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Marginalia

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Schattenwelt

Ein Schatten fotografiert von Fenstern reflektiertes auf dem Pflaster projiziertes blaues Himmellicht. Und ich fotografiere dieses zweidimensionale Szenario.

Es blüht so grün…

Blumen blühen in den verschiedensten Farben, um zu gefallen und aufzufallen. Nicht unbedingt den Menschen, aber den Bestäubern, Bienen und anderen Insekten. Man findet alle Farben vertreten. Nur grüne Blüten gibt es selten. Das ist verständlich, weil die Blüten aus dem überwiegenden Grün der Pflanzen hervorstechen müssen, um nicht übersehen zu werden. Die wenigen grünen Blüten wirken weniger durch Ihre Farbe als durch Geruch und vermutlich auch durch Farben und andere Merkmale, die wir Menschen gar nicht wahrnehmen. Im vorliegenden Fall dürften Insekten kaum Interesse bekunden – die Blümchen entdeckte ich in einem Kunstmuseum

Alte und neue Technik

Der alte Pilsumer Leuchtturm ist lange im Ruhestand. Vor ihm dreht sich ein vergleichsweise gigantisches Windrad. Aber nicht nur das Alter und die Größe machen den Unterschied. Der Leuchtturm benötigte zu seiner Zeit Energie, um den Schiffen heimzuleuchten. Das Windrad erzeugt Energie und zwar um Größenordnungen mehr als der Leuchtturm verbrauchte. Der Größenunterschied ist hier auch visuell in Szene gesetzt.
Der Leuchtturm steht nicht nur auf dem Deich, sondern auch für eine längst vergangene Zeit. Das Windrad produziert erneuerbare Energie und dreht sich für eine neue Zeit. Es ist nicht das einzige an der deutschen Nordseeküste und findet daher kaum noch Beachtung. Der Pilsumer Leuchtturm ist einzig(artig) auf der Welt und genießt insbesondere bei Touristen große Beliebtheit und nicht erst seit Otto ihn in einem seiner Filme auftreten ließ.

Botschaften auf der Espenborke

Die Borke von Bäumen erzählen manchmal ganze Geschichten – entweder aus der Vergangenheit des Baumes oder von den durch sie ausgelösten Assoziationen. Im vorliegenden Fall der Borke einer jungen Espe (Zitterpappel) erinnern mich die Zeichen an einen geheimen Code, den es zu entschlüsseln gilt. Vielleicht sind es aber auch nur die Noten zum hellen Rauschen, das das Espenlaub schon bei winzigen Luftströmungen anstimmt. Auf jeden Fall ist es eine naturschöne, an eine Grafik erinnernde Struktur.

Sonnentaler auf Algenbelag

Ein in grünlichen Farben auf einem See driftender Algenbelag im Schatten einiger Bäume ist mit Sonnentalern bedeckt. Diese werden durch kleine Öffnungen im Blätterdach von Laubbäumen hervorgerufen, die sich über einen Uferbereich des Sees neigen. Indem an einer Stelle der Himmel sein kräftiges Blau mit ins Bild bringt, entsteht eine fast surreal wirkende kräftige Farblandschaft.

Driftstrukturen auf einem fließenden Gewässer

Auf der Oberfläche von fließenden Bächen driftet allerlei Material, das vor einer Barriere steckenbleibt. Das Wasser fließt unterhalb, seitlich oder sonst wo von diesem feinen Treibgut befreit weiter. Im Laufe der Zeit wird das Treibgut Stück für Stück oder – besser gesagt – Faden für Faden zu einer Fläche zusammengeschoben, deren variierende Färbung die im Laufe der Zeit variierende Beschaffenheit der zusammengeschobenen Teilchen zum Ausdruck bringt.
Ob wohl schon mal jemand die Herkunft dieser akkumulierten Substanz analysiert hat?
Auch die Frage, warum sich das Material in harmonisch gekrümmten Fäden sammelt, die quer über den Bach gespannt sind, drängt sich geradezu auf. Dabei lässt sich die Krümmung wohl dadurch erklären, dass die Fäden dem Profil des fließenden Wassers entsprechen, das an den Ufern stärker gebremst wird und daher hinter der ungehinderten Hauptströmung in der Mitte des Stroms zurückbleibt.
Auf jeden Fall lässt sich diesen Strukturen aus Treibgut eine gewisse Ästhetik nicht absprechen. Die Natur macht auch hier aus „Schmutzteilchen“ etwas Naturschönes.

Die Thoreau-Reynolds-Welle auf der Wassertonne

Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass wenn ich ein neues Phänomen gesehen und verstanden habe, es sich fortan immer häufiger zeigt. Und das obwohl ich es bis dahin nie bewusst wahrgenommen habe. Der Blick wird gewissermaßen „geprägt“.
So geht es mir in letzter Zeit mit einer unscheinbaren winzigen linienförmigen Welle, die so klein ist, dass es sehr günstiger Lichtverhältnisse bedarf, um sie überhaupt zu sehen. Im aktuellen Fall war ich dabei, Wasser in eine größere Tonne zu pumpen, aus der ich die Gartenpflanzen versorge. Dazu legte ich den wasserführenden Schlauch in die Tonne und wartete, bis sie gefüllt sein würde. Plötzlich sah ich sie, die Thoreau-Reynolds-Welle, und auch nur deshalb, weil sie den Unregelmäßigkeiten des Wasserstroms entsprechend leichte Schwankungen zeigte. Im Foto ist es die horizontal verlaufende Linie. Die anderen linienartigen Strukturen werden durch Reflexionen eines nahe gelegenen Gebäudes hervorgebracht.
Das unter Wasser aus dem Schlauch herausströmende Wasser wurde an der Wand der Tonne nach oben abgelenkt und lief – an der Oberfläche angekommen – zur gegenüberliegenden Seite. Dabei wurden oberflächenaktive Substanzen (die fast in jedem Wasser vorhanden sind) gegen die Wand gedrückt. Sie bildeten schließlich einen so großen Bereich, dass die Oberflächenschicht des weiterhin anströmenden Wassers unter sie hinweg tauchen musste. Als Reaktion auf diese Richtungsänderung nach unten bildete sich eine kleine Erhebung nach oben – die Thoreau-Reynolds-Welle. Obwohl ich wegen der Transparenz des Wassers, die einzelnen Strömungen gar nicht sehen konnte, erschließe ich dieses Szenario aus der kleinen Welle.

Im Laufe der Zeit…

…verändert sich alles. Hier sehen wir eine Steinskulptur (Heiligendarstellung?), die im Laufe der Zeit ziemlich flach geworden ist. Ich sah sie im Kreuzgang einer Kirche. Welche Kräfte mögen hier am Werk gewesen sein? Die Figuren scheinen auch noch zu grinsen. Ob sie dass auch schon vorher getan haben, als ihr Profil noch erhaben war? Oder haben wir es mit einer Pareidolie zu tun?  

Naturkunst

Naturkunst ist natürlich ein künstliches Wort, ein Oxymoron zudem. Aber schöner als dieses Wort klingt, sieht das Bild aus. Es zeigt einen Ausschnitt aus der Natur in einem Moment, in dem sie nicht sie selbst ist. Gibt es das überhaupt? Bei Menschen ist mir das jedenfalls schon begegnet.

Spiegel- und Schattenwelt

Eigentlich hatte ich es auf den Schatten eines nachdenklichen Menschen abgesehen und dabei die Spiegelwelt übersehen, ohne die das Foto des Schattens nicht zu haben war. Sie machte aus dem Foto ein Suchbild. Der Schattenmensch verschwindet fast vollkommen in der Überlagerung von Spiegelbildern.
Das Ergebnis ist daher einerseits ein Zeichen für all das, was übersehen wird, wenn man seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache lenkt und andererseits für die Reichhaltigkeit der Welt, aus der unsere Augen nur so schöpfen könnten, aber es in der Regel nicht tun. Der Fotoapparat kann (noch) nicht auswählen, er registriert alles Optische und man wundert sich zuweilen über das Ergebnis. Das kann aber trotzdem interessant sein, weil man in Welten geführt wird, die in der Realität so nicht gesehen und auch nicht erwartet werden.

Fenster als Gemälde

Zu Beginn der Neuzeit mutierte das Gemälde zum Fenster. Emile Zola sollte später einmal über diesen Wandel sagen: Jedes Kunstwerk ist wie ein Fenster, das auf die Schöpfung hinaus geöffnet ist.
Wenn ich so durch die Straßen einer Stadt flaniere, wird für mich umgekehrt so manches Fenster zum Kunstwerk. So auch die in diesem Foto festgehaltenen Fenster. In einem kräftigen Gelbton variieren sie ein abstraktes Gemälde. Jedenfalls kann man es so sehen.
In Wirklichkeit liegt folgende Situation vor: Es ist Abend, das helle Gebäude reflektiert diffus das blaue Himmellicht. Die Fenster können mehr, sie reflektieren spiegelnd das vom oberen Stockwerk eines gegenüber liegenden Gebäudes diffus reflektierte Licht eines farbenprächtigen Sonnenuntergangs.
Die abstrakte Strukturierung des realen Geschehens verdankt sich der Doppelverglasung der Fenster. Infolge des Unterschieds zwischen dem Luftdruck innerhalb des von den beiden Scheiben gebildeten Hohlraums und dem der Außenwelt mutieren sie zu leicht konkaven und konvexen Spiegeln. Daher erscheinen die abgebildeten Gegenstände nicht nur von jedem der Scheiben auf eigene Weise deformiert, sondern bringen diese deformierten Abbilder auch noch zur Überlagerung mit dem Ergebnis des im Foto festgehaltenen Gemäldes.

Löwenzahnglatze

Nachdem ich vorgestern die Schönheit der Silberhaare einer Löwenzahnblüte thematisiert habe, möchte ich noch nachtragen, was bleibt, wenn die Haare hoffentlich ein ruhiges Plätzchen als Ausgangspunkt für die nächste Generation von Löwenzahnpflanzen gefunden haben: ein Glatzköpfchen, das selbst eine naturschöne Struktur aufweist. Denn die spiralige Anordnung der Vertiefungen, in denen je eines der Samenkörner verankert war, zeigt, dass die Natur offenbar den Goldenen Winkel selbst dort (annähernd) realisiert, wo man es nicht erwartet.*


* Peter H. Richter, Hans-Joachim Scholz. Der Goldene Schnitt in der Natur. In: Bernd-Olaf Küppers (Hrsg.) Ordnung aus dem Chaos. München 1987, S. 175ff

Alge mit Pareidolie

Bei den Wattwanderungen an der Nordseeküste findet man im reichhaltigen Algenbewuchs auch immer wieder Strukturen, die aber auch gar nichts mit den Pflanzen zu tun haben. In der letzten Zeit habe ich den Eindruck, mehr Pareidolien zu sehen als biologische Besonderheiten. Um es nicht ausschließlich meiner übertriebenen Fantasie zuzuschreiben, zeige ich hier mal ein Foto, auf dem ich ein irgendwie aktives Männlein zu sehen glaube.

Holzeule sei wachsam

Er gibt keine Begründung, doch kann man sie sich ergänzen: Nach den rabiaten Göttern Mars und Saturn, Jupiter dazwischen, war eine der Venus adäquate, freundliche Gestalt fällig, die dem Haupt ihres Vaters Jupiter entsprungene Eulengöttin der ‚Kopfgeburten‘ insgesamt, nämlich der Wissenschaften.*

Gestern traf ich das „Maskottchen“ der Weisheit und der Wissenschaften im Iburger Wald, einem Ausläufer des Teutoburger Waldes. Gleich drei Exemplare hockten auf und im Stamm eines abgestorbenen Baums. Ich gehe davon aus, dass es sich um ein Schnitzwerk handelt, das mit der Motorsäge aus dem Baum herausmodelliert wurde.


* Hans Blumenberg. Die Vollzähligkeit der Sterne. Frankfurt am Main 1997, S 189

Aufzug eines Gewitters

Das klingt nach einer Theateraufführung und sieht auch so aus. Der Tag ist sonnig, mild und schön. Gegen Abend ertönt ein Grollen in der Ferne. Ich verwerfe sofort den Gedanken, dass es eine Vorwarnung sein könnte. Als dann aber ziemlich schnell ein dunkler Vorhang vor die Sonne zieht, ist mir klar, dass ein neuer Akt beginnt, in dem die Zuschauer unmittelbar mit einbezogen werden. Manchmal hasse ich diese neumodischen Aufführungen. Ich schaffe es gerade noch mich unterzustellen, dann brechen die Wolken als sollte mit Windeseile alles weggeschwemmt werden, was den Tag so einzigartig erscheinen ließ.

Wetterschutz

Wenn der Mensch es vergisst, Schilder vor den Unbilden des Wetters zu schützen, muss die Natur es selber übernehmen. Hier hat sich ein Zunderschwamm bereit erklärt, die Aufgabe zu übernehmen.

Der Herrmannsweg (H) gehört zu meinen Lieblingswanderwegen.

Blütenstaubmuster

Der in unserer Gegend lang vermisste Regen hat ein kurzes Intermezzo eingelegt und zumindest den Blütenstaub vom Dach gespült. Dieser bildet unter den (auf)rührenden letzten Tropfen auf der Wasseroberfläche der Regentonne herrliche, chaotische Muster (siehe Foto). Schaut man genau hin so sieht man am oberen Rand der Mitte des Fotos gerade einen etwas verwischten Tropfen, der im nächsten Moment ins Wasser fällt und ein völlig neues Muster hinterlässt.
Auf dem Foto sind außerdem drei gleichartige Embleme zu erkennen. Wer weiß, woher sie stammen?

Der Griff nach dem Licht am Tag des Lichts

Der Walnussbaum ist hier einer der letzten, der seine Blätter entfaltet und damit die Umwandlung der Lichtenergie in chemische Energie in Form von Biomaterial startet. Als ich vor ein paar Tagen diese frisch „geschlüpften“ Blätter sah, kam es mir vor, als würden sie sich wie nach oben geöffnete Hände dem Licht entgegen strecken.

Darin könnte man eine Hinwendung zum Licht sehen und zwar nicht nur real sondern auch sinnbildlich. Denn heute ist der Internationale Tag des Lichts. Nach dem Internationalen Jahr des Lichtes 2015 (siehe meine zahlreichen Blogbeiträge dazu) hat die UNESCO nun den 16. Mai als Internationalen Tag des Lichts erklärt, der 2018 erstmalig stattgefunden hat. Dieser besondere Tag soll jährlich dazu dienen, ein breites Publikum auf die Bedeutung von Licht und Licht-Technologien zum Beispiel in der Wissenschaft, Medizin, Kommunikation, Kunst und Kultur aufmerksam zu machen. Dass es nicht nur um Technologien gehen kann, möchte ich mit dem Hinweis auf die vom Licht abhängigen Pflanzen andeuten. Unser aller Leben hängt letztlich von der Photosynthese ab.

42 – die Antwort auf alles.

Liebe Julia, heute beehrst du dich an deinem 42. Geburtstag mit der berühmtesten Zahl überhaupt. Denn nach dem bekannten Roman von Douglas Adams: „Per Anhalter durch die Galaxis“, der genau ein Jahr vor deiner Geburt erschien, gilt (was man nur im Original angemessen ausdrücken kann): The answer to the ultimate question of life, the universe and everything is 42. Jedenfalls hat der extrem leistungsstarke Computer Deep Thought dafür mehr als 7,5 Millionen Jahre rechnen müssen. Also vergiss es, dass du wegen Corona deinen 40 und 41 Geburtstag nicht angemessen feiern konntest, alles war auf die 42 ausgerichtet.
Dass die 42 keine gewöhnliche Zahl ist, dafür sprechen auch viele weitere Argumente, von denen ich nur einige nenne:
Im alten Ägypten musste ein Verstorbener während des Totengerichts vor 42 Richtern erklären, dass er in seinem Leben keine von 42 Sünden begangen hat.
In Tibet regierten 42 Könige. Nyatri Tsenpo, war der erste, der um 127 v. Chr. regierte, und Langdarma (von 836 bis 842) war der letzte.
Die Gutenberg-Bibel, das erste gedruckte Buch in Europa, hat 42 Textzeilen pro Spalte und trägt daher den Titel »zweiundvierzigzeilige Bibel«.
Aber die Zahl hat auch (darin ist sie ganz Zahl) zahlreiche mathematische Besonderheiten: Ich biete dir nur eine kleine Auswahl, damit du auch noch Zeit zum Feiern hast:
42 ist die Summe der ersten drei Zweierpotenzen mit ungeradem Exponenten (21+23+25=42).
42 ist die Summe der ersten beiden Potenzen von sechs (61+62= 42), wobei die 6 ja bereits als eine ganz besondere Zahl beschrieben wurde.
42 ist eine Catalan-Zahl. Das ist eine sehr selten auftretende Zahl (lediglich 14 von ihnen sind kleiner als eine Million). Ich verschone dich mal mit weiteren Details.
42 ist eine »praktische« Zahl, das heißt, jede kleinere Zahl lässt sich als Summe einiger ihrer Teiler schreiben. Die ersten praktischen Zahlen sind 1, 2, 4, 6, 8, 12, 16, 18, 20, 24, 28, 30, 32, 36, 40, 42, 48, 54, 56, 60, 64, 66, 72,….
Nach dieser Lektion solltest du in der Lage sein, diese Aussagen in der Zahl der Lichter auf dem Foto zu erkennen. Doch bevor du dich daran machst, wünsche ich dir erst einmal alles Gute für das neue Lebensjahr unter der Traumzahl 42.

Mauerblümchen

Spiegelwelt als Stolperfalle

Die Spiegelwelt täuscht eine Dreidimensionalität vor, die immerhin für einige (sensible?) Leute so real wirkt, dass sie genau darauf achten, wie sie ihre Schritte setzen und einen Teil ihrer Unbefangenheit verlieren. Dabei wirkt die Überlagerung der realen mit der virtuellen Räumen beim Blick auf den unmittelbar vor einem liegenden Fußboden weniger irritierend, als es auf diesem Foto.
Aber eigentlich hatte ich das Foto gemacht, um auf einen anderen interessanten Effekt hinzuweisen – den Blauschimmer des durch die Oberlichter hereinfallenden Tageslichts. Da unser visuelles System dazu tendiert, in einer einheitlich beleuchteten Umgebung wie dieser mit weißem Licht ausgeleuchteten Passage als überwiegende Farbe weiß zu sehen, erscheint das Tageslicht so, wie es wirklich ist – bläulich. Das Foto zeigt also keinen falschen Weißabgleich, sondern kommt den realen Verhältnissen ziemlich nahe.

Blickwinkel

Auf einer (langwierigen) Konferenz wagte ich es nicht, meine Langeweile dadurch zu verraten, dass ich durch das Fenster auf das frische Grün dieses schönen Frühlingsmorgens blickte. Ich schaute stattdessen auf eines der glasgerahmten Bilder an der Wand, das direkt in meinem Blickfeld lag. Darauf war eine Frau mit einem Krug abgebildet, die mir – so verstand ich es – den Blick in die Natur gestattete.

P.S.: Das Foto machte ich, als alle gegangen waren.

Wer hat Angst vor Langfingern

Als mir jemand freundlicherweise die Tür aufmachte, gerieten seine Finger in das streifend einfallende Licht der Morgensonne. Der dadurch hervorgerufene und mir vorauseilende Schatten jagde mir einen kleinen Schrecken ein. Vermutlich waren es die langen Schatten der Finger, die diesen Effekt auslösten. Doch auf welche Urerfahrungen greift mein Unterbewusstsein hier zurück, um mich zu warnen oder…? Jedenfalls haben wir anschließend versucht, die Situation so nachzustellen, wie ich glaube sie erfahren zu haben (siehe Foto).

Spannende und entspannende Spannungen…

Die Spinne hat hier auf spannende Weise, das gespannte Seil eines Strommastes gefunden, an dem sie mit gespannten Fäden ihr Netz aufgespannt hat. Sie hätte kaum etwas weniger Gespanntes finden können, denn neben der mechanischen Spannung wird in den Stromleitungen eine elektrische Spannung aufrechterhalten. Immerhin sorgt sie für elektrische Energie, die unsere Fernseher befähigt, spannende Unterhaltung frei Haus zu liefern.

Nun bin ich gespannt, ob ihr die Situation auch spannend oder vielleicht sogar entspannend findet. Trotz aller notwendigen Spannungen sind Entspannungen mindestens genau so wichtig. Und sei es nur um die Bereitschaft für neue Spannungen zu ermöglichen.

Ein Ei im Mai

Auf ein Ei geschrieben

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.
 
Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?
 
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.

Eduard Mörike (1804 – 1875)

Ein weiteres Rätsel, das zwar nicht auf dem Ei gekritzelt steht, das aber aus ihm herausgek(r)itzelt werden kann ist die Frage, ob ein Ei gekocht oder noch roh ist. Bereits in meiner Kindheit wurde das Rätsel experimentell gelöst, indem man das fragliche Ei selbst befragte – natürlich in der Eiersprache . Dazu bringt man es (wegen möglicher unkalkulierbarer Fluchtbewegungen auf einem Teller) – mit einem kräftigen Dreh in schnelle Rotation und vergleicht die Drehzahl mit der eines anderen Eis, dessen Zustand bekannt ist. Es zeigt sich dann, dass das gekochte Ei länger als das rohe rotiert. Dafür zeigt das rohe Ei eine zunächst rätselhaft erscheinende Besonderheit. Wenn man es während der Rotation durch Antippen kurz anhält und es sofort wieder loslässt, setzt es zumindest kurz seine Drehung fort. Das gekochte Ei bleibt bei einer solchen Behandlung unwiderruflich stehen.

Der Unterschied im Verhalten der beiden Eier ist darauf zurückzuführen, dass der Inhalt im rohen Ei weitgehend zähflüssig das gekochte aber durchgehend hart ist. Dreht man das gekochte Ei an, so bringt man wegen der festen Verbindung aller Teile des Eis dieses als Ganzes in Bewegung. Beim gekochten Ei gelingt es mit einem Dreh nur die Rotationsenergie auf die äußere Schale und die unmittelbar benachbarte flüssige Eiweißschicht zu übertragen, die die Bewegung dann mit einer kleinen Verzögerung an die weiteren inneren Schichten weitergibt. Denn aus Trägheit verharrt das Innere des Eis zunächst in Ruhe und wird erst nach und nach vor allem durch innere Reibung zulasten der äußeren Schichten und der rotierenden Schale in Gang gesetzt.
Das heißt, dass man beim Andrehen des rohen Eis mit einem Dreh weniger Energie übertragen kann als beim gekochten. Denn es werden nur die äußeren Schichten in Gang gesetzt. Diese geben dann anschließend noch einen Teil der Energie davon an die inneren Schichten ab, was zu einer stärkeren Abbremsung führt.
Meine Oma hatte früher eine andere viel einfachere Erklärung: Am Verhalten des rohen Eis merkt man, dass es noch ein wenig lebt. Ich stellte mir vor, dass das „noch ein wenig lebende“ Ei sich zunächst gegen die unverhoffte schnelle Drehung wehrt, was das tote gekochte Ei nicht mehr kann.




Sonnenbildchen auf bewegtem Wasser

In der Natur bedarf es nicht viel, um ästhetisch ansprechende Strukturen hervorzurufen. Hier ist es ein Ausschnitt aus einem kleinen, flachen Bach, in dem durch kleine Störungen Kapillarwellen ausgelöst werden, die wie optische Linsen wirkend, den Boden abbilden. Die durch die endliche Belichtungszeit der Kamera gegebene Bewegungsunschärfe sorgt für kleine Verzerrung des bewegten Wassers. Die dadurch gegebenen Strähnen sorgen für eine künstliche Beigabe, die das Foto zu einem künstlerischen Strukturbild werden lässt. Der naturschöne Aspekt geht dadurch aber in keiner Weise verloren.
Auffallend sind die zahlreichen Sonnenbildchen, die für den Moment der Aufnahme auf gleichsinnig orientierte Oberflächenelemente der bewegten Wassers verweisen. Sie sind hier für einen Augenblick stillgestellt und versehen das Szenario mit blendend hellen Lichtaugen.

Nur ein verblühter Löwenzahn?

Wer sagt hier, es sei nur eine Löwenzahnblüte und dazu auch noch eine verblühte? Ein näherer Blick lehrt uns eines Besseren. Ja, der Löwenzahn ist verblüht. Sein Kopf ist weißhaarig geworden und die Haare werden ihm bald ausfallen. Aber ist darin nicht eine letzte Grazie zu erkennen, mit der uns ein naturschönes Muster vor Augen geführt wird, bevor die einzelnen Gleitschirme demnächst ausschwärmen um einen neuen Platz für die nächste Generation zu finden?

Die Natur neigt zu Kreisen…

Obwohl beide Bilder einander sehr ähneln, indem sie ein System konzentrischer Kreise zeigen, stellen sie völlig verschiedene Situationen dar. Links blicken wir auf ein Gespinst von Spinnweben und rechts auf konzentrische Wasserwellen, die durch einen Steinwurf ins Wasser erzeugt wurden.
Während jedoch die Wellen sehr real sind ist das Spinnengewebe an sich völlig chaotisch. Lediglich der Blick gegen die Sonne erweckt den Eindruck, man habe es hier mit konzentrisch gesponnenen Fäden zu tun. Auch die Farben werden durch kein Pigment hervorgerufen, sondern durch Beugung des Lichts an den Spinnfäden und hier insbesondere an den winzigen Klebetropfen, mit denen die Spinnen ihre Netze zu tödlichen Fallen für die Insekten machen. Dennoch – das Kreisförmige drängt sich geradezu auf.

Immaterielle Fortsetzung

Ich blicke aus einem Gebäude hinaus auf eine  Geschäftsstraße und in das Schaufenster eines Geschäfts, das senkrecht zur Straße orientiert ist. Es zeigt mir mit beachtenswerter Präzision die Fortsetzung der dem direkten Blick verborgenen Fortsetzung der Straße nach links. Das passt ziemlich genau, selbst die Perspektive stimmt in etwa. Lediglich ein gewisser Schwund an Licht lässt das Spiegelbild dunkler erscheinen, denn transparente Medien, wie hier die Glasscheibe, lassen den wesentlichen Teil des auftreffenden Lichts durch.

Schönheit durch Trennung und Vermischung

Für mich zählte nur, was homogenes Wachstum, Ungeschiedenheit, erreichter Ruhezustand war, für sie galt nur Trennung und Vermischung, das eine oder das andere, oder beides zugleich….sie schien offenbar schon zu wissen, daß das Gesetz der lebenden Materie nichts anderes sein sollte als der ewige Wechsel von Trennung und Wiedervereinigung.*

Dies ist eine meiner Strandbilder, die ich im Zusammenspiel mit den Gezeiten gestaltet habe.

* Italo Calvino. Cosmicomics. München 1989. S.101

Weideaustrieb – eine neue Jahreszeit beginnt

Ich erlebe den Weideaustrieb der Kühe stets als einen Wechsel in eine neue Jahreszeit. Die endlosen Weiden der Krummhörn gewinnen wieder Farbe, die dem satten Grün ausgezeichnet steht. Meine Wanderungen werden nunmehr wieder begleitet von neugierigen Blicken der Kühe und dem stillen Einverständnis beim gegenseitigen Betrachten.

Eine sich selbst fressende Pflanze

Okay, die Überschrift ist etwas übertrieben. Als ich jedoch die Pflanze (Foto) sah, erinnerte sie mich sofort an Oroboros, die in mehreren alten Kulturen bekannte Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Indem ich sie fotografierte wurde mir klar, wie sehr unsere Sehweise doch bestimmt ist von Bildungsrelikten, selbst wenn der genaue Inhalt oft nicht einmal mehr präsent ist.

Ostereier aus Stein

Wärmestrahlung beim Osterfeuer

Flammen lodern züngelnd nach oben, brennendes Holz knistert, Funken sprühen in wilden Wirbeln hoch über dem Feuer, Gesichter glühen im Schein der Flammen und der Wärmestrahlung. Die Menschen erleben in der Betrachtung des Osterfeuers eine der elementaren Urgewalten und lassen sich mehr oder weniger innerlich beteiligt von den dadurch ausgelösten Gedanken und Gefühlen forttragen.

Das Osterfeuer gilt den Christen als ein Symbol für die Auferstehung von Jesus Christus. Aus einigen Quellen geht aber auch hervor, dass mit dem Licht der Winter und die dunkle Jahreszeit verabschiedet oder ausgetrieben werden.

Auf dem Foto fällt auf, dass sich die Flammen in heller Aufruhr befinden. Links oben scheint sich ein Flammenfragment selbständig zu machen und das Weite zu suchen. Daran kann man zweierlei erkennen. Zum einen wird deutlich, dass für die Flamme – zumindest für kurze Zeit – keine direkte Verbindung zum brennenden Holz nötig ist. Denn nicht das Holz an sich brennt, sondern die abgegebenen brennbaren Gase. Zum anderen sieht man nur den Teil der Flamme, der für uns sichtbares Licht abgibt. Das ist erst bei  Temperaturen oberhalb von etwa 700° C der Fall.
Beim Osterfeuer wird außerdem der Einfluss der Wärme durch Strahlung fühlbar. Es ist also weniger die erwärmte Luft, die uns zwangsläufig auf einen Sicherheitsabstand zum Feuer bringt, sondern vor allem die Wärmestrahlung. Die in der ersten Reihe zum Feuer hin stehenden Menschen, spüren dies besonders stark und wechseln bald in eine weiter hinter liegende Reihe. So bringt die Strahlungswärme zumindest die ersten Reihen in eine ständige „Konvektionsbewegung“. Erhitzte Menschen gehen nach hinten, kühle Menschen geraten nach vorn, bis auch sie wieder nach hinten wechseln und so weiter… Menschen sind eben auch nur Moleküle.

Reflektierende Tropfen

Normalerweise kennt man Wassertropfen als etwas plattgedrückte Kugeln, wenn sie beispielsweise auf einer ebenen Fläche hausen. Die Schwerkraft und die Oberflächenkraft machen ihnen zu schaffen, ihrer wahren Haltung als Tropfen gerecht zu werden. Aber auch der umgekehrte Fall, wenn sie durch die Schwerkraft etwas in die Länge gezogen werden, ist nicht ideal, weil präkar (siehe Foto). Denn es fehlt nicht viel und die Oberflächenkraft reicht nicht mehr aus, ihr zunehmendes Gewicht (durch Anlagerung von Wasserdampfmolekülen) zu kompensieren. Der nasse Boden zeigt, was ihren vorausgegangenen Kollegen passiert ist und auch ihnen in Kürze bevorsteht. Aber solange sie können, reflektieren sie (über) ihre Umgebung und lassen uns daran teilhaben.

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