//
Artikel Archiv

Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Diese Kategorie enthält 167 Beiträge

Wasserscheue Wasserpflanzen

Manche Pflanzen lieben das Wasser, sie sind hydrophil, andere verabscheuen es, sie sind hydrophob. Wieder andere nehmen eine Position dazwischen ein. Darin unterscheiden sie sich kaum von den Menschen. Ein Freund von mir, Wilfried Suhr, hat eine Situation fotografiert, in der man die Hydrophobie der aus dem Wasser wachsenden Pflanzen deutlich erkennen kann (rechts: Ausschnitt). Sie stoßen das Wasser so deutlich ab, dass die Wasseroberfläche ein Stück weit eingedellt wird. Lediglich die das Wasserniveau ausgleichende Schwerkraft verhindert eine weitere Absenkung. Als Kompromiss ergibt sich eine Vertiefung rund um die aus dem Wasser herauswachsenden Pflanzen, ein sogenannter konvexer Meniskus, der die Wasserphobie eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. Die auf der Wasseroberfläche gespiegelte Sonne (eine Lichtphobie?) sowie einige Wolken heben die Strukturen eindrucksvoll aus dem ansonsten ziemlich monochromen Hintergrund heraus.
Dies ist wieder ein kleines Phänomen, das leicht übersehen wird, aber – einmal bemerkt – zu Fragen Anlass gibt, die ansonsten wohl kaum in den eigenen Fragehorizont gelangt wären.

Ab heute bin ich wieder einmal in der netzfreien Zone und kann daher erst in etwa einer Woche wieder auf Kommentare eingehen. Ich habe allerdings einige neue Beiträge für den kommenden Tage erstellt.

Radiale Bestrebungen

Dieses radiale Gebilde verbindet – obwohl äußerlich ganz starr – zwei Bewegungen eine konzentrierende nach innen und eine expandierende nach außen. Sie verbindet abstrakt betrachtet die beide Extreme der Null und der Unendlichkeit. Dennoch handelt es sich um ein individuelles Gebilde, das kein zweites Mal auf der Welt anzutreffen ist. Aus ihm müssen diese Bewegungen überhaupt erst abstrahiert werden. Oder mit Georg Christoph Lichtenberg zu sprechen: Die Natur schafft keine genera und species, sie schafft individua und unsere Kurzsichtigkeit muß sich Ähnlichkeiten aufsuchen um vieles auf einmal behalten zu können. Diese Begriffe werden immer unrichtiger je größer die Geschlechter sind, die wir uns machen.*


* Georg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe I. München 1968, S.13 (A 17)

Zum 200. Geburtstag von Rudolf Clausius – Energie und Entropie

Die Sonnenenergie wird verbraucht, die Entropie nimmt zu. Doch dadurch werden alle lebenswichtigen Vorgänge auf der Welt angetrieben.

Heute vor 200 Jahren wurde der Physiker Rudolf Clausius (2. Januar 1822 – 24. August 1888) geboren. Er ist der „Entdecker“ der Entropie, einer physikalische Größe, die nicht nur von physikalischer Bedeutung ist, sondern letztlich als zentraler Begriff für die Beschreibung wesentlicher Aspekte der Energieproblematik gelten sollte. Leider kommt das meist nicht direkt zum Ausdruck, obwohl es helfen würde, den Umgang mit der Energie besser einzuschätzen.
Das Problem ist nämlich, dass die Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann – es ist eine Erhaltungsgröße. Die lebensweltlichen Erfahrungen mit der Energie sind scheinbar andere: Demnach geht Energie verloren. Denn man muss ständig neue Energie zum Heizen, für die Fortbewegung und viele andere Hilfsfunktonen im Alltag beschaffen und dementsprechend auch dafür bezahlen. Aber geht es uns beispielsweise mit dem Wasser, das uns per Wasserleitung ins Haus geführt wird genauso? Wir sprechen von Wasserverbrauch: Wasser wird für die verschiedensten Zwecke, zum Kochen, Waschen, Klospülen usw. verbraucht, ohne dass jemand der Meinung wäre, das Wasser würde verschwinden, vernichtet werden. Im Gegenteil, meist wird die Schmutzwasserbeseitigung dadurch berechnet, dass man den Wasserverbrauch an der Wasseruhr abliest.
Ganz ähnliche Erfahrungen machen wir mit dem Energieverbrauch, bei dem die Energie mengenmäßig erhalten bleibt und insofern qualitativ verändert wird, als sie nicht noch einmal für denselben Zweck zu gebrauchen ist. Hat sich meine Tasse mit heißem Tee abgekühlt, so wurde die Energie durch Wärme an die Umgebung abgegeben. Mir ist es dann nicht ohne Weiteres möglich die jetzt in der Zimmerluft befindliche Energie wieder in den Tee zurückfließen zu lassen. Der Energieverbrauch ebenso wie der Wasserverbrauch besteht darin, dass die Energie nicht noch einmal für denselben Zweck gebraucht werden kann. Sie wird entwertet. Es ist also neben der Erhaltung der Energie ein Begriff erforderlich, der die Entwertung bzw. die darin enthaltene Unumkehrbarkeit (Irreversibilität) durch eine neue Größe zu erfassen.
Genau darin besteht das Verdienst von Rudolf Clausius, indem er die Energieentwertung mit Hilfe der Größe der Entropie erfasste, die fortan mit dem Buchstaben S bezeichnet wird. In einer berühmten Arbeit aus dem Jahre 1865 schreibt er in diesem Zusammenhang: „… so schlage ich vor, die Größe S nach dem griechischen Worte , die Verwandlung, η  τροπή, die Verwandlung, die Entropie des Körpers zu nennen. Das Wort Entropie habe ich absichtlich dem Worte Energie möglichst ähnlich gebildet, denn die beiden Größen, welche durch diese Worte benannt werden sollen, sind ihren physikalischen Bedeutungen nach einander so nahe verwandt, daß eine gewisse Gleichartigkeit in der Benennung mir zweckmäßig zu seyn scheint“.
Er schließt seinen Aufsatz mit der den Worten, dass „man die den beiden Hauptsätzen der mechanischen Wärmetheorie entsprechenden Grundgesetze des Weltalls in folgender einfacher Form aussprechen kann.
1) Die Energie der Welt ist constant,
2) Die Entropie der Welt strebt einem Maximum zu.“*
Den 2. Hauptsatz der Thermodynamik oder der Entropiesatz, wie man ihn heute bezeichnet, besagt also, dass die beim Umgang mit der Energie auftretende Energieentwertung nur zunehmen, nicht aber abnehmen kann.

Wer es etwas genauer informiert werden möchte, den verweise ich auf frühere Beiträge (z.B. hier und hier und hier).


* Rudolf Clausius. Über verschiedene für die Anwendung bequem Formen der Hauptgleichungen der mechanischen Wärmetheorie. Analen der Physik und Chemie Band CXXV 7, No. 7  (1865) S. 353 – 400

Die Herrschaft des Lichts zum 4. Advent

Die Flamme einer Kerze hat trotz ihrer weitgehenden Erklärung durch die Naturwissenschaften nichts an ihrer Faszination verloren. Das zeigt die vorweihnachtliche Zeit auf eindrucksvolle Weise. Ein akustischer Aspekt, der wohl eher die Stimmung der brennenden Kerze betrifft und einen Flammenträumer zum Flammendenker werden lässt, führt zu der Frage, warum das schweigsame Wesen seiner Kerze plötzlich zu ächsen beginnt. Für Franz von Baader (1765 – 1841) geht dieses Knarren, dieser Schreck, „einem jeden stillen oder geräuschvollen Anzünden voraus“. Dieser Laut wird erzeugt „durch den Kontakt zweier gegensätzlich wirkender Prinzipien, von denen das eine das andere behindert oder es sich untertan macht.“ Die Flamme muß sich beim Brennen stets neu entzünden und gegenüber einer rohen Materie die Herrschaft des Lichts bewahren. Hätten wir ein feineres Ohr, so würden wir die Echos dieser inneren Bewegung vernehmen. Der Anblick läßt zu leicht den Gedanken zu, es gäbe hier Vereinigungen. Doch ganz im Gegenteil verbinden sich die knisternden Geräusche nicht. Die Flamme spricht alle Kämpfe die es bestehen muß, um eine Einheit zu bewahren.*

In der Abbildung sehen wir eine Kerzenflamme, die auf irgendeine Weise verdoppelt (oder sogar verdreifacht?) erscheint. Ist dieser Effekt einzig dem 4. Advent zu verdanken?
(Hilfe für eine Antwort findet man hier.)


* Gaston Bachelard. Die Flamme einer Kerze. München 1988, S. 45f

Klingelbrett in Florenz

Zu meinen flaneurhaften Erkundungen fremder Städte gehört auch immer mal wieder ein Blick auf die Klingelbretter von Wohnhäusern. Sie sind teilweise sehr aussagekräftig, wie das im Foto dargestellte. Die berühmten Namen sind durchaus nicht für die Geschichtsbücher reserviert.

Links- oder rechtsdrehend

Wie kommt man schneller ans Ziel auf die links- oder rechtsdrehende Weise?

Manche Objekte sind von der Art, dass die durch eine einfache Drehung nicht mit ihrem Spiegelbild zur Deckung gebracht werden können. Man spricht dann von Chiralität (gr. = Händigkeit). Viele Moleküle haben dieselbe Eigenschaft. Es spräche chemisch und physikalisch nichts dagegen, wenn sie sowohl in der einen als auch in der spiegelbildlichen anderen Form vorkämen. Aber oft ist es so, dass die Natur nur eine der beiden Formen auswählt. So kommen beispielsweise die Eiweißbausteine aller Lebewesen, die Aminosäuren, mit einigen Ausnahmen fast nur als L-Aminosäuren (L steht für levo = links) vor und nicht in der spiegelbildlichen D-Version (D steht für dextro = rechts).
Auch in der Teilchenphysik ist die Chiralität von Bedeutung. So ist die Schwache Wechselwirkung, eine der vier Grundkräfte der Natur, nicht symmetrisch. Jüngst hat man herausgefunden, dass auch der Magnetismus von Nanostrukturen chirales Verhalten zeigt.
Das Geheimnis um die Chiralität in der Natur ist noch weit entfernt, gelüftet zu sein.

Kugelblitz – ins Allmähliche und Diskursive entfaltet

Bey dem Blitz geschieht Alles in einem Augenblick; nur die nachherigen Beobachter, welche die Reise zu Fuß machen, bringen das Allmähliche und Diskursive erst hinein.*

Der erste deutsche Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) stichelt mit diesem Satz auf eine für seinen Humor typische Weise gegen die eigene Zunft. Seine Aussage gilt insbesondere für die moderne Physik, in der mit großem Aufwand über extrem kurze Vorgänge monatelange und ggf. noch längere Untersuchungen durchgeführt und seitenlange Abhandlungen verfasst werden, die sich beispielsweise im Femtosekundenbereich abspielen.
1 Femtosekunde „dauert“ 0,000000000000001 Sekunden (1 fs =10-15 s).

Nebenbei: Ist der Text von Sprache und Geist her nicht sehr modern?

Weiterlesen

Stufen ins Emsium*

In einem Hotel, in dem ich immer mal wieder übernachte, ist das ansonsten wenig spektakuläre Treppenhaus mit Fliesen aus Naturgestein ausgelegt, die zahlreiche Versteinerungen enthalten. Seitdem ich herausgefunden habe, dass das Treppenhaus so etwas wie ein erdgeschichtliches Museum ist, ziehe ich es dem Fahrstuhl vor. Das Foto zeigt eine Treppenstufe mit einem Schnitt durch einen halben Ammoniten. Der besondere Reiz besteht darin, dass die andere Hälfte gewissermaßen durch die Spiegelung auf der davor liegenden glatt polierten Deckelfliese ergänzt wird. Damit wird man zwar der Realität nicht gerecht, schön anzusehen ist es trotzdem. Der Glanz der Fliese vermittelt zudem den Eindruck als würde der Ammonit zur Hälfte ins Wasser getaucht sein.


* Das Emsium bezeichnet in der Erdgeschichte den Zeitraum von etwa 407,6 Millionen bis etwa 393,3 Millionen Jahren.

Der Vater der modernen Optik

H. Joachim Schlichting. Spektrum der Wissenschaft 12 (2021), S. 60 – 62

Die Sonnenflecke soll ich bemerkt und
die Sonne selbst soll ich übersehen haben!

Friedrich Hebbel (1813–1863)

Vor 450 Jahren, im Dezember 1571, wurde Johannes Kepler geboren. Den meisten ist er durch die nach ihm benannten Planetengesetze vertraut. Weniger bekannt ist: Er brachte die geometrische Optik praktisch zur Vollendung. Beide Leistungen hängen eng zusammen.

Die drei keplerschen Gesetze gelten zu Recht als revolutionär. Indem Johannes Kepler (1571–1630) für die Bewegungen der Planeten physikalische Ursachen annahm, deren Ursprung in der Sonne liegt, lieferte er entscheidende Argumente für das Weltbild von Nikolaus Kopernikus (1473–1543). Die Planetengesetze wiederum waren eine Voraussetzung für eine quantitative Naturbeschreibung, auf der Isaac Newton (1642–1726) die klassische Physik begründen konnte. Seitdem gibt es keinen Unterschied mehr zwischen himmlischen und irdischen Regeln.

Auf einem anderen Gebiet war Kepler ebenso weltbewegend tätig, nämlich der geometrischen Optik. Er brachte sie zu einem bis heute gültigen Abschluss (sieht man einmal von der späteren quantitativen Formulierung des Brechungsgesetzes ab). Beide Bereiche sind enger miteinander verknüpft, als man zunächst denken könnte.

Entscheidend war dabei die Lösung des so genannten Sonnentalerproblems, bei dem sich Astronomie und Optik treffen. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurde als Beobachtungstechnik für Sonnenfinsternisse vorgeschlagen, den gefährlichen direkten Blick in die Sonne zu vermeiden, indem man ein Lochkamerabild auf einer Leinwand beobachtet. Denn schon lange vor Kepler war bekannt: Fällt Licht eines hellen Objekts durch eine wie auch immer geformte kleine Öffnung, entsteht hinter dieser eine Abbildung der Quelle. Das genaue Prinzip dahinter blieb aber rätselhaft. Bereits in der pseudo-aristotelischen Schrift Problemata Physica fragt sich der Autor zum einen: »Warum erzeugt die Sonne, wenn sie durch viereckige Gebilde dringt, nicht rechteckig gebildete Formen, sondern Kreise?« und zum anderen: »Warum treten bei Sonnenfinsternis, wenn man durch ein Sieb oder durch Blätterlücken sieht, oder wenn man die Finger der einen Hand mit denen der anderen verflechtet, die Sonnenstrahlen auf der Erde halbmondförmig in Erscheinung?«.

Letztlich geht es dabei um das Problem, wie sich die geradlinige Ausbreitung des Sonnenlichts mit dem Befund vereinbaren lässt, dass es sich selbst beim Durchgang etwa durch ein rechteckiges Loch zu einem kreisförmigen Fleck krümmt. Bemühungen um eine Lösung ziehen sich wie ein roter Faden durch die zweitausendjährige Geschichte der Strahlenoptik. Die Kepler vorliegenden Arbeiten des Mittelalters hinterlassen den Eindruck, Schuld seien die Unzulänglichkeit des Auges und die Art und Weise des Sehens. Der bereits neuzeitlich denkende Kepler erkannte in derartig »ungehörigen und in der Optik nicht anerkannten« Begründungen keine erhellenden Erklärungen. Er ging dem Sachverhalt selbst nach.

Doch warum war das für Kepler so wichtig? Hätte der Astronom die erfolgreiche Beobachtungsmethode von Sonnenfinsternissen nicht einfach akzeptieren können, ohne sie bis ins Detail verstehen zu müssen? Die Antwort darauf ergibt sich aus einem Rätsel, mit dem sich Keplers Zeitgenosse Tycho Brahe (1546–1601) konfrontiert sah. Ihm erschien bei der Sonnenfinsternis am 25. Februar 1598 der Neumond »nicht in der Größe, die er zu anderen Zeiten bei Vollmond hat«. Für Kepler, der zutiefst von der Gültigkeit der Himmelsmechanik überzeugt war und insbesondere die Bahnen und Größen der Himmelkörper für unveränderlich hielt, waren Ansätze völlig inakzeptabel, die zum Beispiel einen bei Sonnenfinsternissen schrumpfenden oder weiter entfernten Mond voraussetzten.

Kepler suchte stattdessen den Fehler bei der Beobachtungsstrategie selbst und entwickelte ein einfaches Modell, mit dem sich die Abbildung physikalisch rekonstruieren und anschaulich verstehen lässt. Auf der bewährten Grundlage des Strahlenmodells der geometrischen Optik nahm er an: Eine punktförmige Quelle sendet Strahlen radial in alle Richtungen aus. Fällt ihr Licht durch eine Öffnung, so erscheint diese in ihrer Form unverändert auf eine dahinter aufgestellte Leinwand projiziert – eine eckige Blende als ebenso kantige, helle Fläche. Doch die Sonne ist nicht punktförmig. Ein entscheidender Schritt brachte Kepler schnell auf die Lösung. Der Trick besteht darin, eine ausgedehnte Lichtquelle als Ensemble unendlich vieler Punktquellen aufzufassen.

Lässt man davon ausgehend in einem Gedankenexperiment beispielsweise eine dreieckige Lichtquelle durch ein rundes Loch strahlen, so liegt die Lösung des Sonnentalerproblems auf der Hand (siehe »Gemischter Umriss«). Anhand einiger ausgewählter Punkte wird erkennbar: Die auf der Leinwand abgebildeten runden Löcher überlagern sich letztlich zu der dreieckigen Form des leuchtenden Objekts.

Diese Modellierung dürfte zu Keplers Zeiten recht kühn gewirkt haben. Denn einerseits war das unendlich Kleine noch nicht vertraut – die später von Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) entwickelte Infinitesimalrechnung zeigte die damit verbundenen Vorstellungsschwierigkeiten. Andererseits wird eine ungestörte gegenseitige Durchdringung der Lichtstrahlen unterstellt, und das dürfte ebenso nicht selbstverständlich gewesen sein.

Die Lichtquelle zeigt ihren Umriss auf dem Schirm umso präziser, je kleiner das Loch ist. Dasselbe erreicht man mit zunehmendem Abstand zwischen Blende und Projektionswand, weil die Größe der Abbildung dabei schneller wächst als die von der Lochgröße bestimmte Randunschärfe.

So konnte Kepler die beobachtete Mondverkleinerung von 20 Prozent als einen Beobachtungsfehler erklären. Er beruhte darauf, dass der Schirm zu dicht hinter dem Loch angebracht oder dieses zu groß war. Zahllose Bilder des Lochs traten so weit über den Rand der eigentlichen Sonnenprojektion und überlagerten den Schatten des Monds (siehe »Randunschärfe«). Ein leicht verwaschener Eindruck kann nie vollständig beseitigt werden, doch nach dieser Einsicht wurde es möglich, den Effekt zu beziffern und durch kleinere Löcher und weitere Abstände zu minimieren.

Heute mag uns die Lösung des Problems einfach erscheinen, aber sie war damals alles andere als selbstverständlich. Kepler musste eine völlig neue Herangehensweise entwickeln und die optischen Regeln seiner Vorgänger entsprechend überarbeiten. Später kam zwar heraus, dass etwa Francesco Maurolico (1494–1575) bereits 1521 eine korrekte Erklärung gegeben hatte, allerdings konnte Kepler von ihr nichts wissen. Außerdem handelte es sich um eine relativ isolierte Beschreibung außerhalb eines einheitlichen theoretischen Rahmens.

Im Sinn des Physikers und Wissenschaftsphilosophen Thomas S. Kuhn (1922–1996) kann die von Kepler vollendete geometrische Optik als Ergebnis eines Paradigmenwechsels angesehen werden. Im Mittelpunkt dieser konzeptuellen Revolution stand das Phänomen der Sonnentaler. Als Astronom, der maßgeblich am Durchbruch der kopernikanischen Wende mitgewirkt hat, war Kepler bereits vom neuzeitlichen physikalischen Denken beeinflusst. Jedenfalls war er von den mechanischen Gesetzen der Bewegung der Himmelkörper derart überzeugt, dass er eine merkliche Größenveränderung von Himmelskörpern oder deren Bahnen angesichts des aus seiner Sicht mechanischen Ereignisses einer Sonnenfinsternis für unmöglich hielt. So konnte Kepler die Grenzen des bisher anerkannten Beobachtungsprinzips kritisch hinterfragen – und so verdanken wir ihm neben einer Revolution im Bereich der Astronomie außerdem die moderne Wissenschaft des Lichts.

Übermaß an Wirklichem!

Substanz; die göttliche Salzigkeit trinken und ausatmen, dieses Spiel gleicht für mich der Liebe, die Tätigkeit, bei der mein Körper sich ganz in Zeichen und Kräfte verwandelt, wie eine Hand sich öffnet und schließt, spricht und handelt. Hier gibt sich der ganze Körper der Wassermasse hin, holt sich zurück, begreift sich, verausgabt sich und will sein Möglichkeiten erschöpfen. Sie rührt er auf, sie will er fassen, umarmen, er überbordet an Leben und liebt sie in seiner freien Beweglichkeit, sie besitzt er, mit ihr erzeugt er tausend seltsame Gedanken. Durch sie bin ich der Mann, der ich sein will. Mein Körper wird das unmittelbare Werkzeug des Geistes und dabei der Urheber aller seiner Gedanken. Alles erhellt sich mir. Ich verstehe bis ins letzte, was Liebe sein könnte. Übermaß an Wirklichem! Die Liebkosungen sind Erkenntnis. Die Gebärden des Liebenden wären die Vorbilder für Werke.
Also schwimme! wirf dich kopfüber in diese Welle, die zu dir rollt, mit dir, sich bricht und dich trägt!


Paul Valéry. Werke in sieben Bänden. Frankfurt 1991, S. 253f

Wie kümmerlich, auf einem Kreisel zu sitzen!

Heute jährt sich der Geburtstag von Paul Valéry (1871 – 1945) zum 150. Mal. Valéry ist vor allem als Lyriker bekannt. Ich schätze ihn darüber hinaus als äußerst scharfsinnigen Denker und Essayisten, der auch noch so sicher geglaubte Dinge analysiert, hinterfragt, präzisiert und das in einer oft ausdruckstarken Weise. Insbesondere in seinen Cahiers findet man eine Fülle von tiefen Gedanken wie beispielsweise den folgenden:

Der Nachweis der Erdrotation ist ein schwerwiegendes Ereignis der Geschichte. Dreht sie sich denn, so wissen meine Sinne nicht von dieser Geschwindigkeit und tun sie nur indirekt kund. Ich glaubte etwas zu wissen. Wenn mir eine derart gewichtige Tatsache unbekannt bleiben konnte, wenn es so vieler Jahrhunderte und Umwege bedurfte, um sie zu entdecken, wie mancher Verdacht muß da nicht auf das fallen, dessen ich mich sicher wähnte!
Wie kümmerlich, auf einem Kreisel zu sitzen!
Das wissenschaftliche Befremden beginnt und wird nicht mehr aufhören. Es treibt die Religionen und Legenden davon und zieht sie wieder herbei. Christus hätte ein solch albernes, solch ungeheures Wunder nicht auszusprechen, die Heilige Schrift nicht zu schreiben gewagt.
Die Menschheit verhält sich nicht wie eine Gruppe, die sich auf einem Kinderkreisel sitzen weiß.


Paul Valéry. Cahiers 2. Frankfurt 1988, S.95

Strömungen mit Pareidolien

Das Leben ist ein ständiges Fließen, das wir anzuhalten und in dauerhafte und festgelegte Formen zu bringen versuchen, und zwar innerhalb wie außerhalb von uns; denn wir selbst sind schon feste Formen, Formen, die sich zwischen anderen unbeweglichen Formen bewegen und deshalb dem Fluß des Lebens folgen können, bis er immer starrer wird und schließlich seine schon allmählich verlangsamte Bewegung ganz aufhört. Die Formen, mit denen wir in uns dieses beständige Fließen anzuhalten und festzulegen suchen, sind die Begriffe, die Ideale, denen wir treu bleiben möchten, sowie alle von uns geschaffenen Phantasiebilder, die Lebensumstände, die Stellung, in der wir uns einrichten möchten. Aber der Lebensfluß fließt in uns, in dem, was wir Seele nennen und was das Leben in uns ist, ständig weiter, nicht klar bestimmbar, unterhalb der Dämme und der Grenzen, die wir ihm aufzwingen wollen, indem wir uns ein Bewußtsein bilden und uns eine Persönlichkeit aufbauen. In manchen stürmischen Augenblicken stürzen allerdings alle diese unsere Formen unter dem Ansturm der Flut erbärmlich in sich zusammen. Aber auch der Teil des Flusses, der nicht unterhalb der Dämme und Grenzen dahinströmt, sondern den wir deutlich erkennen und den wir sorgfältig in die Kanäle unserer Gefühle, der Pflichten, die wir uns auferlegt haben, und der von uns selbst uns vorgezeichneten Gewohnheiten geleitet haben, schwillt manchmal so an, daß er über die Ufer tritt und alles über den Haufen wirft in der Natur.*


* Luigi Pirandello. Der Humor. In: Caos. Mindelheim 1987, S. 41f

Schönheit ohne Zuschauer

Da keiner auf der Bank sitzt, um die schönen Herbstfarben zu betrachten und sich von ästhetischen Eindrücken forttragen zu lassen, kann man sich fragen, ob das alles auch da ist, wenn keiner hinschaut. Das klassische Sichtbarkeitspostulat besagt, dass Gott nichts geschaffen habe, was der Mensch nicht auch (an)schauen könne. Mit diesem Argument wurde zu Beginn der Neuzeit die Realität dessen angezweifelt, was über die Fähigkeit der Augen hinaus durch das Fernrohr und andere optische Hilfsmittel zu sehen war. Die Frage war, ob nicht bei Abwesenheit von Betrachtern der Aufwand der Schönheit überhaupt getrieben werden müsste.

Was wissen wir?

Jeder Stern, den wir sehen und erst recht all die unzähligen Sterne, die uns verborgen bleiben, können als Sinnbild unseres beschränkten Horizonts angesehen werden. Interessanterweise sehen wir die Sterne nur in der Dunkelheit der Nacht, wenn wir (fast) alles andere, für unser Leben Wesentliche nicht sehen. Das Tageslicht beschränkt uns auf die für unser Leben und Überleben relevante Sphäre.

In einer einige Jahre zurückliegenden Rezension von Petra Wiemann heißt es: „Für den von Platon inspirierten Physiker Sir Roger Penrose ist die Wirklichkeit in der Sprache der Mathematik geschrieben.  Unsere Welt besteht aus drei miteinander verbundenen Sphären:
Jede der drei Welten – die materielle Welt, die Welt des Bewusstseins und die platonische Welt – entsteht jeweils aus einem winzigen Stück einer der anderen. Und es ist immer das absolut vollkommene Stück. Wenn Sie sich den gesamten materiellen Kosmos ansehen, so ist unser Gehirn ein ungeheuer winziger Teil dieses Kosmos. Aber es ist der Teil von ihm, der vollkommen organisiert ist. Verglichen mit der Komplexität eines Gehirns ist eine Galaxie nur ein lebloser Klumpen. Das Gehirn ist das erlesenste Stück materieller Wirklichkeit, und genau dieses Stück bringt die geistige Welt hervor, die Welt des bewussten Denkens.“

Daran möchte ich einige Gedanken anschließen: Ich frage mich nämlich, ob eine Galaxie wirklich ein lebloser Klumpen ist? Würde unser Gehirn rein materiell betrachtet nicht ebenso leblos erscheinen? Entscheidend scheint mir aber die Frage, woher nehmen wir die Gewissheit, dass wir mit unserem Gehirn als winziger Teil des unüberschaubar großen Kosmos etwas Umfassendes und Gültiges über das ihn Bergende zu sagen vermögen. Denn einerseits nehmen wir mit unseren Sinnen einschließlich der sie verlängernden Technik nur einen völlig irrelevanten anthropomorphen Ausschnitt aus der Gesamtheit der Welt wahr. Andererseits ist es nach unseren eigenen Denkregeln gar nicht möglich, dass ein winziger Teil des Ganzen eben dieses Ganze in einer auch nur annähernd zutreffenden Weise zu umfassen und zu verstehen vermag.
Sicher, auch das was ich hier schreibe unterliegt diesen prinzipiellen Einschränkungen und bringen einmal mehr zum Ausdruck, dass wir uns im Kreise drehen. Doch ebenso wie der Tanz eine sehr elegante und gegebenenfalls auch aufregende Bewegung sein kann, können wir in ähnlicher Weise unser Denken und die Wohltaten, die auf der Grundlage dieses Denkens hervorgebracht werden, genießen und zum Wohle unserer und nachfolgender Generationen einsetzen. Wir müssen es aber auch tun.

Fensterblicke

Wenn man ein solches Gebäude mit gekrümmten Fassaden erblickt, wird man vielleicht an moderne Architektur à la Hundertwasser erinnert… Aber nein, nicht wirklich. Denn die Linien sind doch wohl etwas zu umstürzlerisch. Außerdem erscheinen sie genau in den Kreuzungen der Sprossen des Fensters, durch das man blickt zusammengezogen zu werden. Man wird ziemlich schnell das Fenster im Verdacht haben. Richtig, es handelt sich um eine Doppeltverglasung und die führt in den meisten Fällen dazu, dass die Scheiben infolge unterschiedlichen Luftdrucks innerhalb und außerhalb der Scheiben deformiert werden. Diese Deformationen führen meist zu kissenförmigen Verzerrungen der Gegenstände, die man im Blick hat.
Aber wie wäre es, wenn wir gar keinen Hinweis auf das Fenster hätten? Würden wir dann die Realität anders wahrnehmen. Würden wir etwa davon ausgehen, dass gesehene Gegenstände je nach Blickwinkel ihre äußere Form ändern? Welche Wirklichkeitsauffassung resultierte daraus? Ich will den Gedanken nicht weiterspinnen, obwohl er geeignet ist, einige stillschweigende Voraussetzungen der Wahrnehmung zu unterminieren. Und da wir nun mal nicht ständig durch Fenster blicken, sind diese Fragen außerdem sehr hypothetisch. Sind sie das wirklich? Sind nicht auch unsere Augen eine Art Fenster? Jedenfalls blicken wir durch den Glaskörper, die Linse, die Hornhaut und nehmen alles auch noch auf dem Kopf stehend wahr. Ist das wirklich vertrauenswürdig? Nun, wir haben nichts Besseres und kommen in der Regel bestens damit zurecht – von Augenfehlern einmal abgesehen. Jedenfalls macht unser Gehirn aus den Seheindrücken die schöne, stabile, in Senkrechten und Waagerechten normierbare Welt. Aber ist nicht gerade darin das Problem zu sehen? Sind wir noch Herr im eigenen Hause?

Schatten – Abwesenheit von Licht

Das leuchtende Auge erhellt den betrachteten Weg

Vielleicht fasziniert uns an den Schatten die virtuelle Möglichkeit, ihn als inverses Licht anzusehen. Man stelle sich vor, dass Schatten Leuchtspuren darstellen, die von einem dunkles Licht ausstrahlenden Gegenstand ausgehen.
Doch physikalisch macht eine solche Umkehrung keinen Sinn. Schatten sind die bloße Abwesenheit von Licht (bzw. genauer: des Lichts der dominierenden Lichtquelle) und bezeichnen etwas Fehlendes, während Licht so etwas wie reine Energie darstellt – eine Differenz also zwischen Sein und Nichtsein.
Etwas Ähnliches gilt für die Abwesenheit von Wärme, was wir als Kälte empfinden. Und wenn wir davon sprechen, dass Kälte in einen Raum eindringt, dann erscheint uns diese Sprechweise direkter als zu sagen, die Wärme würde den Raum verlassen. Physikalisch gesehen ist aber genau das der Fall.

Fundstück 11 – ein Kant-Stein

Ich habe einiges aufgehoben und zwar im dreifachen Sinn des Wortes. Erstens habe ich es – mich selber zum Boden bückend – in die Hand genommen und zur näheren Betrachtung aufgehoben. Dort blieb es einige Zeit bis es zweitens für Wert erachtet wurde, aufgehoben (im Sinne von aufbewahrt) zu werden. Ich habe nie viel Aufsehens davon gemacht aber faktisch wurde es drittes aufgehoben im Sinne von erhoben zu höherem Dasein (auf dem Bücherbord direkt vor der „Kritik der reinen Vernunft“). Dadurch wurde es verklärt und in etwas verwandelt, was seinen materiellen Wert weit übersteigt. Denn ich fand es ursprünglich im granularen Füllmaterial eines Weges, mit dem eine Wasserpfütze beseitigt wurde. Nun fand ich es erneut, als ich etwas bei Kant nachschlagen wollte. Fortan ist es daher ein Kant-Stein.

Seifenblasen lieben sechs

Im Science Center Universum in Bremen, das ich gelegentlich besuche, so wie man einen Park oder ein Kunstmuseum immer mal wieder aufsucht, werden alltägliche Gegenstände und Vorgänge oft allein durch die Art wie sie in Szene gesetzt werden auf meist herausfordernde Weise hinterfragt.
Hier Blickt man auf eine Doppelglaswand zwischen deren Scheiben sich Seifenblasen teilweise zu Schaum zusammengetan haben. Das hat den Vorteil, dass sich mehrere Blasen eine Wand teilen und dabei Grenzflächenenergie einsparen können. Denn für die Integration einer Glasscheibe ist weniger Energie nötig als für die Ausbildung einer eigenen Lamelle mit der Luft. Wenn es die Situation ermöglicht, werden die Schaumpolygone eine hexagonale Struktur annehmen, weil in diesen Fällen die Grenzfläche minimal ist. Die ist an einigen Stellen ansatzweise realisiert (siehe den Ausschnitt im unteren Foto).
Überdies sollte nicht vernachlässigt werden, dass die Struktur ästhetisch ansprechend ist. Es vereinigen sich hier wieder einmal die Notwendigkeit zur Energieminimierung des Systems (maximal viel Energie an die Umgebung abzugeben (2. Hauptsatz der Thermodynamik)) und der Zufall, der bei der konkreten Ausbildung der Seifenzellenstruktur eine wesentliche Rolle spielt.

In Zahlen waschen wir das Unreine…

Wie kaum ein anderer Dichter hat sich Bertolt Brecht (1898 – 1956) mit der Mathematik und den Naturwissenschaften auseinandergesetzt. Dabei muss man nicht nur an das „Leben des Galilei“ denken, in dem er entscheidende Ideen der neuzeitlichen Physik auf eindrucksvolle Weise auf den Punkt bringt. Es ist überliefert, dass Brecht die Entwicklungen in der modernen Physik des 20. Jahrhunderts aufmerksam verfolgte und beispielswiese 1930 einen Vortrag über Kausalität von Albert Einstein hörte und bewunderte. So blieb es nicht aus, dass Ideen der Physik insbesondere in seine Vorstellungen über das neue Theater eingeflossen sind. Beispielsweise stellte er sich New Yorker Theaterleuten im Jahr 1935 mit den Worten vor: „Ich bin der Einstein der neuen Bühnenform“.
Natürlich war Brecht nicht gefährdet, mathematisch naturwissenschaftliche Ideen auf die Probleme der Gesellschaft zu übertragen. Eher ging es ihm darum, die Diskrepanz zwischen den Kalkulierbarkeiten der Naturwissenschaften und der gesellschaftlichen Wirklichkeit sichtbar zu machen. So auch in dem Fragment gebliebenen Gedicht „Gespräch über den Alltagskampf“. Es wiurde in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben und für ein Stück über Rosa Luxemburg (1871 -1919) gedacht.

Gespräch über den Alltagskampf
Mit zwanzig hätte ich gern Mathematik studiert und Sternkunde
In den Zahlen waschen wir das Unreine
Aus Geschehen und Körpern. Selbst das Zufällige, das
Uns so quält in den Kämpfen, erscheint
In den Wahrscheinlichkeitskalkulationen
der Mathematik gebändigt. Die großen
Bewegungen der Gestirne gestatten
Gute Voraussagen. Auch da
Sind die Kugeln im Weltraum nicht völlig rund, die Kurven
Gespräch über den Alltagskampf
Nicht ganz stetig, aber beobachtet über Sternjahre
Und Weltraumentfernungen befriedigen sie
den ordnenden Geist.
Auch hättest du, Mathematik studierend und Sternkunde an statt
Politik und Wirtschaft, weniger Betrug getroffen. Die Sternbahnen
werden nicht so verheimlicht als die Wege der Kartelle. Der Mond
Klagt nicht auf Geschäftsschädigung.
*

* Bertold Brecht. Gesammelte Werke 10. Gedichte 2. Frankfurt 1967, S. 966

Lichtmännchen mit Lichtstuhl

Zerstreutes Lichtmännchen (vielleicht auch ein Weibchen?) mit Lichtgeschwindigkeit zum Lichtstuhl eilend, um sich ein wenig zu sammeln und zu konzentrieren.
Was das Teilchen hier ganz freiwillig macht, wenn es sich nicht beobachtet fühlt, dagegen hat es sich bis vor ein paar Jahren erfolgreich gewehrt. Doch inzwischen ist es gelungen, die stets in Eile befindlichen Lichtteilchen bzw. Quanten einzufangen. Dazu werden spezielle Fallen aufgestellt, in die man die Teilchen dann tappten lässt. Anschließend müssen sie sich dann von den Physikern einiges gefallen lassen. Aber nicht aus purer Boshaftigkeit stellt man den Quanten nach, sondern um sie – auf diese Weise festgesetzt – messen und manipulieren zu können. Dies ist den Physikern Serge Haroche und David Wineland unabhängig voneianander gelungen. Im Jahre 2012 erhielten sie dafür den Nobelpreis für Physik

Sommersonnenwende mit Ministonehenge

Was macht man, wenn man im Strandurlaub die Sommersonnenwende miterlebt und ein besonderes Gefühl für dieses kosmische Ereignis nicht so recht aufkommen will? Man baut sich ein Mini-Stonehenge aus dem Gedächtnis. An diesem Strandmonument ist allerdings nur eines in einem gewissen Sinne kosmisch – der Schatten. Er zeigt, dass die Sonne hoch am Himmel steht und vermittelt auf diese Weise einen Eindruck von der brütenden Hitze in der dieses Bauwerk entstand. Die Altvorderen, die das reale prähistorische Stonehenge vor weit mehr als 2000 Jahren vor Chr. erbauten, werden zwar nicht die Hitze, aber wesentlich größere Widrigkeiten zu überwinden gehabt haben. Man denke nur an die riesigen Steine, die nach neuesten Forschungen aus Wales nach Südengland transportiert wurden.
Auch wenn die Theorien und Sagen um das Monument Stonehenge in Südengland oft sehr weit auseinanderliegen, in einem Punkt stimmen alle überein. Den Erbauern ist es gelungen, die Hufeisen und die ihren Öffnungen vorangestellten Steine exakt auf den damaligen Sonnenaufgang am Tag der Sonnenwende auszurichten.

Heute ist mal wieder eine solche Sommensonnenwende (auf der Nordhalbkugel der Erde), die als Beginn des astronomischen Sommers gilt. Die Sonne hat den in ihrem jährlichen Verlauf höchsten Punkt erreicht und steht über dem nördlichen Wendekreis. Weil damit der größere Teil der täglichen Sonnenbahn oberhalb des Horizonts liegt, haben wir heute den längsten Tag und die kürzeste Nacht. Die Sonnenwende wird auch mit Solstitium (lat. „Sonnenstillstand“) bezeichnet, weil man sich vorstellt, dass beim Übergang von auf nach ab ein Moment des Stillstands auftritt.
Irritierend mag erscheinen, dass der Sommeranfang mit dem Zeitpunkt zusammenfällt, in dem die Tage und damit die Sonnenscheindauer wieder kürzer werden. Diese Festlegung ist dadurch gerechtfertigt, dass die Erwärmung der Erde durch die zunehmende Sonnenscheindauer und Sonnenhöhe dem gewissermaßen hinterherhinkt. Einige weitere Aspekte zu dieser Problematik wurden zur Tag-und-Nachtgleiche am 20. März diskutiert.

Was macht die Schönheit der Sonnentaler aus?

Schau diese Sonnentaler. Liebevoll betrachtet er das Lichtspiel. – Ist es die Natur in ihrer Kunstmässigkeit, die ihre Schönheit ausmacht, und ist nicht die Technik ihre notwendige Bedingung? (…) Die kreisrunde Form verdanken sie den gebündelten Strahlen, die, gezwungen durch eine winzige Öffnung im Blattwerk, die Sonne abbilden – nach dem Prinzip der Camera obscura, für die der Physiker zuständig ist. Weiterlesen

Zeit – ein dehnbarer Begriff…

Die physikalische Größe der Zeit ist sehr genau messbar. Sie ist nach Erkenntnissen der Relativitätstheorie aber auch vom Bewegungszustand der Objekte abhängig auf die sich die Zeitmessung bezieht. So laufen die inneren Prozesse eines physikalischen Systems bezogen auf einen Beobachter langsamer ab, wenn sich das System relativ zum Beobachter bewegt. Der Effekt wird aber erst dann so richtig offenbar, wenn die Bewegung nahezu mit Lichtgeschwindigkeit erfolgt.

Der Gedanke, dass Zeit in irgendeiner Weise von der Bewegung, bzw. der Geschwindigkeit abhängt, ist in der Literatur schon vor der Physik geäußert worden, die diesen Gedanken erst im Rahmen der Relativitätstheorie Einsteins begrifflich erfasste. Das folgende Beispiel aus einem Lustspiel, mag dies demonstrieren:

Darin äußert sich der Schulmeister, ein Protagonist aus diesem Stück, über eine bevorstehende Schlacht:

„… auch flüstert man sich aus zuverlässigen Quellen in die Ohren, daß das auseinandergelaufene Heer des Ypsilanti am 25sten künftigen Monats in einer großen Bataille gesiegt hat.

Tobies: (Nase und Maul aufsperrend): Am 25sten k ü n f t i g e n – ? 

Schulmeister: Wundern Sie sich nicht, Herr Tobies! Die Kuriere gehen rasch! Verbesserte Poststraßen, verbesserte Poststraßen!

Tobies: Jesus Christus! So ’ne Poststraße, worauf der Kurier einen Monat vorausläuft, möchte ich vor meinem Tode wohl ‚mal sehen!

Schulmeister: Freilich ist so etwas hier zu Lande rar! Aber, Herr Tobies, Sie werden ja aus eigner Erfahrung bemerkt haben, daß ein gutes Pferd auf einer guten Chaussee den Weg von einer Stunde in einer halben zurücklegt; wenn Sie sich nun das Pferd immer besser und die Chaussee immer vortrefflicher denken, so muß es ja natürlich dahin kommen, daß das Pferd den Weg in einer Viertelstunde, in zehn Minuten, in einer Minute, in nichts, in gar nichts und zuletzt in noch weniger als gar nichts zurück gelegt! Begreifen Sie?

Tobies: Ich begreife, aber verstehen tu ich Sie hol mich der Teufel! Doch noch nicht.

Schulmeister: Da Sie mich schon begreifen, macht es soviel nicht aus, ob Sie mich auch verstehen.“*

Hier ist der Autor noch ein erheblichen Stück über den Wettlauf zwischen dem für seine Schnelligkeit bekannten Achilles und einer sich langsam bewegenden Schildkröte noch erheblich hinausgegangen. Die dem griechischen Philosophen Zenon von Elea (5. Jh. v. Chr.) zugeschriebene Behauptung, dass Achilles trotz seiner größeren Schnelligkeit die mit einem kleinen Vorsprung startende Schildkröte niemals einholen geschweige den überholen könne, ist gar nicht so leicht zu widerlegen. Jedenfalls, wenn man sich auf die mathematische Seite des Problems einlässt.


Christian Dietrich Grabbe. (1801-1836): Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Frankfurt 1987, S.12f

„Feurig geht der Vollmond um Mitternacht auf…“

Dürfen Schriftsteller und Poeten „lügen“, indem sie Situationen beschreiben, die es so nicht geben kann? Ich maße mir nicht an, dies beurteilen zu wollen. Das müssen die Poeten unter sich ausmachen. Arno Schmidt ( 1914 – 1979) ist einer unter ihnen, der seine Kollegen immer wieder tadelt, wenn sie seiner Meinung nach  in dieser Hinsicht Fehlverhalten zeigen. Dabei nimmt er ein Wort von Samuel Butler (1835 – 1902) zum Motto: „I don’t mind lying, but I hate inaccuracy!“. Diese Ungenauigkeit wirft Schmidt zum Beispiel einem seiner Lieblingsautoren vor: Weiterlesen

Den Kopf zerbrechen…

…vier Naturhistoriker treten mit blutrünstigen Köpfen auf; jeder hat einen Kieselstein in der Hand und sie sagen:
Da haben wir uns ganz expreß mit diesen Kieselsteinen die Köpfe zerbrochen und können doch nicht herausbringen, was der sogenannte Finger ins Licht steckende Generalsuperintendent für ein Kerl ist! O! O! O!.
Und einer von ihnen sagt:
Nicht verzagt, meine Herren! Die Wissenschaft ruft! Lassen Sie uns noch einmal probieren! Mutig! Noch einmal die Köpfe zerbrochen!
Sie schlagen sich mit den Steinen vor die Köpfe, dass die Funken stieben, bringen nichts heraus, und entfernen sich fluchend.*

Wenn damit gegen die Naturwissenschaftler gestichelt werden sollte, so bin ich bereit, meinen Kopf hinzuhalten, so dass sich jeder davon überzeugen kann: Sie sind trotz vielfältigen Kopfzerbrechens keineswegs blutrünstig. 😉


 * Christian Dietrich Grabbe (1801 – 1836). Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Frankfurt 1987, S. 100f

Vom Umfall zum Unfall

Hier wäre ein Fallschirm besser als ein um den Kopf gewickeltes Bettlaken

Als Kind hatte ich Schwierigkeit zur Kenntnis zu nehmen, dass „Unfall“ mit „n“ und nicht mit „m“ wie „Umfall“ geschrieben wird, denn das Wort hatte ich in einem ganz konkreten Fall kennengelernt. Als unser Nachbar nach dem wöchentlichen, weinseligen Kartenspiel wie gewohnt mit der Schwerkraft hadernd nach Hause torkelte. Sein verbundener Kopf, den er dann einige Tage mit sich herumtrug, wurde mir – die wahren Umstände verschweigend – als Folge eines Unfalls dargestellt, wobei ich dem konkreten Ereignis entsprechend Umfall verstand.

Weiterlesen

Zum Welttag des Buches – die Welt als Buch

Heute ist der Welttag des Buches. Dazu habe ich mich bereits in den Vorjahren geäußert (z.B. hier und hier). Auch habe ich kürzlich mein kleinstes Buch vorgestellt. Das größte Buch steht noch aus: Die Welt als Buch.
Diese Metapher hat zumindest seit den alten Griechen das westliche Denken mitbestimmt. Italo Calvino (1923 – 1985) sieht den Faden der Schrift als „Metapher für die staubförmige Substanz der Welt“ und weist darauf hin, dass „schon für Lukrez die Buchstaben Atome in permanenter Bewegung (waren), die durch ihre Permutationen die verschiedensten Wörter und Laute erzeugten, ein Gedanke, den eine lange Tradition von Denkern aufgreifen sollte, für die sich die Geheimnisse der Welt in der Kombinatorik der Schriftzeichen fanden“ [1].
Wenn aber die Welt ein Buch ist, dann muss man sie lesen können. Diese Aufgabe treibt insbesondere die Protagonisten der neuzeitlichen Physik um. Galileo Galilei (1564 – 1642) hat dies in einem viel zitierten Satz ausgesprochen und auch gleich die Art der Buchstaben benannt: Weiterlesen

Blumen der Nacht

Trotz der kalten Nächte der letzten Tage hat der Winter keine Chance mehr, so sehr er auch des Nachts mit kristallinen Blumen (siehe Foto) gegen die sich tagsüber allenthalben entfaltenden botanischen Blumen zu konkurrieren versucht. Denn objektiv wird der jahreszeitliche Wechsel vor allem in der Bahn der Sonne um die Erde oder der Erde um die Sonne – wenn man es denn heliozentrisch beschreiben möchte – festgelegt. Weil die Drehachse der Erde schräg zu dieser Bahn orientiert ist und den Kreiselgesetzen entsprechend auch so bleibt (jedenfalls in absehbaren Zeiten), wendet sich die Nordhalbkugel im Sommerhalbjahr der Sonne zu. Wir erleben das von der Erde aus betrachtet darin, dass die Sonne im Sommer höher steigt und länger über dem Horizont verweilt und angenehme Temperaturen beschert.
Nachts ist es entsprechend umgekehrt. Bei klarem Himmel sind wir stundenlang dem kalten Weltraum ausgesetzt. Dadurch strahlt die Erde Wärme ab und kühlt sich ab. Wegen der großen Wärmekapazität des Bodens und der Gewässer führt diese Abkühlung immer seltener dazu, dass die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt.
Das gilt aber vorerst noch nicht für Gegenstände mit geringer Wärmekapazität wie das blechernen Dach oder die Scheiben eines Autos. Das gestern Morgen aufgenommene Foto zeigt, dass sich die daran kondensierte Feuchtigkeit auf einem Autodach zu blumenartigen Gebilden kristallisiert, die in merkwürdigen Kontrast zu den jetzt allenthalben immer auffälliger und üppiger aufblühenden echten Blumen gerät.

Du sollst dir kein Bildnis machen

Was unterscheidet den auf dem Foto zu sehenden, auf einer nicht ganz ruhigen Wasseroberfläche spiegelnd reflektierten Menschen? Ihr sagt: Ich sehe nur die Reflexion des Menschen und das sei ein Unterschied zur direkten Ansicht. Doch wie ist es mit einem Objekt, das ich durch aufsteigende warme Luft hindurch sehe, wie es zuweilen bei einer aufgeheizten Straße oder bei einem Feuer beobachtet werden kann? Es erscheint durch die Brechung des Lichts in der heißen Luft noch stärker verzerrt als der im Wasser gespiegelte Mensch. Sehe ich ihn nicht direkt? Denn Luft ist auch zwischen ihm und mir, wenn er mir näher und weniger verzerrt ist. Weiterlesen

Das kalt gebliebene Osterfeuer

Auch wenn Osterfeuer wie fast jedes Massenereignis der Umwelt schaden, erinnere ich mich gern an die vergangenen Feuer, in denen man Naturgewalt des Feuers unmittelbar zu spüren bekommt. Das Feuer sorgt durch seine intensive Strahlungsenergie, die bei hoher Temperatur abgegeben wird, dafür dass man freiwillig auf Abstand bleibt. (Was in anderen Bereichen kaum zu erreichen ist – das sage ich aus aktuellem Anlass.) Demgegenüber sind poetische, kulturelle, physikalisch u. Ä. Annäherungen gefahrlos möglich. Sie zeigen dass die Komplexität des Phänomens durchaus mit der abgestrahlten Wärme mithalten kann. Selbst die abgegebenen Gase sind so heiß, dass sie auch dann noch durch einen Funken entzündet werden können, wenn sie die Verbindung zum verbrennenden Holz bereits verloren haben.
Die Osterfeuer sind in diesem genau wie im vorigen Jahr abgesagt. Wenn ich an das Osterfeuer unserer Gemeinde denke, das mit dem liegen gebliebenen Brennmaterial des Vorjahres nunmehr die doppelte Größe erreicht hat, so hoffe ich dass es im nächsten Jahr mit dreifacher Größe, dreifacher Wärme und dreifachem Jubel über die dann hoffenlich überstande Coronazeit ein positives Lichtzeichen in die Welt senden wird.

Das Foto zeigt den übrig gebliebenen Schornstein einer seit Jahrzehnten aufgegebenen Zieglei. Obwohl er ziemlich zittrig aussieht und durch die Flammen des Osterfeuers hindurch gesehen den Eindruck erweckt, jeden Moment umzukippen, handelt es sich dabei nur um eine optische Täuschung. Da der Brechungsindex der Luft von der Temperatur abhängt, wird das vom Schornstein ausgehende Licht den chaotischen Bewegungen der unterschiedlich heißen Gasfragmente entsprechend mal in die eine, mal in die andere Richtung abgelenkt. Das vermeintliche Zittern von Sternen (Twinkle, twinkle, little star…) hat die gleiche Ursache.

Die niemals ruhende Wandlung

Kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft, als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist.*

Zum Foto: Das war mal ein Teil des Wurzelwerks eines längst gefällten Baumes, dessen Inneres, selten Geschautes, durch einen inzwischen darüber verlaufenden Wanderweg allmählich freigelegt wird. Manchmal lohnt es sich auch nach unten zu schauen. Hier war man dazu gezwungen, um nicht zu stolpern. Ich stolperte über die schöne Struktur.


* Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek 1990. S. 250

Beobachter des Beobachters

Vice versa

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch, im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm* Weiterlesen

Große Gedanken im kleinen Buch

Vor einiger Zeit habe ich ein winziges Büchlein geschenkt bekommen (siehe Foto), in dem kluge Gedanken und Maximen französischer Denker gesammelt sind. Da auf jeder Seite nur eine Eintragung gedruckt ist, könnte man das Buch in kürzester Zeit durchlesen. Allerdings wurde ich durch die Tiefe mancher Aussprüche und die Mühe bei der Entzifferung der winzigen Schrift doch einigermaßen gebremst. Daher las ich jeden Tag nur eine Seite und kam damit der Zeit nahe, die ich auch für ein normales Buch benötige. Das kleine Buch hat jedoch einen großen Vorteil – es nimmt keinen zusätzlichen Platz im Bücherregal ein.

Ein Beispiel aus dem Inhalt: Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht hat. Das bekannte Zitat von Blaise Pascal (1623 – 1662) heißt im Original: Le coeur a des raîsons, que la raîson ne connaît point. Im Französischen kommt also noch eine Art Wortspiel hinzu, das in der Übersetzung leider verloren geht.

 

Hier blüht mir was in Blau

Seitdem ich Teile des Gartens der Natur übergeben habe, werde ich immer wieder von neuen Pflanzen überrascht. Wer hätte diesen Duftveilchen (Foto) zugetraut in einer bereits von zahlreichen Wildkräutern, vertrockneten Blättern usw. besetzten zudem vorwiegend im Schatten liegenden Gegend mit einem kräftigen Blau und zarten Duft heranzuwachsen. Und das ohne irgendeine Hilfe von außen – wie Unkraut jäten, düngen usw. zu benötigen. Vielleicht handelt es sich ja um die Blaue Blume, viel beschworen von den Romantikern, Projektion für Sehnsüchte und Liebe, die hier im März den Anfang macht.
Aber vielleicht liege ich völlig falsch und die Blaue Blume ist gar nicht von dieser Welt. Jedenfalls haben Joseph von Eichendorff (1788 -1857) und viele andere sie trotz intensiver Suche nicht gefunden

Die Unaufgeregtheit der Pflanzen

Bei uns in der Nähe gibt es einen bewaldeten Bergrücken, der früher bergbaumäßig genutzt wurde, inzwischen aber mit hohem Mischwald bewachsen ist. Nur steile Hänge und andere Unwegsamkeiten lassen auf die früheren Aktivitäten schließen. Interessant sind manche Wechselwirkungen von Natur und früherer „Industriekultur“.
Da gibt es dann z.B. Reste verrosteter Zäune, deren Ursprung nicht mehr nachvollzogen werden kann, die völlig unaufgeregt in die undurchschaubaren Pläne der zum Licht strebenden Pflanzen integriert werden (siehe Fotos). Eine Kletterpflanze windet sich durch die quadratischen Maschen des Drahtes und integriert diese wie Treppenstufen zum Licht in ihr fortschreitendes Höhenwachstum. Wenn man sich die komplizierten und aus menschlicher Sicht schon wieder ästhetisch ansprechenden Verrenkungen der Pflanze anschaut, kann man sich kaum vorstellen, welche „Entscheidungen“ und vielleicht auch welche „Dramen“ sich beim Aufstieg unter dem Motto „Der Sonne entgegen“ abgespielt haben mögen.
Die Kletterpflanze ist schließlich vom Zaun zum Baum übergegangen und hat von da an den direkten Weg nach oben genommen, wo ihr Sonnenenergie zur Genüge zur Verfügung steht. Der an anderen Stellen bereits niedergesunkene und durch den ständigen Kontakt mit der feuchten Erde weitgehend weggerostete Zaun hat für die Funktion als Gerüst im Gegenzug eine stabile Stütze erhalten und kann auf diese Weise noch wesentlich länger an die bereits dem menschlichen Vergessen anheimgefallenen Zeiten seiner ursprünglichen Funktion erinnern.
Im unteren Ausschnittsfoto erkennt man, dass der Draht nicht nur von der Pfanze aufgenommen wurde, sondern streckenweise einen auffälligen Drehwuchs bewirkt hat, durch den sich die Pflanze um den Draht herumgewunden hat. Warum die Pfanze in dieser unterschiedlichen Weise auf das technische Stützwerk reagiert, indem sie es einmal in sich aufnimmt und ein anderesmal um ihn herumwächst, bleibt mir verborgen. Es muss irgendwo eine Entscheidung für die eine oder andere Version getroffen worden sein.

Photoarchiv