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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Der magische Glassplitter

Mein Schreibtisch befindet sich direkt hinter einem Fenster, das den Blick auf ein weites Feld freigibt. Ich saß wieder einmal ohne überzeugende Ideen an der Tastatur und fühlte mich in zunehmendem Maße geärgert durch eine vom Feld ausgehende intensive Blendung. Das Feld war frisch gepflügt und mir kam nichts Rechtes in den Sinn, worum es sich bei dieser Lichtquelle wohl handeln könnte. Ich nahm meinen Feldstecher zur Hand, aber der verstärkte nur die Blendung und gab keinerlei weiteren Aufschluss. Also musste ich der Sache auf den Grund gehen. Ich merkte mir einige markante Stellen um den Corpus delicti einzugrenzen und auf diese Weise ausfindig machen zu können. Es dauerte doch einige Zeit des Hin- und Her und wuchs sich schließlich zu einer mittleren Trainingseinheit aus, denn mein Arbeitszimmer liegt im ersten Stock. Schließlich hatte ich den Übeltäter gefunden, eine etwa 2 cm große Glasscherbe, die beim Pflügen an die Oberfläche befördert wurde. Man sieht sie im Foto im Originalzustand. Leider nichts Antikes. Und auch das Foto lässt sich kaum ohne diese Geschichte als Kunstwerk verkaufen.
Anschließend dachte ich über den Sinn meiner Aktion nach: Ich hatte etwas für meine körperliche Fitness getan. Reicht das?
Erstaunt war ich indes über die Intensität der spiegelnd reflektierten Sonnenstrahlung. Obwohl das transparente Glas (den Schmutz muss man abrechnen) bei senktrechtem Lichteinfall nur 4% des auftreffenden Lichts reflektiert, war der Effekt überraschend stark. Das spricht zum einen für die Intensität des Sonnenlichts. Zum anderen fällt das Licht der Nachmittagssonne ziemlich flach also unter großem Winkel (bezogen auf die Senkrechte) ein. Und da der Anteil des reflektierten Lichts mit der Größe des Einfallswinkels stark zunimmt, kam es insgesamt zu dieser starken Blendwirkung. Wieder einmal ein Beispiel für: Kleine Ursache, große Wirkung.

Diskussionen

12 Gedanken zu “Der magische Glassplitter

  1. Eigentlich schön, ein Schreibtisch mit Aussicht ins Weite…(beachtlich, was von einer doch recht kleinen Scherbe ausgehen kann…)

    Verfasst von wildgans | 29. März 2022, 00:08
  2. Manchmal ist das auch so bei Insekten. Da strahlt ein Teil des Chitinpanzers stark aus dem Gewühl der Grashalme (Baldachine) heraus, daß man wunders was vermutet.

    Wichtig ist der von Dir angeführte Aspekt bei Radfahrwegen. Da es Spezialisten gibt, die aus purer Freude Bierflaschen auf solchen zer-depp-ern, verraten die Glanzeffekte, dass es da etwas wegzuräumen gilt. Was ich auch einmal geflissentlich tat.

    Verfasst von kopfundgestalt | 29. März 2022, 00:22
  3. Und diesen Krimi soll die unspektakuläre Scherbe verursacht haben? Erstaunlich! Aber der Mensch reagiert auf solche Störungen ja stets dankbar, wenn die Schreibideen nicht mitspielen wollen.

    Verfasst von Ule Rolff | 29. März 2022, 08:50
    • Für mich sind solche Ereignisse/Erlebnisse irgendwie Epiphanien des Alltags: Nichtigkeit, Zufall, Wirkmächtigkeit verschwören sich gemeinsam gegen meine biederen Erwartungsmöglichkeiten. Im Moment der starken Blendung vom fernen Acker ausgehend hatte ich das starke Gefühl einer surrealen Situation beizuwohnen, die sich dann in einen – allerdings ebenso erstaunlichen – physikalisch rationalisierbaren Sachverhalt auflöste.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 29. März 2022, 10:13
      • Diese Fähigkeit, sich vom Zufall aus den geplanten Bahnen locken zu lassen, wird pädagogisch wohl oft als Unkonzentriertheit missverstanden. Dabei trägt sie so viel Offenheit und Forscherlust in sich. Danke, dass du deine Gäste hier daran teilhaben lässt.

        Verfasst von Ule Rolff | 29. März 2022, 10:53
      • Du sagst es. Meine Unkonzentriertheit wurde mir schon in der Schule oft zum Verhängnis und auch jetzt noch lasse ich mich leicht ablenken, so auch an dem Nachmittag als ich statt die Jalousie herunterzulassen, um ungestört arbeiten zu können, mich auf die Suche der Glasscherbe machte.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. März 2022, 11:26
      • O, tut mir leid, wenn ich einen wunden Punkt berührt habe. Nach meiner Erfahrung sind die Erlebnisse, die aus der Ablenkung entstehen, oft so viel beglückender als die Ergebnisse der Disziplin.

        Verfasst von Ule Rolff | 29. März 2022, 16:16
      • Nein, liebe Ule, kein wunder Punkt, sondern eher ein Wunderpunkt. Wie du schon sagst, das Beglückende dieser Erlebnisse stand fast immer im Vordergrund. 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 29. März 2022, 16:50
  4. Ja, das Licht kann uns auf unterschiedlichste Weise begegnen … .

    Verfasst von lachmitmaren | 29. März 2022, 10:58

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