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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Blauer Schatten, blaue Augen, blaue Berge

Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über ein hügeliges goldgelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin.*

Den Dichtern gönnt man (vielleicht mit Ausnahme von Arno Schmidt) gern einige dichterische Freiheiten bei der Beschreibung naturwissenschaftlicher Phänomene. Dieser Eindruck könnte vielleicht auch in diesem Zitat von Gottfried Keller bei dem einen oder der anderen entstehen. Aber ein solcher Eindruck wäre falsch. Im Gegenteil, ich bin erstaunt wie einfühlsam und zugleich präzise Naturbeschreibungen auch an anderen Stellen in seinen Werken sind.
Der Ich-Erzähler wandelt über goldgelbes Gefilde – vermutlich Sand. Unser visuelles System ist so organisiert ist, dass es dazu tendiert, in einer gegebenen Umgebung die überwiegende Farbe als Weiß wahrzunehmen (Chromatische Adaptation). Das hat in der beschriebenen Situation nicht dazu geführt, das Gelb für Weiß anzusehen, aber vielleicht doch, dass ein etwas ausgeblichenes in Richtung Weiß gehendes Gelb gesehen wird. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Einschätzung der anderen Farben. Ihr Ton rückt ein wenig in Richtung Komplementärfarbe von Gelb und das ist Blau (chromatische Verschiebung).
In den Schattengebieten wird der wahrgenommene Blauanteil nicht nur infolge der chromatischen Verschiebung angehoben, sondern auch weil hier zusätzlich der blaue Himmel eine indirekte blaue Beleuchtung beisteuert. Allerdings wäre bei genauerer Betrachtung auch noch zu berücksichtigen in welchem Maße der gelbe Untergrund zumindest einen Teil des Blaus absorbiert (Komplementärfarbe).
Das gilt auch in den Schattengebieten, in die kein weißes Sonnenlicht gelangt, sondern nur das Licht des Himmels. Geklärt werden kann aus den Angaben des Dichters allerdings nicht, inwieweit die teilweise Komplementarität von blauem Licht und gelbem Untergrund eine Rolle spielt.
Zusätzlich kommen zum einen Lydias blaue Augen ins Spiel. Wusste oder ahnte Gottfried Keller, dass das Blau der Augen physikalisch eine ähnliche Ursache wie das Himmelblau hat? Zum anderen fehlen auch die blauen Berge nicht, die letztlich auch einen Effekt des Himmelsblaus darstellen.


* Gottfried Keller. Die Leute von Seldwyla. Werke 4. Zürich 1971, S. 65

Diskussionen

21 Gedanken zu “Blauer Schatten, blaue Augen, blaue Berge

  1. Wunderbar, dieses Zitat 🙂

    Verfasst von wildgans | 4. Juni 2022, 00:04
  2. Das Photo ist jedenfalls wunderbar und zeigt eine goldgelbe, vom Winde geformte Dünenlandschaft mit blauen Schatten. Wohl selbst aufgenommen?

    Verfasst von Gisela Benseler | 4. Juni 2022, 08:50
  3. Schön für Lydia, solche Augen zu haben, sie ist dergestalt sogar mit dem Firmament verbunden , ist etwas größeres dadurch, bis dann Gewöhnung eintreten mag , der auch sie sich nicht entziehen kann.😀

    Verfasst von kopfundgestalt | 4. Juni 2022, 10:43
  4. Nach einem
    halben Jahrhundert

    Dein Bildnis
    taucht auf

    Das blau
    Deiner Augen

    Deiner Bitte
    vergebens

    Dich am Ufer
    zu küssen

    aus der Tiefe
    der See
    der einen Seele

    Verfasst von hgamma | 5. Juni 2022, 09:17

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  1. Pingback: Blauer Schatten, blaue Augen, blaue Berge – #KUNST - 4. Juni 2022

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