//
Artikel Archiv

Joachim Schlichting

Joachim Schlichting hat geschrieben 1370 Beiträge für Die Welt physikalisch gesehen

Opfer stillschweigender Voraussetzungen

Vor ein paar Tagen habe ich ein Phänomen  beschrieben, bei dem eine mit Wasser gefüllte Flasche wie eine Lupe wirkt. Etwas ganz Ähnliches war mir vor Jahren schon einmal aufgefallen und ich hatte es während eines Essens sehr zum Ärger meiner Begleitung auch fotografisch festgehalten (siehe Foto). Mir schien die Situation klar: Die Schrift wird durch die Zylinderlinse (jedenfalls näherungweise), die hier als Zylinderlupe wirkt, in der Horizontalen vergrößert. Weiterlesen

Advertisements

Das Pantheon – Licht und Kuppel

pantheon_img_5358Das Erstaunlichste an dem Gebäude ist sein Licht. Durch eine kreisrunde Öffnung von neun Meter Durchmesser, die den Scheitel der Kuppel bildet, fällt das ungebrochene, durch kein Glas getrübte Licht des römischen Himmels in den Raum. Die kaum wahrnehmbaren Wandlungen seiner Intensität, seine Milderung durch die Wolken, seine Trübung durch den Schirokko, sein Glanz in der Sonne, und sein geisterhaftes Leben im Mond, diese tausendfältige, lebenspendende Variation des Lichtes durchdringt den Innenraum mit so feiner Gewalt, daß es scheint, als hätten die grau kassettierten Steine ein besonderes beinahe körperlich spürbares leben. Das Pantheon als Ganzes ist eine überwältigende Leistung, aber die Tat des Genies ist die Öffnung in der Kuppel. Weiterlesen

Gestörte Symmetrie

Auch wenn es in dieser unserer (un)vollkommenen Welt keine perfekte Symmetrie gibt, erkennen wir dies nur dadurch, dass wir uns auf die Idealgestalt der Symmetrie beziehen. Die gestörte, gebrochene oder sonstwie verfehlte Symmetrie ist das Reale. Ohne Symmetriebrüche gäbe es weder die Welt noch uns, die wir so großspurig darüber sinnieren. Frank Close (*1945) drückt das folgendermaßen aus: „Es mag seltsam klingen, doch heute, fünf Milliarden Jahre nachdem die erste Fusion in der Sonne stattfand, gibt es uns und andere Lebensformen auf der Erde nur, weil das W (ein Elementarteilchen, HJS) so massiv und das Photon masselos ist. Wieder einmal müssen wir erkennen, dass unsere Existenz ganz wesentlich von einer gebrochenen Symmetrie abhängt. Bei Abkühlen des Universums wurde die Symmetrie durch die unterschiedlichen Massen der Kraftübermittler zerstört.“*
Auch vom ästhetischen Standpunkt aus zieht man meist den (manchmal kaum merklichen) Symmetriebruch vor. Allerdings gilt hier wie dort: „Asymmetrie ist, ihren kunstsprachlichen Valeurs nach, nur in Relation auf Symmetrie zu begreifen“**.
Die vorliegende Fotografie eines Straßenzugs ist so etwas wie eine grobe Visualisierung dieses Sachverhalts, bei der ich mich soweit es ging der Symmetrieachse annäherte. Das führte zusätzlich dazu , dass das an der Glasscheibe reflektierte Licht maximal und die Störung durch Licht von innerhalb des Gebäudes minimal wurde (Fresnelsche Gesetze).
Nur wenn man genau hinschaut, bemerkt man einige Strukturen, die auf Gegenstände hinter der Scheibe verweisen; aber erkennen, worum es sich dabei im Einzelnen handelt, kann man trotzdem nicht. Am meisten fällt noch jene dunkle Linie hinter der Scheibe auf, die keine Entsprechung auf der realen Seite hat.
Da es sich um keinen gewöhnlichen Anblick handelt – wer schmiegt sich schon an eine kalte glatte Scheibe, um in dieser Stellung den Blick auf die gewohnte Welt zu nehmen – hat das Foto etwas Künstl(er)i(s)ches. Denn so etwas bewundert man allenfalls auf Gemälden. Dabei denke ich zum Beispiel an Richard Estes (*1932), der ähnliche Szenen fotorealistisch malte. Obwohl er als Maler die Möglichkeit gehabt hätte, perfekt symmetrische Situationen zu malen, konzentrierte er sich besonders auf die asymmetrischen Aspekte.
Ich hätte dieses Foto bestimmt nicht gemacht, wenn es eine perfekte Symmetrie darstellte, denn im weitesten Sinne des Wortes bedeutet Symmetrie nichts anderes als  Wiederholung des Gleichen. Das wäre mir aber zu langweilig gewesen.


*Frank Close. Luzifers Vermächtnis. München, 2002
** Theodor W. Adorno. Ästhetische Theorie. Frankfurt 1970

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)

Die blaue Blume der Romantiker steht bekanntlich für die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Die hier abgebildete blaue Schwertlilie (Iris), die sich neben einigen gelben Exemplaren in unseren Garten eingenistet hat, ist dazu ausersehen wenigstens für die Zeit der Blüte der Sehnsucht symbolisch ein Gesicht zu geben.

 

Schnee im Mai?

Von weitem sieht es aus, als habe es geschneit, obwohl die angenehmen Temperaturen dagegen sprechen. Es wird allerdings sehr schnell klar, dass hier eine große Pappel ihre schneeweißen Samenfasern auf die Reise geschickt hat, die allerdings wegen der Windstille nicht allzu weit gekommen sind.
Schaut man sich die Pappelwolle aus der Nähe an, so entdeckt man, dass an jedem Flaum ein Samenkörnchen hängt, eine potenzielle neue Pappel. Angesichts der schieren Masse der Samen kann man davon ausgehen, dass die meisten von ihnen auf der Strecke bleiben. Weiterlesen

Der Zunderschwamm bleibt aufrecht

Zunderschwamm sieht man zurzeit viel in den Wäldern unserer Gegend. Das ist ein gutes Zeichen, weist es doch darauf hin, dass sie nicht mehr so intensiv bewirtschaftet werden und Bäume auch mal in Ruhe absterben dürfen. Denn auf absterbenden Bäumen tobt das pralle Leben. Am auffälligsten sind vielleicht die Zunderschwämme, konsolenartige geschichtete Pilze, die manchmal in großer feuriger Farbenpracht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen (unten links). Weiterlesen

Der Schatten bringt es an den Tag

Wenn man an einem hellen Tag vor einem Schaufenster steht, sieht man oft vor allem die hinter einem befindliche Außenwelt darin gespiegelt und nicht die Innenwelt hinter der Scheibe. Schuld daran ist die Überlagerung des von den innen befindlichen Gegenständen ausgehenden, vergleichsweise spärlichen Lichts mit dem an der Scheibe reflektierten Licht der äußeren Umgebung. Weiterlesen

Physikalischer Flaschengeist

Als der Zug durch den Bahnhof fuhr und ich in Gedanken versunken durch meine halb geleerte Wasserflasche auf den gegenüberliegenden Zug blickte, schreckte ich ein wenig ob seiner Verzerrungen auf, obwohl mir fast im selben Augenblick klar war, dass er diese durch die Flasche erfuhr. Was mich allerdings etwas länger beunruhigte, war dass der Schriftzug auf der Flasche im wasserfreien oberen Teil starke Schrumpfungserscheinungen zeigte. Wie das? Oder war es doch ganz anders?
Am besten ihr probiert es selbst einmal aus.
Tipp: Wenn ihr keine Flasche mit einem Schriftzug zur Hand habt. Ein solcher lässt sich auch mit einem Filzstift  anbringen.

Yin und Yang in der Regentonne

Der Pollenflug hat seine Spuren auch in der Regentonne hinterlassen. Der leichte Wind, der schräg in die Öffnung der Tonne eintritt, teilt sich der Wasseroberfläche und den darauf driftenden Pollen mit. Durch die kreisförmige Begrenzung ergibt sich daraus eine Rotationsbewegung. Diese wird durch die schlierenartige Struktur der mitgeschleiften Pollen überhaupt erst sichtbar. Weiterlesen

Was brauchst du?

was brauchst du? Einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume

du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker (*1924)

An Julia:
Dem Gedicht Friederike Mayröckers entsprechend sind inzwischen die meisten Bedingungen erfüllt, sodass du in dieser Gewissheit heute deinen Geburtstag begehen und feiern kannst. Dazu gratulieren wir dir, liebe Julia, herzlich und wünschen dir viele Gelegenheiten, sowohl zu den Bäumen aufzublicken (vom Haus aus) als auch unter dem Dach der Bäume zu denken, zu schreiben und zu träumen.
Bedenke außerdem, dass die 38 eine einzigartige Besonderheit hat:  Sie stellt die Reihensumme des einzigen nichttrivialen magisches Sechsecks mit der Seitenlänge n = 3 dar. Daraus müsste sich doch was machen lassen.
(Der Baum mit dem auch etwas in die Jahre gekommenen „Julia“- Tattoo steht übrigens im Hüggel.)

Bild und Form

Eigentlich wollte ich nur ein Glas Stilles Wasser trinken, um den Durst zu stillen. Dabei stand ich vor dem Fenster und blickte durch das gefüllte Weinglas auf das gegenüberliegende Nachbarhaus. Obwohl ich theoretisch wusste, dass runde bauchige Gläser die Gegenstände, auf die man durch sie hindurch blickt, auf dem Kopf stehend abbilden, war ich zugegeben etwas überrascht, das Haus sowohl auf dem Kopf stehend als auch aufrecht abgebildet vorzufinden. Bei genauerer Betrachtung des Glases wird jedoch klar, dass das Glas nicht nur einen kugelförmigen Teil hat, sondern im obigen Bereich auch einen zylindrischen. Letzterem entspricht die aufrechte Abbildung, bei der nur die Seiten vertauscht erscheinen.
Interessant ist hierbei auch, wie die Natur den Übergang zwischen den beiden unvereinbaren „Welten“ hinkriegt: Die Pflasterungen des einen Bildes nähern sich zunächst der des anderen. Dann gehen sie durch eine monochrome Unendlichkeit und finden sich schließlich in der Antipodenversion in der jeweiligen anderen Welt wieder.

Weiterlesen

Der Kurfürst und die Kuh

Moderne Technik hilft dem Menschen. Das Navi ist für viele ein Segen. Endlich brauchen sie sich nicht mehr um den Weg zu kümmern. Eine synthetische Stimme sagt einem, wo es lang geht. Geografie und Kartenlesen sind aussterbende Kulturtechniken. In diesem Zusammenhang hörte ich kürzlich aus dem Bekanntenkreis, dass eine Jungsgruppe in einen Ort in Schleswig Holstein fahren wollte. Sie gaben den Namen ein und los ging es. Die Fahrt kam dem einen oder anderen zwar länger vor als gedacht, aber schließlich war man nach vielen Stunden am Ziel. Zumindest dem Namen nach, denn der Ort lag in Bayern.

Diese Geschichte ging mir kürzlich bei einer Wanderung durch den Kopf, als wir bei einem Straßenschild angekommen waren und plötzlich ein komisches Gefühl aufkam, dass wir hier völlig falsch sein könnten, was angesichts der Anstrengungen des Wanderns als sehr ärgerlich empfunden wurde. Plötzlich die von einem überschüssigen Buchstaben ausgehende Erleichterung: ein „h“ zuviel.

Rollender Farn

„Schöner Farn. :wenn die Blätter noch ganz zart & zusamm’gerollt sind, kochn se Manche, in Wasser : schmeckt wie Spargel. – :Na, was geht Dir durch d’n Täti ?“

Arno Schmidt (1914 – 1979): Abend mit Goldrand. Frankfurt 1975. Weiterlesen

Wie Kreise zu Sechsecken werden

Obwohl die geometrische Idealgestalt des Kreises in der Natur nicht vorkommt, gehört das Kreisförmige zu den wesentlichen Bauprinzipien in den unterschiedlichsten Bereichen und Größenordnungen. Denn der Kreis realisiert das ökonomische Prinzip einer gegebenem Fläche mit dem kürzest möglichen Umfang und damit der kürzesten Grenzlinie. Da die Ausbildung von Grenzen meist mit größerem Aufwand an Energie und Materie verbunden ist, sind kurze Grenzen von Vorteil.
Das entsprechende Pendant im Räumlichen ist die Kugel. Sie begrenzt ein Volumen mit der kleinsten Grenzfläche. Weiterlesen

Den Wolken angehauchte Goldblättchen

… als in seine aufgehenden Augen der
rote Schattenriß der vergangnen Sonne,
die seine heutigen Paradiese beschienen hatte,
und das Abendrot einfiel,
dessen Goldblättchen der Abendwind
den Wolken anhauchte.

Jean Paul  (1763 – 1825) 

Die Temperatur an die Kette gelegt

Ucke, Chr.; Schlichting, H. Joachim. Physik in unserer Zeit 4)/3 (2018) S. 138 – 141

Das wenig verbreitete Kettenthermometer hat eine unübliche Anzeige: niedrige Temperaturen sind oben auf einer Skala abzulesen, hohe Temperaturen unten. Das erklärt sich aus der Konstruktion. Es lässt sich mit passablem Aufwand selbst bauen.

Die im thüringischen Ort Mellenbach-Glasbach ansässige Firma Möller-Sommer-Therm [1] hat etwa um 1990 das sogenannte Kettenthermometer entwickelt und mit zwei Schriften beim Deutschen Patentamt angemeldet [2, 3]. Das Thermometer wurde auch bis etwa 2004 produziert, war allerdings nie sehr verbreitet. Es ist heute relativ unbekannt und kaum noch erhältlich [4]. Es ist eher ein dekoratives Element als ein genaues Messinstrument. Die Messskala ist gerade umgekehrt wie sonst üblich: die großen Temperaturwerte befinden sich unten, die kleinen oben. Daher verleitet eine solche Skala leicht zu Fehlablesungen, da wir gewohnt sind, zunehmende Werte auf senkrecht angeordneten Skalen oben zu finden. Weiterlesen

Neue Formate der Kunstbetrachtung

Vor ein paar Tagen besuchte ich ein Museum. Um die Gemälde in Ruhe betrachten oder sich ausruhen zu können, gibt es entsprechende Sitzgelegenheiten. Diese wurden auch intensiv zur Betrachtung genutzt. Ob dabei über eine entsprechende App die in dem Museum ausgestellten Bilder in einem Format betrachtet wurden, an das die heutigen Sehgewohnheiten besser angepasst sind, blieb mir allerdings verborgen.
Immerhin ließ man sich die Museumsatmosphäre nicht entgehen. Dafür gibt es demnächst vielleicht auch eine App.

Bizarre Unterwasserschatten

Schlichting, H. Joachim. Spektrum der Wissenschaft 5 (2018), S. 68 – 69

Objekte, die auf flachen Gewässern driften, werfen oft völlig andere Schatten, als ihre tatsächlichen Umrisse vermuten lassen. Das verblüffende Phänomen erklärt sich durch unscheinbare Dellen in der Wasseroberfläche.

Wenn du alle Formen der Gewässer
gut unterscheiden willst,
dann betrachte klares Wasser von geringer Tiefe
unter den Sonnenstrahlen
Leonardo da Vinci (1452–1519)

Weiterlesen

Der Mai

Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein. Weiterlesen

Können durch Tun: Low-Cost-Experimente zwischen Alltag und Physikunterricht

Herzlichen Dank an die Teilnehmer des Workshops in Bern! Anbei finden Sie die präsentierten Folien zu den Experimenten zum Herunterladen. Diese vermitteln natürlich nur einen Anhaltspunkt, helfen aber vielleicht die Gesprächsituationen zu erinnern. Wie ich bereits während des Kurses angeboten habe, können Sie gerne Fragen zu den einzelnen Positionen stellen. Insbesondere gibt es zu den meisten der angeprochenen Themen Publikationen, die ich Ihnen gerne zusende. (Die Folien sind nur für den privaten Gebrauch bestimmt.)

PDF:_Können_durch_Tun_Folien

Rätselfoto des Monats Mai 2018

Wie kommt  es zu den Farben?


Erklärung des Rätselfotos des Monats April 2018

Frage:Was spielt sich hier ab?

Antwort: Das Foto zeigt den Moment, in dem eine auf einem flachen Teich (mit einem aus dunklem und hellem Sand bestehenden Boden) driftende Luftblase platzt. Die Haut der Blase zieht sich gerade zu den Seiten hin zusammen. An dem sichelmondförmigen blauen Reflex des Himmelslichts ist noch ein Teil der Blasenhaut zu erkennen.
Da eine Blase auf dem Wasser einen kleinen Überdruck im Vergleich zum äußeren Luftdruck aufweist und infolgedessen das Wasser ein wenig eindellt, bewegt sich mit dem Platzen und dem damit einhergehenden Druckausgleich die Wasseroberfläche im Bereich der Blase nach oben und löst infolgedessen eine Wellenbewegung aus, die auf dem Foto gleich doppelt visualisiert wird.
Zum einen sieht man die konzentrischen Ringwellen um die platzende Blase herum, weil das vom Untergrund ausgehende Licht an der wellenförmig gekrümmten Wasseroberfläche gebrochen wird. Der Untergrund erscheint daher entsprechend verzerrt. Dazu trägt vor allem die Bewegungsunschärfe aufgrund der endlichen Belichtungszeit der Kamera bei. Deshalb erscheint der durch die bewegte Welle hindurch zu sehende Boden längs der Wellen deutlich erkennbar in die Länge gezogen.
Zum anderen sieht man das an den konzentrischen Wellen gebrochene Sonnenlicht durch Fokussierung und Defokussierung in Form von hellen und dunklen Ringen auf den Teichboden projiziert. Da diese Kaustik teilweise durch die Wellen hindurch gesehen wird, tritt eine entsprechende Verzerrung an ihrer oberen Front auf.
Es ist außerdem zu erkennen, dass die kurzen Wellen den längeren vorauseilen. Wir haben es also mit Kapillarwellen zu tun, bei deren Entstehung die Oberflächenspannung von größerem Einfluss ist als die Schwerkraft. Einige weitere Blasen warten noch auf ihren Einsatz.

 

Anhängliche Schönheiten

Wer sind die tausendmal tausend,
wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen,
und bewohnten?
und wer bin ich?

Aus: Die Frühlingsfeier von Friedrich Gottlieb Kloppstock (1724 – 1803)

Können Tropfen Tropfen haben?

Die Situation ist an sich trivial. Ich habe wegen leichten Nieselregens den in der Reparatur befindlichen Balkon mit einer transparenten Folie abgedeckt. Nach und nach wurde er mit kleinen Tröpfchen bedeckt, die sich je nach gegenseitiger Attraktivität* allmählich zu größeren Tropfen zusammenfinden und  den unebenen Gegegebenheiten der Folie entsprechend zuweilen längliche Gebilde darstellen. Nur eines tun sie nicht: sie bilden keinen Supertropfen, der die ganze Folie gleichmäßig bedeckt. Vielmehr wahren sie den Abstand soweit die Bedingungen es erlauben. Weiterlesen

Buschwindröschen

Die Buschwindröschen, die hier mannigfach
in einem Blütenteppich Bäume säumen,
die in dem Walde nun aus Winterträumen
in regem Knospen grünend sind erwacht.

Sie leuchten, zarte, weiße Sterngesichter,
hell in des Buchenwaldes Kathedrale,
Geschenk des Frühlings, der die Blütenlichter
lässt lieblich lächelnd sich ins Leben malen. Weiterlesen

Dreimal im Auge des Betrachters

Sieh zu den Fenstern meiner Augen hinein.

Georg Büchner (1813 – 1837)

Im Auge des Betrachters ist man auf mehrere Weisen präsent; als Linsenabbildung auf der Netzhaut, als Spiegelbild auf der Hornhaut und als Wahrnehmungsinhalt im Gehirn. Letzteres vermutlich aber nur, wenn den beiden Bildern die dafür nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Diese Einsicht kann man zwar auch ohne Anschauungshilfe erlangen. Als ich mich aber eines Tages im Auge unseres Hundes gespiegelt sah, war sie aufeinmal ohne bewusste Bemühungen da.
Interessanterweise spielt die Tatsache, dass ich mich im Auge meines Gegenüber gespiegelt sehe, für dessen Wahrnehmung überhaupt keine Rolle, denn dieser Anteil des auftreffenden Lichts und die damit verbundene Information wird ja gerade vom Auge reflektiert, also postwendend zurückgeschickt.

En oll Weg – Wege 5

Oll Drift: en oll Weg, op den Veeh dreven warrt.

In Ostfriesland spricht man teilweise noch Plattdeutsch. Aber Vieh wird kaum noch über alte „Driften“ getrieben und die Natur erobert sich den Weg wieder zurück. Das Schild weist in Richtung eines abzweigenden Weges, der als solcher nur noch erahnbar ist. Damit Radfahrer trotzdem nicht auf den Gedanken kommen, hier abzubiegen, werden sie mit einem modernen Schild dazu angehalten geradeaus weiter zu fahren.
Das sich zunehmend dem Boden zu neigende Schild scheint mir nicht nur sich selbst und seine Botschaft allmählich zum Verschwinden zu bringen, sondern gewissermaßen symbolisch auch die plattdeutsche Sprache und Kultur.

 

Möven über und unter der Wasseroberfläche

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,
Und zugleich im grünen Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Daß sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit. Weiterlesen

Lichtkuh…

…oder Lichthund oder welches vierbeinige Tier die Eine oder der Andere auf dem Asphalt zu erblicken vermeint, ist unerheblich angesichts der Tatsache, dass es sich um eine missglückte Projektion eines doppeltverglasten Fensters handelt. Dabei bezieht sich das „missglückt“ weniger auf einen vermeintlichen Willen der Sonne oder des reflektierenden Fensters etwas Sinnvolles auf den Asphalt zu projizieren, als vielmehr auf die perfekte Montage von Doppelglasscheiben in den Fensterrahmen. Weiterlesen

Fließende Büschel kurzlebiger Lilien

ruderwellen_img_2323a_rvSie „zogen an den Rudern, an diesen langen Stangen, die an der Wasseroberfläche metaphorisch und rhythmisch fließende Büschel kurzlebiger Lilien erblühen ließen“.

Harold Brodkey (1930 – 1996). Drei nahezu klassische Stories. Reinbek 1994. Weiterlesen

Treppen zimmern

treppe-1_rvWas du nicht erschaffst, du
bist es nicht. Dein Sein nur Gleichung
für Tätigsein: Wie will denn,
wer nicht Treppen zimmert,
über sich hinausgelangen?
Wie will heim zu sich selber finden,
der ohne Weggenossen?

Günter Kunert (*1929)

Raben sind intelligent…

…und scheinbar auch zu vertieften Betrachtungen fähig; hier am Beispiel eines romantischen Springbrunnens im Gegenlicht der aufgehenden Sonne.

Es fällt schwer, es so zu sehen und das durch die Christianisierung zum Todesvogel degradierte Tier anders als im Lichte negativer Zuschreibungen zu sehen.
In der altnordischen Mythologie waren die Raben dank ihrer Intelligenz hoch angesehen. So sagt der germanische Göttervater Odin in einem Lied der Edda:
Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich  fürchte, dass Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin.
Dem müssen entsprechende Erfahrungen der Menschen mit den Raben zugrunde liegen.
Heute weiß man, dass Raben (insbesondere der Kolkrabe) zu den intelligentesten Vögeln zählen. Sie sind der weisen Eule weit überlegen, die man vermutlich wegen des durch die Befiederung vorgetäuschten großen Kopfes für besonders intelligent hielt.
Ein Beispiel dafür, dass Raben ihre körperliche Unterlegenheit durch intelligentes Verhalten kompensieren können, erlebe ich fast jedes Jahr während der Brutzeit. Dann ist das Rabepärchen öfter damit befasst, die in unserer Gegend anzutreffenden Bussarde aus der Nähe ihrer Nistplätze zu vertreiben. Was man in einiger Höhe sieht, sind zwei kleine Vögel – die Raben –, die einen  großen Vogel (den Bussard) durch gezielte Provokationen vor sich her treiben, bis dieser offenbar genervt schließlich das Weite sucht.

Physikalisch interessant ist hier, dass das an sich transparente Wasser blendend weiß erscheint. Weil das Wasser mit Luft durchsetzt ist, wird das Licht an den Grenzflächen zwischen Wasser und Luft in alle möglichen Richtungen gebrochen und reflektiert, sodass das das Wasser-Luftgemisch selbst zu einer Art Lichtquelle wird, die unabhängig von der Einstrahlung des Sonnenlichts in alle Richtungen ausgesendet wird.
Lichtdurchflutete Springbrunnen haben wir auch schon früher betrachtet, z.B. hier und hier und hier .

Schatten in der Spiegelwelt – gespiegelte Schatten

Das Foto bezieht sich auf den gestrigen Beitrag unter der Frage, ob Spiegelbilder einen Schatten haben können. Nach einem Kommentar von Gerda Kazakou, habe ich den Vorschlag gemacht, eine brennende Kerze vor einem Spiegel aufzustellen und die Schatten eines ebenfalls vor den Spiegel gestellten Gegenstands zu betrachten. Um keine Verwirrung zu stiften, habe ich das kleine Experiment selbst durchgeführt und das beiliegende Foto geschossen. Weiterlesen

Können Spiegelbilder einen Schatten haben?

Man wird oftmals sehen,
wie aus einem Menschen drei werden,
und alle ihm folgen:
und häufig verläßt sie gerade dieser eine,
der ähnlichste

Leonardo da Vinci (1452 – 1519)

 

Die interessantesten Schatten kann man bei tiefstehender Sonne in Städten beobachten, wenn die Fensterfronten zu sekundären Lichtquellen werden und dem kräftigen Sonnenschatten eine etwas herabgemilderte Variante entgegen halten. Weiterlesen

Es ist nützlich, weil es hübsch ist…

laterne_schatten102rvDer fünfte Planet war sehr sonderbar. Er war der kleinste von allen. Es war da gerade Platz genug für eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder.
Der kleine Prinz konnte sich nicht erklären, wozu man irgendwo im Himmel, auf einem Planeten ohne Haus und ohne Bewohner, eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder braucht. Doch sagte er sich:
Es kann ganz gut sein, daß dieser Mann ein bißchen verrückt ist. Doch ist er weniger verrückt als der König, der Eitle, der Geschäftsmann und der Säufer. Seine Arbeit hat wenigstens einen Sinn. Wenn er seine Laterne anzündet, so ist es, als setze er einen neuen Stern in die Welt, oder eine Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht, so schlafen Stern oder Blume ein. Das ist eine sehr hübsche Beschäftigung. Es ist auch wirklich nützlich, da es hübsch ist (meine Hervorhebung).

Antoine de Saint Exupéry (1900 – 1944): Der kleine Prinz.

Beim eigenen Heiligenschein nachts lesen

Am Ende bleibt nur: Kunstwerke; Naturschönheit; Reine Wissenschaften. In dieser heiligen Trinität.

Sagt Arno Schmidt (1914 – 1979) in seinem Kurzroman: Aus dem Leben eines Fauns. Als ich kürzlich einmal in einem Gespräch äußerte, dass ich mich dem im Wesentlichen anschließen könne, wurde mir entgegengehalten, dass dies doch alles sehr unpraktische Dinge seien. Was kann man schon mit der Naturschönheit eines Regenbogens anfangen? Weiterlesen