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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur, Physikalisches Spielzeug & Freihandversuche

Ein Ei im Mai

Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
 
Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?
 
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.

Eduard Mörike (1804 – 1875)

Ein weiteres Rätsel, das zwar nicht auf dem Ei gekritzelt steht, das aber aus ihm herausgek(r)itzelt werden kann ist die Frage, ob ein Ei gekocht oder noch roh ist. Bereits in meiner Kindheit wurde das Rätsel experimentell gelöst, indem man das fragliche Ei selbst befragte – natürlich in der Eiersprache . Dazu bringt man es (wegen möglicher unkalkulierbarer Fluchtbewegungen auf einem Teller) – mit einem kräftigen Dreh in schnelle Rotation und vergleicht die Drehzahl mit der eines anderen Eis, dessen Zustand bekannt ist. Es zeigt sich dann, dass das gekochte Ei länger als das rohe rotiert. Dafür zeigt das rohe Ei eine zunächst rätselhaft erscheinende Besonderheit. Wenn man es während der Rotation durch Antippen kurz anhält und es sofort wieder loslässt, setzt es zumindest kurz seine Drehung fort. Das gekochte Ei bleibt bei einer solchen Behandlung unwiderruflich stehen.

Der Unterschied im Verhalten der beiden Eier ist darauf zurückzuführen, dass der Inhalt im rohen Ei weitgehend zähflüssig das gekochte aber durchgehend hart ist. Dreht man das gekochte Ei an, so bringt man wegen der festen Verbindung aller Teile des Eis dieses als Ganzes in Bewegung. Beim gekochten Ei gelingt es mit einem Dreh nur die Rotationsenergie auf die äußere Schale und die unmittelbar benachbarte flüssige Eiweißschicht zu übertragen, die die Bewegung dann mit einer kleinen Verzögerung an die weiteren inneren Schichten weitergibt. Denn aus Trägheit verharrt das Innere des Eis zunächst in Ruhe und wird erst nach und nach vor allem durch innere Reibung zulasten der äußeren Schichten und der rotierenden Schale in Gang gesetzt.
Das heißt, dass man beim Andrehen des rohen Eis mit einem Dreh weniger Energie übertragen kann als beim gekochten. Denn es werden nur die äußeren Schichten in Gang gesetzt. Diese geben dann anschließend noch einen Teil der Energie davon an die inneren Schichten ab, was zu einer stärkeren Abbremsung führt.
Meine Oma hatte früher eine andere viel einfachere Erklärung: Am Verhalten des rohen Eis merkt man, dass es noch ein wenig lebt. Ich stellte mir vor, dass das „noch ein wenig lebende“ Ei sich zunächst gegen die unverhoffte schnelle Drehung wehrt, was das tote gekochte Ei nicht mehr kann.




Diskussionen

22 Gedanken zu “Ein Ei im Mai

  1. Schon wieder!
    Schon wieder!
    Ich habe einen Beitrag über Eier veröffentlichen wollen.
    DAS morphologische Feld! 🙂

    Verfasst von kopfundgestalt | 6. Mai 2022, 01:08
  2. …daß beim gekoht

    Verfasst von Gisela Benseler | 6. Mai 2022, 01:11
  3. .“..daß beim gekochten Ei weniger Energie…“ da ist ein Wort falsch.

    Verfasst von Gisela Benseler | 6. Mai 2022, 01:13
  4. Daß das Ei aber steht, finde ich erstaunlich. Wurde es beim Drehen aufgenommen?

    Verfasst von Gisela Benseler | 6. Mai 2022, 01:14
  5. Die omasche Erklärung gefällt mir .
    Da steckt einiges drin, mehr als in einer handvoll Ei.
    Dieses Galertartige des rohen Eis gleicht ja auch der Erde.
    Und jetzt kommt auch wieder Oma zu Wort.

    Verfasst von kopfundgestalt | 6. Mai 2022, 10:25
  6. Die Oma hat qua Definition immer recht. Zumindest mehr als der dies auch in Anspruch nehmende Lehrer. Allerdings… benutzen wir zum Kochen in der Regel unbefruchtete Eier.
    Eine Frage kam mir aber doch: was ist denn nun mit den weichgekochten Eiern? Benehmen sich die daneben oder liegen die irgendwo dazwischen? Und dann auch noch: wieso ist der Zustand des einen Eis bekannt? hat der Versuchsleiter schon mal reingeschaut und wieder zugemacht, ganz so, wie bei den Versuchskühen im Stall? Oder, einfacher, das konstante Ei als Meßgröße sei stets gekocht?
    Übrigens, bleiben wir bei den handelsüblichen Hühnereiern: auch die Luftmenge im Ei spielt gewiß eine Rolle. Ich weiß zumindest von einer wissenschaftlichen Arbeit, die sich genau damit – also nicht mit den Auswirkungen auf die Rotation, das denn doch nicht! – beschäftigt.

    Verfasst von gerlintpetrazamonesh | 6. Mai 2022, 16:06
    • Vielen Dank für den informationsreichen Kommentar. Ja, Omas haben immer Recht, vor allem meine hatte es. Da wir eigene Hühner und Hähne hatten, war es müßig über unbefruchtete oder befruchtete Eier zu mutmaßen. Im Zweifelsfalle waren alle befruchtet.
      In unseren Experimenten funktionierten die weich gekochten Eier (Eigelb weich) genauso gut wie hart gekochte. Die Übergangsstadien haben wir nicht untersucht. Sicher wird es da eine Grenze geben, wo die Entscheidung nicht mehr eindeutig möglich ist. Aber das dürfte im ungenießbaren Bereich liegen.
      Es kommt vermutlich selten vor, dass der Vergleich zwischen roh und gekocht wirklich angestellt werden muss. Aber wenn es denn nötig ist, muss man natürlich ein Vergleichsei mit bekanntem „Zustand“ haben. Wenn man den Versuch jedoch schon mal gemacht hat, wird man den Unterschied sofort beim Andrehen erkennen. Das rohe Ei kommt kaum so recht in die Gänge, wohingegen das gekochte gleich auf hohe Touren gerät, sodass man aufpassen muss, dass es nicht vom Tisch saust…
      Den Einfluss der Luft im Ei auf die Rotation haben wir nicht untersucht. Aber die Luft dürfte meiner Einschätzung nach nur von geringer Wirkung sein.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 6. Mai 2022, 19:12
      • Jedenfalls erinnere ich mich auch, dass wir diese Experimente veranstalten wollten, aber nach ersten Kreiselverlusten einzustellen hatten…

        Verfasst von gerlintpetrazamonesh | 7. Mai 2022, 07:06
      • Kreiselverluste im Zusammenhang mit rohen Eiern klingt nicht gut…

        Verfasst von Joachim Schlichting | 7. Mai 2022, 08:54
      • Eben. Es war, wie übrigens bei zahlreichen kindlichen Versuchsanordnungen, kein Lob erwartbar. Ein, im Nachhinein, Fehler war es – und schon Einstein und ein paar andere verurteilten im Nachhinein ihren eigenen Anteil am Manhattan – Projekt – beispielsweise, zwecks besserer Beobachtung die Versuchsobjekte auf dem Tisch zu starten.

        Verfasst von gerlintpetrazamonesh | 8. Mai 2022, 03:17
      • Um alle Fallibilitäten auszuschließen wäre es das Beste, die Experimente auf dem Bauch liegend zu ebener Erde durchzuführen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Mai 2022, 08:27
  7. eieiei

    Verfasst von matter birgit | 6. Mai 2022, 21:14

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