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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Schönheit als sinnerfüllte Wahrnehmung

Das menschliche Vermögen, Muster zu erkennen, ist bislang noch von keiner Maschine übertroffen worden. Sie ist entscheidend dafür, auch da noch etwas Sinnhaltiges zu erkennen, wo der Vergleich mit allem bislang Bekanntem ergebnislos ausgeht. Auch wenn der Sinn zunächst lediglich darin besteht, dass man den Anblick schön findet. Schönheit ist ein wesentlicher Aspekt einer sinnerfüllten Wahrnehmung.

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Diskussionen

12 Gedanken zu “Schönheit als sinnerfüllte Wahrnehmung

  1. Es sind die Zutaten.
    Linien, Punkte, Gewebe, Farben.

    Wichtig sind auch die Ränder – hier ist wenig abgeschnitten, d.h. ungeklärter Linienverlauf.

    Interessanterweise sind am unteren Rand keine Linien. 4 Ränder mit Linien wäre vielleicht übersatt.

    Verfasst von kopfundgestalt | 9. März 2022, 00:21
  2. Das „Mustererkennen“ ist wohl ein dringendes Bedürfnis des Menschen auch in anderen Zusammenhängen, so etwa in politischen. Wie auch dein Beispiel zeigt, ändert sich das wahrgenommene Muster je nachdem, welchen Bildausschnitt ich wähle: Punkt? Linie und Punkt? Zwei Linien? Parallele oder im Winkel zu einander befindliche Linien? etc pp
    Sehr wichtig ist, wie groß der Bildausschnitt gewählt wird. Gegenwärtig reden die meisten von einem Krieg, der am „plötzlich und unprovoziert“ ausgebrochen sei. Heute sei der 14. Tag des Krieges. und sie studieren die „Muster“, die sich direkt vor ihren Augen entfalten. Träten sie einen Schritt, sagen wir mal bis 2012, zurück, ergäben sich andere Muster. Und noch weiter, räumlich und zeitlich zurücktretend, ergäben sich wieder andere Muster.
    Ob sie schön sind? Das wohl eher nicht. Aber sie sind sinnstiftend.

    Verfasst von gkazakou | 9. März 2022, 12:27
    • Ja, Mustererkennung gehört wohl zu den wesentlichen Aktivitäten des Menschen. Entscheidend dabei ist, wie du richtig erkennst, welchen Ausschnitt man wählt. Auch mein Foto ist ein Ausschnitt, der nach ästhetischen Gesichtspunkten gewählt wurde. Und da beginnt das Problem: Welches ist der richtige, schönste, wahrhaftigste Ausschnitt? Eine akzeptable Lösung kann m.E. nur durch Gespräche erreicht werden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. März 2022, 16:48
    • Das glaube ich nicht (mit dem Sinnstiften).
      Und wenn Du durch alle Muster gegangen bist, die sich finden lassen auf dem Strahl, dann gibt es Menschen, die sagen: Und dieses Muster da hattest Du nicht bemerkt? Und dieses da auch nicht??! Und schon mag der zuvor gefundene Sinn dahin sein.

      Verfasst von kopfundgestalt | 9. März 2022, 21:05
  3. Schönes Bild! Vielleicht ist unser ästhetisches Empfinden evolutionär gesehen ja der Hebel dafür, Interesse an Unbekanntem zu wecken, und die Menschheit so mittels Entdeckungen und Erfindungen immer weiter voran zu bringen. So gesehen wäre das „interesselose Wohlgefallen“ (Kant) auf Dauer eben doch von Nutzen. (Was mal wieder die Bedeutung von Kultur unterstreicht, falls da noch immer jemand Zweifel haben sollte…)

    Verfasst von derdilettant | 9. März 2022, 14:26
    • Da bin ich ganz deiner Meinung. Dem Nutzen geht fast immer das „interesselose Wohlgefallen“ voraus, auch wenn dieses in den Wissenschaften hinterher meist wegrationalisiert wird. Daher ist ja auch für die Entwicklung der Wissenschaften der kulturelle Rahmen so wichtig.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. März 2022, 16:53
  4. Schönheit als sinnerfüllte Wahrnehmung wird zunächst „gespürt“ – im Leib- d.h. in einer Gegend rund um meinen Körper, oft nur schwer konkret lokalisierbar, irgendwo und irgendwie zu verortend aber auch sehr konkret und deutlich in einer zu erspürende Gegend. Der Leib, der mir in einer Reflexion die „Wertung“ der wahrgenommenen Strukturen „meldet“.
    Wenn ich Zahnschmerzen habe, kann ich nicht unbedingt den konkreten Zahn zeigen, aber die „Gegend“ in der der Schmerz tobt. Wenn mich die Trauer bedrückt, dann ist das nicht eine „hier“ oder „da“ Trauer an einer Stelle am Körper, sondern der ganze Leib signalisiert „Trauer“. Dann „erkenne“ ich – neben den gesellschaftlichen Konventionen – dass hier etwas sich ausdrückt, was „mich“ betrifft“, das nicht an mir vorüber geht, sondern mich ergreift. Grob gesagt ein Gefühl von Weite oder Enge. Der Leib zieht sich zusammen, wirkt erdrückend, schwer oder er wirkt leicht und beschwingt – und natürlich auch als ein „Wechselbad“ des Leibes, der noch nicht weiß, ob er sich freuen oder resignieren soll.
    Alles Erfahrene wird leiblich erfahren. Hierzu zählen autonome Nervenaktivitäten (Herzschlag, Atmung, Zittern, etc.), muskuläre Aktivitäten, körperliche Haltungen, Gesten, etc. Besonders Gesicht, Brust und Bauch sind die Felder leiblicher Resonanz.

    Phänomenologen beschreiben das mit der Metapher der Resonanz, also eines Mitschwingens bzw. eines Widerhalls. Dann gibt der Leib dieses Gefühl in die Wahrnehmung und die schickt es in die Sprache, ins Gesicht, in die Bewegung: denn reiße ich die Augen auf und staune oder werde schmallippig und verkrampfe, weine, lache – und das alle in „Nanosekunden“. Dann macht etwas „Sinn“ oder ist sinnlos oder einfach nur schön, weil es mich eben in einen adäquaten wertungsinduzierten Zustand versetzt. Übrigens: immer in einer sehr persönlichen Spannweite. Mach den Test: Wenn Du Dich freust, sag mir bitte, wie viel Zentimeter groß Deine Freude ist. Oder wenn Du trauerst: beschreibe Deine Trauer quantitativ. Wir können allenfalls von uns auf den anderen „schließen“ ihn aber nicht oder nur bedingt fassen.

    Nicht, weil ich Denke bin ich. Sondern weil wir kompliziert, komplex, um dreißig Ecken denken, sind wir eine so sonderliche Spezies. Wir denken eben „wild“ und „wirr“. Sagen oft „basta“ und wollen raus aus diesen Körper-Leib-Bauch-Kopf-Erwartungs-Erwarteten-Verstrickungen.

    Denken ist ja keine „einfache“ Sache. Nicht nur linear, logisch kritisch reflexiv. Nein, im Alltag mischen sich Logik mit Fantasie, Glauben mit Wissen, Vermutungen mit Tatsachen, Systematik mit Chaotik. Noch wichtiger: es mogeln sich Freude und Missmut, Unwohlsein und Nervenflattern, Magengrummen und ein Wallen der Gefühle ins Denken. Urplötzlich meldet sich der Darm, der Magen und signalisiert „Defizite“. Dann tauchen Ängste, Vorurteile, Hoffnung auf: und ich „entscheide“ mich.

    Oft genug vorläufig: Nach kurzer Zeit kommt der Gedanke: Hätte ich nicht doch…Oder etwas was ich bisher als Schön empfunden habe versinkt in Ablehnung – und umgekehrt-.

    Weil wir von Assoziation belebt werden, sind wir. Wir „verknüpfen“ immer etwas mit Etwas aus Etwas zu Etwas. Und das innerhalb von Sekunden, Nano-Sekunden. Wer dann sagt: Das ist doch logisch, das habe ich genau durchdacht, der müsste eigentlich sagen: Alle meine „wirren“ Assoziationen aus Leibeswallungen, Gehirnaktivitäten, Nervenzuckungen, mein ganzes Wissen über Gestern, Heute und Morgen, mein Image, meine Sorgen, meine Fürsorge, meine Ängste, meine Hoffnungen…. haben mich zu dieser Aussage geführt.

    Verfasst von paulpeterheinz | 10. März 2022, 15:44
    • Bei der Komplexität kann man sich kaum vorstellen, dass etwas Vernünftiges dabei heraus kommt. Kommt ja auch nicht, wenn man die Weltlage betrachtet – könnte man dagegen einwenden.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 10. März 2022, 19:16
      • Zum Glück gibt es die „Disziplin“, die „schweigende“ Mehrheit, das Lavieren, das Verlangen nach „Einbindung“, das „sich damit Abfinden“, das „ceteris paribus“ mit dem Komplexität abgeschmolzen wird, das lauern auf meine spätere Genugtuung, das Ermüden, das Wissen darum, doch die meiste Zeit „mit sich“ verbringen zu müssen, die taurige oder fröhliche oder arrogante Erfahrung, Wahrheit, Wirklichkeit „eigentlich“ nur in sich zu haben (damit meine ich nicht das Gesetz das die Marmeladenschnitte immer auf der Mameladenseite landet) sondern das damit einhergehende „Gefühl“, das „Scheiß-egal-gefühl“, die Fähigkeit zur Entscheidung, zur Priorität, zur Ausblendung, zur Verdrängung, die Gewöhnung, die Routine, die festgefahrenen Denkwege, die Raster, der Glaube, der Vereinfachungsdrang, die Ignoranz, die leiblichen und körperlichen Prioritäten: Hunger, Durst, Ausscheidung, Schlaf, Eros…
        Der Mensch ist eben ein erfinderisches Wesen und eine „Maschine“, dass mit seinem Drang und den Fähigkeiten diesen zu bewältigen nicht immer gut zu recht kommt aber doch vieles schafft. Wenn er zurückschaut schmunzelt er gerne darüber, was da mal alles so dringend war, das er in allem immer ein Anfänger war und wie er das trotzdem alles geschafft hat und auch versagt hat.
        Zum Glück sind wir fast pünktlich aber jeden Abend bis an unser Ende ein treuer Schlafes-Bruder – und so lange wachen wir morgens auf und denken: Warum habe ich mir gestern nur alles so kompliziert gedacht, gemacht. Ab heute nehme ich mir vor nicht mehr in diese Falle zu tappen. Aber kaum ist der Kaffee getrunken….

        Verfasst von paulpeterheinz | 11. März 2022, 07:08
      • Ja, so wird es in etwa sein. Interessant, wie schwierig eine präzise Beschreibung ist. Vielleicht weil die Zahl der Variablen im echten Leben wesentlich größer ist als in einem künstlichen System, in dem man alle Redundanzen weggelassen hat.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 11. März 2022, 09:38
      • Hermann Schmitz nutzt für solch komplexe, aber dennoch reale Situationen den Begriff des „Eindrucks“ den jeder „in unmittelbarer Nähe des Körpers“ verspürt, der aber vom Leib ausgeht. Das leibliche Befinden ist für ihn ein dynamisches System. Unruhe, Sorgen, Hunger, Durst, Angst, Schmerz und Erleichterung, Spannung und Entspannung, Enge und Weite, Müdigkeit und Frische sind nicht bloß Repräsentanten physiologischer Prozesse, sie hängen nicht nur von körperlichen Daten ab, sondern haben eine autonome Eigendynamik, die sich phänomenologisch, das heißt ohne Rückgriff auf naturwissenschaftliche Analysen erforschen lässt.

        Leib ist das, was man von sich selbst spürt, Körper dagegen nennt er das, was man von sich selbst sieht oder tastet.

        „Jedermann macht die Erfahrung daß er nicht nur seinen eigenen Körper mit Hilfe der Augen, Hände u.dgl. sinnlich wahrnimmt, sondern in der Gegend dieses Körpers auch unmittelbar … etwas von sich spürt: z.B. Hunger, Durst, Schmerz, Angst, Wollust, Müdigkeit, Behagen“ u.v.a.m.

        Ein Eindruck also ist für ihn eine komplexe Erscheinung, in der vielerlei mitschwingt. Im Begriff des Eindrucks steckt das Phänomen – d.h. eine Tatsache-, wie in der Naturwissenschaft, aber eben auch der Begriff des Chaotischen.
        Mit dem Chaotischen meint er dabei nicht etwa das wirre Durcheinander vieler Dinge, sondern das Diffuse, das Vielsagende, das in Blicken liegen kann, in Gefühlen, in Atmosphärischem, in Eindrücken oder auch in leiblichen Phänomenen.
        Wenn ich sage: „Ich spüre Hunger“, dann geht das „Drama“ ja erst los: Jetzt schon? Ich habe doch soeben gegessen. Worauf habe ich Hunger? Ist das Gesund? Schmeckt mir das? Was täte besonders gut: Produkt A,B,C,D,E,F,G,…. etc. Jedes Produkt kann ein „Gefühl“ im Leib spürbar werden lassen.

        Gefühle habe ich nicht im Griff. Wenn ich satt bin, kann ich nicht nach Belieben wieder hungrig werden, sondern muss abwarten, bis sich nach einer Weile der Hunger wieder von selbst meldet.

        Ein Eindruck ist also keine glatte, klar gegliederte Tatsache, trotzdem lässt er sich nicht wegdiskutieren. Er ist nicht eindeutig und eintönig wie die Tatsachen der Naturwissenschaft, sondern vielsagend. Eindrücke changieren, sie bergen ein unabsehbares Spektrum von Inhalten, das von keiner wie immer komplexen Aussage vollständig ausgeschöpft werden kann. Eines seiner Beispiele: „Jetzt ist alles still“. Dieser Eindruck ist eine Tatsache (für alle, die zu gegen sind), aber diese Stille birgt und bringt für die Beteiligten gesehen etwas Chaotisches, mannigfaltiges.
        Man denke nur an die Stille nach dem Ableben eines Nahestehenden oder an die Stille nach dem ertönen der Alarmsirenen im Krieg, oder an die Stille im Sitzungsraum, wenn der Chef eine Standpauke gehalten hat.

        Darum betont Schmitz immer wieder, dass es darauf ankommt, beim Denken die Nerven zu behalten.

        Hermann Schmitz: „Atmosphären“ München 2014 und „Der Leib, der Raum und die Gefühle“ Bielefeld 2007
        vgl. auch Jens Soentgen „Die verdeckte Wirklichkeit“ Einführung in die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz, Bonn, 1997

        Verfasst von paulpeterheinz | 11. März 2022, 18:13
      • Danke für die ausführlichen Hinweise auf ein oft übersehenes „Problembündel“. Von Soentgen habe ich 3 Bücher gelesen, darunter auch das von dir genannte. Er schickt mir das Buch „von den Sternen bis zum Tau“ mit einer persönlichen Widmung. Dadurch bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Dies Buch habe ich gern gelesen. Das Buch von Schmitz habe ich mir mal wieder in meiner Longlist vorgemerkt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 11. März 2022, 18:55

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