//
Artikel Archiv

Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Diese Kategorie enthält 140 Beiträge

Blumen der Nacht

Trotz der kalten Nächte der letzten Tage hat der Winter keine Chance mehr, so sehr er auch des Nachts mit kristallinen Blumen (siehe Foto) gegen die sich tagsüber allenthalben entfaltenden botanischen Blumen zu konkurrieren versucht. Denn objektiv wird der jahreszeitliche Wechsel vor allem in der Bahn der Sonne um die Erde oder der Erde um die Sonne – wenn man es denn heliozentrisch beschreiben möchte – festgelegt. Weil die Drehachse der Erde schräg zu dieser Bahn orientiert ist und den Kreiselgesetzen entsprechend auch so bleibt (jedenfalls in absehbaren Zeiten), wendet sich die Nordhalbkugel im Sommerhalbjahr der Sonne zu. Wir erleben das von der Erde aus betrachtet darin, dass die Sonne im Sommer höher steigt und länger über dem Horizont verweilt und angenehme Temperaturen beschert.
Nachts ist es entsprechend umgekehrt. Bei klarem Himmel sind wir stundenlang dem kalten Weltraum ausgesetzt. Dadurch strahlt die Erde Wärme ab und kühlt sich ab. Wegen der großen Wärmekapazität des Bodens und der Gewässer führt diese Abkühlung immer seltener dazu, dass die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt.
Das gilt aber vorerst noch nicht für Gegenstände mit geringer Wärmekapazität wie das blechernen Dach oder die Scheiben eines Autos. Das gestern Morgen aufgenommene Foto zeigt, dass sich die daran kondensierte Feuchtigkeit auf einem Autodach zu blumenartigen Gebilden kristallisiert, die in merkwürdigen Kontrast zu den jetzt allenthalben immer auffälliger und üppiger aufblühenden echten Blumen gerät.

Du sollst dir kein Bildnis machen

Was unterscheidet den auf dem Foto zu sehenden, auf einer nicht ganz ruhigen Wasseroberfläche spiegelnd reflektierten Menschen? Ihr sagt: Ich sehe nur die Reflexion des Menschen und das sei ein Unterschied zur direkten Ansicht. Doch wie ist es mit einem Objekt, das ich durch aufsteigende warme Luft hindurch sehe, wie es zuweilen bei einer aufgeheizten Straße oder bei einem Feuer beobachtet werden kann? Es erscheint durch die Brechung des Lichts in der heißen Luft noch stärker verzerrt als der im Wasser gespiegelte Mensch. Sehe ich ihn nicht direkt? Denn Luft ist auch zwischen ihm und mir, wenn er mir näher und weniger verzerrt ist. Weiterlesen

Das kalt gebliebene Osterfeuer

Auch wenn Osterfeuer wie fast jedes Massenereignis der Umwelt schaden, erinnere ich mich gern an die vergangenen Feuer, in denen man Naturgewalt des Feuers unmittelbar zu spüren bekommt. Das Feuer sorgt durch seine intensive Strahlungsenergie, die bei hoher Temperatur abgegeben wird, dafür dass man freiwillig auf Abstand bleibt. (Was in anderen Bereichen kaum zu erreichen ist – das sage ich aus aktuellem Anlass.) Demgegenüber sind poetische, kulturelle, physikalisch u. Ä. Annäherungen gefahrlos möglich. Sie zeigen dass die Komplexität des Phänomens durchaus mit der abgestrahlten Wärme mithalten kann. Selbst die abgegebenen Gase sind so heiß, dass sie auch dann noch durch einen Funken entzündet werden können, wenn sie die Verbindung zum verbrennenden Holz bereits verloren haben.
Die Osterfeuer sind in diesem genau wie im vorigen Jahr abgesagt. Wenn ich an das Osterfeuer unserer Gemeinde denke, das mit dem liegen gebliebenen Brennmaterial des Vorjahres nunmehr die doppelte Größe erreicht hat, so hoffe ich dass es im nächsten Jahr mit dreifacher Größe, dreifacher Wärme und dreifachem Jubel über die dann hoffenlich überstande Coronazeit ein positives Lichtzeichen in die Welt senden wird.

Das Foto zeigt den übrig gebliebenen Schornstein einer seit Jahrzehnten aufgegebenen Zieglei. Obwohl er ziemlich zittrig aussieht und durch die Flammen des Osterfeuers hindurch gesehen den Eindruck erweckt, jeden Moment umzukippen, handelt es sich dabei nur um eine optische Täuschung. Da der Brechungsindex der Luft von der Temperatur abhängt, wird das vom Schornstein ausgehende Licht den chaotischen Bewegungen der unterschiedlich heißen Gasfragmente entsprechend mal in die eine, mal in die andere Richtung abgelenkt. Das vermeintliche Zittern von Sternen (Twinkle, twinkle, little star…) hat die gleiche Ursache.

Die niemals ruhende Wandlung

Kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft, als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist.*

Zum Foto: Das war mal ein Teil des Wurzelwerks eines längst gefällten Baumes, dessen Inneres, selten Geschautes, durch einen inzwischen darüber verlaufenden Wanderweg allmählich freigelegt wird. Manchmal lohnt es sich auch nach unten zu schauen. Hier war man dazu gezwungen, um nicht zu stolpern. Ich stolperte über die schöne Struktur.


* Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek 1990. S. 250

Beobachter des Beobachters

Vice versa

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm* Weiterlesen

Große Gedanken im kleinen Buch

Vor einiger Zeit habe ich ein winziges Büchlein geschenkt bekommen (siehe Foto), in dem kluge Gedanken und Maximen französischer Denker gesammelt sind. Da auf jeder Seite nur eine Eintragung gedruckt ist, könnte man das Buch in kürzester Zeit durchlesen. Allerdings wurde ich durch die Tiefe mancher Aussprüche und die Mühe bei der Entzifferung der winzigen Schrift doch einigermaßen gebremst. Daher las ich jeden Tag nur eine Seite und kam damit der Zeit nahe, die ich auch für ein normales Buch benötige. Das kleine Buch hat jedoch einen großen Vorteil – es nimmt keinen zusätzlichen Platz im Bücherregal ein.

Ein Beispiel aus dem Inhalt: Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht hat. Das bekannte Zitat von Blaise Pascal (1623 – 1662) heißt im Original: Le coeur a des raîsons, que la raîson ne connaît point. Im Französischen kommt also noch eine Art Wortspiel hinzu, das in der Übersetzung leider verloren geht.

 

Hier blüht mir was in Blau

Seitdem ich Teile des Gartens der Natur übergeben habe, werde ich immer wieder von neuen Pflanzen überrascht. Wer hätte diesen Duftveilchen (Foto) zugetraut in einer bereits von zahlreichen Wildkräutern, vertrockneten Blättern usw. besetzten zudem vorwiegend im Schatten liegenden Gegend mit einem kräftigen Blau und zarten Duft heranzuwachsen. Und das ohne irgendeine Hilfe von außen – wie Unkraut jäten, düngen usw. zu benötigen. Vielleicht handelt es sich ja um die Blaue Blume, viel beschworen von den Romantikern, Projektion für Sehnsüchte und Liebe, die hier im März den Anfang macht.
Aber vielleicht liege ich völlig falsch und die Blaue Blume ist gar nicht von dieser Welt. Jedenfalls haben Joseph von Eichendorff (1788 -1857) und viele andere sie trotz intensiver Suche nicht gefunden

Die Unaufgeregtheit der Pflanzen

Bei uns in der Nähe gibt es einen bewaldeten Bergrücken, der früher bergbaumäßig genutzt wurde, inzwischen aber mit hohem Mischwald bewachsen ist. Nur steile Hänge und andere Unwegsamkeiten lassen auf die früheren Aktivitäten schließen. Interessant sind manche Wechselwirkungen von Natur und früherer „Industriekultur“.
Da gibt es dann z.B. Reste verrosteter Zäune, deren Ursprung nicht mehr nachvollzogen werden kann, die völlig unaufgeregt in die undurchschaubaren Pläne der zum Licht strebenden Pflanzen integriert werden (siehe Fotos). Eine Kletterpflanze windet sich durch die quadratischen Maschen des Drahtes und integriert diese wie Treppenstufen zum Licht in ihr fortschreitendes Höhenwachstum. Wenn man sich die komplizierten und aus menschlicher Sicht schon wieder ästhetisch ansprechenden Verrenkungen der Pflanze anschaut, kann man sich kaum vorstellen, welche „Entscheidungen“ und vielleicht auch welche „Dramen“ sich beim Aufstieg unter dem Motto „Der Sonne entgegen“ abgespielt haben mögen.
Die Kletterpflanze ist schließlich vom Zaun zum Baum übergegangen und hat von da an den direkten Weg nach oben genommen, wo ihr Sonnenenergie zur Genüge zur Verfügung steht. Der an anderen Stellen bereits niedergesunkene und durch den ständigen Kontakt mit der feuchten Erde weitgehend weggerostete Zaun hat für die Funktion als Gerüst im Gegenzug eine stabile Stütze erhalten und kann auf diese Weise noch wesentlich länger an die bereits dem menschlichen Vergessen anheimgefallenen Zeiten seiner ursprünglichen Funktion erinnern.
Im unteren Ausschnittsfoto erkennt man, dass der Draht nicht nur von der Pfanze aufgenommen wurde, sondern streckenweise einen auffälligen Drehwuchs bewirkt hat, durch den sich die Pflanze um den Draht herumgewunden hat. Warum die Pfanze in dieser unterschiedlichen Weise auf das technische Stützwerk reagiert, indem sie es einmal in sich aufnimmt und ein anderesmal um ihn herumwächst, bleibt mir verborgen. Es muss irgendwo eine Entscheidung für die eine oder andere Version getroffen worden sein.

Wirbel in der Serviette

Der Wirbel ist also die Vorordnung der Dinge,
ihre Natur im Sinne der Geburt.*

An so etwas dachte ich (nur nicht so schön formuliert), als ich im Restaurant die Serviette in dieser Wirbelform auf dem mir zugewiesenen Platz vorfand und nach dem Genuss des extrem scharfen Hauptgerichts Worte suchte für die Wirkung auf meinen Magen.

 

 

Wirbel im Wasser

 


*Michel Serres. La naissance de la physique dans le texte de Lucrèce. Paris 1977, p. 42 (Im Original: „Le turbillon est donc le pré-ordre des choses, leur nature au sens de naissance„).

 

 

Zur Kunst der Handhabung

All perception of truth is
the perception of an analogy;
we reason from our hands to our head.

Henry David Thoreau (1817 -1862)

Als ich spaßeshalber mit der Hand feststellen wollte, wie sich das leicht übergefrorene Moos anfühlte, spürte ich wie die Hand zunächst auf harte, kalte Eispartikel stieß, die aber unversehens ihren Widerstand aufgaben, indem sie sich verflüssigten. Das Moss wurde weich, die Hand sank ein und das Gefühl entsprach wieder dem vertrauten Moosgefühl – wenn auch stark unterkühlt.
Doch das war nicht alles. Als ich die Hand wieder entfernte, hinterließ sie eine visuelle Spur, die mir deutlich vor Augen führte, dass meine Berührung den berührten Gegenstand verändert hatte.
In diesem kleinen Spiel liegt eine große Wahrheit: Um den wahren Zustand eines Systems zu ermitteln, muss man behutsam vorgehen. Denn die nicht zu vermeidende Rückwirkung ist oft unerwünscht.
Dies gilt zumindest für die physikalische Praxis. Denn die Sensoren/Messgeräte sollen möglichst keinen Einfluss auf das System ausüben und es dadurch verändern. In anderen Bereichen mag es genau umgekehrt sein.

Das Schwanken zwischen zwei Polen

Ich möchte einen Ausdruck finden für die Zweiheit, ich möchte Kapitel und Sätze schreiben, wo beständig Melodie und Gegenmelodie gleichzeitig sichtbar wären, wo jeder Buntheit die Einheit, jedem Scherz der Ernst beständig zur Seite steht. Denn einzig darin besteht für mich das Leben, im Fluktuieren zwischen zwei Polen, im Hin und Her zwischen den beiden Grundpfeilern der Welt. Beständig möchte ich mit Entzücken auf die selige Buntheit der Welt hinweisen und ebenso beständig daran erinnern, daß dieser Buntheit eine Einheit zugrunde liegt*.


Hermann Hesse. Kurgast. Aufzeichnungen von einer Badener Kur. 1977; S. 107

Aus Schichten werden Geschichten

Zuerst waren da die frisch verlegten Fliesen, dann kam der Dreck, darüber legte sich ein nicht mehr benötigtes Blatt und schließlich versuchte der Schnee alles unter seinen weißen Teppich zu kehren. Der Versuch misslang, weil der Nachschub ausblieb.
Das Foto zeigt mit einem Blick und auf exemplarische Weise, was es heißt auf einer Erde zu leben, in der die Schwerkraft regiert. Alles was sich aufrichtet, hochfliegt oder sonstwie vom Boden zu erheben versucht, wird früher oder später auf diesen zurückkommen und sich flach legen. Am anschaulichsten erlebt man dies im Herbst, wenn die Blätter fallen. Die Blätter liegen nicht irgendwie auf dem Boden, sondern flach in Schichten als ob sie die dritte Dimension meiden würden. Nur durch äußere Einwirkungen können sie temporär erhoben werden.
Auch wenn ich jetzt etwa arg vorgreife, so droht doch letztlich allem eine schichtweise Versteinerung. Für die Geologen sind die versteinerten Schichten so etwas wie die Blätter im Buch der Erdgeschichte. Sie geben Aufschluss über längst vergangene Zeiten und erzählen spannende Geschichten darüber. Mir wird ganz anders zumute, wenn ich mir klarmache, dass hier wo ich wohne einst ein tropisches Meer an von Touristen unberührte Strände wogte… Aber das sind andere Ge-Schichten.

Der Widerspruch sitzt mitten im System

Mein Kind, ich hab‘ es klug gemacht: Ich habe nie über das Denken gedacht*

Weiterlesen

Hoffnung oder die Liebe zur Geometrie

Weißt du was ein Dreieck ist? Unentrinnbar wie ein Schicksal; da hilft kein Rütteln und Zwängeln, kein Schwindeln, es gibt nur eine einzige Figur aus den drei Teilen, die dir gegeben sind. Hoffnung, das Scheinbare unabsehbarer Möglichkeiten, was unser Herz so oft verwirrt, zerfällt wie ein Wahn vor den drei Strichen. So und nicht anders! Sagt die Geometrie.*

Die Dreiecke auf dem Teich werden von zufallsbedingen floralen Auswüchsen überformt, die aus der Sicht der Geometrie so gar nicht zu den geraden Linien passen wollen. Offenbar waren diese unabsehbaren Möglichkeiten der Eisbildung nicht erwartet worden, als zu Beginn des Zufrierens die drei Teile über die Wasseroberfläche eilten und sich zu einer geometrischen Figur vereinigten – einem Dreieck.


*Max Frisch. Don Juan oder die Liebe zur Geometrie. In: Stücke. Frankfurt 1962, S. 259

Wachstum

Wir befinden uns nicht mehr im Wachstum, wir befinden uns im Auswuchs.*

„I can’t help it,“ said Alice very meekly: „I’m growing.“
„You’ve no right to grow HERE,“ said the Dormouse. 
„Don’t talk nonsense,“ said Alice more boldly: „you know you’re growing too.“
„Yes, but I grow at a reasonable pace,“ said the Dormouse: „not in that ridiculous fashion.“ **

 


* Jean Baudrillard (1929 -2007). Die magersüchtigen Ruinen.

** Lewis Carroll (1832 – 1898). Alice in Wonderland. Herdfordshire 1992. p.9

Nur eine Welle auf dem Wasser…

Wir möchten gerne die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind diese Welle selbst.*

 

 


*Jacob Burckhardt (1818 – 1897)

Die Sinne können täuschen

Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahr gehalten habe, verdanke ich den Sinnen oder der Vermittlung der Sinne. Nun aber bin ich dahintergekommen, daß diese uns bisweilen täuschen, und es ist ein Gebot der Klugheit, denen niemals ganz zu trauen, die uns auch nur einmal getäuscht haben.*

Das gilt auch für eine gewöhnliche Pflasterung. Neben irritierenden vermeindlichen Stufen, die hier durch Fugen und Spiegelungen auf den nassen Steinplatten ins Spiel kommen, treten Farben auf, die an den trocken Stellen kaum in Erscheinung treten. Weiterlesen

Eine Radtour im Lichte der Aurora

Seit meinem 5. Lebensjahr fahre ich leidenschaftlich gern Fahrrad. Das Fahrrad ist eines der in vielerlei Hinsicht perfekten individuellen Fortbewegungsmittel. Es hat schon vor 100 Jahren seine optimale Form gefunden, an der nur noch Kleinigkeiten verbessert wurden. Eine dieser Kleinigkeiten ist der Dynamo, mit dem ich von Anfang an auf Kriegsfuß stand, weil er selten richtig funktionierte und die Fahrten bei Dunkelheit und/oder Nässe stets zu einer Herausforderung machte. Seitdem er in die Nabe des Vorderrades integriert werden kann, ist auch dieses Problem gelöst.
Auf einer meiner Touren in Ostfriesland – vor etwa 20 Jahren – als ich wieder einmal Probleme mit dem Licht hatte, erlebte ich wie sich der Himmel plötzlich verfärbte und einen Vorhang aus vorwiegend grünem und einige Zeit später auch rotem Licht auf und zu zog. Zunächst dachte ich an ein fernes Feuerwerk bis mir klar wurde, dass es sich um eine für unsere Breiten seltene Polarlichterscheinung (Aurora) handelte. Das Naturschauspiel hielt mindestens eine halbe Stunde an und mich in Atem. Vergessen war der defekte Dynamo meines Fahrrads – es war fast, als würde die Aurora mir den Weg erleuchten. Weiterlesen

Der Stoff, aus dem die Schatten sind

Als Entität für sich betrachtet, ist der Schatten seltsam. Er ist ein wirkliches materielles Faktum, ein physikalisches Loch im Licht, hat aber weder eine stabile Form noch eine kontinuierliche Existenz; andererseits aber sind die Metamorphosen, die er durchläuft, determiniert, und obwohl er diskontinuierlich ist, kann er wiederkehren. Wie die Farbe wird Schatten nur in Abhängigkeit vom Licht realisiert, aber anders als die Farbe hat der Schatten kein permanentes, molekular definiertes Eigengebiet. Obwohl seine aktuelle Manifestation auf Oberflächen stattfindet, ist sein Reich dreidimensional und innerhalb dieses Reichs ist ihm alles untertan. Und so weiter. All dies mag durchaus etwas mit Leonardo da Vinci und jenen anderen zu tun gehabt haben, die sich manchmal fragten, ob der Schatten vielleicht nicht nur ein lokales Negativ des Lichts sei, sondern auch dessen aktiver Gegenspieler, der aus der Dichte ausstrahlt wie das Licht von einer Lichtquelle.*

Wer findet heraus, welcher Alltagsgegenstand auf dem Foto abgebildet wurde?


* Michael  Baxandall. Löcher im Licht. München 1998. S. 156

In dunkler Auflösung begriffen

Aber wie ich den Blick ein wenig auf dieser statuenhaften Sterilität ruhen ließ, spürte ich, daß dem ganzen grotesken Arrangement beamteter Akkuratesse etwas entströmte, das diese starre Ordnung in unendlich zögernde Auflösung versetzt hat. Staub und Rost sind die Medien dieser geduldigen Zersetzung, dieser Dekadenz des Anorganischen, dieser Kompostierung des Technischen. Axt und Beil und Säge verrotten wie die Stämme, die sie schlugen. Schaufel und Spaten werden zum Humus, den sie schichteten, Besen zum Schlamm, den sie kehrten. Und über alles legt sich der Staub wie ein Moos der Trockenheit.*

Der für die Herstellung des Bildes benutzte Eisenstaub hätte theoretisch von einem „verrotteten“ Spaten stammen können.


* Klaus Modick. Moos – – Die nachgelassenen Blätter des Botanikers Lukas Ohlburg .Hamburg, 1987. S. 58

Ein trockenes Loch im Tröpfchenbelag

H. Joachim Schlichting. Physik in unserer Zeit 51/6 (2020), S. 308

Ein vor einer kalten Fensterscheibe befindliches Hindernis ermöglicht eine Visualisierung der Strömung wärmerer Luft. Weiterlesen

Eine Physikunterrichtsstunde im 19. Jahrhundert

Eigentlich hatte ich mir den Fabre* zugelegt, um mich über die unkonventionellen Forschungen eines frühen Insektenforschers zu informieren. Damit bin ich auch weiterhin beschäftigt. Anders als die klassischen Naturwissenschaften beschreibt Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) seine Forschungen mit großer Lebendigkeit, Sprachgewandheit und einer Neigung zu Exkursen. Die nimmt man aber gern in Kauf, weil sie sehr viel vom Umfeld und Lokalkolorit verraten, in dem Fabre zunächst als junger Lehrer und später als Insektenforscher tätig war. Die Beschreibung einer Unterrichtsstunde in Physik zeigt exemplarisch, wie es früher an manchen Schulen zuging und zwar nicht nur in Frankreich.

Eine typische Begebenheit mag aufzeigen, wie es damals um den Unterricht in den Naturwissenschaften bestellt war, denen heute so große Bedeutung beigemessen wird. Der Leiter der Schule war ein ausgezeichneter Mann, der ehrenwerte Abt X … ; da ihm nichts daran gelegen war, die grünen Erbsen und den Speck selbst zu verwalten, hatte er die Verantwortung für die Verpflegung irgendeinem Verwandten übertragen und es selbst übernommen, Physikunterricht zu erteilen.
Wir wollen einer seiner Stunden beiwohnen. Es geht um das Barometer. Zum Glück besitzt die Anstalt einen solchen Gegenstand: ein altes, ganz verstaubtes Instrument, das an der Wand hängt, für Unbefugte nicht erreichbar und mit einem Meßblatt versehen ist, auf dem in .großen Lettern die Worte Sturm, Regen, Schönes Wetter zu lesen sind.
«Das Barometer», so erklärt der gute Abt und wendet sich dabei an seine Schüler, die er nach Altväterweise duzt, «das Barometer zeigt das gute und das schlechte Wetter an. Hier auf dem Meßblatt steht geschrieben: Sturm, Regen; kannst du das sehen, Bastien?»
«Doch, ich sehe es», antwortete Bastien, der Pfiffigste von allen. Er hat sein Buch schon durchgelesen; er kennt sich mit dem Barometer besser aus‘ als sein Lehrer: «Es besteht», fährt der Abt fort, «aus einem gebogenen Glasröhrchen, das mit Quecksilber gefüllt ist, welches steigt oder fällt, je nach dem Wetter, das draußen herrscht. Der kurze Schenkel des Röhrchens ist offen . . . , der andere … , der andere … , na schön, das werden wir gleich haben. Du, Bastien, du bist ja groß, du wirst jetzt auf den Stuhl steigen und vorsichtig mit der Fingerspitze untersuchen, ob der lange Schenkel oben offen oder geschlossen ist. Ich kann mich nicht mehr genau entsinnen.»
Bastien klettert auf den Stuhl, reckt sich auf den Zehenspitzen, so gut er kann, und tastet mit dem Finger das obere Ende des Röhrchens ab. Dann antwortet er mit verschmitztem Lächeln unter dem Flaum seines seit kurzem sprießenden Schnurrbarts:
«Doch», erklärt er, «das stimmt. Der lange Schenkel ist oben offen. Richtig, ich kann genau die Vertiefung fühlen.» Und um seine trügerischen Worte zu bekräftigen, fährt Bastien fort, mit dem Zeigefinger das obere Ende der Röhre zu befühlen. Seine Mitschüler, Komplizen dieses Schelmenstücks, können ihr Lachen nur mühsam unterdrücken.
Der Abt unbeirrt: «Das genügt. Komm herunter, Bastien. Bitte meine Herren, schreiben Sie sich auf, der lange Schenkel des Barometers ist oben offen. Das vergißt man leicht; ich selbst hatte es auch vergessen.»
So sah der Physikunterricht aus.*

Das Foto zeigt ein Quecksilberthermometer aus früheren Zeiten. Es hängt bei uns in der Diele.


*Jean-Henri Fabre. Wunder des Lebendigen. Aus der vielfältigen Welt der Insekten. Zürich 1992, S. 58f

Herbstlichtung

Normalerweise versteht man unter einer Lichtung einen baumfreien Bereich im Wald. Hier haben wir es mit einer Lichtung zu tun, die ihre herbstliche Bedeutung vor allem dem Licht verdankt. Die Richtung unserer Aufmerksamkeit im Herbst ist die Lichtung. Zumindest reimt sich das, womit wir bei der Dichtung wären. Das sollte man keineswegs velwechsern:

Lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum*

Entschuldigung mir sind da einige Einsen durchs Gehirn gepurzelt: 11.11. um 11:11.


* Ernst Jandl (1925 – 2000)

Der Lauf der Zeit…

… oder die Zeit des Laufes. Jedenfalls ist die Zeit abgelaufen für den hier zu sehende Schuh so wie der Schuh selbst auch – da läuft nichts mehr. Schuhe sind in der Tat eines der zahlreichen Symbole der Zeit. Zum einen unterliegen sie der Mode und oft kann man ihnen ansehen, aus welcher Zeit sie stammen. Zum anderen sieht man Schuhen meistens an, wie lange sie getragen wurden. Dabei ist es eigentlich umgekehrt, und man müsste gerechterweise sagen, dass nicht sie von jemand getragen wurden, sondern sie jemanden getragen haben. Je abgetragener Schuhe sind, desto länger mussten sie ihn oder sie tragen. Wer dabei wen ertragen musste, kann nicht mehr festgestellt werden. Der hier ganz allein auf weiter Flur ohne seinen gespiegelten Zwillingspartner an- oder verwesende Schuh hat zwar seine Fassung noch nicht ganz verloren, obwohl er darauf gefasst sein dürfte, bis ans Ende seiner Tage nicht mehr zu laufen – die Zeit ist ihm schlichtweg davongelaufen. Das gilt für Laufschuhe gleichermaßen.

Wer sich für Schuhgeschichten im engeren oder weiteren Sinn interessiert, den könnte vielleicht auch noch dieser oder dieser oder dieser oder dieser Beitrag interessieren.

Wenn aus Gesteinsschichten Geschichten werden…

Ich befinde mich in einem alten Steinbruch, stehe eine Weile vor einer Felswand und versuche mir vorzustellen, dass ich auf einen ehemaligen Meeresboden blicke. Meine Vorstellungskraft ist groß genug, sodass ich den Kopf nicht zur Seite neigen muss, um den Meeresboden auch in dieser durch erdgeschichtliche Vorgänge schräge aufgefalteten Lage als solchen zu erkennen. Ich erkenne in der Blätterteigstruktur das Ergebnis von Sedimentationen in einem ehemaligen Meer und deren späterer Versteinerung. Weiterlesen

Etwas sehen, wo nichts ist

Manchmal sieht man etwas, indem man sieht, dass etwas fehlt. Es ist wie ein Schatten – man sieht beispielsweise eine Person gerade dort, von wo von ihr überhaupt kein Licht ausgehen kann, weil sie durch ihre bloße Anwesenheit verhindert, dass dort Licht hinkommt.

Ähnlich ist es mit dem Realitätsgehalt des schwarzen Tees, den ich kürzlich angeboten bekam. Er war nämlich so schwarz, dass alles Licht darin verschwand und nichts zurückkam. Obwohl ich ihn also nur dadurch sehen konnte, dass ich das Drumherum sah, hatte dieses keinen merklichen Einfluss auf den Geschmack – der Tee war vorzüglich.

Wenn Corona dereinst Geschichte ist…

An der Nordsee – hier in Norddeich – muss die Uferbefestigung immer wieder ausgebessert werden, weil die anstürmenden Fluten unablässig daran nagen. So wurden jüngst im Mai die Natursteinbrocken mit Mörtel ausgegossen, um dort – bis auf weiteres – fixiert zu werden.
Dies wird manchmal zum Anlass genommen, ein Zeichen in den noch nicht erhärteten Mörtel zu setzen. Meist „verewigt“ man sich mit seinem Namen oder den seines Partners, ähnlich den geschnitzent Liebesbotschaften in den Bäumen. In diesem Fall hat man sich anders entschieden. Man liest: „CORONA MAi 2020“. Weiterlesen

Des Zeigers Zufallsschwanken

Parabel

Was in unserm leben, freund,
wichtig und bedeutend scheint,
ob es tief zu boden drücke
oder freue und beglücke,
taten, wünsche und gedanken,
glaube mir, nicht mehr bedeuten
als des zeigers zufallsschwanken
im versuch, den wir bereiten,
zu ergründen die natur:
sind molekelstöße nur.
Nicht des lichtflecks irres zittern
läßt dich das gesetz erwittern.
Nicht dein jubeln und erheben
ist der sinn von diesem leben.
Erst der weltgeist, wenn er drangeht,
mag aus tausenden versuchen
schließlich ein erlebnis buchen. –
Ob das freilich uns noch angeht?*

 

Erwin Schrödinger (1887 – 1961) ist einer der Väter der Quantenmechanik und damit eines Forschungsparadigmas der Physik, das heute noch volle Gültigkeit besitzt. Jeder Student der Physik kommt nicht umhin, die Schrödinger-Gleichung zu lernen und in einfachen Zusammenhängen anzuwenden. Dass in Schrödingers umfangreichem Schaffen, auch noch Platz für lyrische Einlassungen war, mag erstaunen. Ebenso erstaunlich finde ich die darin zum Ausdruck gebrachte Gelassenheit und Abgeklärtheit mit der er die Bedeutung der menschlichen und damit seiner eigenen Hervorbringungen einschätzt.


* Erwin Schrödinger: Gedichte. Verlag H. Kupper, Godesberg 1949

Wir machen es, weil wir es können

Die Befürchtung, dass neue technologische Erfindungen und Entwicklungen nicht mehr zu beherrschende Nebenwirkungen mit sich bringen könnten, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Angesichts der globalen Probleme, in die die Menschheit bereits geschlittert ist, kommt immer wieder die Frage auf, ob man denn alles machen muss, was man machen kann.

Der Philosoph Hans Blumenberg antwortet darauf:
„- Nein, wir müssen es nicht.
– Aber?
– Aber wir werden es machen.
– Und welhalb?
– Weil wir es nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt, ob wir es wirklich können.“*

Eine sehr kurze Antwort darauf, warum wir Menschen es trotz der aus früheren Beispielen inzwischen offenbar gewordenen Probleme immer wieder machen lautet: Weil wir es können.


* Hans Blumenberg. Ein mögliches Selbstverständnis. Stuttgart 1997, S. 29

 

Pappus in der Juniluft

In der Schule verabreichte man uns tonnenweise Wissen, das ich fleißig verschlang, das mein Blut aber nicht in Wallung brachte. Ich betrachtete die schwellenden Knospen im Frühling, den Glimmer im Granit, meine eigenen Hände und sagte mir: „Ich werde auch das begreifen, ich werde alles begreifen, aber nicht, wie SIE es wollen. Ich werde eine Abkürzung finden, ich werde mir einen Dietrich machen, ich werde die Pforten sprengen. Es war entnervend, widerlich, sich Reden über Sein und Erkennen anzuhören, wenn alles um uns her Geheimnis war, das nach Enthüllung schrie: das alte Holz der Bänke, die Sonnenkugel jenseits der Fensterscheiben und Dächer, der ziellose Flug des Pappus in der Juniluft. Wären etwa alle Philosophen und alle Heere der Welt in der Lage gewesen, diese Mücke zu konstruieren? Nein, nicht einmal begreifen konnten sie sie: das war schimpflich, schändlich, es galt einen anderen Weg zu finden.*


* Primo Levi. Das periodische System.

Er ist nur halb zu sehen

  1. Der Mond ist aufgegangen
    Die gold’nen Sternlein prangen
    Am Himmel hell und klar
    Der Wald steht schwarz und schweiget
    Und aus den Wiesen steiget
    Der weiße Nebel wunderbar
  2. Wie ist die Welt so stille
    Und in der Dämmerung Hülle
    So traulich und so hold
    Gleich einer stillen Kammer
    Wo ihr des Tages Jammer
    Verschlafen und vergessen sollt
  3. Seht ihr den Mond dort stehen
    Er ist nur halb zu sehen
    Und ist doch rund und schön
    So sind wohl manche Sachen
    Die wir getrost verlachen
    Weil unsere Augen sie nicht seh’n
  4. Wir stolzen Menschenkinder
    Sind eitel arme Sünder
    Und wissen gar nicht viel;
    Wir spinnen Luftgespinste
    Und suchen viele Künste
    Und kommen weiter von dem Ziel

An diesem schönen Gedicht Matthias Claudius‘ (1740 – 1815), von dem ich hier nur die ersten vier Strophen abdrucke, haben sich schon einige „Philister“ abgearbeitet, indem sie meinten dem Claudius eine Inkorrektheit nachweisen zu können. Denn in der dritten Strophe des Gedichts heißt es: „Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön“. Dies könne nicht sein. Denn wenn der Mond in der Dämmerung, also bei Sonnenuntergang aufgeht, dann handelt es sich um den der Sonne gegenüberliegenden Vollmond. Der (abnehmende) Halbmond geht hingegen gegen Mitternacht auf und da hat man dann keine Dämmerung mehr. Es gibt harsche Kritik und auch Hinweise im günstigsten Fall Entschuldigungen mit der dichterischen Freiheit usw. Ich will das hier nicht weiter ausführen. Aber wer sagt denn, dass Claudius vom Halbmond spricht. Er sagt, der Mond sei nur halb zu sehen. Vielleicht ist er ja wegen teilweiser Bewölkung u. Ä. teilweise bedeckt? (siehe Foto). Denn es kommt häufig vor, dass sich eine Wolke vor den Mond schiebt und ihn halb abdeckt. Und wenn man einen Halbmond rund und schön finden kann, dann doch wohl auch einen halben Vollmond. Wie dem auch sei, ich halte diese vermeintliche Inkorrektheit weder geeignet für einen Unterrichtseinstieg in die Mondphasen noch für eine oberlehrerhafte Kritik an einem großen Dichter.

Zum Welttag des Buches – Lesen ist in jeder Lage möglich

Manchmal ergibt es sich, dass man zum Welttag des Buches im Urlaub ist, möglicherweise in wärmeren Gefilden. Da ist es dann den Umständen entsprechend oft nicht möglich, den Tag in angemessener Kleidung und aufrechter Sitzhaltung zu begehen. Da Not bekanntlich erfinderisch macht, ergeben  sich zuweilen Alternativen, die Buchlektüre mit dem Sonnen und bequemen Liegen dennoch zu vereinen. Die beiden Leseratten haben hier eine Möglichkeit ganz in der Nähe des Swimmingpools gefunden, die ihnen erlaubt gleichzeitig die bequeme Bauchlage einzunehmen (Rücken in der Sonne) und Buch in angenehmen Leseabstand vor sich zu haben, ohne sich dabei besonders verrenken zu müssen.

Zum Drängeln von Engeln auf der Nadelspitze

Scholastikerproblem

Wieviel Engel sitzen können
auf der Spitze einer Nadel –
wolle dem dein Denken gönnen,
Leser sonder Furcht und Tadel!

»Alle!« wird’s dein Hirn durchblitzen.
»Denn die Engel sind doch Geister!
und ein ob auch noch so feister
Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.«

Ich hingegen stell den Satz auf
Keiner! – Denn die nie Erspähten
können einzig nehmen Platz auf
geistlichen Lokalitäten.*

Als ich den Versuch von Vögeln beobachte, wie sie darum ringen auf die Nadelbaumspitze zu gelangen, wurde ich an die den Scholastikern zugeschriebene Frage erinnert, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Im Fall der gewissermaßen materiell beflügelten Wesen, vulgo Vögel, kann die Antwort durch bloßes Hinsehen gegeben werden (siehe Foto). Bei den immateriell beflügelten Geistwesen der Engel, die an keine Lokalitäten gebunden sind, dürfte die Frage Christian Morgenstern zufolge ähnlich einfach zu beantworten sein: keiner.
Vermutlich haben sich die Scholastiker gar nicht mit dieser Frage beschäftigt und es handelt sich um eine auf die (Nadel-)Spitze getriebene Übertreibung ihrer Gegner, um die Spitzfindigkeiten der Scholastiker zu karikieren bzw. diskreditieren. Sie ist bis heute nicht verstummt und hat meines Erachtens durchaus ein didaktisches Potenzial, wenn man beispielsweise an die Untersuchung von subatomaren Objekten mit Hilfe des Rastertunnelmikroskops (REM) denkt. Die Frage, wie viele Elektronen (jene hybriden Wesen zwischen materiellem Teilchen und immaterieller Welle) auf der Spitze des REM Platz haben, kann durchaus zu kreativen Diskussionen führen.


*Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Wollen Sie vielleicht Physik lernen?

In der Belletristik kommen oft Einlassungen über die Physik vor. Erstaunt hat mich insbesondere eine Beschreibung, die in Molière‘s Komödie „Der Bürger als Edelmann“ zu lesen ist. Bei der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung schlägt der Philosophielehrer dem Herrn Jourdain u.a. vor, Physik zu lernen. Wörtlich heißt es da:

„PHILOSOPHIELEHRER: Wollen Sie vielleicht Physik lernen?
HERR. JOURDAIN: Was lehrt sie denn, diese Physik?
PHILOSOPHIELEHRER: Die Physik erklärt die Grundgesetze der natürlichen Vorgänge und die Eigenschaften der Körper, die Natur der Elemente, der Metalle, Mineralien, Gesteine, Pflanzen und Lebewesen und lehrt uns, wie Meteore, wie ein Regenbogen entstehen, wie Irrlichter, Kometen, Blitz und Donner, Gewitter, Regen, Schnee, Hagel, Winde und Luftwirbel zustande kommen.
HERR JOURDAIN: Da ist mir zuviel Getöse dabei, zuviel Wirrwarr.“*

Molière lebte von 1622 bis 1673, seine Lebensdaten überschnitten sich also mit denen der Begründer der neuzeitlichen Physik wie Johannes Kepler (1571 – 1630) und Galileo Galilei (1564 – 1642). Interessant ist insbesondere, dass der Schauspieler und Dramatiker Molière eine erstaunlich zutreffende Beschreibung gibt, die abgesehen davon, dass einige Betätigungsfelder inzwischen in eigene Disziplinen übergegangen sind, volle Gültigkeit besitzt.
Was die Antwort Jourdains hinsichtlich des Getöses betrifft, so sieht der erste deutsche Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) gut 100 Jahre später gerade in dem akustischen Aspekt des physikalischen Experimentierens ein wichtiges didaktisches Moment, wenn er sagt: „Ein physikalischer Versuch, der knallt, ist allemal mehr wert als ein stiller; man kann also den Himmel nicht genug bitten, daß, wenn er einen etwas will erfinden lassen, es etwas sein möge, das knallt; es schallt in die Ewigkeit.“**
So ändern sich die Zeiten.


* Molière: Der Bürger als Edelmann.Moliere. Komödien. Atemis & Winkler: München 1993, S,. 780
**Georg Christoph Lichtenberg. Sudelbücher. München  1987 (F 1138)

Die Schwellenangst des Physikers

Dass jemand beim Übertreten dieser Türschwelle* (Foto) zumindest ein mulmiges Gefühl haben könnte ist verständlich. Bei Physikern können schon ganz normale Schwellenübertritte angesichts der damit verbundenen Schwierigkeiten für Beklemmungen sorgen. Jendenfalls hat Arthur Eddington (1882 – 1944) die Probleme des Schwellenübertritts in der folgenden Passage anschaulich zusammengefasst: Weiterlesen

Photoarchiv