusehen, wenn nicht alles und jedes sofort zum Begriff wird. Das kürzt ab, verstümmelt fast.

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. Februar 2022, 00:42

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