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Marginalia

Diese Kategorie enthält 787 Beiträge

Natürliche Armleuchter

Kandelaber klingt besser als Armleuchter, weil man wegen der Seltenheit realer Armleuchter meist an die herabwürdigende Bezeichnung für Menschen denkt, deren Licht nicht sehr weit leuchtet. Jedenfalls ist ein Kandelaber ein aus mehreren Armen bestehender Kerzenleuchter, der in früheren Zeiten, die Helligkeit einer einzelnen Kerze entsprechend vervielfältigen sollte.
Wem die symmetrische Anordnung der Arme der Leuchter nicht so wichtig ist und eine gewisse Flexibilität des Materials in Kauf nimmt, kann Kandelaber auch in freier Natur – zumindest im Mittelmeerraum – entdecken. Besonders eindrucksvoll sind diese, wenn ihre aufwärtsgerichteten Blätter von der Sonne getroffen wie aus eigener Kraft in einem zarten Grün leuchtende Kerzen aussehen.
In Wirklichkeit passiert dort aber gewissermaßen das Gegenteil von Brennen im Sinne von Zerfall einer organischen Substanz in Kohlenstoffdioxid und Wasser unter Abgabe von Licht. Denn die grünen Blätter bringen organische Substanz u.a. durch eine Verbindung von Kohlenstoffdioxid und Wasser unter Aufnahme von Licht hervor

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Der Oktober

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen.
Hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?
Weiterlesen

Ein rätselhaftes Weinblatt

Der wilde Wein ist zurzeit dabei, den Blättern wichtige Nährstoffe zu entziehen und für den Neustart im nächsten Frühjahr bereitzuhalten. Durch den Entzug des Blattgrüns, werden andere Farben sichtbar, die bisher durch das Grün überlagert wurden. Beim wilden Wein sind das insbesondere Anthocyane, die für das charakteristische Rot verantwortlich sind.
Im vorliegenden Fall (siehe Foto) sieht es so aus, als ob im Bereich der Überlagerung zweier Blätter ein besonderer Effekt die Rotfärbung wesentlich schwächer ausfallen lässt. Merkwürdigerweise tritt dabei so etwas wie ein „Antischatten“ auf. Die Kontour des (bezüglich der Einfallsrichtung des Lichts) hinteren Blatts zeichnet sich auf dem vorderen ab. Weiterlesen

Eine Korona durch Seifenblasen?

Beim Fensterputzen gibt es zahlreiche Methoden. Hier wurde die Scheibe zunächst mit seifigem Wasser behandelt, die Spülung mit klarem Wasser steht unmittelbar bevor. Diesen Moment dazwischen nutzt die Natur gerade zu einer künstlerischen Darbietung, zu der vermutlich nur jemand einen Bezug hat, die oder der gerade nicht mit dem Fensterputzen befasst ist.
Man blickt hier nicht nur durch die benetzte Scheibe, sondern auch noch durch den Apfelbaum, in dem die tiefstehende Abendsonne hängt und auf unserer Netzhaut einen Eindruck von einer artifiziellen Baumkorona hinterlässt. Schaut man sich die Blasenflöße genauer an, so entdeckt man zahlreiche winzige Wassertropfchen, die sich in dem Maße bilden, in dem sich der Seifenlaugenfilm zwischen den Blasenflößen auflöst.
Ich vermute, dass diese kleinen, bereichsweise einheitlich großen Tröpfchen die Ursache für die Andeutung der Korona sind, die sich hier ansatzweise konzentrisch um die Sonne herum legt. Sie hielt sich leider nicht lange. Denn der nächste Schritt des Fensterputzens, die Spülung schuf klare Verhältnisse: Eine blitzblanke Scheibe mit ungestörtem Durchblick und ohne Dreckeffekt, will sagen: ohne Korona.  Ehrlich gesagt fand ich die verseifte Scheibe mit Korona schöner.

Was wären wir ohne Staub?

sonnenstrahlen_dscf5420Ohne den Staub,
worin er aufleuchtet,
wäre der Strahl nicht sichtbar.

André Gide (1869 – 1951)

Dass hier Lichtstrahlen durch die Öffnungen im Blätterdach der Bäume brechen, „sieht“ man nur, weil feinste Wassertröpfchen das Sonnenlicht, von dem sie getroffen werden, in alle Richtungen aussenden, sodass es auf diese Weise auch unsere Augen erreicht.
Daraus wird oft der Schluss gezogen, dass man Licht an sich nicht sehen kann. Dies sagt vielleicht etwas über die Vorliebe zu paradoxen Aussagen aber nicht zur Eigenschaft des Lichts.  Denn wie es unmittelbar einleuchtend (sic!) sein sollte, können wir nur etwas sehen, wenn Licht in unsere Augen fällt. Nur dadurch dass uns Gegenstände Licht zusenden, sieht man sie. Und wenn das Licht, das durch das Blätterdach fällt, nur gesehen wird, wenn Streuteilchen vorhanden sind, so spricht das nicht für dessen Unsichtbarkeit. Wir sagen ja auch nicht, Schall sei unhörbar, nur weil er in einer gegebenen Situation unsere Ohren nicht erreicht.

 

 

Von Kegeln und Sechsen

Warum hat eine Schultüte Kegelform? Weil vom Tag der Einschulung an alles darauf hinausläuft zu lernen, den Rauminhalt und die Oberfläche des Kegels berechnen zu können. Wofür braucht man das? Um die mathematischen Voraussetzungen dafür bereitzustellen, seinen Kindern eine Schultüte basteln zu können. Wenn man dann später auch noch in der Lage ist, seinen Enkelkindern eine Schultüte zu basteln, hat sich der ganze Aufwand doch wirklich gelohnt. Oder? Weiterlesen

Informationsflut in Tropfenform

Wenn nach einem Regenschauer die Fensterscheiben mit kleinen Tröpfchen besetzt sind, hat man den Eindruck, dass der Durchblick getrübt wird. Besonders störend wäre das beim Autofahren, wenn der Scheibenwischer nicht dafür sorgte, dass die Tropfen immer wieder weggewischt werden. Schaut man sich die Tropfen aus der Nähe an, so entdeckt man, dass sie ihrer Transparenz gehorchend mitnichten den Blick auf den Gegenstand, in diesem Fall ein Haus, verhindern, sondern ihn sogar vervielfältigen. Denn jeder Tropfen wirkt wie eine Sammellinse. Sie vernichten also keine Information, sondern erzeugen sie (jedenfalls im mathematischen Sinne). Ginge ein Bild verloren, so wären noch viele weitere Bilder vorhanden.
Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Zum einen steht das abgebildete Haus auf dem Kopf und ist sphärisch verzerrt. Gut, daran könnte man sich sogar gewöhnen, zumal die sichtbare Welt ohnehin überkopf auf die Netzhaut abgebildet wird. Durch die Tropfen betrachtet würde man die Welt sogar richtig herum auf der Netzhaut haben, obwohl das der Wahrnehmung nicht zugute kommt.
Zum anderen – und das ist das eigentliche Problem – bewirkt zu viel Information das Gegenteil: Desinformation. Man sieht das Haus vor lauter Häusern nicht mehr. Der Durchblick wird getrübt. Aber immerhin haben die Tröpfchenbildchen zu dieser Erkenntnis geführt, sodass auch eine getrübte Durchsicht dennoch zur Einsicht führen kann.

Hoppe hoppe, Reiter…

hoppe_hoppe_reiter_rv… wenn er fällt, dann schreit er.
Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben.
Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps!
Ein alter Kinderreim

Manche Bilder aus der Kindheit scheinen nie zu verschwinden. Bei diesem Anblick (Foto), ging mir ohne bewusste Gedanken dazwischen der alte Kindervers durch den Sinn verbunden mit dem Bild und dem nahezu authentischen Gefühl, wie ich auf den Knien meiner Mutter sitzend, beim „Plumps“ kopfüber nur ein Stück über dem Boden schwebte, um anschließend mit einem Anflug von Schwindel laut lachend wieder in die aufrechte Lage zurückzukommen, aber nur um die Aktion sofort zu wiederholen.
Wieso sitzt das so fest, wieso sind derartige frühe Erlebnisse offenbar lebenslänglich so präsent? Dagegen habe ich „wichtige“ oft gar nicht lange zurückliegende Dinge längs vergessen, woran ich manchmal peinlich erinnert werde. Oder sind diese frühen Erlebnisse gar nicht unwichtig? Wirken sie vielleicht auf eine „unterirdische“ Weise ganz anders als der vordergründige Inhalt auszusagen scheint?
Auf jeden Fall ist es eine frühe Form der Auseinandersetzung mit der Schwerkraft, die uns ein Leben lang betrifft. Aufrecht zu bleiben, obwohl uns alles zum Erdmittelpunkt zieht, macht uns vor allem in jungen Jahren und im hohen Alter zu schaffen. Sportliche Aktivitäten, Springen, Laufen, Schwimmen und andere Arten der Fortbewegung, aber auch Ballspiele sind alles auf Kraft  und Geschicklichkeit beruhende Bemühungen, die Schwerkraft zu überwinden, auszutricksen bzw. auszunutzen.
Energetisch betrachtet geht es in allen Fällen (sic!) darum, den bei der Annäherung des Körpers an die Erdoberfläche stattfindenden Übergang der Höhenenergie in Bewegungsenergie, so zu steuern, dass letztere zu einer Wiederentfernung von der Erde umgelenkt (z.B. elastischer Stoß) oder in einem der körperlichen Unversehrtheit zuträglichem Maße in thermische Energie der Umgebung umgewandelt wird.
Die Frage, ob man sich beim Fall der Erde nähert oder einem die Erde entgegenkommt, hängt davon ab, wo man sein Bezugssystem verortet, wie in der folgenden Situation eines stürzenden Menschen zum Ausdruck kommt, der dem Wein zu sehr zugesprochen hat: „Ich tastete mich durch den Hof, bis der Hof sich plötzlich erhob und mir kräftig eins auf die Schnauze gab. Aber ich ließ mich nicht zurückhalten, nahm, wenn auch wankend, meinen Weg wieder auf, mehrmals kam der Hof wieder hoch und verpaßte mir viele Abreibungen hintereinander“ (LuigiMeneghello. Wieder da! Berlin 1993).

Inverse Lichtsäule in der Abenddämmerung

Dort wo die Sonne im Begriff ist unterzugehen erhebt sich eine mächtige dunkle Säule. Sie erinnert an eine Lichtsäule, die manchmal oberhalb der Sonne erscheint. Vielleicht ist es ja eine von einer dunklen Hülle umgebene Lichtsäule. Schaut man sich das obere Ende an, so scheint das Sonnenlicht dort herauszustrahlen ;). Weiterlesen

Wäsche im Wind

solare_waescjetrocknung_rvTollt der Wind über Feld und Wiese,
Hat seinen Spaß er überall,
Aber am liebsten neckt er die Liese
Mit einem tückischen Überfall.

Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen,
Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein!
Um jedes Laken muss Liese ringen,
Jedes Stück will erobert sein. Weiterlesen

Schönheit aus dem Geiste der Korrosion

Als der Dachdecker das für Reparaturzwecke am Dach vorgesehene Walzblei ausrollte, staunte ich nicht schlecht. Der  Vorgang des Ausrollens lief wie die Präsentation einer Serie von Bildern abstrakter Kunst ab (siehe Fotos).
Normalerweise hat Walzblei ein einheitliches, leicht zwischen mattem Silber und Blaugrau changierendes Aussehen. Weiterlesen

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Vielleicht träumt die Eine oder der Andere vom fernen Strand, wenn er in der Alltagshektik über das Pflaster eilend überhaupt dazu kommt, den entsprechenden Gedanken Raum zu geben. Aber Raum braucht es dazu gar nicht so viel. Als ich nämlich kürzlich nach einem Regenschauer vom Wetter genervt durch die Stadt laufe, um der nächsten undichten Wolke zu entgehen, trifft mich – ich hätte beinahe gesagt, wie aus heiterem Himmel – ein verheißungsvoller Anblick, der sich ganz diskret in einer Wasserlache entfaltet. Weiterlesen

Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.
Weiterlesen

Schmetterlinge (5) – fliegende lebendige Blumen

Wer wird der Farben Meng´ und ihre Schönheit nennen,
Erzehlen und beschreiben können,
Mit welcher die Natur die kleinen Thierchen schmückt?
Wie mancherley hab ich mit innigem Vergnügen,
Nur bloß an Fliegen einst erblickt!
Woran die Farben sich recht wunderbarlich fügen,
Braun, gelblich, röthlich, schwartz und grau,
Grün, roth, gelb, hell- und dunckel-blau,
Bald Gold mit grün, bald Gold mit roth, gemenget;
Bald ist der Flügel künstlichs Paar
Wie ein Crystall so weiß, so klar; Weiterlesen

Ammoniten – Dauergäste in einem Hotel

Als ich mich in einem ganz normalen Hotel in einer deutschen Kleinstadt den Fahrstuhl meidend durchs Treppenhaus zum Frühstück begebe, überkommt mich plötzlich der Eindruck von Fossilien umgeben zu sein. Der Eindruck täuscht nicht, es ist wirklich so. Ein Innehalten, ein Blick auf die Fliesen des Bodens offenbaren vom Erdgeschoss bis zum 4. Stockwert eine ganze Palette geschliffener Ammoniten (unteres Foto), wie das hier dargestellte Prachtexemplar (oberes Foto). Weiterlesen

Vom Wandern und Bürsten

Beim Wandern im Wiehengebirge finden wir in der Gegend von Rödinghausen einladende Holzbänke zum Rasten vor. Die Bänke sind jeweils mit einer Bürste versehen, deren Verwendung aber nicht verraten wird. Stattdessen findet man folgenden Text: Mach mal Pause, dann lässt es sich doppelt so gut und fröhlich weiter wandern. Ihre Zahnärzte…Weiterlesen

Nur ein Blatt unter Blättern

In den schon zahlreich von den Bäumen abgeworfenen bzw. ihnen verlustig (nicht lustig!) gegangenen Blättern glaubte ich das Passfoto einer Person zu sehen. Aber es war nur ein Blatt, das bereits jetzt im Hochsommer fallen musste, bevor alles Grüne vom Baum entnommen worden war. Als ich das Blatt aufhob, war der Effekt dann doch nicht so stark wie auf dem Boden in der Gesamtheit der anderen Blätter. Weiterlesen

Haarscharf daneben

Ich war gerade dabei, die unterschiedlichen Grade des Himmelsblaus zu fotografieren, als mir ein Flugzeug samt üppigem Kondensstreifen in die Quere kam. Ich wartete also darauf, bis der Himmelsausschnitt wieder frei war. Doch in dem Moment schoss ein weiteres Flugzeug von rechts ins Blickfeld, das mir offenbar zu Hilfe eilen wollte, den Störenfried aus dem Bild zu schubsen. Er kam allerdings ein wenig zu spät :-).

Die andere Seite der Natur

Abend Eichendorff

Der Abend
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)

Der vorgezogene Herbst

In den letzten 6 Wochen kann man vermehrt beobachten, dass Bäume ihre Blätter verlieren. Anders als im Herbst, wenn vorher das wertvolle Blattgrün aus den Blättern abgezogen und eingelagert wird, findet man allerdings keine entgrünten und daher typisch die Rot- und Gelbtöne variierenden Blätter vor, sondern einfach vertrocknete und oft noch grüne Blätter (rechtes Foto). Selbst unter Nadelbäumen, die ihre Blätter normalerweise behalten, breiten an vielen Stellen unter sich einen grüner Teppich aus, so wie ich ihn ansonsten noch nie erlebt habe (linkes Foto).
Das alles geschieht aus Wassermangel und ist der extremen Trockenheit geschuldet, die die Bäume und andere Pflanzen in diesem Sommer über sich ergehen lassen mussten und in vielen Gebieten noch müssen. Die wenigen Regenschauer, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, sind nicht der Rede wert. Gräbt man im ausgetrockneten Boden, so stellt man fest, dass die Feuchtigkeit nur wenige Zentimeter an der Oberfläche ausmacht.
Ich bin gespannt, ob und wenn ja, welche Auswirkungen dieser massive Einschnitt in das Leben der Bäume haben wird. Werden sie im nächsten Frühjahr so tun, als ob nichts geschehen ist?
Und was wird aus dem Herbst, wenn die Blätter jetzt schon fallen, die Felder bereits abgeerntet, Blumen verblüht sind, bzw. wegen Trockenheit erst gar nicht dazu kommen?

Neun Himmel um den großen Stein Erde

Stein_Wellen_rvWie um einen Kiesel, den, wenn man ihn in einen See wirft, auf der Wasseroberfläche konzentrische Kreise umgeben, ordnen sich neun Himmel um den großen Stein Erde.

Weber, Anne (*1964); Besuch bei Zerberus; Suhrkamp Verlag, 2004. Weiterlesen

„Dummer Mensch“ – Schmetterlinge (3)

Ein kleiner brauner Schmetterling fliegt vor ihren Füßen auf; und setzt sich wieder, nur 3 Schritt weiter – und wieder auf :nur 3 Schrittchen weiter -?- bis Ann’Ev‘ tadlnd zu ihm sagt : „Dummer Mensch. Flieg doch nach rechts.“ (Da tut Der das auch.)

Arno, Schmidt: Abend mit Goldrand. Frankfurt 1975

Welchen Schmetterling Arno Schmidt im Auge hatte, weiß ich nicht. Mein Schmetterling, dem ich auf einem Baumstaumm sitzend begegnet bin, ist ein Großer Perlmutterfalter. Früher habe ich ihn öfter beobachten können, in den letzten Jahren hat er sich für mein Gefühl rar gemacht. Ich freue mich, hier meinen einzigen Perlmutterfalter dieses Jahres zeigen zu können.

Manche Schmetterlinge treiben wie Blätter auf einem Fluss (2)

Schmetterlinge in den Tropen aus der Gruppe Haeterini driften dicht über den Boden mehr als dass sie fliegen „wie Blätter auf einem Fluss“ (Philip DeVries). Dabei nutzen sie den zum Beispiel von Landungen eines Flugzeugs bekannten Bodeneffet aus. Wenn Flugzeuge landen, wird der Luftspalt zwischen Boden und Hinterkante der Flügel immer kleiner. Dadurch wird Luft gestaut, wodurch der Druck wächst und einen größeren aerodynamischen Auftrieb erzeugt. Das Flugzeug driftet dann gewissermaßen auf einem Luftissen, das sich mit ihm mitbewegt. Um diesen Effekt der Energieeinsparung noch zu optimieren, haben die Schmetterlinge verlängerte abgeschrägte Vorderflügel.
Wie in diesem Fall wird die Erklärung natürlicher Vorgänge oft mit Hilfe von einfacher durchschaubaren technischen Vorgängen veranschaulicht. Umgekehrt wird das so der physikalischen Beschreibung zugänglich gemachte Verhalten der Natur als Vorbild für die Verfeinerung entsprechender technische Verfahren herangezogen. Man spricht dann von Bionik oder genauer von Biometrik.

Das Foto zeigt allerdings nur einen Zitronenfalter, der es sich an einer Distelblüte gut gehen lässt.

Solare Wäschetrocknung und reflexive Bleichung

Dieser aus meiner Kindheit noch vertraute Anblick ist heute selten und damit zu einem Fotomotiv geworden. Obwohl wir ins Zeitalter der regenerativen Energiequellen einsteigen (müssen) ist uns der solare Wäschetrockner offenbar nicht mehr gut genug.
Die Szenerie zeigt darüber hinaus noch ein schönes Phänomen. Während die direkte Sonneneinstrahlung die bunten Farben der Wäschestücke gewissermaßen wegbleicht, werden diese durch die Reflexion im Wasser wieder zurückgeholt. Weiterlesen

Wege 8: Hängebrücken der besonderen Art

haengebruecke_schnecke_dscf02Lerne Schnecken zu beobachten.
Joseph Beuys

Schnecken gehen (mir) über alles (im doppelten Wortsinn). Sie beschäftigen mich als Hobbygärtner zwangsläufig, beeindrucken mich als Wissenschaftler und faszinieren mich als Beobachter von Alltagsphänomenen mit einem Blick für das Schöne. Sie machen mich dem Motto von Joseph Beuys entsprechend zum Künstler.
Bereits in früheren Beiträgen bin ich auf die Schnecken zu sprechen gekommen (zum Beispiel hier und hier und hier). Weiterlesen

Der Stein im Stein in der Steinmauer

stein_imstein_dsc05799rvDies ist ein Naturstein, der als Element in eine Steinmauer eingebaut wurde, wie oben an der Mörtelfuge zu erkennen ist. Das Besondere an diesem Stein ist, das in ihm ein vermutlich erdgeschichtlich viel älterer Stein eingelassen ist. Ich stelle mir die in erdgeschichtlich früher Zeit abgelaufenen Vorgänge so vor, dass Steinbrocken von weicher Erde, evtl. Sedimenten umgeben und schließlich ebenfalls zu Stein verfestigt wurden.

Erhaltungssatz der Materie

Dieses Foto zeigt kein modernes Kunstwerk, auch wenn man in die verschlungenen Linien einiges hineininterpretieren könnte; Pareidolien allemal.  Vordergründig handelt es sich um die Fraßspur einer Raupe, die hier auf dem Blatt eine zufällige oder – wer mehr darin sehen will – eine geheimnisvolle Spur hinterlassen hat. Da die Raupe selbst leider nicht mit aufs Foto wollte – sie seilte sich vorher etwas überstürzt ab, müssen wir mit ihren Hinterlassenschaften vorlieb nehmen, die wie dunkle Perlen den Weg über die offenbar schmackhafte Oberseite des Gurkenblatts säumen. Sie zeigen etwas über den anderen Weg aus, den des abgegrasten Grüns durch die Raupe hindurch. Weiterlesen

Organisch und streng geometrisch

Dünen beindrucken meist durch ihre organischen Formen. Neben der figuralen Ästhetik trägt dazu wohl auch unterschwellig der Gegensatz zu den anorganischen Sandkörnern bei, aus denen die Sandgestalten hervorgehen. Wenn dann wie im vorliegenden Fall auch noch das streng Geometrische in Form von geraden Linien, Dreiecken u.ä. ins Spiel kommt, wird ein weiterer scheinbarer Gegensatz zur Wirkung gebracht. Weiterlesen

An der Wurzel des Regenbogens

Springbrunnen_FarbenWo der Regenbogen auf die Erde trifft, soll bekanntlich ein Schatz zu finden sein. Ist er auch, aber anders als man denkt.
Als ich an einem sonnigen Tag am Springbrunnen saß, war mir als ob in den herunterfallenden, von der Sonne durchstrahlten Tropfen – kurz bevor sie auf die Wasseroberfläche des Teichs fielen – Farben aufleuchteten. Es war ein Eindruck, keine Gewissheit. Ich machte einige Fotos und konnte mich dann am Bildschirm davon überzeugen, dass der Eindruck nicht getrogen hatte. Ich sah zahlreiche bunte Lichtpfeile. Es waren die Spuren leuchtender Tropfen, die infolge der endlichen Belichtungszeit der Kamera etwas in die Länge gezogen wurden. Zunächst dachte ich, dass es sich um Fragmente des (normalen) Regenbogens handelte, die ich hier aufblitzen sah. Dann wurde mir aber klar, dass die Sonne bereits zu hoch stand, um noch im passenden Winkelbereich zu sein.
Woher kommen also diese Farben? Schaut man sich die Anordnung der Farben genauer an, so zeigt sich, dass sich nach oben hin eher die Blautöne zeigen, nach unten die Gelb- und Rottöne. Bei einem Regenbogen hätte es umgekehrt sein müssen. Bei diesem Gedanken wurde mir klar, dass dies nur für den normalen Regenbogen, den Regenbogen 1. Ordnung, gilt. Unter größerem Winkel ist noch der Regenbogen 2. Ordnung zu erwarten, der meist vergessen wird, weil er aufgrund einer zusätzlichen Reflexion in den Wassertropfen wesentlich lichtschwächer ausfällt und daher oft nicht zu sehen ist. Und außerdem ist bei diesem Bogen wegen der weiteren Reflexion die Farbreihenfolge umgekehrt: Blau außen, Rot innen. Mit anderen Worten, ich sah tatsächlich Fragmente des Regenbogens, allerdings des Bogens 2. Ordnung.
Zwar sind nicht die leuchtenden Tropfen direkt zu sehen, sondern nur ihre Lichtspuren, die sie während der endlichen Belichtungszeit auf dem Camerachip hinterlassen. Das macht die Sache nicht unbedingt unrealistischer. Denn auch unsere Augen sehen bewegte Vorgänge teilweise verschmiert. So nehmen wir Regentropfen meist als Fäden wahr, was wohl zu der Redensart geführt hat: „Es regnet Bindfäden“. Die in die Länge gezogenen leuchtenden Tropfen haben sogar einen Vorteil. Sie entfalten das punktuelle Farbphänomen zu einer größeren Sichtbarkeit. Ohne dies hätte ich die Farben wohl gar nicht wahrgenommen.
Teilweise kann man sogar das ganze Farbspektrum sehen, das dem durchlaufenen Winkelbereich des Tropfens entspricht (siehe unten rechts).
Die pfeilartige Zuspitzung der Lichtspuren ist übrigens auf den Kameraverschluss zurückzuführen, der beim Schließen den Lichtstreifen gewissermaßen abschnürt.

Die ebenfalls zu sehenden Blasen befinden sich auf der Teichoberfläche. Sie werden durch größere Tropfen hervorgerufen, die beim Sturz ins Wasser einen Hohlraum hervorrufen, in dem durch das über ihm wieder zusammenlaufende Wasser, eine Luftportion eingeschlossen wird, die dann als Halbblase zur Oberfläche steigt. Normalerweise platzt eine Blase mit einer reinen Wasserhaut sofort wieder. Da das Teichwasser aber teilweise durch tensidartig wirkende Stoffe biologischen Ursprungs entspannt wird, ist ihnen eine gewisse Lebenszeit beschieden. Man kann auf der Halbblase zumindest schemenhaft die komplexe Spiegelung der ganzen Umgebung sehen.

Der August

Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muß mähen.
Und wer mäht, muß säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Stockrosen stehen hinterm Zaun
in ihren alten, brüchigseidnen Trachten.
Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,
mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n,
die eine Reise in die Hauptstadt machten. Weiterlesen

Schmetterling (1) – wandelnde Blumen der Luft

Das Gras stand dicht…, und die Schmetterlinge, diese wandelnden Blumen der Luft, wimmelten wie Blätter im Herbst über die blumengeschmückten Wege.

aus: Felix Timmermans. Das Glück der Stille. Frankfurt 1997 Weiterlesen

Ein Pentagon im Garten

Polygone findet man in der Natur in den unterschiedlichsten Kontexten. Dabei kommt dem Sechseck eine besondere Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund finde ich es immer wieder eindrucksvoll, wenn manche Pflanzen es geradezu herausschreien, dass es auch andere regelmäßige Polygone gibt, zum Beispiel das Fünfeck oder auch Pentagon (vom altgriechischen πεντάγωνον). Ein Beispiel ist die Blüte des Zucchini, die mit einem konkaven Fünfeck in knalligem Gelb auf sich aufmerksam macht.
Als Nutzpflanze, bei der man es hauptsächlich auf die gurkenförmigen Früchte absieht, hat sie es außerdem schwer, den Blick des Menschen von Gemüse auf Schönheit zu wenden, auch wenn dies häufig sehr naheliegt und eine gegenseitige Wertsteigerung bewirken könnte.
Der „kleine Kürbis“, wie die Pflanze in der aus dem Italienischen stammenden Bezeichnung heißt, lässt die Fünfe aber manchmal auch gerade sein, indem er auch mal vier- und sechsstrahlige Blüten zu besten gibt.
In der Hoffnung, dass dieser Aspekt des Pentagons auch ein wenig gegen Politikverdrossenheit helfen möge :), empfehle ich, einfach mal die großen Blätter der Zucchini zu lupfen und die oft halbverborgenen Blüten in all ihrer Schönheit in Augenschein zu nehmen.

Herbstlöwenzahn im Hochsommer

Nachdem unser von Wildkräutern dominierter Rasen infolge des trockenen Sommers ein südländisches Outfit angenommen hat – dominierende Farbtöne: Gelb und Braun – tummeln sich darin massenhaft löwenzahnartige Blumen, die mit der Trockenheit offenbar besser zurechtkommen als das Gras und andere Pflanzen. Diese Pflanze – inzwischen weiß ich, dass es sich um den Herbstlöwenzahn handelt – unterscheidet sich in einigen Punkten wesentlich vom vertrauten Löwenzahn: Seine Stängel sind wesentlich länger, fester und nicht hohl. Außerdem trägt ein Stängel mehrere Blüten. Diese sind im Allgemeinen wesentlich kleiner als die des normalen Löwenzahns, etwa so groß wie eine 1 Euro große Münze.
Inzwischen sind die ersten Blüten auch schon weißhaarig geworden und sehen wie Pusteblumen en miniature aus. Mich wundert das massenhafte Auftreten dieser Pflanze, die mir in vergangenen Jahren nicht besonders aufgefallen ist.

Disteln – wehrhaft und filigran

Als Kind konnte ich Disteln nicht leiden, weil sie mich so manches Mal leiden ließen. Ihre Dornen sind nicht ganz ohne und das nicht ohne Absicht. Denn sie wollen sich nicht fressen lassen. Wer will das schon. Aber ich kann schwören, dass ich nie eine solche Absicht gehabt habe.
Dadurch dass biologisches Gewebe zu einer Spitze mit einer winzigen Fläche verjüngt wird, übt es bereits bei verhältnismäßig geringen Kräften, sehr große Drücke aus. Denn der Druck, mit dem der Dorn beispielsweise auf die Haut eines gefräßigen Tieres oder die Arme eines unvorsichtigen Kindes wirkt, ist gleich dem Quotienten aus Kraft und Fläche und daher bei gegebener Kraft umso größer, je kleiner die Fläche der Dornenspitze ist.
Die auf diesen physikalischen Gegebenheiten beruhenden negativen Kindheitserfahrungen haben den Blick für die Schönheit der Distel lange verstellt. Wenn ich an die Mariendistel denke, zeigt sich die Schönheit bereits darin, dass der korbförmige Blütenstand mit einer zwar rauen aber nahezu perfekten Kugelform beginnt, aus deren Oberfläche nach einem gleichzeitig ästhetisch ansprechenden und ökonomisch perfekten System die Dornen sprießen.
Später verschlanken sich diese Körbe und lassen die purpurfarbenen bis violetten Blütenblätter hervortreten, die besonders bei Bienen, Hummeln und Schmetterlingen beliebt zu sein scheinen. Jedenfalls war es kaum möglich,  eine Blüte ohne Insektenbesuch zu fotografieren (oberes Foto).
Anschließend sieht es so aus, als sei es mit der Ästhetik vorbei. Die Farben verblassen, die Hülle vertrocknet. Doch nach einiger Zeit scheint der Korb geradezu zu explodieren und lässt eine Unmenge an glänzend weißen, filigranen Federkronen hervorquellen, die jede mit einem glänzend dunklen Samenkorn versehen ist. An der Menge dieser flockigen Gebilde kann man bereits erkennen, dass sie eine sehr geringe Dichte haben müssen, um aus dem verhältnismäßig kleinen Volumen hervorzugehen.  In der Tat bestehen sie hauptsächlich aus Luft und einigen sehr leichten verzweigten Härchen. Durch diese Aufbauschung einer geringen Masse zu einem großen Volumen sind der Luftwiderstand und der Auftrieb groß, sodass schon ein kleiner Windhauch ausreicht, die Samenkörner weit fortzutragen.

Himmelsschauspiel während einer Bahnfahrt

Auf einer Bahnfahrt in den Abendstunden bot sich mir während zwei Stunden ein faszinierendes Schauspiel am westlichen Abendhimmel dar. Zunächst traten erste Zirren auf; teilweise gingen sie aus Kondensstreifen von Flugzeugen hervor. Dann tauchte die Sonne, die es plötzlich mit dem Untergehen sehr eilig zu haben schien, in diese Bewölkung ein und machte die Betrachtung wesentlich angenehmer. Sie war aber nicht allein, zu beiden Seiten zog sie im selben Abstand zwei Nebensonnen mit sich herab. Es sah aus als würde sie diese an der Leine führen. Im angloamerikanischen Sprachraum ist daher auch von sundogs, Sonnenhunden, die Rede.
Während der Fahrt, boten die Nebensonnen ständig wechselnde Anblicke. Die rasante Entwicklung der Zirrusbewölkung ließ sie in immer neuen Gewändern erscheinen sowohl was die Form als auch die Farbe betrifft.
Eine zusätzlicher Reiz, der der Betrachtung auch noch den Charakter eines Versteckspiels verlieh, bestand in der Dynamik meines Beobachtungpostens. Denn dieser war meist nicht in Ruhe, sondern in rasanter Bewegung, mit der folgenden Konsequenz: Je tiefer dieses „Sonnensystem“ sank, desto mehr verschwand es in nicht voraussehbarer Weise hinter Bäumen, Sträuchern und Gebäuden, um plötzlich mehr oder weniger stark verändert wieder aufzutauchen. Manchmal wurde der Anblick durch semitransparente Bäume optisch gesiebt; dann sah man durch diese natürlichen Siebe hindurch farbige Lichtfetzen huschen, die sich kurz danach wieder zu einer imposanten Himmelserscheinung aufrichteten.
Die Zeit verging wie im Fluge und war mehr als ein Ersatz für die vergessene Reiselektüre.

Wer sich dafür interessiert, wie es zu der Naturerscheinung der Nebensonnen kommt, erhält hier eine kurze Information. Häufig verfangen sich die Nebensonnen auch in Kondensstreifen von Flugzeugen.