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Marginalia

Diese Kategorie enthält 1108 Beiträge

Der Lauf der Zeit…

… oder die Zeit des Laufes. Jedenfalls ist die Zeit abgelaufen für den hier zu sehende Schuh so wie der Schuh selbst auch – da läuft nichts mehr. Schuhe sind in der Tat eines der zahlreichen Symbole der Zeit. Zum einen unterliegen sie der Mode und oft kann man ihnen ansehen, aus welcher Zeit sie stammen. Zum anderen sieht man Schuhen meistens an, wie lange sie getragen wurden. Dabei ist es eigentlich umgekehrt, und man müsste gerechterweise sagen, dass nicht sie von jemand getragen wurden, sondern sie jemanden getragen haben. Je abgetragener Schuhe sind, desto länger mussten sie ihn oder sie tragen. Wer dabei wen ertragen musste, kann nicht mehr festgestellt werden. Der hier ganz allein auf weiter Flur ohne seinen gespiegelten Zwillingspartner an- oder verwesende Schuh hat zwar seine Fassung noch nicht ganz verloren, obwohl er darauf gefasst sein dürfte, bis ans Ende seiner Tage nicht mehr zu laufen – die Zeit ist ihm schlichtweg davongelaufen. Das gilt für Laufschuhe gleichermaßen.

Wer sich für Schuhgeschichten im engeren oder weiteren Sinn interessiert, den könnte vielleicht auch noch dieser oder dieser oder dieser oder dieser Beitrag interessieren.

Die Schönheit verbrannten Holzes

Nachdem wir es uns am Vorabend am lodernden Lagerfeuer gemütlich gemacht hatten, machte ich mich am nächsten Morgen daran, die Verbrennungsrückstände zu entsorgen. Dabei stieß ich auf unvollständig verbranntes Holz, das mir durch schöne Strukturen imponierte, die vorher noch fotografiert werden wollten. Auf dem Foto ist ein Ausschnitt daraus zu sehen.
Beeindruckend an diesen Rückständen, denen zum Zwecke der Erwärmung der um die Schale herum sitzenden Personen die meiste Energie entzogen wurde (Oxidation = exothermer Vorgang), finde ich vor allem die Farben. In ansprechenden Gelb- und Brauntönen scheinen sie die lebhaften Rot- und Gelbtöne des Vorabends zu komplettieren.
In einem früheren Beitrag, der fast auf den Tag genau vor einem Jahr anlässlich einer ähnlichen Situation erschien, bin ich schon einmal auf die Ästhetik des Verbrannten eingegangen. Dort herrschte dunkle aber glänzende Einfarbigkeit vor und beeindruckte vor allem durch die Regelmäßigkeit der Strukturen.

Sandrippel – Gestalt gewordene Antagonismen

K

Während die Sandkörner infolge der Erdanziehungskraft stoisch und unnachgiebig nach unten tendieren, werden sie vom Wind der Unberechenbarkeit des Wettergeschehens entsprechend immer wieder aufgescheucht, sodass ein bewegtes Wechselspiel der Kräfte zu jenen wunderschönen Rippelsystemenen führt, die man diesen regellos erscheinenden antagonistischen Wirkungen gar nicht zugetraut hätte. Die Choreografie der tanzenden Sandkörner steht nicht etwa in den Sternen, sondern wird von den Naturgesetzen im Zusammenspiel mit dem Zufall bestimmt. Die Rippel sind keine endgültigen Gestaltungen der Oberflächen der Dünen. Weiterlesen

Weggespie(ge)lt

Wie ist es möglich, dass die Köpfe der Personen, die hier an einem Gewässer promenieren in der unteren Hälfte hinter Zweigen verschwinden, obwohl sie in der oberen Hälfte des Fotos nicht zu sehen sind?

(zum Vergrößern klicken)

Ewige Liebe oder Bananenliebe

Sie hängen nun schon eine ganze Weile aneinander, die ersten Altersflecken lassen sich sehen. Und wie man sieht, vertragen sie sich gut. Es wird Zeit, dass sie ins Müsli kommen.

Ein freigelegter Blick

Kaum hatte ich den Holunderstamm abgesägt, fühlte ich mich plötzlich fixiert. Man kann nicht gerade sagen, dass der Blick strafend ist, aber er zeugt auch nicht von großer Freude. Immerhin bin ich durch meine Sägeaktion einem Geheimnis auf die Spur gekommen, das ansonsten wohl für immer verborgen geblieben wäre. Ich habe  diesen Blick gewissermaßen aus den unsichtbaren Tiefen des Holzes befreit.

Abgesehen von dieser vordergründigen Betrachtung zeigt der Querschnitt sehr schön, dass hier drei Stämme zusammengewachsen bzw. fast zusammengewachsen sind. Wie das organisiert wird ist für mich eine faszinierende Frage.

Im Bilde sein

…Bilder sind das einzige, wodurch das Unfassbare zu uns spricht, nur durch Bilder schlüpft es in uns hinein.
Nur wer die Dinge im Bilde besitzt, dem gehören sie zu.*


* Erhard Kästner. Zeltbuch von Tumilat. Frankfurt 1983, S. 84

 

Kleine Wassertropfen ganz groß

Wassertropfen umgeben uns allenthalben im Alltag. Auf dem Foto sieht man einige, an Spinnfäden hängende Tropfen im Vergleich zu einem etwa 2 Millimeter dicken Draht, der als Maßstab für die Einschätzung der Größe der anderen Tropfen dienen kann (zur Vergrößerung auf Bild klicken). Es zeigt sich, dass die Tropfen, die einen kleineren Durchmesser als der Draht haben, so gut wie kugelrund sind, wenn man einmal von kleinen Spitzen absieht, die durch teilweise unsichtbare Spinnfäden bedingt sind, an denen die Tropfen hängen. Weiterlesen

Zwinkerndes Holzauge

Ein Auge im Holz

Ein dunkles Auge schaut mich an,
es zwinkert, grüßt mich aus dem Brett
und zieht mich fest in seinen Bann,
erzählt mir frei heraus Geschichten

von Zweiblattkeimen
Wichtelbäumchen
ersten Stürmen
Astbruchnarben
Schneedruckwunden
Wachstumsringen
Jahreszeiten
Kettensägen
Sägewerken
Bretterstößen
Zimmerleuten

Das Auge schaut mich wieder an,
es zwinkert mir zum Abschied zu
und losgelöst aus seinem Bann,
kann ich die Schritte heimwärts richten.*


*Ingo Baumgartner (1944 – 2015)

Impressionen aus der Krummhörn 4

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Erinnerung an den Tante-Emma-Laden

        Ich gehöre zu der Generation, die noch das Sterben der kleinen Einkaufsläden miterlebt hat. Als Kind habe ich öfter in einem solchen Kolonialwaren- oder Gemischtwarenhandlung einkaufen müssen. Mehl, Zucker und ein paar weitere Grundnahrungsmittel standen auf dem Zettel, den mir meine Mutter mitgab. Den Rest hatte man im eigenen Garten. Ich hasste das Einkaufen, weil sich die Erwachsenen immer vordrängelten und lange Gespräche („Klönschnack“) führten. Der einzige Trost – es gab oft einen Bonbon von Tante Emma. Ja, sie hieß zufällig wirklich so.
Auf den Fotos sind noch Reste eines solchen Ladens im ostfriesischen Pilsum zu erkennen. Die jetzigen Bewohner haben einige Insignien einer verlorenen Welt einfach vor Ort gelassen. Nicht jeder geht daran ohne Erinnerungen an frühe Jahre vorbei.
Dass die Tante-Emma-Läden heute wirklich aus der Zeit gefallen sind, sieht man auch daran, dass seit einigen Jahren „Emma“ wieder ein gebräuchlicher Name für Mädchen ist.

Etwas sehen, wo nichts ist

Manchmal sieht man etwas, indem man sieht, dass etwas fehlt. Es ist wie ein Schatten – man sieht beispielsweise eine Person gerade dort, von wo von ihr überhaupt kein Licht ausgehen kann, weil sie durch ihre bloße Anwesenheit verhindert, dass dort Licht hinkommt.

Ähnlich ist es mit dem Realitätsgehalt des schwarzen Tees, den ich kürzlich angeboten bekam. Er war nämlich so schwarz, dass alles Licht darin verschwand und nichts zurückkam. Obwohl ich ihn also nur dadurch sehen konnte, dass ich das Drumherum sah, hatte dieses keinen merklichen Einfluss auf den Geschmack – der Tee war vorzüglich.

Bifurkationen

Alles, was sich verästelt,
verzweigt: Delta Blitz Lunge,
Wurzeln, Synapsen, Fraktale,
Stamm- und Entscheidungsbäume;
alles, was sich vermehrt
und zugleich vermindert –
nicht zu fassen,
schon zu reichhaltig
für dieses Spatzenhirn,
dieses x-beliebige Glied
einer infiniten Serie,
die sich hinter dem Rücken
dessen, der da, statt zu denken,
gedacht wird, entwickelt,
verästelt, verzweigt.*

Infinit ist die Serie der Bifurkationen bei diesem Zweigabschnitt eines Birnbaums, der auf ein Seerosenblatt eines Teiches fiel, schon lange nicht mehr. Wenn die Patina – hier in Form von Flechten – den Entscheidungsbaum erst im Griff hat, enden die Verzweigungen und lassen nur noch erahnen, wie es hätte weitergehen können.


* Hans Magnus Enzenberger. Die Elexiere der Wissenschaft – Seitenblicke in Poesie und Prosa. Frankfurt am Main 2002; S.: 125

Impressionen aus der Krummhörn 3

Sonnenaufgang im Bodennebel

Alle wollen nach oben…

Die Ehrgeizigen setzen alles dran, die oberste Stufe der Karriereleiter zu erklimmen,

die Bergwanderer streben dem Gipfelkreuz zu,

die Vögel setzen sich meist auf die oberste Spitze, die in ihrem Territorium zu erreichen ist, bevor sie

in höchsten Tönen tirilieren,

die Inserenten wollen bei Google ganz oben stehen,

Richter Adam in Kleists Zerbrochenen Krug will unbedingt durch das obere Fenster ins Haus,

der Heliumballon steigt auf Nimmerwiedersehen hoch,

die Sektblasen beeilen sich die Oberfläche des Getränks zu erreichen,

und die Schnecken auf dem Foto, machen es nicht anders…

Ihr werdet weitere Beispiele kennen.

 

Und wozu das Ganze?

Letztlich holt die Schwerkraft alles auf die Erdoberfläche zurück. Dann kann man nur wünschen, dass es behutsam abgeht und der freie Fall vermieden wird.

ScHerz

Wenn man nur darauf achtet sind wir von mehr Herzlichkeit umgeben als wir denken.

Und doch braucht das Herz eine Sprache,
Bringt der alte Instinkt die alten Namen zurück.

Samuel Taylor Coleridge (1772 – 1834)

 

Hiermit setze ich meine Herzserie fort, denn Herzen haben es mir schon immer angetan – siehe z.B. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Ein Nagel saß in einem Stück Holz

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.

Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!

Was ist besser – nageln oder schrauben?


* Joachim Ringelnatz (1883 -1934)

Schwelgen im Blau

Blau, ein Amalgam, in dem sich das Beständige mit dem Beweglichen, die Erwartung mit dem Sprung mischt.*

Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.**


* Thierry Fabre (*1960), französischer Essayist
** Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wenn Corona dereinst Geschichte ist…

An der Nordsee – hier in Norddeich – muss die Uferbefestigung immer wieder ausgebessert werden, weil die anstürmenden Fluten unablässig daran nagen. So wurden jüngst im Mai die Natursteinbrocken mit Mörtel ausgegossen, um dort – bis auf weiteres – fixiert zu werden.
Dies wird manchmal zum Anlass genommen, ein Zeichen in den noch nicht erhärteten Mörtel zu setzen. Meist „verewigt“ man sich mit seinem Namen oder den seines Partners, ähnlich den geschnitzent Liebesbotschaften in den Bäumen. In diesem Fall hat man sich anders entschieden. Man liest: „CORONA MAi 2020“. Weiterlesen

Der Fliegende Holländer

Der Fliegende Holländer, ein Geisterschiff, das über die Jahrhunderte hinweg immer wieder gesichtet wurde, hat zahlreiche Dichter zu größeren und kleineren literarischen Gestaltungen animiert. Die Sage, manchmal auch als Fabel erzählt, ist überdies mehrfach musikalisch verarbeitet worden, wovon die Oper Richard Wagner aus dem Jahre 1842 wohl das bekannteste Werk ist. Auch in der Kunst und in jüngerer Zeit in Film und Fernsehen findet der Sagenstoff immer wieder Beachtung.
In dem Maße wie objektive Methoden der Dokumentation zur Verfügung stehen, werden die Sichtungen seltener. Die schriftlich verbürgte letzte Sichtung erfolgte 1959.
Meine eigene Sichtung erfolgt erst kürzlich und ist in diesem Foto zu sehen. Die roten Segel sind allerdings inzwischen etwas verblichen…
Die Sage und die Umstände, die zu den Sichtungen führten lassen physikalisch gesehen Fata-Morgana-Erscheinungen bzw. Luftspiegelungen als wahrscheinliche Ursachen vermuten. Luftspiegelungen sind wegen der oft großen Temperaturunterschiede auf dem Meer sehr häufig zu sehen. Sie gaben insbesondere in Zeiten, in denen die physikalischen Hintergründe dieser beeindruckenden Erscheinung noch nicht bekannt waren, Anlass zu phantasiereichen Deutungen.
Um keinen falschen Eindruck zu erwecken – das obige Foto ist zwar auch eine Spiegelung, aber keine Luftspiegelung.

Verkündigung durch die Röhre

Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren getan werden, Beweise erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr, ja was ist der Mensch anders als ein verworrenes Bündel Röhren*. Die Liste in dieser von Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) gemachten Aussage könnte fast beliebig ergänzt werden. Man denke nur an das Fernrohr, an U-Bahnen, Tunnel und die allenthalben präsente Verkabelung der Welt mit Strom- und neuerdings vor allem Datenleitungen im Großen und im Kleinen – auch wenn es sich bei letzteren um Röhren handelt, in denen keine Materie im herkömmlichen Sinne fließt, sondern vor allem Energie. Weiterlesen

Selbstabbildung der Natur

Während das Original der Brennesselpflanze im grünen Allerlei der Umgebung untergeht, sind die natürlichen Gegebenheiten in dem Moment da ich an dieser Szenerie vorbeigehe gerade so, dass der Weidezaunpfosten seine Breitseite als Projektionswand anbietet, an der die Sonne ein schattenhaftes Portrait der Nessel entwirft.
Das Zeitfenster war nicht groß, das Abbild in dieser Form zu sehen zu bekommen. In wenigen Minuten war das kleine Naturschauspiel vorbei. Auf dem Rückweg von der kleinen Wanderung hatte ich genügend Zeit über diese kleine Alltagsepiphanie nachzusinnen: Der Pfahl hatte schon lange die von ihm zugedachte Funktion verloren. Die ehemals eingezäunte Wiese war einem Feld gewichen. Und wenn der Pfahl nicht aus lange haltbarer Eiche geformt worden wäre, gäbe es ihn und damit auch diese Naturzeichnung nicht.

 

Impressionen aus der Krummhörn 2

Indem der Blick im flachen Land kaum verstellt ist durch höhere Gebäude und Berge gehört die Wolkenlandschaft wie eine natürliche Ergänzung zum Land dazu. Ich erlebe bei meinen Wanderungen in diesem mit 75 Einwohnern pro Quadratkilometer für deutsche Verhältnisse (Durchschnitt ca. 230 Einwohner/km2) dünn besiedelten Landstrich an der Nordseeküste das Wolkengeschehen ähnlich intensiv wie aus dem Flugzeug über den Wolken – nur mit dem entscheidenden Unterschied, nicht durch Lärm und Fenster davon getrennt zu sein. Ich befinde mich gleichsam frei beweglich mittendrin. Die Wolken als wesentliche Akteure des Wettergeschehens lassen mich teilhaben an dem was ist und was uns erwartet.
Wolken haben als „Gedanken des Himmels“ von jeher Maler, Dichter und Denker inspiriert

Äquinoktium – Tag und Nacht sind gleich lang

Ab heute beginnt der astronomische Herbst. Die Tage werden fortan kürzer als die Nächte. Die Sonnenuntergänge drängen sich immer mehr in Zeiten hinein, die wir bislang als Tag erlebt haben und die Sonne steht inzwischen später auf als ich. Und wenn man morgens über die Wiese geht, sieht man, dass die Spinnen über Nacht nur Wassertropfen gefangen haben.

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.*


* Wilhelm Busch, Im Herbst. Zu guter Letzt, München 1904

Das Wassertröpflein

Tröpflein muss zur Erde fallen,
Muss das zarte Blümchen netzen,
Muss mit Quellen niederwallen,
Muss das Fischlein auch ergötzen,
Muss im Bach die Mühle schlagen,
muss im Strom die Schiffe tragen,
und wo wären denn die Meere,
wenn nicht erst das Tröpflein wäre* Weiterlesen

Wir machen es, weil wir es können

Die Befürchtung, dass neue technologische Erfindungen und Entwicklungen nicht mehr zu beherrschende Nebenwirkungen mit sich bringen könnten, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Angesichts der globalen Probleme, in die die Menschheit bereits geschlittert ist, kommt immer wieder die Frage auf, ob man denn alles machen muss, was man machen kann.

Der Philosoph Hans Blumenberg antwortet darauf:
„- Nein, wir müssen es nicht.
– Aber?
– Aber wir werden es machen.
– Und welhalb?
– Weil wir es nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt, ob wir es wirklich können.“*

Eine sehr kurze Antwort darauf, warum wir Menschen es trotz der aus früheren Beispielen inzwischen offenbar gewordenen Probleme immer wieder machen lautet: Weil wir es können.


* Hans Blumenberg. Ein mögliches Selbstverständnis. Stuttgart 1997, S. 29

 

Die Kunst eine Brille abzulegen

Um einer möglichen bösen Überraschung vorzubeugen, die darin bestehen könnte, dass die Brille vom Buch herunterrutscht und auf dem Fliesenboden zerbricht, habe ich sie mit dem einen Glas in der v-förmigen Vertiefung zwischen den beiden Buchseiten verankert.
Damit ging nun aber eine andere weniger böse, weil optische Überraschung einher. Das Brillenglas schien verzerrt, jedenfalls wenn man auf das Schattenbild blickte. Zum Glück gehen optische im Unterschied zu mechanischen Einwirkungen zärtlich mit den Gegenständen um, indem sie nur virtuelle und zudem reversible Deformationen und Verrückungen und das auch nur im Schattenbild hervorrufen. Bleibende Schäden sind daher nicht zu erwarten.
Außerdem tun sie das sehr herzlich.

Die Linie – gerade oder krumm?

KNELLER: Wenn es eine Wissenschaft der Linie gibt, verstehe ich dann nicht mehr davon als jeder andere?
KARL: Zugegeben, Herr Kneller. Und weiter?
KNELLER:  Dieser Mann hier, wagt, im Widerspruch zu mir, zu mir! die Behauptung, daß eine richtige Linie eine gerade Linie sei und daß alles, was sich bewegt, in einer geraden Linie verläuft, es sei denn, daß irgendeine allmächtige Kraft es von seiner Bahn ablenkt. Dies, so behauptet er, sei das erste Gesetz der Bewegung. Er lügt.
KARL: Und was ist Ihre Meinung, Herr Kneller?
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Kunst unter dem Weinstock

Eines Sommers, als ich noch klein war, im Sommer vor Pearl Harbor, wollten meine Eltern weg von Bethesda, und wir mieteten uns für eine Monat ein Backsteinhaus in Virginia; da gab es eine riesige Weinlaube mit Backsteinboden, wo die Ameisen kleine Hügel bauten. Ich muß damals – warten Sie – einundvierzig – sieben gewesen sein. Verzeihen Sie, ich bin sonst nicht so geschwätzig.
Ich weiß.
Ich kann mich noch erinnern – die kleinen Nebensprößlinge der Ranken bildeten Buchstaben, waren buchstabenförmig gekringelt, verstehen Sie. Sie formte ein A mit den Fingern. Ich wollte mir eine vollständige Sammlung zulegen. Von A bis Z.
Wie weit sind sie gekommen?
Ich glaube, bis D. Ich habe nie ein richtiges E finden können. Dabei sollte man doch meinen, daß es in all dem Gerank auch ein E gegeben haben muß.
Sie hätten es überspringen und mit F weitermachen sollen.
Ich war abergläubisch. Ich dachte, das dürfe ich nicht. Ich hatte die ganze Zeit Hemmungen.*

Ich habe einfach ein paar dieser vertrockneten und mit dem Beginn des Blätterfalls abgefallenen Nebensprosse der Weinranken auf ein Blatt Papier gelegt. Alles andere spricht für sich. Insbesondere die winzigen Spiralen erinnern an die frühere biologische Funktion dieser nunmehr zum Kunstwerk erstarrten Überbleibsel. Die üppig wuchernde Weinpflanze hatte sich in ihrer Wachstumsperiode durch raffinierte Suchbewegungen der Ranken in der Umgebung Objekte gesucht, an denen sie festmachen konnte, um so den weiteren Wuchs der Pflanze zu sichern. Denn sie ist auf ein Stützgerüst angewiesen. Wer Lust hat, kann ja mal Buchstaben und Ziffern suchen.


John Updike. Ehepaare. Reinbeck 1976

Tröpfelnde Herbsttage

Der Herbst macht sich auch dadurch bemerkbar, dass die morgendlichen Wiesen mit Tropfen bedeckt sind. Sie wurden gewissermaßen aus der Atmosphäre heraus gemolken. Dadurch dass es in der Nacht kühler und der Taupunkt unterschritten wurde, musste der überschüssige Wasserdampf an geeigneten Stellen in flüssiges Wasser übergehen. Der kondensierte Wasserdampf setzte sich in Form von wachsenden Tropfen beispielsweise an Grashalmen und Blättern, aber auch – wie im vorliegenden Fall – an Spinnengewebe ab.  Weiterlesen

Rechteckige Blicke

Obwohl Rechtecke, gerade Linien, Kreise … in der Natur nur in mehr oder weniger guter Annäherung vorkommen, spielen sie in unseren Wahrnehmungen und darin zum Ausdruck kommenden Anschauungen, Einschätzungen und Beurteilungen natürlicher – oder besser: naturwüchsiger Dinge und Vorgänge eine kaum zu überschätzende Rolle. Das nebenstehende Foto ist dafür ein typisches Beispiel. Wir blicken auf eine flächenhafte Abgrenzung einer Baustelle. Man könnte das Material im Hintergrund vielleicht als Sperrholz ansehen, wenn es nicht die krummen Schattenlinien enthielte. Sie können nur von dem Drahtgitter ausgehen, das aus rechteckigen Feldern besteht. Die Verzerrungen der Schatten können also nur von einer unebenen Projektionsfläche herrühren, wie sie z.B. durch eine flexible Folie oder Plane gegeben wäre. Das ist hier auch tatsächlich der Fall.
Die Erkenntnis, dass erst der Blick durch ein schattenwerfendes Gitter eine realistische Einschätzung der Unebenheit einer Projektionsfläche erlaubt, wird bei der Visualisierung von dreidimensionalen Strukturen auf zweidimensionalen Medien (z.B. Papier, Bildschirm) seit langem in verschiedenen Bereichen ausgenutzt. Manchmal reichen auch bekannte Strukturen aus (z.B. Gebäude, Fenster), die auf bestimmten Projektionsflächen (z.B. einer Fensterscheibe) verzerrt erscheinen, um Rückschlüsse auf die ansonsten nicht zu erkennende Form der Flächen zu ziehen.

Funkelndes Gras am Morgen

Wenn in diesen Tagen nach einer kalten Nacht die Grashalme unter der Last unzählicher Tautropfen ihr Köpfchen neigen, verwandeln sie wie zum Trotz die frühen Sonnenstrahlen in ein Meer von teils farbig glitzernden Lichtblitzen. Sie leuchten uns in blendender Helligkeit entgegen. Diese Helligkeit ist auch einer der Gründe dafür, dass sie sich nicht einfach fotografisch ablichten lassen. Als winzige Abbilder der Sonne auf winzigen Wassertröpfchen nehmen sie auf dem Chip der Kamera einen so kleinen Bereich ein, dass sie auf dem Foto kaum zu sehen sind. Insbesondere reicht die Helligkeit nicht aus, die schönen Farben wiederzugeben.
Eine Möglichkeit dennoch einen Eindruck von dem Phänomen zu geben, besteht darin bewusst unscharf zu fotografieren. Dadurch werden die Lichtflecken auf eine größer Fläche abgebildet und gegebenenfalls sichtbar (Fotos durch Klicken vergrößern).
Die von den Lichtstrahlen getroffenen Tröpfchen reflektieren teilweise das Licht direkt. Der in den Tropfen eindringende Teil des Lichts, wird wie mit einem Prisma gebrochen und in Farben zerlegt. Sofern das nach neuerlicher Reflexion und Brechung Licht wieder aus dem Tropfen herauskommt und in unsere Augen gelangt, leuchtet es in einer der Spektralfarben. Der Vorgang ist der gleiche wie bei der Entstehung des Regenbogens. Allerdings sind die Tropfen durch ihre Fixierung auf den Grashalmen teilweise derart stark deformiert, dass die Farben sehr unkoordiniert in unsere Augen gelangen, sodass kein ordentlicher Bogen entstehen kann.

Seerose

Rote Rosen, stolz und prächtig,
Blühen in der Gärten Rund,
Eine weiße wiegt sich nächtig,
Wurzelnd in der Welle Grund.

Ihre zarten bleichen Wangen
Färbte nie der Erde Lust,
Nur ein stilles Traumverlangen
Blieb das Sehnen ihrer Brust.

Gerne spräch‘ sie mit den Sternen,
Aber wenn sie kaum erwacht,
Müssen jene sich entfernen,
Folgend ihrer Mutter Nacht.

Goldne Blätter wirft hernieder
Vom Gestad ein stolzer Baum,
Und sie hascht darnach, und wieder
War es nichts als nur ein Traum.

Denn das Laub, wie Purpur glühend,
Färbte nur der Herbst so rot,
und sie selbst sinkt nun verblühend
Mit hinunter in den Tod.*

Seerosen faszinieren nicht nur durch ihre Schönheit. Sie bieten auch aus physikalischer, naturphilosphischer und poetischer Sicht interessante Aspekte. Bevor sie demnächst ihre Aktivitäten auf den Teichboden verlegen, sei ihnen dieses herbstliche Gedicht gewidmet.


Hermann Lingg (1820 – 1905)

In einer Form verfangen…

Abstrakt ist man nicht. Das Sein muß sich in einer Form verfangen, eine Zeitlang in ihr erscheinen, hier oder dort, so oder so. Jedes Ding ist, solange es dauert, zu seiner Form verurteilt, dazu, so zu sein, wie es ist, nicht mehr anders sein zu können.*


* Luigi Pirandello. Einer, Keiner, Hunderttausend. Frankfurt 1969

Schönheit des Verfalls

Zunächst waren es nur Fraßspuren irgendwelcher Insekten. Dann machte der Baum daraus ein Kunstwerk. Gibt es eine schönere Art auf den „Angriff“ der Insekten zu reagieren als diesen?

Ich vermute, dass man diese Verfärbungen im Rahmen der inzwischen einsetzenden Aktivitäten des Baumes sehen muss, Chlorophyll zur Deponierung an anderen Stellen aus den Blättern abzuziehen. Die durch den Fraß verdünnten Stellen geben als erste die Herbstfarben frei.

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