//
Artikel Archiv

Marginalia

Diese Kategorie enthält 899 Beiträge

Lano wird 7

Lieber Lano, du feierst heute deinen 7. Geburtstag im Zeichen des Regenbogens, der ja nach Isaac Newton (1642 – 1726), einem berühmten Physiker,  7 Farben hat. Dazu gratuliere ich dir ganz herzlich.
Mit der Zahl 7 hast du etwas ganz Besonderes erreicht. Denn der Bibel zufolge wurde die Welt in 7 Tagen geschaffen. Aber auch wenn einiges dafür spricht, dass es anders gewesen sein könnte, so kann man nicht daran zweifeln, dass es 7 Wochentage gibt und du in diesem deinen 7. Lebensjahr jedes deiner bisherigen Jahre einem dieser Wochentage zuordnen kannst.
Beim Vorlesen von Märchen wird dir vielleicht schon aufgefallen sein, dass auch dort die 7 eine wichtige Rolle spielt. So hat Schneewittchen 7 Zwerge bei sich und das tapfere Schneiderlein trifft 7 auf einen Streich. Weiterlesen

Werbeanzeigen

Wegweiser stehen auf der Stelle

Wer viel wandert macht auch viele Erfahrungen mit Wegweisern. Schon Meister Eckhart gibt einen Hinweis auf so etwas wie einen universalen Wegweiser:

Sollte einer an eine stat gan und gedehte, wie er den ersten fuoz saste, da enwürde niht zu. Dar umbe sol man dem ersten volgen und gan also für sich hin, so kumt man dahin, dar man sol, und dem ist reht.„*

Vor diesem Wegweiserbaum (ratet mal wo das war?) stand ich vor einiger Zeit und dachte mit einer Mischung aus Verzweiflung und Trost an einen Ausspruch von Stanislav Lem, der in etwa das Folgende gesagt hat:

Wegweiser können die Landschaft in ein Labyrinth verwandeln.

Dem kann man nur allzu oft zustimmen.

 


*Meister Eckhart (etwa 1260-1327)
Übersetzung: Kommt einer in eine Stadt und überlegt sich, wie er seine Schritte lenkt, da würde nichts draus. Man soll darum dem ersten Schritt folgen und einfach vor sich hingehen. Dann kommt man dahin, wohin man soll und das ist recht so.

Eine kleine Physik rollender Tomaten

Wenn ich eine Tomate auf die flache Hand lege, rollt sie bereits bei einem sehr kleinen Neigungswinkel herunter – sofern sie nicht allzu stark von der Kugelform abweicht. Ein Quader von etwa derselben Größe würde erst bei einem sehr viel größeren Neigungswinkel hinunter gleiten, nämlich genau dann, wenn die mit der Neigung wachsende Komponente der senkrecht wirkenden Schwerkraft größer als die Reibungskraft zwischen Quader und Hand wird. Weiterlesen

Insektenkrippe

Eigentlich hatte ich darum gebeten, dass sich alle fünf um die Krippe herum zu einem Gruppenfoto gruppieren. Aber einer der Insekten war so publikumsscheu, dass es im letzten Moment die Flucht ergriff und sich versteckte. Man sieht gerade noch,  wie es hinter der Blume verschwindet. Insekten sind eben auch nur Menschen.

Man sieht nicht, was man zu sehen glaubt…

In den Scheiben des Schiffes spiegeln sich die Sonnenreflexe des welligen Wassers. Und umgekehrt, so ist man geneigt zu sagen, spiegeln sich diese Spiegelungen in den Scheiben im Wasser. Doch so einfach ist es nicht.
Wie man an den Schatten erkennen kann, strahlt die Sonne von rechts oben auf die Breitseite des Schiffs und auf die Wasserfläche davor. Weiterlesen

…wie Spiegelbilder im Bach

Man sollte meinen, dass der Alltag und die Natur als Quelle für Analogien und Metaphern reichhaltig genug wären, um das Bedürfnis einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers zu befriedigen, die Unsagbarkeiten des inneren Erlebens möglichst genau zu erfassen. Verlockend sind aber auch Anleihen an Beschreibungen, die Schriftstellerkolleginnen und -kollegen bereits lange vor ihnen vorgelegt haben.
Weiterlesen

Selfies und ihr plötzliches Verschwinden

Als ich mich dem Teich näherte, hatte ich den Eindruck intensiv aus vielen Augen angeglotzt zu werden. Als ich näher kam, erwies sich dieser Eindruck auf unerwartete Weise korrekt. Ich sah mich selbst auf zahlreichen Halbblasen, die der Springbrunnen hinterlassen hatte, abgespiegelt. Selfies an einem so ungewöhnlichem Ort ist schon etwas Besonderes. Aber in der Vielzahl erschien mir das dann doch ein wenig übertrieben. Irgendwie war das auch den Blasen klar – eine nach der anderen platzte und verschwand und nahm das Spiegelbild gleich mit. Wo die wässrige Substanz der Blase – Wasser – geblieben ist, weiß ich. Aber was ist aus den Bildern, meinen Selfies, geworden?

Vielleicht helfen uns die Worte von Michel Foucault (1926 – 1984): Dieses Verschwinden, dieses Aufgehen des Endlichen ist keine einfache Möglichkeit, die sich verwirklichen läßt oder nicht, sondern die Natur der Dinge ist eine solche, daß sie den Keim ihres Verschwindens in sich tragen. Die Stunde der Geburt ist zugleich die ihres Todes.

Übrigens: Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass jede Halbblase mehrere Spiegelbilder zeigt. Wie viele? Und wie kommen sie zustande?

 

Rätselhaftes Licht und Schatten

Ein kleines Rätsel außer der Reihe. Vor kurzem wurde ich auf ein angeblich merkwürdiges Phänomen aufmerksam gemacht, das auf dem Foto zu sehen ist. Es zeigt einen Bahnübergang für Fahrradfahrer und Fußgänger. Die hochgezogenen Wände sollen die Menschen vor Berührungen mit den darunter hergehenden Hochspannungsleitungen schützen. Sie lassen ein wenig Licht durch und werfen Schatten. Die Frage war, warum die hellen „Fenster“ keine hellen Reflexe, sondern dunkle Schatten hervorrufen.

Ein Bock, der schon mit Pan bekannt war…

Vor einiger Zeit wurde dem gefleckten Schmalbock Kopf_und_Gestalt verliehen. Der mir nunmehr vor die Linse geratene vierbindige Schmalbock unterscheidet sich von ihm durch die einfarbigen Fühler, die beim Männchen einfarbig schwarz (siehe Foto) und beim Weibchen gelbbraun auslaufen. Weiterlesen

Begegnung mit alten Bekannten

Dies ist ein Kartoffelkäfer, einer von sehr vielen, die wir während einer Wanderung beim Überqueren einer Landstraße begegneten. Offenbar waren sie auch auf Wanderschaft.
Ich kenne die Käfer aus meiner Kindheit. Dort habe ich sie und ihre rotwurmigen Larven von den Kartoffelfeldern abgesucht und in einem verschließbaren Glas gesammelt. Je nach Menge der Käfer, gab es dann ein paar Groschen. Was der Bauer mit ihnen machte, wollte ich damals lieber nicht wissen.
In diese Zeit fühlte ich mich zurückversetzt und sagte ziemlich spontan zu meinem mitwandernden Freund, dass hier  ein Biobauer in der Nähe sein müsse. Ich hatte es kaum ausgesprochen, als wir auch schon ein Schild am Rande des Feldes erblickten, der auf den Biohof hinwies.
Die anderen Bauern halten ihre Felder mit Pestiziden kartoffelkäferfrei. Ich frage mich, wie die Biobauern sich heute der Kartoffelkäfer erwehren. Offenbar gelang es diesem Biobauern die Käfer massenweise in die Flucht zu schlagen. Wie sonst wäre der selbstmörderische Massenexodos der Käfer über eine Autostraße vom Kartoffelfeld weg zu erklären?

Zur abenteuerlichen Geschichte des Kartoffelkäfers gibt es übrigens einen interessanten Wikipedia-Beitrag.

Selbst die Sonnenblumen wenden sich ab…

Bei Wanderungen im Spätsommer ärgere ich mich schon seit Jahren, dass – von den ökologischen Problemen einmal abgesehen – die Landschaft durch den massenhaften Anbau von Mais so uneinsichtig wird wie die Politik, die so etwas nicht zu verhindern weiß. Außer zwei grünen Maismauern ist auf große Strecken nichts mehr von der ansonsten schönen Gegend zu sehen. Im vorliegenden Fall bin ich ein wenig versöhnt, weil die grüne Mauer durch neugierig blickende Sonnenblumen aufgelockert wird und meine Augen durch andere Farbeinsprengsel vor dem völligen Ermüden bewahrt werden. Ob hier die Uneinsichtigkeit der Landschaft den Bauern insofern einsichtig gemacht hat, als er die fehlende Aussicht durch eine bunte Ansicht ersetzte? Weiterlesen

Kalte Flammen im Walde

Wie erstarrte, kalte Flammen leuchten uns im knalligen Gelb klebrige Hörnlinge entgegen. Es handelt sich um einen Pilz von klebriger, gallertartiger Konsistenz, der in der Regel auf vermoderndem Holz im Wald anzutreffen ist. Als Kinder haben wir den Pilz als gelbe Ziegenscheiße bezeichnet. Allein dadurch verging uns die Lust das Gewächs trotz der ansprechenden gelb bis orangene Farbe anzufassen. Weiterlesen

Eine windige Sache…

Der Mont Ventoux hat einen Mondgebirgsgipfel. Sturm will das Auto gleich in den Abgrund schmeißen, und wenn die Menschen die Aussicht bis ans Meer genießen, frieren sie sehr. Auf dem Nachbarplateau Stacheldraht Wüste etliche Bunker, da fuhren wir weiter. Die nackte Erde ergrünte, winzige Kiefern schwärmten aus, vorn ein paar Einzelne Mutige die auch allein etwas wagen.
Die Zedern versammeln sich an einer anderen Stelle. Einigen fehlten die vorwitzigen ewig winkenden Schöpfe, und unser Auto furzte sich fröhlich die zehnprozentige Steigung hinab
.“ Weiterlesen

Unwahrscheinlich heißt nicht unmöglich

Das Thema der Wahrscheinlichkeit versus Zufall ist in diesem Block schon häufiger Gegenstand der Erörterung gewesen (z.B. hier und hier und hier). Hier ein weiteres Beispiel: Im Garten sitzend aß ich ein paar Pflaumen. Eine war angeschimmelt. Ich warf sie kurzerhand ins Gebüsch mit der Erwartung, dass sie die Zweige streifend zu Boden gehen würde. Doch wie ein Wunder schien sie plötzlich im Fluge innezuhalten. Jedenfalls traf sie nicht auf dem Boden auf. Weiterlesen

Vom Nutzen der Schmetterlinge

Zur Verteidigung des Witzes. In bequemeren Zeitaltern, als unser gegenwärtiges ließ man den Himmel durch die Philosophie befragen warum er das Böse geschaffen hätte, da es etwas höchst Unangenehmes wäre. Unser gegenwärtiges ernsthaftes Dezennium wird ihn hoffentlich bald befragen warum er die bunten Schmetterlinge und den Regenbogen hat werden lassen, der offenbar zu weiter nichts da ist, als daß sich die Gassenjungen und Mädchen darüber freuen, oder ein physikalischer Müßiggänger in Betrachtungen darüber gerät.*

Wenn Lichtenberg (1742 – 1799) gewusst hätte, dass diese – von ihm ironisch gemeinte – Bemerkung insofern von der Menschheit geteilt werden würde, als diese sich um das Schicksal der Schmetterlinge kaum gekümmert und ihren Lebensraum inzwischen arg begrenzt hat, wäre er vermutlich sehr betroffen. Während der Regenbogen bislang wohl noch nicht bedroht ist (wenn man einmal davon absieht, dass der Regen in unseren Breiten auch immer seltener zu werden scheint), sind Schmetterlinge und andere Insekten selten geworden. Und die vermehrte Aufmerksamkeit die sie erfahren hängt vermutlich nur damit zusammen, dass man etwas spät entdeckt hat, wie abhängig die Menschheit von ihnen ist. Lichtenberg würde dieses Gegenbeispiel, dass dieses „Böse“ nicht vom Himmel, sondern vom Menschen geschaffen wurde, vermutlich mit dem Hinweis kontern, dass auch der Mensch ein Geschöpf des Himmels sei.


* Georg Christoph Lichtenberg. Sudelbücher (D 182)

Hallo, ich heiße 40327…

…bin 1 Jahr alt und ein Außenseiter. Denn im Unterschied zu meinen Artgenossen habe ich Hörner. Nicht dass die anderen sie sich bereits abgestoßen hätten, sie wurden ihnen als Babys in einer schmerzhaften Prozedur entfernt.

Einzelheiten zur Enthornung entnehme man beispielsweise dem Wikipediaartikel. Insbesondere sei auf die Kritik hingewiesen:
Die betäubungslose Enthornung ist für Rinder einschließlich Kälbern schmerzhaft und wird deswegen von Tierrechtsorganisationen kritisiert. So fordert die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt ein Verbot der betäubungslosen Enthornung, da diese Praktik zu den schmerzhaftesten Eingriffen bei landwirtschaftlich genutzten Tieren zähle. Jedoch kann auch bei ordnungsgemäß durchgeführter Betäubung und Schmerzausschaltung eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit rund um die verödeten Hornansätze dauerhaft bleiben.[9] Laut Demeter komme es auch häufig zu Wundheilungsstörungen nach der Enthornung.

 

Ungewöhnliche Sehhilfe

Das Foto – in einer Einkaufs- und Flaniergasse am Strand aufgenommen – sieht aus wie durch eine rosarote Brille betrachtet. Ist es aber nicht, sondern wie das untere Foto zeigt an einer entsprechend gefärbten verspiegelten Brille reflektiert. Die Brillengläser entlarven jedes für sich die beiden Seiten der Situation. Rechts sieht man die Spiegelung eines hinter dem Fotografen liegenden offenen Restaurants; links die Spiegelung des Fotografen, der die Brille als „Sehhilfe“ in einer eher ungewohnten Weise nutzt. Der Betrachter ist also im doppelten Sinne im Bilde, als Sehender und Gesehener, auch wenn das eigene Bild leicht übersehen wird.

Die Situation hat ungewollt etwas Voyeuristisches. Keiner der Abgebildeten ahnt etwas davon, dass er im „Bilde“ eines Beobachters agiert.
Die klassische Situation ist eine andere. Der erste deutsche Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenber (1742 – 1799) hat es einmal so ausgedrückt:
Die Gesichter der gemeinen Leute auf einer Strase anzusehen ist jederzeit eines meiner grösten Vergnügen gewesen. Keine Zauberlaterne komt diesem Schauspiel bey.
Und Charles Baudelaires sagt:
Der Beobachter ist ein Fürst, der überall sein Inkognito genießt.

 

Natürliche Ordnung?

Weiterlesen

Sisyphus V – kinetische Kunst im Phaeno

Diese Aufnahme aus dem Science Center Phaeno in Wolfsburg zeigt eine Momentaufnahme eines kinetischen Kunstwerks. Es besteht darin, dass eine Stahlkugel über eine Fläche mit lockerem, trockenen Sand rollt. Sie hinterlässt dabei eine Rollspur, die dadurch zustande kommt, dass der Sand zu den Seiten weggedrückt wird. Der Lauf der Kugel und damit das dreidimensionale Muster der entstehenden Spur wird durch Computerprogramme gesteuert, die vor allem nach ästhetischen Gesichtspunkten erstellt wurden. Das Kunstwerk besteht sowohl im jeweiligen augenblicklichen Abbild wie in der Bewegung, die dieses Abbild kontinuierlichverändert. Weiterlesen

Täuschung und Enttäuschung

Was sich hier sich als Holzstamm darstellt, ist es nur zum Teil, wie ein Blick aus einer etwas anderen Perspektive zeigt. Es ist ein alter Zaunpfahl verlängert durch seinen Schatten. Hätte man das sehen können? Vielleicht, wenn man die scheinbare Durchdringung des Schattens durch Gräser bemerkt hätte.
Ich selbst habe zunächst einen längeren Pfahl gesehen und bin erst auf das Phänomen aufmerksam geworden, als ich im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel zu sehen vermeinte, wie der scheinbar solide Pfahl im oberen Drittel abknickte. Weiterlesen

Aeolsorgelmusik am frühen Morgen

Es ist ein wenig windig auf dieser morgendlichen Wanderung durch die Krummhörn. Wind ist hier fast immer, davon zeugen zahlreiche Windkraftanlagen, die die natürlichen Luftströme auf technische Weise visualisieren und ihnen dabei auch noch Energie abnehmen. Aber es gibt auch die eher unspektakulären, leisen Töne, die – wie einst die Sirenen Odysseus betörten – mich zu einer Brücke locken, aus dessen Richtung die außerirdisch klingende Musik kommt. Weiterlesen

Der Traum und das tiefschwarze Schild des Klatschmohns

Hat man übrigens beachtet, daß die roten blutenden Mohnblumen immer ein merkwürdiges tiefschwarzes oder blaues Feld tragen, einen Schild, der oft so groß wird, daß die ganze Blüte wie Nacht und Dunkel scheint? Manche Mohnblüten entfalten sich zu breiten, flachen Tellern, darauf die Bienen ihre Speise aufgetragen bekommen, denn ich kenne keine Blume, die so gern von Bienen aufgesucht wird. Andere Mohnblumen wirken genau wie schlanke Flammen, ganz vertikal, in strengen zielfesten Linien. Wieder andere sehen wie Wasserdolden aus oder Kugelköpfe. Es gibt keine Form und keine Farbe, die bei diesen Traumgeschöpfen nicht sichtbar würde. Weiterlesen

Schilf in der Vase

Von weitem sieht es so aus, als habe hier jemand Blumenvasen mit frischen Schilfhalmen aufgestellt. Bei näherer Betrachtung entdeckt man, dass es sich um Kunststoffrohre handelt, die ein Bauer – aus welchen Motiven auch immer – als Zaunpfähle verwendet hat. Der Vorteil: sie halten ewig, zumindest länger als die bislang verwendeten geviertelten Eichenpfähle.
Bemerkenswert ist daran, wie die Natur mit diesem Fremdköper umgeht – sie bezieht ihn ohne Umschweife in das pflanzlich geprägte Umfeld ein. Ich gehe davon aus, dass Schilfsamen durch die obere Öffnung ins Innere geraten sind und dort Wurzeln geschlagen haben. Mit mächtigem Wuchsimpuls sind die Triebe dann dem Licht in Form eines sonnenrunden Lochs entgegen gewachsen und nun ihre Artgenossen in der Umgebung weit überragend eine Besonderheit darstellen. Ob die Kühe es würdigen wissen?

Der Schmetterling unter den Pilzen

So als wollte der verfaulende Baumstumpf sich vor dem vollständigen Verschwinden noch eine letzte Gracie gönnen, schmückt er sich mit einer zweistufigen Pilzkrone aus kunstvollen, konzentrisch ondulierenden Farbstreifen, Ton in Ton von Gelb über Grün ins Blaue changierend.
Anders herum könnte man auch sagen, der Pilz entfaltet hier seine ganze Schönheit, indem er verfaulendes Holz in kunstvolle Strukturen verwandelt.
Wenn ich es richtig sehe, handelt es sich bei dem Pilz um eine Schmetterlingstramete (Trametes versicolor, auch Coriolus versicolor oder Polyporus versicolor genannt). Sie ist zur Zeit bei uns in den Wäldern (Teutoburger Wald) zu finden.

Tomatenampel

Gestern entdeckte ich in unserem Garten eine Tomatenampel. Sie funktioniert allerdings umgekehrt wie eine Verkehrsampel. Während diese mit Rot „Halt“ signalisiert, sollte man bei den Tomaten eher vor dem grünen Exemplar halt machen und beim roten zugreifen. Und „Gelb“ bzw. eher „Orange“ funktioniert nur in einer Richtung, es kann nur das „Rot“ ankündigen, nicht das „Grün“.
Arno Schmidt würde hier (mit Recht) fragen:“Na, was geht Dir (denn) durch d’n Täti?“

Das Meer

Grüß‘ mir das Meer,
Silberne Wellen
Rauschen und schwellen,
Schön ist das Meer!

Grüß‘ mir das Meer,
Golden es schäumt‘,
Ob es auch träumet?
Tief ist das Meer.

Grüß‘ mir das Meer,
Glücklich es scheinet
Ströme es weinet,
Groß ist das Meer*


*Friederike Kempner (1836-1901)

Lichtfinger in der Wüste

Es ist kurz vor Sonnenaufgang – die Wolken werden bereits von den frühen Sonnenstrahlen erfasst – und der Leuchtturm schickt unermüdlich seine periodisch kreisenden Lichtfinger über die dunklen Sandwellen. Die Meereswellen bzw. den in ihnen tuckernden Schiffen, denen das Signal gilt, sind von hieraus nicht zu sehen. Es ist eine visuelle Version des Mahners oder einsamen Rufers in der Wüste, der bereits in der Bibel an mehreren Stellen erwähnt wird.

Aus Tau geformte Kugellinsen

Dieses Foto ist auf einem Spaziergang am frühen Morgen entstanden, als das Gras noch mit leuchtenden Wassertröpfchen übersät war. Diese sind das Ergebnis von Kondensationsvorgängen in der vergangenen kühlen Nacht, in der sich überschüssiger Wasserdampf in der Atmosphäre besonders an feingliedrigen Gräsern niedergeschlagen hat und nun dem Vernichtungswerk der aufsteigenden Sonne überlassen wird. Keine zwei Stunden später waren kaum noch Tropfen zu finden: Mit zunehmenden Temperaturen verdunstet die prachtvolle Glitzerwelt wieder zu unsichtbarem Wasserdampf. Weiterlesen

Ein grünes Pferd im Zimmer

Zum Glück war es nur ein kleines Pferd mit ganz normaler Farbe… Heupferde sind eben grün und wesentlich kleiner als Pferde, die Heu fressen. Es hatte sich in mein Zimmer verirrt. Nicht nur dass es hier nichts zu suchen hatte, sondern auch weil es hier nichts zu suchen gab, verscheuchte ich es durch die Balkontür. Denn es gibt hier weder Insekten und deren Larven noch Pflanzen, von denen es sich hätte ernähren können – hoffe ich jedenfalls. Das Pferdchen machte einen Riesensprung auf die Brüstung des Balkons und verharrte in nachdenklicher Position (siehe Foto). Jedenfalls sah es für mich so aus. Es ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, jedenfalls störte es sich auch nicht daran, dass ich aus geringer Entfernung fotografierte. Warum ist das Tierchen grün? Man schaue es sich doch nur vor dem Hintergrund des grünen Weins mit den etwas in Gelbliche changierenden Ästen an, dann hat man die Antwort: Das Heupferdchen wäre perfekt getarnt. Dasselbe gilt natürlich auch für Gras und Heu.
Ist es nicht erstaunlich, dass dieses Tier mit den relativ dünnen Beinchen eine derartige Performance auf die Beine stellt? Was macht seine Stärke aus? Das physikalische Zauberwort heißt #Allometrie. Wer mehr darüber wissen will, sei auf einen früheren Beitrag verwiesen (z.B. hier).

Zur Sommensonnenwende 2019

Der Tag ging in einem klaren, stillen und wunderbaren Glanz zu Ende. Das Wasser glitzerte friedvoll; der Himmel, ohne einen Makel, war eine wohltuende Unendlichkeit reinen Lichts; sogar der Dunst der Sümpfe von Essex glich einem Gewebe aus leuchtender Gaze, das von den waldigen Höhen des Binnenlands herabhing und seine durchsichtigen Falten über die flachen Ufer warf. Nur die Düsternis im Westen, die weiter oben über dem Fluss lag, wurde von Minute zu Minute tiefer, als reize sie das Nahen der Sonne.
Und endlich sank die Sonne in einem krummen und nicht wahrnehmbaren Sturz zum Horizont hinunter und war nun nicht mehr gleißend weiß, sondern dumpf und rot und ohne Strahlen und Wärme, als wolle sie gleich verlöschen, tödlich getroffen, weil sie jene Düsternis berührt hatte, die über einer Masse aus Menschen lastete.
Sofort veränderte sich das Wasser, und es wurde weniger klar und leuchtend, dafür umso tiefgründiger. Die breite Mündung des alten Flusses lag, während der Tag verging spiegelglatt da, nach Jahrhunderten treuer Dienste, die er den  Geschlechtern an seinen Ufern geleistet hatte.*


*Joseph Conrad. Herz der Finsternis. München 2004

Christo was here

GespinstmotteIch staunte nicht schlecht, als ich mit einem Freund auf einer inzwischen einige Jahre zurückliegenden Wanderung an der Ems bei Telgte auf eine Gruppe fast vollständig eigekleideter bzw. verpackter Bäume stießen (obere Abbildung). Es drängte sich mir sofort der Gedanke auf, dass hier ein Verpackungskünstler am Werk war. Die Bäume samt ihrer Äste waren derart sorgfältig mit einer dünnen  Folie überzogen, dass ich meinte, einen natürlichen Ursprung ausschließen zu können.  Denn wenn man vor einem solchen Baum steht und das ziemlich reißfeste und elastische Material in die Hand nimmt, wird man eher an Kunststoff als an ein Produkt natürlicher Herkunft erinnert. Und dennoch sind es kleine Tiere, Raupen der Gespinstmotte (Yponomeuta evonymella), die diese „Kunstwerke“ als Gemeinschaftswerk sehr vieler Individuen hervorbringen. Weiterlesen

Ein Baum wie aus einem Traum

Bäume sind nicht nur schön, mächtig, grün und was man sonst noch alles an ihnen gut finden kann. Manchmal sind sie auch skurril. Das habe ich schon mehrfach in meinem Blog dokumentiert (z.B. hier und hier und hier und hier und hier). Aber der Baum auf diesem Foto übertrifft mit seiner Struktur alles, was ich in dieser Hinsicht gesehen habe. Wie diese Verwachsungen entstanden sind, in welcher Reihenfolge sich die einzelnen Stämme vereinigt haben, ist kaum noch zu rekonstruieren. Offenbar hat er auch den Förster so beeindruckt, dass der ihn hat stehenlassen. Denn holzwirtschaftlich dürfte er kaum einen Wert haben. Weiterlesen

Hafenatmosphäre – manches ist geblieben

Das Wasser riecht so angenehm unter den Landungsstegen wie die frische Haut von Fischen. Wenn das Dampfschiff anlegt, erbeben alle Pfosten, und der Landungssteg nimmt seine ganze Kraft zusammen, den Stoß auszuhalten. Die Maschine des Dampfschiffes mit den roten Schaufelrädern kämpft einen hartnäckigen Kampf mit dem in renitenter Kraft verharrenden Landungsstege. Er gibt nicht nach, wehrt sich nur, soweit es unbedingt nötig ist, nach außen hin und erzittert vor innerem Widerstande.

Peter Altenberg (1859 – 1919). Der Landungssteg

Annihilation

In der Physik gibt es ein Phänomen, das man Annihilation nennt. Es besteht darin, dass sich ein Teilchen, z.B. ein Elektron mit seinem Antiteilchen, dem Positron, trifft, das gewissermaßen ein Elektron mit entgegengesetzter Ladung ist. Da sich entgegengesetzte Ladungen aufheben, vernichten sich in diesem Fall die beiden Teilchen. Die Masse der Teilchen kann aber nicht einfach verschwinden und geht daher in ein Energiequant über. Weiterlesen

Ein Hauch wie Klatschmohn

Die Blumen im „hohen Gras, die kaum berührt, schon ihre Blüte verlieren, nachgebend dem leisesten Hauch: wie der Klatschmohn auf langen Stengeln, Gipfel der Zerbrechlichkeit, kleine Pavillons, kurzlebig, vergänglich, für ein Volksfest, einen Dorfschmuck. Doch es ist jedenfalls immer ein Fest, eine Feier, eine Art Zustimmung: niemals Verweigerung, niemals Weinen“*.

Die Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit der Blüten des Klatschmohns wird durch die Unermüdlichkeit der Pflanze aufgehoben immer wieder neue Blüten nachzuliefern bis spät in den Herbst. Beeindruckend ist nicht nur das charakteristische Rot der Blütenblätter, sondern auch der Eindruck, dass sie aus sich heraus leuchten würden. Die Ursache dafür ist in der Eigenschaft der dünnen Blätter zu sehen, das aus dem Spektrum des Sonnenlichts „gefilterte“ rote Licht nicht nur  auf der der Sonne zugewandten Seite auszusenden, sondern es auch passieren zu lassen.
Die erstaunliche Stabilität der hauchfeinen Blütenblätter verdankt sich hauptsächlich dem Druck in den feinen Zellen, der durch die physiologischen Vorgänge in der Pflanze aufrechterhalten wird. Viel Materie ist nicht dran an einem solchen Blütenblatt. Zerdrückt man es zwischen den Fingern, so bleiben ein wenig rote Flüssigkeit und ein wenig Biomasse. Die entfalteten Blätter sind also viel mehr als die Summe ihrer materiellen Bestandteile, sie sind nur Mittel zum Zweck. Und was ist der Zweck?
Zu weiteren Aspekten dieser beeindruckenden Blume habe ich mich schon früher geäußert, zum Beispiel: hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Ab heute bin ich eine gute Woche offline und kann daher auf evtl. Kommentare erst später antworten und auch mir liebgewonnene Seiten erst danach besuchen. Für einige Beiträge habe ich aber trotzdem vorgesorgt.


*aus: Philippe Jaccottet Sonnenflecken Schattenflecken. Gerettete Aufzeichnungen 1952-2005

 

 

 

Photoarchiv

Werbeanzeigen