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Joachim Schlichting

Joachim Schlichting hat geschrieben 1190 Beiträge für Die Welt physikalisch gesehen

Der Fall des Falls – Fall 0

Der Herbst mit seinen fallenden Blättern erinnert mich auch daran, dass der Fall, vor allem der freie Fall zu den grundlegenden Konzepten der neuzeitlichen Physik gehört. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte – nicht nur der Physik, man denke etwa an den Sündenfall – und ist zum Paradefall des typisch physikalischen und naturwissenschaftlichen Denkens geworden. Weiterlesen

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Herbstschönheit im Tröpfchengewand

Als vor ein paar Tagen die morgendliche Sonne die vertrocknenden und verfaulenden Pflanzen beschien, fiel mein Blick zufällig auf eine kleine Insel im Licht. Eine Wildblume scheint sich hier gegen das allgemeine Klischee des grauen Herbstes zu stemmen, indem sie sich nicht nur mit frischen Blüten schmückt, sondern auch mit den Tautropfen der vergangenen Nacht herausputzt. Weiterlesen

Rote Sonne am helllichten Tage

Ich denke, dass ich nicht der Einzige bin, der sich über den trüben gestrigen Tag und einer roten Sonne gewundert hat. In ähnlicher orangeroter Färbung wie beim Sonnenuntergang, glühte sie am helllichten, späten Vormittag vom grau bedeckten Himmel herab. Man konnte ohne Probleme in sie hineinschauen und ohne Gefahr einer Augenverletzung versuchen, ob sich das Problem durch intensives Anschauen lösen lässt. Weiterlesen

Zur physikalischen Erzählung spiegelnder Fensterscheiben

doppelglasspiegelung_dscf26Der Kosmos ist ein Spiegel, so lautet eine altpersische Weisheit, und Christian Morgenstern sagt: „Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener“. Weiterlesen

Ein alter Reim

Treppe
Ich gehe die Schritte
Und zähle die Zeit.
Der Reim ist verloren.
Ich zähle die Schritte
Und gehe die Zeit.
Der Reim ist verloren
Ich zähle die Zeit Weiterlesen

Auch die Erinnerung verblasst…

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Theodor Storm (1817 -1888)

Das farbenprächtige Blatt auf dem nebenstehenden Foto stammt nicht aus dem Sommer. Es ist ein Herbstblatt. Man sieht an ihm die „Bemühungen“ der Natur, das Blattgrün abzuziehen und für  bessere Zeiten aufzubewahren. Ganz ist es ihr noch nicht gelungen. Das Blatt ist offenbar vor Vollendung dieser Sparmaßnahme der Natur gefallen. Aber nur so konnte es die schöne bunte Färbung annehmen und mich während einer Wanderung überzeugen, mit nach Hause genommen zu werden, um in Zukunft zwischen zwei Buchdeckeln zu ruhen und mich gelegentlich an die Wanderung zu erinern.

Verwirrende Regenbögen in völlig trockener Umgebung

regenbogen_kugel_img_7807_rAm Fenster vor meinem Schreibtisch habe ich als Dekorationsstück eine große transparente Glaskugel stehen. Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, projiziert sie einen Lichtbogen in Spektralfarben auf den unteren Rahmen des Fensters. Es handelt sich um die Projektion des Querschnitts eines von der Kugel ausgehenden Lichtkegels, der – wenn die Kugel ein Regentropfen wäre – Regenbogen genannt würde; auch wenn dazu in der Natur zahlreiche Tropfen gemeinsam beitragen. Weiterlesen

Stroboskopische Aufhebung des freien Falls im Zentrum für internationale Lichtkunst

Wir sind in den vorangegangenen Rundgängen im Zentrum für internationale Lichtkunst bereits durch mehrere Räume und Korridore der alten Fabrik gegangen und lassen es uns nicht nehmen, auch noch einen Gang durch den „reflektierenden Korridor“ vom Lichtkünstler Olafur Eliasson (*1967) zu unternehmen, obwohl bereits das Rauschen fallender Wassertropfen ankündigt, dass es hier feucht werden könnte. Aber die Befürchtung erweist sich als unberechtigt, sofern man auf dem vorgesehenen Weg bleibt und nicht versucht, dem Untertitel der Installation „Entwurf zum Stoppen des freien Falls“ entsprechend die Tropfen eigenhändig zum Stillstand zu bringen. Weiterlesen

Licht, Kunst und Naturphänomene – Multidimensionale Lichtblicke

Beeindruckende Lichtkunstwerke sind in einer Dauerausstellung von Raika Dittmann im Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna zu sehen. Sie bieten ein wahres multidimensionales Erlebnis. Man kann in einer ersten Annäherung das Herzstück des Exponats für sich betrachten. Es handelt sich um mehrere kunstvoll bearbeitete meist plattenartige Glasobjekte. Sie erinnern teilweise an zerbrochene Sicherheitsglasscheiben, bei der die zersplitterten aber noch zusammenhängenden Teile polygonal gemustert sind. Jedenfalls ziert ein feines Netzwerk von teilweise farbigen Elementen die Glasobjekte, die teils zufällig entstanden, teils bewusst komponiert zu sein scheinen. Weiterlesen

Licht, Kunst und Naturphänomene – kunstvoll leuchtende Glühlampen

Der Japanische Künstler Satoru Tamura (*1972) bringt im Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna mit einem übergroßen elektrischen Schalter, den „Point of Contact for Unna“,  eine Säule von Glühlampen zum Leuchten. Dieser ‚Schalter‘ besteht aus einer Messingstange und einer Stahlplatte, die – wenn sie offenbar ohne von außen beeinflusst zu werden – einander berühren, elektrische Funken sprühen, was vom Aufleuchten einer Säule von Lampen gefolgt wird. Weiterlesen

Eine Milchstraße von Reflexen im Zentrum für internationale Lichtkunst

Im Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna hat mich eine anspielungsreichen Installationen von Mischa Kuball (*1959), Space, Speed, Speech, besonders beeindruckt. Obwohl viele andere Assoziationen möglich sind, werde ich vor allem an kosmologische Bilder erinnert, an Planeten, Monde, die von Sonnen angestrahlt werden und eine nicht enden wollende Schar von Sternen. Weiterlesen

Ein reflexives Spiel mit Worten im Zentrum für internationale Lichtkunst

Der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth (*1945) zeigt im Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna eine Installation, die die Fantasie anregen soll. In einem Raum den man auf einem leicht abfallenden, mäandernden Steg durchquert, begegnet man einen aus Leuchtstoffröhren geformten Text der einem fragmentarisch in immer neuen Variationen entgegentritt. Er stammt von Heinrich Heine (1797 – 1856), der im dritten Buch der Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland unter Benutzung der Analogie der christlichen Inkarnation das Verhältnis zwischen Ideen und politischer Praxis auszudrücken versucht. Weiterlesen

Licht, Kunst und Naturphänomene – den Augen ist manchmal nicht zu trauen

Wenn man in die Museumsräume des Zentrums für internationale Lichtkunst über einen Treppengang eintritt, wird man bereits von einem ersten Lichtphänomen eingenommen, das als solches gar nicht als Kunstwerk ausgewiesen ist (siehe oberes Foto). Gewöhnt man sich nämlich einige Minuten an das von blauen Leuchtstoffröhren beleuchtete Gewölbe und blickt dann zurück auf die weißgetünchten Wände des Eingangs, die noch vom Tageslicht beleuchtet werden, so erstrahlen diese in einem rötlichen Schimmer, in der Komplementärfarbe des Blaus. Man sieht also eine Farbe, die objektiv gar nicht vorhanden ist und einen rein wahrnehmungsphysiologischen Effekt darstellt, auf den ich in diesem Blog bereits in einigen anderen Kontexten eingegangen bin (z.B. hier und hier und hier). Es handelt sich um einen Effekt der chromatischen Adaptation oft auch mit einer etwas anderen Schwerpunktsetzung als Simultankontrast bezeichnet. Weiterlesen

Licht, Kunst und Naturphänomene – ein einzigartiges Museum

Wer sich für Lichtphänomene interessiert, der sollte es nicht versäumen, das Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna zu besuchen. Es lohnt sich. Es lohnt sich sogar extra hinzufahren, wie wir es getan haben. Ich fand die Lichtinstallationen so eindrucksvoll, dass ich von einigen mit eigenen Fotos in den nächsten Tagen berichten werde.
Man durfte nämlich in diesem Museum fotografieren; das machte es von vornherein im Unterschied zu anderen ähnlichen Kunstmuseen äußerst sympathisch. Die weitgehend im ursprünglichen Zustand belassenen Räumlichkeiten einer alten Brauerei, in der das Museum untergebracht ist, stellten zudem einen durchweg passenden Kontext für die verschiedenen Lichtgestalten dar und schufen eine einzigartige Atmosphäre, die man so wohl kaum wiederfindet. Weiterlesen

Säulen der Erde

Schlichting, H. Joachim. In: Spektrum der Wissenschaft 10 (2017), S. 68 – 69

Wenn Lava erstarrt, erzeugen Spannungen im abkühlenden Basaltgestein ein Netzwerk von Rissen. Die Spalten formen tiefe Säulen mit einem faszinierend regelmäßigen, meist sechseckigen Querschnitt. Weiterlesen

Rätselfoto des Monats Oktober 2017

Sonne oder Mond?


Erklärung zum Rätselfoto des Monats September 2017
Frage:
Was wächst denn hier; und wie?

Längs einer Linie wachsen Bäumchen – fast möchte man sagen sich gegenseitig reflektierend – längs einer Linie. Auf den ersten Blick würde man vielleicht auf eine Versteinerung tippen. Obwohl die Richtung richtig ist, was das Alter betrifft, so ist die Entstehungsursache völlig verschieden. Hier blickt man auf keine versteinerten Pflanzen, obwohl es sich ebenfalls um dendritische (dendrites: zum Baum gehörend) Objekte handelt. Diese Dendriten sind vor circa 160 Millionen Jahren im Solnhofener Plattenkalk gewachsen. Es handelt es sich um Eisen- und Manganabscheidungenen auf Kluftflächen des Kalks. Entstanden sind sie dadurch, dass mineralreiches Wasser mit hohen Konzentrationen von Eisen und Mangan von Ritzen im Gestein ausgehend in mikroskopisch kleine Hohlräume zwischen den Kalksteinlagen und gedrungen sind und durch sogenanntes diffusionsbegrenztes Wachstum (DLA) solche fraktalen Muster hervorgebracht haben.
Der Vorgang lässt sich übrigens in einfachen Freihandexperimenten nachvollziehen ohne Äonen auf das Ergebnis warten zu müssen.

Vom allzu menschlichen Maß

Beim Wandern geht einem vieles durch den Kopf. Oft ist das Vorankommen selbst Gegenstand der Gedanken. Auf einer längeren Wanderung, auf der ich noch 10 nicht besonders kurzweilige Kilometer vor mir habe (die Landschaft ist eben auch nicht immer durchgehend aufregend), rechne ich mir aus, dass ich dazu bei meiner durchschnittlichen Wandergeschwindigkeit etwas mehr als 2 Stunden benötigen werde. Weiterlesen

Züngelnde Wasserflammen am Strand

wasserflammen_rvWie jeden Tag hatten ihn seine Schritte zum offenen Meer geführt. Sein Blick war vor ihm auf den Boden gerichtet, wo das abfließende Wasser züngelnde Flammen in den Sand gezeichnet hatte. Die Rinnsale, am Ende fadendünn, mündeten in immer beitere Verästelungen, in den weiten, lodernden Flächenbrand des Ozeans…
Lass die Wasserflammen brennen, lass die Wasserflammen brennen. Einmal sagt das Feuer: Es ist gut.*
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Wo aber Regen ist, wachsen Regenschirme auch…

Als ich auf einer Wanderung bei einem heftigen Regenguss dieser Pilze ansichtig wurde, ging mir ein Spruch Friedrich Hölderlins (1770 – 1843) durch den Sinn:

Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch Weiterlesen

Abendliche Impressionen

gluhendes_atomkraftwerk_rvWährend einer Eisenbahnfahrt blicke ich von meinem Buch auf und schaue aus dem Fenster. Ich sehe – vielmehr glaube ich zu sehen – den lichterloh glühenden Kühlturm eines Atomkraftwerks. Zum Glück lässt sich dieser der Versunkenheit in der Lektüre geschuldete Schreck schnell wegrationalisieren. Weiterlesen

„Die Hauptsache ist immer unsichtbar*“ (Lichtenberg 7)

hauptsache_dscf2069rvDer Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) geht davon aus, dass von der sichtbaren Oberfläche der Gegenstände und ihrem Verhalten nicht ohne weiteres auf das innere Wesen geschlossen werden kann. Dieses bleibt trotz der großen Erfolge bei der Ausweitung der Sichtbarkeit durch Fernrohr und Mikroskop verborgen und verweist einmal mehr auf die spezifische Kontingenz unserer Wahrnehmung. Denn wie Lichtenberg am Beispiel der Newtonschen Gravitationskraft illustriert, ist oft das Wesentliche gerade in dem enthalten, was wir nicht sehen: Weiterlesen

Zur Gestaltungskraft eines Sonnenuntergangs

abensdsonne_rvAbendsonne

Spitz der Winkel, schräg der Strahl,
Dennoch voll Gestaltungskraft
Malt die Sonne Berg und Tal
Mit verträumter Leidenschaft.

Dunkler wird, was dunkel war,
Heller leuchtet sattes Blau.
Wolkenweiß vergilbt sogar,
Kälte neigt zu mildem Lau.

Kurz nur zeigt sich dieses Spiel,
Kohlefarben wird das Grau.
Dann verschwimmt das Augenziel.
Ende einer großen Schau.

Ingo Baumgartner (1944 – 2015)

Ein farbenfroher Dreckeffekt

Vor einigen Jahren fuhr ich regelmäßig mit der Bahn von einem kleinen Bahnhof aus, der seit langem unbenutzt war. Als ich auf den Zug wartend an einem frühen Morgen in der Dunkelheit meine neue Kamera ausprobieren wollte, fotografierte ich mit Blitzlicht eine Glastür. Ein vernünftiges Bild erwartete ich natürlich nicht. Doch bei näherer Betrachtung des Ergebnisses zeigten sich Ausschnitte aus farbigen Ringen, die quer über die Scheibe liefen. Systematische Wiederholungen solcher Fotografien zeigten, dass hier ein Phänomen im Spiel war. Weiterlesen

Pfeffer und gezackte Linien (Lichtenberg 3)

lichtenberg_figuren_rvDer erste deutsche Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) hat sich nach eigenem Bekunden in seiner experimentellen Forschung mit seltsamen Geschöpfen auf der Grenze zwischen Luft und Festkörper befasst. Als jemand der „Pfeffer und gezackte Linien“ (F 995) liebt, stößt er wohl als erster Physiker im Rahmen seiner Experimente zur Elektrostatik auf nichtlineare fraktale Muster, die fortan seinen Namen tragen sollten. Weiterlesen

Tropfenbahnen am Fenster

Was bleibt einem nach einem verregneten Sommer anderes übrig, als den wässrigen Erscheinungen auch etwas Positives abzugewinnen. So bemerke ich beispielsweise zu Beginn eines neuen Regenschauers, dass die ersten Tropfen sich oft perlenkettenartig auszurichten scheinen, wie auf dem Foto zu sehen. Später wenn die Anzahl der Tropfen überhand nimmt, geht dieses Phänomen im Tropfengedränge unter. Weiterlesen

Wie groß will nicht der kleine Lano sein…

Wie groß will nicht der kleine Lano sein!
Er steigt auf einen Stuhl: »Heida! bin ich noch klein?
Und bald will ich noch größer sein!«
Er steigt auf einen Berg
Und – ist ein Zwerg.

nach: Johann Gottfried Herder (1744 – 1803)

Lieber Lano, mit diesem kleinen Gedicht möchte ich dir zum heutigen Geburtstag gratulieren und alles Gute im Kreise deiner lieben Menschen und Hunde wünschen.
Da liegst du nun mit deinem kleinen Hundefreund auf dem Bauch und blickst in die Kamera. Als dieses Bild entstand – es ist noch nicht so lange her – warst du noch 4. Aber jetzt hast du den Sprung gewagt auf die nächste Stufe der Zahlenreihe.  Die 5 ist etwas ganz Besonderes. Sie kann nämlich alle ganzen Zahlen, die als letzte Ziffer eine Null oder Fünf haben, ohne Rest teilen. Und alle ungeraden Vielfachen von fünf enden wiederum mit der fünf, alle geraden Vielfachen mit der Null. So ist zwei mal 5 gleich 10. Außerdem ist sie eine Primzahl und zwar eine solche, die sich aus der Summe aller anderen Primzahlen, die kleiner sind als sie selbst bilden lässt.
Sie hat noch viele weitere Eigenschaften, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Aber dass du 5 Finger an jeder Hand hast und 5 Zehen an jedem Fuß, kannst du leicht selbst nachzählen. Überprüfe mal, ob das bei deinen Hunden auch so ist.

 

Sandstrukturen zwischen Physik und Poesie

Dünenlandschaften mit ihren vielfältigen Sandstrukturen haben trotz ihrer Lebensfeindlichkeit die Menschen immer wieder angezogen und verzaubert. Ralph Bagnold (1896 – 1990), einer der Pioniere der modernen Wüstenforschung, erinnern die virtuosen Gestaltbildungsvorgänge des Sandes sogar an Lebensvorgänge: Weiterlesen

Licht im Dunkel auf La Palma

Das kleine Gotteshaus leuchtete weit übers Land, als wäre es überaus wichtig. Es zog mich mit seinem Schimmern jedesmal an, und ich stieg die Stunde hinauf, wo sonst niemand steigt in den ermattenden Hochsommertagen. Auch dies war ein Traumbild des … Lichts, das alles erhöht und aus jedem Nichts ein Wunderwas macht. Jedesmal nahm ich mir vor, nicht überrascht zu sein, wie kärglich und arm es war, und jedesmal war ich’s dann doch. Denn es war nur ein kleiner Gottesschuppen, so klein, daß ich mit der Hand ans dach fassen konnte, und das Weiß des Gemäuers war gar nicht weiß, sondern schlecht, und drinnen war wie gewöhnlich nichts, höchstens ein Bauern-Ikon. Wie aber glänzet es über das Land!*
Besser als mit den Worten Erhardt Kästners (1905 – 1975) hätte ich meine Empfindungen gar nicht ausdrücken können, als ich von einer langen Wanderung über die Vulkanroute schließlich kurz vor der  Saline von Fuencaliente am südlichen Zipfel von La Palma auf die kleine Kapelle stieß. Sie war ein Licht im kohlschwarzen Dunkel des Lavagesteins, das ich den ganzen Tag vor Augen hatte. Licht im Dunkel, das braucht man zuweilen und sei es noch so klein.

„Das Licht treibt sein lachendes Spiel an der Oberfläche der Dinge“*

Es ist als würde diese Palme (Foto)  auf La Palma ein überirdisches Licht in ihrem Innern zum Leuchten bringen, so unwirklich hell strahlt es aus ihr heraus. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es hier mit rechten Dingen zugeht. Die Stelle, an der sich die Palmwedel vereinigen, wird zufällig so wirkungsvoll vom Sonnenlicht getroffen, dass es zu dieser faszinierenden Leuchterscheinung kommt. Das Foto kann nur unvollkommen wiedergegeben, was das Auge als ein gewissermaßen aus sich heraus leuchtendes Volumen sieht. Weiterlesen

Harmonie zwischen Straßenbelag und Monsterafrucht auf La Palma

Polygonale und darunter vor allem hexagonale Muster findet man auf La Palma nicht nur bei den Basaltsäulen und manchen Straßenbelägen vor, sondern auch bei einigen Pflanzen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Monstera deliciosa, das köstliche Fensterblatt. Monstera heißt auf lateinisch Missgestalt (lat. monstrum = mahnendes Zeichen im Sinne von Ungheuer). Die Übersetzung mit Fensterblatt ist daher eine etwas entschärfte Version der Tatsache, dass die Blätter der Pflanze  Öffnungen, also Fenster haben; und köstlich sind die Früchte, weil sie sehr gut schmecken: ein wenig wie eine Kreuzung aus Ananas und Banane. Weiterlesen

Hängende Basaltsäulen auf La Palma

Basaltsäulen_nahDen vulkanischen Ursprung der Insel La Palma erkennt man auch an den Basaltsäulen, die an verschiedenen Stellen der Insel frei zu Tage treten. Im aktuellen Foto hat sich das nimmermüde anbrandende Wasser (steter Tropfen höhlt den Stein) eine Höhle in die Felswand gegraben und derartige Säulen freigelegt. Sie haben einen polygonalen Querschnitt mit einer Häufung bei sechs Seiten. Zugegeben, die Saulen auf Island und Irland sind in ihrer Gleichförmigkeit wesentlich eindrucksvoller. Dafür bietet La Palma viele andere einmalige Phänomene. Die Basaltsäulen gibt es gewissermaßen noch obendrein. Weiterlesen

Aus dem Garten der Hesperiden

drachenbaum_la_palma_rvEindrucksvoll der Drachenbaum (Dracaena draco) wie man ihn auf den Kanarischen Inseln (hier: La Palma) gelegentlich antrifft. Schon der Name umgibt den Baum mit einem Hauch des Geheimnisvollen und folglich hört man auch immer wieder wilde Geschichten über dieses Gewächs. So soll er im Garten der Hesperiden seinen Ursprung haben. Dort wurde ein goldene Früchte tragender Baum vom Drachen Ladon bewacht. Aber Herakles tötete Ladon und aus jedem Blutstropfen wuchs ein Baum, ein Drachenbaum.
Das erinnerte mich an eine Zimmerpflanze, die ich seit Jahren bewundere. Denn auch sie lässt sich leicht vermehren. Aus jedem Teil der Pflanze kann eine neue Pflanze gezogen werden. Erst jetzt wurde mir klar, dass die Beziehung inniger ist, als diese leichte Vermehrung vermuten lässt. Diese Zimmerpflanze ist auch ein Drachenbaum (Dracaena marginata).
Seitdem ist mir dieser Drachenbaum ans Herz gewachsen. Er erinnert mich an La Palma. Dem kann auch die Tatsache keinen Abbruch tun, dass der Drachenbaum gar kein Baum im botanischen Sinne ist, sondern zur Familie der Spargelgewächse (Spargel?!) gehört.

Alpenglühen in Santa Cruz

Heute bin ich mal vor der Sonne aufgestanden und sehe ihr beim Auftauchen aus dem Meer zu. Sie steigt auf den Kanarischen Inseln steiler auf als bei uns in nördlicheren Gefilden, weil wir dem Äquator ein ganzes Stück naher gekommen sind. Ebenso eindrucksvoll, weil seltener in dieser Deutlichkeit zu beobachten, flammen die Häuser von Santa Cruz de la Palma im rötlichen Sonnenlicht auf. Es ist als würden die Häuser aus sich heraus leuchten. Dabei geben sie nur das Licht gewissermaßen aus zweiter Hand weiter. Der Effekt ist vor allem deshalb so spektakulär, weil sich die in hellen Farben getünchten Häuser einen großen Anteil des fast senkrecht auf die Wände einfallenden Lichts reflektieren. Demgegenüber geben die bewaldeten Berge im Hintergrund kaum Licht zurück mit der Folge eines besonders starken Kontrasts.
Das Phänomen erinnert an das Alpenglühen, dem Leuchten der hellen Felsen im Licht der auf- oder untergehenden Sonne, wie man es vom Bergwandern kennt. Dort sind es vor allem die nackten Bergspitzen, die noch oder bereits im Sonnenlicht erglühen, wenn die Sonne noch keinen oder keinen Zugang mehr zu den tiefer gelegenen Regionen hat, die daher noch oder bereits im Dunkeln liegen.

Das Rasseln des Klatschmohns

Das Klatschmohnjahr ist noch nicht zu Ende, auch wenn die Pflanzen schon eifrig dabei sind, für das nächste Jahr vorzusorgen, indem sie ihre Samen in mehr oder weniger großen Kapseln sammeln. Diese sind nicht nur schön anzusehen, sondern können auch zu einem überraschenden Hörerlebnis werden. Sobald die Kapseln verholzen haben sich die vielen kleinen Samenkörner in ihnen gelöst und sind wie in einem Salzstreuer frei beweglich (im Foto rechts unten). Weiterlesen

Treppenwitze der besonderen Art

treppe_img_2645a-jpgIch kann es einfach nicht ertragen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe.
Es ist, wie wenn man eine Treppe hintergeht und sich in der Zahl der Stufen irrt. Man denkt, es kommt noch eine Stufe, und auch die Beinmuskeln sind darauf eingestellt. Und dann ist man schon unten angelangt. Der Fuß landen mit einem Bums auf demselben Fleck, ein gewaltsames Aufstampfen, das die ganze Muskelspannung augenblicklich völlig lächerlich und überflüssig macht. Genauso fühlt man sich dann auch. So etwas macht mich rasend. (Connie Palmen (*1955). Die Gesetze. Zürich: Diogenes 1993).
Schlimmer ist es, wenn man denkt, es kommt keine Stufe mehr. Dann erfordert die physikalische Notwendigkeit, einen doppelt so großen Schritt zu tun, auf den man nicht eingestellt ist und daher mechanisch gesehen daneben liegt. Das kann unter Umständen dazu führen, dass man dann auch als ganze Person daneben liegt, nämlich auf dem Boden der harten Fakten.
Meist harmloser ist es, wenn man beim Treppaufgehen noch eine Stufe erwartet und dann eine Art Luftnummer veranstaltet, die für einen selbst überraschend, für einen Außenstehenden witzig erscheint.
Metaphorisch gesehen kommen solche Fehltritte auch auf der Karriereleiter vor. Ich überlasse dem Leser, sich die  Entsprechungen der verschiedenen Fauxpas‘ auszumalen oder sich auch nur an entsprechende persönliche Vorkommnisse zu erinnern.
Die Gefahr in eine solche Situation unfreiwilliger Akrobatik zu geraten, wird durch täuschende Lichtverhältnisse (siehe Foto) gefördert. Durch Schatten kann es leicht zu einer Fehleinschätzung der Stufenanzahl kommen: Der Schatten einer Stufe ist eben nur ein Schatten.
Treppensteigen kann also eine Kunst sein.