//
Artikel Archiv

Physik im Alltag und Naturphänomene

Diese Kategorie enthält 715 Beiträge

Von wegen kosmisch – eher komisch.

Als ich gegen Abend aus dem Fenster dem Sonnenuntergang hinterherblicke, durchzuckt es mich kurz, weil ich ein außergewöhnliches kosmisches Ereignis zu sehen vermeine. Sind das die Geminiden, die heute zu erwarten sind, sozusagen sorgfältig aufgereiht?
Die Zuckung ist umsonst, ich habe nur kurz vergessen, dass ich der Jahreszeit gemäß eine Lichterkette angebracht habe, deren Spiegelung in der Fensterscheibe sich mit dem Sonnenuntergangsfarben des Himmels überlagert. Was rein visuell nicht zu trennen ist, muss manchmal gedanklich vollzogen werden.

Advertisements

Naturschöne Abstraktion

Nicht nur die Fensterscheiben in einem ausgekühlten Haus überziehen sich mit einer Gänsehaut aus Tröpfchen, auch das Glasdach des Wintergartens zeigte sich von seiner künstlerischen Seite.
Manchmal sind die Tropfen an Fensterscheiben regelmäßig, manchmal unregelmäßig geformt. Eine frisch geputzte Scheibe schmückt sich meist mit eher regelmäßig angeordneten Tröpfchen, die bei geeigneten Sichtverhältnissen wie eine natürliche Vervielfältigung des vom Blickpunkt der einzelnen Tropfen Gesehenen wirkt. Bei verschmutzten Scheiben entstehen meist unregelmäßig berandete Tropfen mit der Folge, dass diese kleinen Minilinsen zu entsprechend verformten Abbildungen führen. Weiterlesen

Staubflusen und Wollmäuse – Wesen komplexer Verhakungen (hangups)

Staubflusen treten nicht sofort in Erscheinung, sondern erst, wenn sie eine von der Wahrnehmungs- und Schmutztoleranz der jeweiligen Bewohner abhängige kritische Größe überschritten haben. Sie werden meist als störend bis abstoßend empfunden, obwohl sie selbst durch gegenseitige Anhänglichkeit entstehen und dabei zuerst die physikalische und dann die psychologische Sichtbarkeitsschwelle überschreiten. Weiterlesen

Kalte Fenster – Geburtsstätte für Wassertröpfchen

Als wir in das ausgekühlte Ferienhaus ankommen, können wir uns während des Bemühens die Zimmer warm zu bekommen, zwischenzeitlich schon einmal über ein Kunstwerk freuen (siehe Foto), das in dem Maße auf den Fensterscheiben Gestalt annimmt, wie im Zimmer die Temperatur steigt.
Durch die Tröpfchen hindurch schimmert die Struktur einer aus einzelnen Holundersträuchern bestehenden Hecke, die ihre Blätter verloren haben.
Die Gesamtstruktur dieser Büsche lächelt uns tausendfach kopfstehend in den einzelnen Tropfen entgegen. Denn diese verhalten sich wie kleine Sammellinsen. Sie bilden die Büsche auf unsere Netzhäute ab – kopfstehend. Weiterlesen

Ich bin Feuer und Flamme für die Kerze – 2. Advent

Zündet man eine Kerze an,
erhält man Licht.
Vertieft man sich in Bücher,
wird einem Weisheit zuteil.
Die Kerze erhellt die Stube,
das Buch erleuchtet das Herz.“

Aus China

Lichttechnisch gesehen ist die Kerze ein Fossil, aber ein liebenswertes, das nicht mehr notwendigerweise der Beleuchtung, sondern eher der Erleuchtung und der Schaffung einer stimmungsvollen Atmosphäre dient. Die Menschen, die seinerzeit auf die Kerze als Beleuchtungsmittel angewiesen waren, sahen die Situation daher weitaus nüchterner. Selbst der Dichterfürst Goethe, sonst um keine poetische Wendung verlegen, stellt schlicht fest:

Wo Lampen brennen, gibts Ölflecken,
wo Kerzen brennen, gibts Schnuppen,
die Himmelslichter allein
erleuchten rein und ohne Makel.

Weiterlesen

Eine kleine extrasolide Modellerde

Ich besitze seit längerem eine fein polierte Steinkugel, die durch eine schöne Struktur besticht. Als sie kürzlich vor mir auf einem weißen Blatt Papier lag, war mir, als blickte ich auf eine unbekannte Erde, sozusagen aus dem Weltraum. Denn es zeigte sich, dass sie von einer zarten blauschimmernden Atmosphäre umgeben zu sein scheint. Dass man den Blauschimmer nur sieht, wenn man tangential auf den Rand der Kugel blickt, könnte man sich damit erklären, dass der Blick durch eine vergleichsweise lange Strecke der Atmosphäre geht, sodass sich die Lichtstreuprozesse bis zur deutlichen Sichtbarkeit aufsummieren. Weiterlesen

Wenn herbstliche Farben vom Himmel fallen

Der Herbst macht alles bunt. Nun hat zwar zumindest meteorologisch gesehen bereits der Winter begonnen, aber so streng richten sich die Jahreszeiten, so wie wir sie uns denken, nicht nach dem Kalender. Als die Sonne überraschenderweise durch die Wolken bricht, setze ich mich für einen Moment in Erinnerung an die vielen schönen Tage, die ich in diesem Jahr hier verbracht habe, an den inzwischen sehr trostlos dreinschauenden Teich. Weiterlesen

Vielschichtige Umtriebe im Latte Macchiato

Schlichting, H. Joachim. Spektrum der Wissenschaften 12 (2018), S. 62 – 63

Manche heißen Flüssigkeitsgemische bilden beim Abkühlen physikalisch interessante Strukturen.

Ein Mathematiker ist eine Maschine,
die Kaffee in Sätze verwandelt.
Alfréd Rényi (1921–1970) Weiterlesen

Eine Kerzenkorona zum 1. Advent

1_AdventIn früheren Zeiten waren die einfachverglasten Fensterscheiben im Winter oft beschlagen und trübten den Durchblick. Entschädigt wurde man dafür manchmal durch einen schönen Anblick: Durch die beschlagene Fensterscheibe hindurch betrachtet erschien eine Lichtquelle von mehr oder weniger farbigen Ringen umgeben. Weiterlesen

Rätselfoto des Monats Dezember 2018

Wie kommt es zu diesen Lichtschweifen?

 


Erklärung des Rätselfotos vom Vormonat:

Frage: Warum rotiert die Kugel fast reibungsfrei?
Antwort: Im öffentlichen Raum trifft man oft Kunstwerke in Form von rotierenden Steinkugeln an. Sie sind passgenau in eine sphärische Lagerung eingelassen und werden von einem dünnen Wasserfilm getragen. Dadurch wird die Reibung mit dem Untergrund so stark herabgesetzt, dass die oft tonnenschweren Kugeln mit Hand in Drehung versetzt werden können. Oft behalten sie diese Drehung sehr lange bei, weil sie wegen der großen Masse ein sehr großes Trägheitsmoment besitzen. Daher sind die wegen der geringen Reibung nur geringen Energieverluste kaum zu bemerken.
Das Wasser wird in der Mitte unter der Kugel in den Zwischenraum gepresst und tritt an der oberen Kante der Lagerung wieder aus. Bei den großen Kugeln im öffentlichen Raum ist man meist überrascht, wie gering die ausströmende Wassermenge und wie dünn der Wasserfilm sind. Eine Postkarte lässt sich normalerweise nicht in den Zwischenraum zwängen. Da solche Kugeln oft im öffentlichen Raum stehen, wird dies schon aus Sicherheitsgründen erforderlich, damit Kinder nicht ihre Finger dazwischen stecken können. Dieser geringe Zwischenraum bedeutet, dass die polierten Kugeln äußerst präzise gearbeitet sein müssen. Angesichts dieser Präzision kann man sie trotz der geringen Komplexität und der Gewöhnlichkeit des Materials als High-Tech-Produkte ansehen.
Der Druck, mit dem die Kugel in der Schwebe gehalten wird ist erstaunlich gering. Er wird dadurch aufrechterhalten, dass durch einen Zufluss in der Mitte der Kugelkalotte Wasser in den Zwischenraum gepresst wird. Dieses erzeugt einen Keil zwischen Kugel und Lagerung und trennt beide voneinander.

Wärmende Abwärme

Da sage noch einer, die Abwärme einer Heizung gehe ungenutzt durch den Schornstein. Auf diesem Foto ziehen zwei Krähen an einem kalten Novembertag unmittelbaren Nutzen aus den periodisch aufsteigenden und den Edelstahlabzug aufheizenden Abgasen. Ich beobachte die beiden eine Zeit lang und stelle fest, dass sie sich nach welcher Regel auch immer, abwechseln. Jeder darf mal auf dem Rand des Abzuges sitzen und sich die warme „Luft“ direkt durch die Federn ziehen lassen. Ja, selbst wenn die Abgase aktiv durch den Schlot ziehen, versuchen die beiden die Stellung zu halten.
Der Schornsteinfegermeister meinte nach der Überprüfung der Heizungsanlage im Spaß, die Anlage sei so sauber, dass man die Luft inhalieren könnte. Interessant, dass den Vögeln offenbar die Wärme so wichtig ist, dass sie die Beeinträchtigungen (Gestank, Geräusch?) über sich ergehen lassen.

Aufgehender Vollmond um Mitternacht?

Ich habe bereits früher darauf hingewiesen, dass einer meiner Lieblingsautoren, Arno Schmidt (1914 – 1979) mit großer Lust und oft sarkastisch Schriftstellerkollegen für physikalisch ungenaue und unmögliche Passagen kritisiert (z.B. hier und hier und hier und hier und hier und hier). Dabei spielen die Mondphasen eine wichtige Rolle. So schreibt er in „Und es blitzten die Sterne…“: Leopold Schefer, bekanntlich einer meiner Lieblinge, kriegt das leider auch fertig, in seinem Gedicht „Nordlicht“ zu schwelgen:

„Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf,
bang ächzend schwirrt die Eule wieder um,
die alte Weide leuchtet wie ein Geist,
und nach der Sterne Stand ist’s Mitternacht.“

Sorry! : das, was um Mitternacht aufgeht, kann nur ein abnehmender Halbmond sein. (Und man komme mir, bitte, nicht mit ‚Stimmung‘ und ähnlich feinsinnigen Ausreden; da frage ich nur zurück : hätte er nicht auch sagen können, „denn feurig geht der Halbmond gar nun auf`“?).

Auf dem Foto geht der Vollmond auf, während die Sonne untergeht, wie man deutlich an den rötlichen Teint des Münsteraner Schlosses erkennen kann. Dass der östliche Himmel auch einen leichten Rotschimmer hat, ist nicht die Dämmerung, sondern die Gegendämmerung.
Ob Eduard Mörike in seinem Gedicht „Früh im Wagen„, in dem er die Situation korrekt beschreibt, Schmidts Lob geerntet hätte? Ich bin mir da nicht sicher.

Von Sanddünen und Sandrippeln

In der nächsten Zeit werdet ihr hier in unregelmäßigen Abständen kleine Episoden aus der Wüste vorfinden, in die ich mich kürzlich für einige Zeit verbannt hatte, um für den angehenden Winter mit der Aufnahme von Sonnenenergie etwas vorzusorgen. Weiterlesen

Fundstück: Magnetischer Wüstensand

Die „Wüste“ von Maspalomas (Gran Canaria) zu durchqueren, kann eine ganz schön sandige Angelegenheit sein, insbesondere wenn ein Sandsturm dabei ist, die Dünen von den Spuren der Touristen zu säubern und nach seinem Gusto umzugestalten. Dabei entstehen immer wieder neue Muster aus schwarzem und hellem Sand, der ständig durchmischt und auch wieder zu ästhetisch ansprechenden Schwarzweißbildern entmischt wird (oberes Foto). Weiterlesen

Erklär‘ mir, warum der Nachthimmel dunkel ist

Warum ist der Nachthimmel dunkel? (Zur Vergrößerung auf Bild klicken!) Das ist für viele Menschen eine dumme Frage, weil sie tautologisch anmutet. Ist nicht die tiefe Nacht fast ein Synonym für Dunkelheit? Sinnvoll wird die Frage erst aus physikalischer Sicht. Denn sie ist physikalisch voraussetzungsvoll. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hat sich in ihrem Roman Vorliebe mit dieser Frage auseinandergesetzt und ich möchte sie sprechen lassen:
„Erklär‘ mir, warum der Nachthimmel dunkel ist“. Weiterlesen

Schatten im Blick? – Ein Blick auf Schatten

Im Wallraf-Richartz-Museum in Köln ist zurzeit eine Ausstellung zu sehen, in der der Besucher auf einer Art Schatten-Spurensuche in ausgewählten Grafiken von der frühen Neuzeit bis ins 17. Jahrhundert geführt wird. Gezeigt werden u.a. Werke von Dürer, Rembrandt, Saenredam. Für mich war es insbesondere interessant, die Parallelität der Entwicklung der Vorstellungen von Schatten in den Naturwissenschaften und der Kunst in den Blick zu nehmen. Weiterlesen

Sonnenuntergänge – zwischen Naturphänomen und Poesie

Die Sonne war prachtvoll untergegangen, und das schönste Abendrot zog lieblich hintennach. »Wenn ich ein Landschaftsmaler wäre,« rief Demetri, »ich malte ein ganzes Jahr weiter nichts als Lüfte, und besonders Sonnenuntergänge. Welch ein Zauber, welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel, und Wolkenformen und heiterm Blau! Es ist die Poesie der Natur. Gebirge, Schlösser, Paläste, Lusthaine, immer neue Feuerwerke von Lichtstrahlen, Riesen, Krieg und Streit, flammende Schweife wechseln mit neuen Reizen ab, wenn das Gestirn des Tages in Brand und Gluten untersinkt. Aber leider mit eurem Licht in der Malerei sieht es übel aus!«
»Und was man davon malen kann,« fuhr ich fort, »dauert nur wenig Momente; die glücklichste Phantasie und Empfindung gehört dazu, es aufzubewahren,
nach Hause zu tragen, und wunderbare Kunst, es täuschend langsam hinzupinseln.«

Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln. Stuttgart 1986

Ein kurzer Blick hinter den Horizont

Die Sonne ist bereits untergegangen. Der graue Himmel enthält nur noch einige blasrötliche Reminiszenzen eines relativ unspektakulär zu Ende gegangenen Tages. Dann aber dies: Wie von einem Feuerstreif wird die herbstliche Szenerie durchschnitten. Ein Flugzeug zieht einen hell erleuchteten Kondensstreifen hinter sich her. Es fliegt offenbar so hoch, dass die Wassertröpfchen seines Schweifs noch von den hellen Sonnenstrahlen des abgetauchten Tagesgestirns getroffen werden und das Licht diffus reflektieren. Auf diese Weise wird das Sonnenlicht umgelenkt und belichtet meine bereits auf Grau eingestimmten Netzhäute…

Zufall? Zufall!

Bei physikalischen Untersuchungen von Wüstensandproben, hatte ich mehrere Blatt Papier mit kleinen Sandproben versehen. Als der Hund meiner Tochter mich stürmisch begrüßen wollte, versuchte ich zu retten, was zu retten war. Hinterher zu meinen Sandproben zurückkehrend, hatte sich das Exemplar mit dunklen Sandkörnern zu einer Pareidolie verschoben. Zunächst glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, denn der Sandhund schaute mich intensiv aus hellen Augen an und erinnerte mich irgendwie an einen Se(e)hhund:-).
Das brachte mich natürlich dazu. wieder einmal über den Zufall nachzudenken. Letztlich fiel mir aber nur ein Satz von Friedrich Engels ein dass nämlich, „… das Zufällige einen Grund hat, weil es zufällig ist, und ebenso auch keinen Grund, weil es zufällig ist“.
Da die Pareidolie nicht nur merkwürdig, sondern m.E. auch schön ist, erscheint sie hier.

Die Schatten werden länger…

Es ist spät am Nachmittag. Die Sonne versinkt langsam hinter einem Bergzug und der dadurch hervorgerufene Schatten bewegt sich unaufhörlich auf die Stadt zu, die vorerst noch im vollen Sonnenlicht liegt. Das ist noch nicht der Schatten, den man Nacht nennt. Denn der Schattenbereich wird noch von dem an den Luftmolekülen gestreuten Himmelslicht (Rayleigh-Streuung) aufgehellt. Erst wenn die Sonne soweit unter den Horizont gesunken ist, dass die Luftmoleküle über uns nicht mehr von ihrem Licht erreicht werden, wird es vollends dunkel.

Fraktale Rinnsale am Sandstrand

Diesen Stein hatte ich am Sandstrand vor Eintreten der nächtlichen Flut ein Stück in den Sand eines leicht abschüssigen Überflutungsgebietes am Strand gedrückt, sodass er nicht gleich vom Ansturm der Flut weggeschoben würde. Am nächsten Morgen sah es dann so wie auf dem Foto aus. Der Stein ist nicht nur tiefer in den Sand eingesunken, sondern sammelt in der Vertiefung, in der er sich befindet, das im Sand gespeicherte Wasser der Umgebung, das dann an der tiefsten Stelle (im oberen Bildteil) zum Meer hin überläuft.  Weiterlesen

Ein altes Phänomen im neuen Licht

Schlichting, H. Joachim. Physik in unserer Zeit 49/6 (2018) S. 307

Neue LED-Leuchtmittel in der Straßenbeleuchtung führen unter dem Blätterdach von Bäumen dank der geometrischen Anordnung der LEDs zu auffälligen Abbildungen auf dem Boden.

Wenn eine helle Lichtquelle durch kleine Öffnungen strahlt, so kann man in der Projektion auf dem Boden, an der Wand o.Ä. Lichtmuster erkennen, die dieForm der Lichtquelle haben. Es handelt sich um Lochkameraabbildungen, die wegen des krassen Unterschieds zwischen der Helligkeit der Lichtquelle und der Umgebung meist nur die Lichtquelle wiedergeben. So kann man beispielsweise im Schattenbereich eines Blumenstraußes, der von einer nackten Glühlampe oder von einer anderen Form der Lichtquelle durchleuchtet wird, merkwürdige Lichtkringel erblicken, die sich als Abbildungen des jeweiligen Leuchtkörpers entpuppen. Ähnliche Abbildungen findet man bei der Sternlampe in einem Kinderzimmer. Weiterlesen

Schattenperformance im Wüstensand

Die Frage, ob Schatten sich bewegen oder nicht hat bereits Philosophen bewegt. Das Problem hängt meist an einer weiteren schwierigen Frage, ob nämlich der Schatten eine eigene Realität besitzt oder nicht. In der Literatur hat diese Frage zumindest in Adelbert von Chamissos (1781–1838) wundersamer Geschichte von Peter Schlemihl eine eindeutige Antwort erhalten. Weiterlesen

Erlebte Perspektive grotesker Schatten

Wenn man am Morgen kurz nach Sonnenaufgang bei Sonnenschein in den Sanddünen wandert, wird man nicht nur durch die Strukturen belohnt, die der Wind in der Nacht aus der Mischung der hellen und dunklen Sandkörnchen gebildet hat, sondern auch durch die vielfältigen Schatten, die von einer Düne auf die folgenden geworfen wird und dadurch ein ganz anderer Eindruck erweckt wird als bei bedecktem Himmel oder hochstehender Sonne.
In einer solchen Situation wird man nicht selten vom eigenen Schatten überrascht, insbesondere dann, wenn er ungewöhnliche Formen annimmt. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn er sich über mehrere Dünen erstreckt und  auf diese Weise geknickt und zerschnitten wird, wenn er auf eine Schräge fällt, die gerade dem Einfallswinkel des Sonnenlichts entspricht oder sogar gespensterhaft auf dem Treibsand zu sehen ist. Weiterlesen

Ein Farbenfest der Fünfzähligkeit

In südlichen Breiten ist man ganzjährig von farbenprächtigen Blüten umgeben. Ich bin insbesondere von den Hibiskusblüten beeindruckt, die hier in zahlreichen Variationen anzutreffen sind. Auf dem Foto sieht man eine voll entfaltete Blüte mit ihren prachtvollen Stempeln und Staubgefäßen in äußerst verlockenden Farben. Wer von den Insekten da noch zögert, ist selber schuld.
Dominierend ist hier – wie so oft im Bereich der belebten Natur – die Fünfzähligkeit. Die fünf Kronblätter leuchten hier in einem satten Rot, sie können aber auch andere Farben aufweisen. Die Staubfäden der zahlreichen Staubblätter sind zu einer langen Röhre zusammengewachsen, die weit aus der Blüte herausreicht. Wenn ich recht informiert bin, dient diese sogenannte Columna der Verhinderung der Selbstbestäubung. Besonders eindrucksvoll sind die fünf ausgreifenden Griffeläste mit ihren samtenen Narben.

Nur ein Nachen auf dem Wasser

Vor einiger Zeit habe ich über den jungen Sichelmond berichtet, wie er aufgrund seiner Nähe zur untergehenden Sonne eine gute Anschauung zu den Mondphasen liefert. Diese in unseren Breiten meist fast aufrecht stehende Sichel wird in der Nähe zum Äquator oft ziemlich oder ganz flach wie ein Schiffchen angetroffen. Das erinnert mich an eine Geschichte aus der Kindheit, in der der Mond als Nachen bezeichnet und fast genau so dargestellt wurde, wie es auf diesem Foto zu sehen ist, vielleicht sogar noch etwas flacher. Weiterlesen

Wind, Sand und Struktur

Das Walroß und der Zimmermann,
Spazierten hier am Strand
Und weinten herzlich über den
Entsetzlich vielen Sand:
„O weh und ach!“ so seufzten sie,
„Der Sand nimmt überhand!“
„Wenn sieben Mägde sieben Jahr
Hier täglich siebenmal kehren,

Ob sie dann wohl“,
das Walroß sprach,
„Den Strand vom Sand entleeren?“
Wohl schwerlich“,
sprach der Zimmermann
Und weinte heiße Zähren. Weiterlesen

Fließender Schatten

Obwohl Schatten nur Löcher im Licht sind, gibt es Situationen, in denen er uns wie eine dunkle Flüssigkeit vorkommt (siehe Foto). Diese Flüssigkeit scheint sogar die Fähigkeit zu haben, der Schwerkraft trotzend auf der einen Seite der Düne bergauf zu fließen, um sich dann in den durch die Sandrippel geformten Rinnen auf der anderen Seite wieder hinabzuschlängeln :-).

 

Serpentinen – schlängelnde schiefe Ebenen

Wenn man durch die Bergwelt Gran Canarias fährt oder gar wandert, fallen u.a. die Serpentinen auf, die sich an den Bergen entlang schlängeln. Das Schlangenhafte liegt auch dem Wort Serpentine zugrunde und ist sicherlich das auffälligste Merkmal, insbesondere dann wenn man die endlos erscheinende Kurverei selbst durchmacht. Von oben sieht dann alles sehr friedlich aus, auch deshalb weil man endlich oben ist.
Der Sinn des Schlängelns liegt in der Verringerung der Steigungen, was nur mit einer Verlängerung des Weges zu erreichen ist. Dadurch wird die zur Überwindung der Steigung aufzubringende Kraft reduziert, denn man muss pro Streckeabscnitt, also beim Gehen pro Schritt eine geringere Höhe überwinden. Das kommt sowohl dem Wanderer als auch den vornehmlich für die flache und nicht für die schiefe Ebene konstruierten Fahrzeugen zugute.
Physikalisch gesehen gehört eine solche schiefe Ebene zu den einfachen Maschinen. Dabei geht man im Idealfall davon aus, dass die aufzuwendende Energie unverändert bleibt: Die Kraftersparnis wird gewissermaßen durch eine Wegverlängerung erkauft.
Das bezieht sich allerdings nur auf die Höhenenergie. Denn zur Fortbewegung auf einer Straße ist zur Überwindung der Reibung ebenfalls Energie aufzuwenden und die ist natürlich umso größer, je länger die Straße ist.
Beim Wandern im Gebirge sieht man manchmal „wilde“ Abkürzungen zwischen zwei Windungen einer Serpentine. Sie zeugen davon, dass einige Wanderer den Weg verkürzen wollen. Sie machen sich dabei aber oft nicht klar, dass der Kraftaufwand entsprechend größer wird und sich à la longue in körperlicher Erschöpfung äußern kann, bevor das Ziel erreicht ist.

Das Hässliche neben dem Schönen

Indem ich über die Dünen dem Meer zustrebe, sehe ich schon von weitem etwas in der Sonne blendend hell aufleuchten. Bei näherer Betrachtung weicht die positive Überraschung der Enttäuschung, nun auch schon hier in der zumindest äußerlich sauberen, jeden Tag vom Wind gefegten Dünenlandschaft Plastikmüll vorzufinden. Weiterlesen

Kippfiguren in freier Natur

Optische TäuschungNoch eimal weiße Säulen. Bekannt ist die optische Täuschung (Figur-Grund-Wahrnehmung), wonach ein Bild von einer Version in eine andere kippt. Oft wird dieses Phänomen mit einer Vase demonstriert, deren Profil ein Gesicht zeigt. Bemerkenswert daran ist, dass man nur eine Version, Vase oder Gesicht, allgemeiner: Figur oder Grund, wahrzunehmen imstande ist, sodass die Wahrnehmung ständig zwischen beiden Versionen hin und her kippt.
Ich war bislang davon ausgegangen, dass dieses Phänomen in der freien Natur nicht vorkommt. Nun habe ich aber doch eines für einige Tage vor Augen. Auf der Terrasse meines derzeitigen Hotels sehe ich das vorliegende Bild. Wenn ich etwas verträumt darauf blicke, werde ich durch einen merkwürdigen Eindruck „geweckt“: Ich sehe altmodisch gedrechselte dunkle Säulen mit leuchtend grünem Unterteil. Natürlich rückt meine Wahrnehmung den Eindruck sofort wieder zurecht. Säulen sind es schon, die ich sehe, aber sie sind weiß und geben in ihren Zwischenraum den Blick auf einen ebenfalls profilierten Hintergrund frei. Auf dem Foto kann ich den Kippvorgang nahezu beliebig oft wiederholen, obwohl es etwas länger dauert, die „falsche“ Version hervortreten zu lassen. Wie geht es meinen Leser*innen damit?

Das Land mit den blauen Schatten

So sieht der Blick gemalt aus, den ich einige Tage* vor Augen haben werde, wenn ich nicht gerade am Strand bin, um mich u.a. an den unterirdischen Vorgängen von Ebbe und Flut zu erfreuen, die sich äußerst subtil akustisch wie visuell für diejenigen offenbaren, die nicht nur mit verstöpselten Ohren am Ufer entlang joggen. Weiterlesen

Schmelzende Eisberge

Schlichting, H. Joachim. Spektrum der Wissenschaft 11 (2018) S. 68 – 69

Schwimmendes Eis taucht in Salzwasser weniger tief ein als in Süßwasser. Das gilt auch für Eisberge, weshalb sie mehr Flüssigkeit enthalten, als sie verdrängen. Dadurch hebt sich bei ihrem Abschmelzen der Meeresspiegel ein wenig.

Die Würde, die in der Bewegung eines Eisbergs
liegt, beruht darauf, dass nur ein Achtel von ihm
über dem Wasser ist
Ernest Hemingway (1899 – 1961)

Auch schmelzendes Packeis trägt – wenn auch minimal – zum Anstieg des Meeresspiegels bei (bei tief stehender Sonne vom Flugzeug aus fotografiert) –>

 

Weiterlesen

Rätselfoto des Monats November 2018

Warum rotiert die Kugel fast reibungsfrei? Weiterlesen

Dahinten liegt Afrika…

Das letzte Kapitel, das ich geschrieben habe, hieß: Sonnenuntergänge. Wissen Sie, die Tatsache, daß die Tage enden, ist einfach genial. Ein geniales System. Erst Tage und dann Nächte. Und wieder Tage. Das hört sich banal an, hat aber etwas Geniales. Dort wo die Natur beschließt, sich selbst Grenzen zu setzen, entlädt sich eine Sensation. Sonnenuntergänge. Wochenlang habe ich sie erforscht. Es ist nicht so leicht, einen Sonnenuntergang zu erfassen. Er hat seine Zeiten, seine Ausmaße, seine Farben. Und da nicht ein Sonnenuntergang – nicht ein einziger, sage ich – dem anderen gleich ist, muß man als Wissenschaftler die jeweiligen Besonderheiten zu unterscheiden wissen und das Wesentliche herausarbeiten bis man in der Lage ist zu sagen, dieses ist ein Sonnenuntergang, der Sonnenuntergang schlechthin. Langweile ich Sie?“*

Die Farben eines Sonnenuntergangs sind die Kehrseite des Himmelsblaus. Da das Licht der Sonne beim Untergang einen sehr langen Weg durch die untersten und daher dichtesten Schichten der Atmosphäre zurücklegen muss, wird sehr viel Licht, vorwiegend kurzwelliges (violetes und blaues) Licht gestreut (Rayleighstreuung). Es bleibt also vorwiegend langwelliges (gelbes und rotes) Licht übrig.


*Alessandro Baricco. Oceano Mare – Das Märchen vom Wesen des Meeres. München 2001.