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Der Pi-Tag, diesmal sportlich begangen

Photo by Yan Krukov on Pexels.com

Heute feiern wir (naja, einige) den kreisförmigsten aller Tage des Jahres, den Pi-Tag – nach der englischen Schreibweise: 3.14. Denn Kreise, so real, reell und rational sie auch sein mögen, tragen im tiefsten Innern etwas sehr Irrationales, das Pi bzw. π. Das macht sie so menschlich. Man denke nur an die Gedanken, die nachts wenn man mal wieder nicht schlafen kann die Runde machen und dabei vielleicht nur um sich selbst kreisen. Egal ob die Gedanken einen großen oder kleinen Durchmesser haben, dieser muss in allen Fällen mit Pi (= 3,1415…usw.) multipliziert werden, um rund zu werden. Selbst die Form unseres Kopfes ist dadurch auf die eine oder andere Weise rund geworden (zwischen Zylinder-, Birnen- und Kugelform ist fast alles vertreten). Man kann das auch umdrehen und mit Francis Picabia (1879 – 1953) zu der Ansicht gelangen: Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Deswegen gilt er auch als exzentrischer Ausnahmekünstler, der u. A. zu der wichtigen Erkenntnis kam: „Hier ist hier“, womit wohl wieder der Punkt gemeint ist, um den sich alles dreht. Und damit sind wir wieder beim Pi.
Wie sollte man diesen Tag feiern? Ich denke, eine schöne Zeremonie mit sportlichem Impetus wäre mal wieder die Hüften kreisen zu lassen und einen kreisrunden Hula-Hoop-Reifen in Rotation zu versetzen (siehe Abbildung). Man würde unter Einbeziehung einiger Pis, die ich hier aber nicht explizit machen möchte, eine schöne physikalische Doppelkreisgeschichte erzählen können.
Das Sportliche dieser Geschichte ist vor allem in der Kraft begründet, die der oder die Hüftrotierende aufzubringen hätte, damit der Reifen der Kreisbahn folgt, nämlich eine ausreichende Zentripetalkraft. Sie ergibt sich aus dem Produkt der Reifenmasse und der Differenz zwischen Reifenradius und Taillenradius multipliziert mit dem Quadrat der Winkelgeschwindigkeit. Diese Kraft muss konstant gehalten werden, damit der Reifen rotierend in der Schwebe bleibt.
Wer weniger Körpereinsatz aufbringen möchte, könnte auch eine schöne runde Torte (Im Englischen pie ist das Pi explizit enthalten und wird auch genauso ausgesprochen) mit runden Verzierungen backen und sich dabei klarmachen, dass er trotz des sehr rationalen Vorgehens maßgeblich vom Irrationalen des Pis Gebrauch gemacht hat – wie übrigens auch dieser Beitrag.
Wer Interesse an früheren Pi-Tagen dieses Blogs hat, findet sie u. A. hier und hier und hier.

Diskussionen

33 Gedanken zu “Der Pi-Tag, diesmal sportlich begangen

  1. Ich kenne eher phi, als Maß des Bewusstseins.😉

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. März 2022, 00:09
  2. Und mir, lieber Joachim, fällt beim Lesen Deines Beitrags wieder diese Frage meines alten Physiklehrer an der Penne ein: was ist ein 22/7Lot? Die Antwort: ein Pilot. Na ja. Ich weiß auch nicht, wieso mir das immer durch den Kopf geistert, wenn die Zahl Pi auftaucht.
    Liebe Grüße
    Jürgen

    Verfasst von juergenkuester | 14. März 2022, 07:53
    • Solche unauslöschlichen Erinnerungsfetzen kenne ich auch. Und man weiß nicht so recht, was sie so erinnerungswert machen. Was das Pi betrifft, so ist es wohl eine der nachhaltigsten Größen, die einem aus dem Matheunterricht geblieben sind.
      Danke, für deine Erinnerung an diesen alten Ausspruch und
      liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 08:12
  3. Mir kommen bei diesem artistischen Bild Gedanke an den Zirkus.

    Was beim Betreten direkt ins Auge sticht: Alles ist Rund! Nicht nur die Bühne, die hier Manege heißt, sondern auch um die Zuschauer und Künstler spannt sich ein rundes, nach oben spitz zulaufendes Zelt. Die Sitze sind im Rund aufgestellt. Alles ist rund im Innen.

    Die Manegen werden meistens mit einem Durchmesser von 13 Metern gewählt, da dies ein perfektes Maß ist, um ein Pferd im Kreis laufen zu lassen. Bei zu kleinen Manegen legt sich das Pferd zu sehr in die Kurve, für einen Reiter sind akrobatische Darbietungen dann kaum möglich.

    Denken Sie sich jetzt eine Gruppe von Menschen, denen ein Talent gemeinsam ist: Sie können verführbare andere durch ihre Talente so in den Bann ziehen, dass diese für eine Weile ihren grauen Alltag vergessen, den Darbietungen folgen und von ihnen magnetisiert werden. Dies tun sie, weil auch sie durch ein bestaunt werden in einen eigens dafür hergerichteten Raum verführbar sind. Solche Räume haben rundungen, in denen die pi unbekannt ist. Sie wird hier durch ein magisches Gefühl ersetzt.

    Für wenige Stunden schwelgen sich dann alle in ihren Illusionen. Mit einem Direktor, der alles im Plan hat. Der Musik die zu allen Darbietungen ihre Melodien findet. Der Mensch, der über ein gespanntes Seil läuft, der Clown, der die Masken, den Spaß und die Melancholie salonfähig macht, der Dompteur, der unter Einsatz seines Lebens die bedrohliche Wildnis zähmt, der Reiter, der das domestizierte Tier immer im berechneten Kreis läuft – physikalisch gebildet: Die Fliehkraft nutzend.

    Danach laufen alle wieder in den Artisten-Ernst des Lebens, in den empathischen Vandalismus.

    Verfasst von paulpeterheinz | 14. März 2022, 08:38
    • Wieder einmal schön gesagt. Pi ist also auch im Zirkus viele Male vertreten, sowohl in den äußeren Abmessungen, den Handlungen und den Gefühlen. Irrational eben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 09:05
      • Also wenn ich dass richtig rechne, dann könnten jedem Zirkusbesucher und jedem Zirkusmitglied etwa 7.899 Verhaltensausprägungen hinter dem Komma zustehen. Dieses Gattungswesen ist ja schon reichlich irrational, aber ich vermute stark, dass es soviel irrationalität in der Gattung Homosapiens sapiens gar nicht gibt.

        Verfasst von paulpeterheinz | 14. März 2022, 15:38
      • Bei unendlich vielen Ziffern kann gern großzügig sein.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 16:15
    • Es gab ja den Postboten, der angehalten wurde, einen spirituellen Meister zu imitieren. Macht er es gut und geschickt, dann bewirkt er sogar etwas.

      Verfasst von kopfundgestalt | 14. März 2022, 12:21
    • Ja, der gute alte Zirkus, von griechisch kirkos – Kreisbahn, auf der die Wagenrennen stattfanden. Oder auch die Theaterbühnen, die angeschnittene Kreise waren. Ich frage mich, ob auch der Name der Zauberin Kirke (Zirze), die Odysseus bezirzte, auf den Kreis zurückzuführen ist. Sie war Tochter des Helios (Sonne), um die die Erde kreist. ….

      Verfasst von gkazakou | 14. März 2022, 18:29
      • Der Zirkus ist leider zur Seltenheit geworden. Obwohl Kirke nichts mit dem Kreis zu tun hat, kann man sich auch von Zirkusvorführungen bezirzt im Sinne von verzaubert fühlen. Ja, immer wieder werden wir auf unseren klassisch griechischen Ursprung zurückgeführt.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 18:43
  4. Gestern habe ich noch über jemanden gelesen, der den Rekord brechen wolle, die meisten Kommastellen von Pi auswendig aufzusagen. 🙂

    Verfasst von rabirius | 14. März 2022, 18:58
  5. Wenn ich versuchen würde, nach deiner wissenschaftlichen Anleitung zu hulahoopen, würde ich wohl kläglich scheitern. Das ist eine Tätigkeit, die allein mit Gefühl gelingt.
    Da du schon von pi zu pie übergehst, Joachim, was sagst du denn in dem Zusammenhang zum Brüsseler Manneken Pis?

    Verfasst von Ule Rolff | 14. März 2022, 19:30
    • Du hast völlig Recht, eine physikalische Erklärung reicht vorne und hinten nicht, um eine komplizierte Bewegungsfigur wie Hula-Hoop oder Fahrradfahren zu erlernen. Und das Mannekin pis heißt ganz sicher so, weil bei der Berechnung der gebogenen Strahlen, die es abzusondern pflegt, die Pis eine wesentliche Rolle spielen. Jetzt wissen wir wenigstens, warum das Manneken nicht anstößig ist – oder hast du schon mal gehört, dass Mathematik anstößig ist? 😉

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 20:31
      • Auf keinen Fall! Wenn irgendetwas auf ewig harmonischen Bahnen anstoßfrei unterwegs ist, dann die Mathematik.

        Verfasst von Ule Rolff | 14. März 2022, 21:11
      • Die reine Geisteswissenschaft also.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 22:20
      • Theologie, sozusagen.

        Verfasst von Ule Rolff | 14. März 2022, 22:35
      • Wenn man den Aspekt, dass „Theos“, der Gott, nicht lokalisierbar ist, betonen möchte, könnte man auch von Theologie sprechen. Aber die offizielle Theologie hat mit Mathematik wohl nichts am Hut.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 15. März 2022, 08:21
      • Dazu ist die Theologie vermutlich doch zu anstößig. Obgleich sie mit der Mathematik der Anspruch verbindet, (ewig) gültige Regeln aufzustellen – nur mit dem Beweisen hat sie’s nicht so.

        Verfasst von Ule Rolff | 15. März 2022, 09:34
      • So ist es. Bei der Theologie spielt trotz des Namens der menschliche Faktor eine wesentliche Rolle. Interessanterweise gibt es „Gottesbeweise“, die sich die Mathematik und Physik zunutze machen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 15. März 2022, 10:21
  6. Irgendwo las ich, daß Rationalität nie Ziel der Evolution war.
    Wichtig war die Anpassungsfähigkeit und die ist ja auch jetzt reichlich vorhanden.

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. März 2022, 19:38
    • Dem kann ich zustimmen. Das Einzige, was mich nachdenklich macht ist die Tatsache, dass diese Einsicht durch rationales Denken gewonnen wurde.
      Beim Menschen bezweifele ich allerdings, dass seine Anpassungsfähigkeit gut ausbalanciert ist… 😉

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 20:34
      • Mein letzter Halbsatz war lakonischer Natur. Hätte ich so kennzeichnen sollen.

        Bei der Boa Constrictor gibt es Fälle, bei denen sie verendet, weil das Opfer zu groß war. Andere Fälle zeigen auch eine „Misconception“.
        Bei uns natürlich auch.
        Nicht umsonst heisst das aktuelle Buch von Krause „Hybris“.

        Worauf gründet sich diese Hybris eigentlich??? Sicher nicht, meine ich, durch die zaaaahlreichen Erfolge des Menschen.
        Sondern vielleicht als blosse Anlage. Der Mensch denkt, er wäre Gott. Eine Punktmutation, die ein Irrtum ist.

        Verfasst von kopfundgestalt | 14. März 2022, 21:43
      • Dass sich Menschen überschätzen fängt ja schon im Kindergarten an. Punktmutation ist gut! (Von dir?)
        Ob der Mensch dazu in der Lage sein wird, ist fraglich. Der aktuelle Krieg zeigt mal wieder wie präsent die archaischen Kräfte immer noch sind.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. März 2022, 22:18
      • Der Begriff Punktmutation ist nicht von mir. Man weiß mittlerweile, daß eine ganz bestimmte Mutation in einem Gen zur Ausbildung eines grösseren Gehirns führte.

        Verfasst von kopfundgestalt | 14. März 2022, 22:28
      • Dass das bereits ein Terminus ist, wusste ich nicht. Ich finde den Aspekt, dass ein Punkt – etwas unendlich kleines – etwas endlich großes hervorbringen kann sehr erschließungsmächtig.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 15. März 2022, 08:14
      • Wie mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings in China 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 15. März 2022, 08:32
      • Genau, das könnte man dazu zählen: Exponentielles Wachstum…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 15. März 2022, 08:40

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