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Physik und Kultur

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Viskoses Verästeln in Physik und Kunst

Im Rahmen der nichtlinearen Physik stehen oft Experimente im Vordergrund, die im weitesten Sinne mit Strukturbildung zu tun haben. Diese Strukturen und ihre dynamischen Veränderungen sind oft von großem ästhetischem Reiz. Lange bevor im heutigen Sinne von nichtlinearer Physik die Rede war, haben Künstler wie etwa Max Ernst bestimmte Maltechniken benutzt, die heute im Rahmen der nichtlinearen Physik von Interesse sind.

Max Ernst nutzt beispielsweise die Bildung von fraktalen Formen durch die Décalcomanie genannte Technik, bei der er mit einem Pinsel Deckfarben auf einem Blatt Papier verteilt, ein zweites Blatt auf die frische Farbe legt und dann beide Blätter trennt, indem er sie vorsichtig auseinanderzieht. Die dadurch entstandenen Zufallsgebilde, die Assoziationen von Felsen, Wasser- und Korallenlandschaften wachrufen, werden von Ernst gezielt eingesetzt, um das schöpferische Potenzial des Unbewussten fruchtbar zu machen. Diese Art der Formfindung kann als konsequente Umsetzung der surrealistischen „écriture automatique“ in der Malerei angesehen werden. Allerdings half der Maler dem Zufall etwas nach, indem er die natürlicherweise entstandenen Strukturen der künstlerischen Absicht entsprechend in entscheidenden Details veränderte.

Derartige fraktale Gebilde kann man genießen, man kann sich aber auch dadurch motivieren lassen, ihr Zustandekommen verstehen zu wollen. Denn es sind einfache, aber nichtlineare Mechanismen, die dieser Strukturbildung zugrunde liegen.
Für eigene Experimente besonders geeignet sind Overheadfolien. Dazu bekleckst man die Folie z.B. mit Öl- oder Akrylfarbe. Man kann sie aber auch weiter künstlerisch gestalten. Anschließend legt man vorsichtig eine zweite Folie darüber und presst beide sorgfältig zusammen, sodass keine Luft mehr zwischen ihnen eingeschlassen ist. Anschließend zieht man die obere Folie wieder ab. Da die Natur sich gegen ein Vakuum sträubt, ist das nur möglich, wenn von den sich trennenden Rändern der Folien her Luft eindringt. Dabei muss sie die dickflüssige Farbe verdrängen. Wenn aber ein Fluid, hier die Luft, ein dickflüssigeres (viskoses) Fluid (hier die Farbe) verdrängt, dann geschieht dies nicht auf breiter Front, sondern erfolgt durch viskoses Verästeln. Die dadurch entstehende fraktale Struktur macht den Reiz des entstehenden Bildes aus, die auch Max Ernst und andere zu schätzen wussten.

Kooperation zwischen Kunst und Physik

Diese Sandstruktur ist am Strand enstanden, indem ich die Gezeiten zu Gestaltbildung ausgenutzt habe. Konkret habe ich im Gezeitenbereich aus dem schwarzweißen Sandgemisch eine Figur modelliert und sie dann der Flut überlassen. Stunden später kam dieses „Kunstwerk“ dabei heraus. Physikalische Vorgänge durch Zufall und Notwendigkeit waren hier in einer für mich nur im Prinzip durchschaubaren Weise am Werk.

Was wissen wir?

Jeder Stern, den wir sehen und erst recht all die unzähligen Sterne, die uns verborgen bleiben, können als Sinnbild unseres beschränkten Horizonts angesehen werden. Interessanterweise sehen wir die Sterne nur in der Dunkelheit der Nacht, wenn wir (fast) alles andere, für unser Leben Wesentliche nicht sehen. Das Tageslicht beschränkt uns auf die für unser Leben und Überleben relevante Sphäre.

In einer einige Jahre zurückliegenden Rezension von Petra Wiemann heißt es: „Für den von Platon inspirierten Physiker Sir Roger Penrose ist die Wirklichkeit in der Sprache der Mathematik geschrieben.  Unsere Welt besteht aus drei miteinander verbundenen Sphären:
Jede der drei Welten – die materielle Welt, die Welt des Bewusstseins und die platonische Welt – entsteht jeweils aus einem winzigen Stück einer der anderen. Und es ist immer das absolut vollkommene Stück. Wenn Sie sich den gesamten materiellen Kosmos ansehen, so ist unser Gehirn ein ungeheuer winziger Teil dieses Kosmos. Aber es ist der Teil von ihm, der vollkommen organisiert ist. Verglichen mit der Komplexität eines Gehirns ist eine Galaxie nur ein lebloser Klumpen. Das Gehirn ist das erlesenste Stück materieller Wirklichkeit, und genau dieses Stück bringt die geistige Welt hervor, die Welt des bewussten Denkens.“

Daran möchte ich einige Gedanken anschließen: Ich frage mich nämlich, ob eine Galaxie wirklich ein lebloser Klumpen ist? Würde unser Gehirn rein materiell betrachtet nicht ebenso leblos erscheinen? Entscheidend scheint mir aber die Frage, woher nehmen wir die Gewissheit, dass wir mit unserem Gehirn als winziger Teil des unüberschaubar großen Kosmos etwas Umfassendes und Gültiges über das ihn Bergende zu sagen vermögen. Denn einerseits nehmen wir mit unseren Sinnen einschließlich der sie verlängernden Technik nur einen völlig irrelevanten anthropomorphen Ausschnitt aus der Gesamtheit der Welt wahr. Andererseits ist es nach unseren eigenen Denkregeln gar nicht möglich, dass ein winziger Teil des Ganzen eben dieses Ganze in einer auch nur annähernd zutreffenden Weise zu umfassen und zu verstehen vermag.
Sicher, auch das was ich hier schreibe unterliegt diesen prinzipiellen Einschränkungen und bringen einmal mehr zum Ausdruck, dass wir uns im Kreise drehen. Doch ebenso wie der Tanz eine sehr elegante und gegebenenfalls auch aufregende Bewegung sein kann, können wir in ähnlicher Weise unser Denken und die Wohltaten, die auf der Grundlage dieses Denkens hervorgebracht werden, genießen und zum Wohle unserer und nachfolgender Generationen einsetzen. Wir müssen es aber auch tun.

Fensterblicke

Wenn man ein solches Gebäude mit gekrümmten Fassaden erblickt, wird man vielleicht an moderne Architektur à la Hundertwasser erinnert… Aber nein, nicht wirklich. Denn die Linien sind doch wohl etwas zu umstürzlerisch. Außerdem erscheinen sie genau in den Kreuzungen der Sprossen des Fensters, durch das man blickt zusammengezogen zu werden. Man wird ziemlich schnell das Fenster im Verdacht haben. Richtig, es handelt sich um eine Doppeltverglasung und die führt in den meisten Fällen dazu, dass die Scheiben infolge unterschiedlichen Luftdrucks innerhalb und außerhalb der Scheiben deformiert werden. Diese Deformationen führen meist zu kissenförmigen Verzerrungen der Gegenstände, die man im Blick hat.
Aber wie wäre es, wenn wir gar keinen Hinweis auf das Fenster hätten? Würden wir dann die Realität anders wahrnehmen. Würden wir etwa davon ausgehen, dass gesehene Gegenstände je nach Blickwinkel ihre äußere Form ändern? Welche Wirklichkeitsauffassung resultierte daraus? Ich will den Gedanken nicht weiterspinnen, obwohl er geeignet ist, einige stillschweigende Voraussetzungen der Wahrnehmung zu unterminieren. Und da wir nun mal nicht ständig durch Fenster blicken, sind diese Fragen außerdem sehr hypothetisch. Sind sie das wirklich? Sind nicht auch unsere Augen eine Art Fenster? Jedenfalls blicken wir durch den Glaskörper, die Linse, die Hornhaut und nehmen alles auch noch auf dem Kopf stehend wahr. Ist das wirklich vertrauenswürdig? Nun, wir haben nichts Besseres und kommen in der Regel bestens damit zurecht – von Augenfehlern einmal abgesehen. Jedenfalls macht unser Gehirn aus den Seheindrücken die schöne, stabile, in Senkrechten und Waagerechten normierbare Welt. Aber ist nicht gerade darin das Problem zu sehen? Sind wir noch Herr im eigenen Hause?

Wolke und Liebe

Hier sind zwar drei Wolken zu sehen. Sie gingen allerdings aus einer Wolke hervor. Das erinnerte mich an das Gedicht von Brecht, wo schließlich nicht mehr sondern weniger als eine Wolke zu sehen war.

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.


Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.


Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind
*

Ich werde ab heute wieder einmal einige Tage in der netzfreien Zone an der Nordsee verbringen. Teilweise habe ich für die nächsten Tage aber bereits vorgesorgt. Auf mögliche Kommentare gehe ich dann nach meiner Rückkehr ein.


* Bertolt Brecht (1898 – 1956), aus: Erinnerung an die Marie A.

Ein aufrechter Knoten

Dieses Kunstwerk, das ich fast völlig abgeschnitten von der größeren Öffentlichkeit in einem ostfriesischen Garten entdeckte, ist rein topologisch gesehen ein Knoten, so wie er beispielsweise von Maurits Cornelis Escher in mehreren 2D-Versionen geschaffen wurde. Knüpft man nämlich einen einfachen Knoten in ein normales Band und vereinigt die beiden losen Enden miteinander, so kommt man zu einem solchen Gebilde. Natürlich sieht es dann nicht so gut aus, weil es völlig schlaff und unaufgerichtet daherkommt, aber es zeigt uns im Vergleich zum Kunstwerk auf dem Foto, dass die Grundidee oft ganz einfach und alltäglich ist. Sicherlich war dies dem Künstler bewusst.

Zur Macke-Ausstellung in Münster

In Münster geht diese Woche eine eindrucksvolle Macke-Ausstellung zu Ende. Wer es aus dem Umkreis von Münster bis zum Wochenende noch einrichten kann, sollte diese Ausstellung unbedingt besuchen. Sie ist reichhaltig, mit vielen (für mich) neuen Bildern Mackes (und einiger Zeitgenossen) bestückt, wozu insbesondere auch einige seiner zahlreichen in Notizbüchern gezeichneten Skizzen zählen.
Besonders hervorzuheben ist, dass hier endlich mal auch die oft unterschätzte Bedeutung der Frau der Künstler explizit zur Sprache kommt bis hin zur Feststellung, das Elisabeth Macke sogar an einigen Bildern mitgewirkt hat.

Der neue einige Jahr alte Anbau des Museums ist für sich genommen sehr interessant, zeigt er doch zahlreiche Phänomene wie Reflexionen, täuschende Fluchten und Perspektiven, sowie Licht- und Schattenphänomene.

Übrigens, was im oberen Foto rechts neben dem großen Plakat wie ein realistische Gemälde aussieht, ist ein Fenster nach außen, das u. A. einen kleinen Teil des alten Gebäudes des Museums zeigt.

Die ehrwürdige Kommunistin

niemals strauchelt die flechte.
ihre werke mißlingen nicht.
vergesellschaftet hat sie,
höre ich, ihre produktionsmittel,
die ehrwürdige kommunistin
*

Dies ist eine Strophe aus dem Langgedicht von Hans Magnus Enzensberger, der in einer Flechte mehr sieht als einen Pilz. Er rechnet die Flechte zu den intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten.
In einem frühern Beitrag bin ich kurz auf die Biologie der Fleichte eingegangen.


* Aus: Hans Magnus Enzensberger. Blindenschrift. Frankfurt 1980, S. 71f

Wege 21: Kein Weg oder Kunst im Wald

War es ein Witzbold, der diese nicht wirklich ernst zu nehmende Barriere vor einem Waldweg anbrachte? Kann man wirklich hoffen, eine reale Gegebenheit, hier einen Weg, dadurch aus der Welt schaffen, dass man sie einfach verbal für nichtig erklärt?
Oder handelt es sich um ein modernes Verbotsschild, dass der Weg auf den Berg hinauf nicht mehr benutzt werden darf? Immerhin klingt es besser als: „Betreten des Weges verboten!“. Aber was sollte das für einen Sinn haben, wo man sich doch jeden anderen Weg durch den Wald selbst wählen könnte, wie man es beispielsweise beim Pilzesuchen tut: Dort wo man geht ist ein Weg. Etwas allgemeiner könnte man auch das moralische und selbstverpflichtenden Obligat bemühen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Die Situation ist irgendwie kafkaesk, denn bleibt die Frage nach dem Gesetz, dem hier Ausdruck verliehen werden soll: Unsere Gesetze sind nicht allgemein bekannt, sie sind Geheimnis der kleinen Adelsgruppe, welche uns beherrscht. Wir sind davon überzeugt, daß diese alten Gesetze genau eingehalten werden, aber es ist doch etwas äußerst Quälendes, nach Gesetzen beherrscht zu werden, die man nicht kennt.*

Es könnte also sein, dass das „K“ in „KEIN“ für „Kafka“ steht und „EIN WEG“ übrig bleibt. Aber dann wäre das Schild überflüssig.

Wenn man sich der Situation von Seiten der Kunst nähert, wird man vielleicht an René Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“ (Dies ist keine Pfeife) als Unterschrift einer realistisch gemalten Pfeife erinnert. Denn man es nicht mit einer realen Pfeife zu tun, die man rauchen könnte, sondern mit der Abbildung einer solchen, was eben ein großer Unterschied ist. Bezogen auf das vorliegende beschriftete Holzgestell könnte man sogar à fortiori sagen, es ist nicht einmal eine Abbildung eines Weges aber auch keines Weges (was immer das sein könnte).

Immerhin wird auch hier die Beziehung zwischen dem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner Repräsentation angesprochen und das nicht in einer philosophischen oder kunsthistorischen Vorlesung/Abhandlung, sondern im Wald. (Ich glaub‘ ich bin im Wald.)

Schon diese Gedanken, die mir beim Anblick des Werks kommen, zeigen eine gewisse Bedeutung, sodass ich nicht zögere von einem „Kunstwerk“ zu sprechen. Es ist zudem handwerklich professionell gefertigt, geometrisch exakt mit plakativen Druckbuchstaben und steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zu der natürlichen Umgebung.


* Franz Kafka. Zur Frage der Gesetze. In: ders., Sämtliche Erzählungen. Frankfurt 1970, S. 314

So leben wir alle Tage…

Bei diesem Anblick kam mir der Song auf die Lippen: „So leben, so leben wir, so wir alle Tage…“ Ich musste einen Moment nachdenken, bis mir die Reichweite dieser Assoziation bewusst wurde.

Der Glorie schimmernd Rad…

Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund
Wie Irrwischflämmchen aufgestellt.
Die Winde keucht, es rollt der Hund,
Der Hammer pickt, die Stufe fällt,
An Bleigewürfel, Glimmerspat
Zerrinnend, malt der kleine Strahl
In seiner Glorie schwimmend Rad
Sich Regenbogen und Opal.*


Dies ist eine Strophe aus dem für mich geheimnisvollen Gedicht „Die Erzstufe“ von Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848), in dem sie sich bestimmten Aspekten des Bergbaus lyrisch nähert und dabei Naturbilder benutzt, die ganz andere Assoziationen hervorrufen. Ich sehe in den Lämpchen, die in der Sonne strahlenden weißen Köpfe der Pusteblume. Darin leuchtet eine durch Interferenz an den feinen Verästellungen der Pappusse hervorgerufene „Glorie“ in Spektralfarben, die wie ein Opal irisiert. Ein vergleichbares Irisieren sieht man zum Beispiel auch in den Distelsamen.


* Annette von Droste-Hülshoff: [Die Ausgabe von 1844], S. 173. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7909 (vgl. Droste-SW Bd. 1, S. 127)

Wie Wolken gemacht werden

Früher gaben Kraftwerke vor allem giftige Verbrennungsgase ab. Mit der Abwärme wurden vor allem Flüsse aufgeheizt-beides extrem umweltschädliche Vorgänge. Inzwischen wird die Abwärme in riesigen Kühltürmen zur Verdunstung von Wasser beseitigt. Das sieht man in den teilweise riesigen Dampffahnen, in denen der zu kleinen Wassertröpfchen kondensierte warme Wasserdampf in die Umwelt entlassen wird. Die Abgase werden größtenteils durch Filter beseitigt. Dennoch ist auch diese Technik umweltschädigend wie man an dem großräumigen unmittelbaren Eingriff in die natürliche Umwelt auf dem Foto eindrucksvoll vor Augen geführt bekommt. Der Eindruck, dass es sich um eine Fabrik zur Produktion von Wolken handelt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Warum schwebt ein Heißluftballon?

Ich bekomme immer wieder Anfragen zu Alltags- und Naturphänomenen und werde in Zukunft meine Antworten auch als Blogbeitrag bringen. Ich werde die Erklärungen mit einem Wort Einsteins so einfach wie möglich formulieren, aber nicht einfacher. Diesmal geht es um die Frage, warum ein Heißluftballon in der Luft schweben kann.

Warme Luft steigt auf. Der Grund dafür ist, dass sich Luft bei Erwärmung ausdehnt. Man sagt auch, sie wird leichter und meint damit, dass ihre Dichte abnimmt. Die kältere und daher schwerere Umgebungsluft wird stärker von der Erde angezogen und drückt die leichtere erwärmte Luft nach oben weg.
Daraus entstand schon sehr früh der Gedanke, heiße Luft in einen Ballon zu füllen und diesen dann aufsteigen zu lassen. Allerdings war die Umsetzung der Idee insofern schwierig, als die Dichteabnahme der Luft durch Erwärmung so gering ist, dass man schon einen sehr großen Ballon mit heißer Luft füllen muss, um zum einen den Ballon selbst und zum anderen auch noch die Nutzlast, z.B. einen Menschen in die Luft gehen zu lassen.
Die ersten erfolgreichen Konstrukteure eines solchen Heißluftballons waren die Brüder Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier. Weil man der Sache noch nicht so ganz traute, gingen am 4. oder 5. Juni 1783 als erste Passagiere ein Hahn, eine Ente und ein Schaf in die Luft. Aber schon kurze Zeit später, am 21. November 1783 stiegen als erste Ballonfahrer der Geschichte Jean-François Pilâtre de Rozier und François d’Arlandes mit dem Ballon auf.
Heute kann man Heißluftballons häufig beobachten. Meist hört man den Ballon bevor man ihn sieht. Denn da sich die heiße Luft ständig abkühlt, muss sie in kurzen Abständen mit einem Gasbrenner wieder aufgeheizt werden. Das charakteristische Geräusch des brennenden Gases ist zumindest auf dem Lande schon von weitem zu hören.
Den hier abgebildeten Ballon habe ich vor ein paar Tagen in den Abendstunden von meinem Balkon aus aufgenommen. Soweit ich es sehen konnte, war nur eine Person an Bord bzw. im Korb (linkes Foto).

Ein alter Baum

Auf einer Wanderung in der Nähe des Zwischenahner Meeres trafen wir auf eine alte Buche, die bereits ihre Krone und zahlreiche Äste verloren hat (linkes Foto). Außerdem ist sie von Fäulnis befallen und mit Zunderschwämmen übersät (mittleres Foto). Letzteres ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der Baum geschwächt ist. Die verbliebenen Äste scheinen dem Zustand durch üppig grüne Blätter zu trotzen.
Obwohl der Baum als Solitär an einem unauffälligen Waldweg steht, ist er mit zahlreichen eingeritzten Botschaften versehen. Da die Wundheilung die Ritzung der ursprünglichen Form nach überwulstet, bleibt die Information diese Art Tattoos auch lange Zeit nach ihrer Entstehung erhalten. Die älteste noch zu entziffernde Ritzung an diesem Baum stammt aus dem Jahre 1937 (rechtes Foto Mitte).
Was den einen oder anderen erstaunen mag ist die Tatsache, dass sich diese Ritzung noch immer auf derselben Höhe befindet, wie bei ihrer Entstehung. Das liegt an der Art und Weise, wie ein Baum wächst.

In Zahlen waschen wir das Unreine…

Wie kaum ein anderer Dichter hat sich Bertolt Brecht (1898 – 1956) mit der Mathematik und den Naturwissenschaften auseinandergesetzt. Dabei muss man nicht nur an das „Leben des Galilei“ denken, in dem er entscheidende Ideen der neuzeitlichen Physik auf eindrucksvolle Weise auf den Punkt bringt. Es ist überliefert, dass Brecht die Entwicklungen in der modernen Physik des 20. Jahrhunderts aufmerksam verfolgte und beispielswiese 1930 einen Vortrag über Kausalität von Albert Einstein hörte und bewunderte. So blieb es nicht aus, dass Ideen der Physik insbesondere in seine Vorstellungen über das neue Theater eingeflossen sind. Beispielsweise stellte er sich New Yorker Theaterleuten im Jahr 1935 mit den Worten vor: „Ich bin der Einstein der neuen Bühnenform“.
Natürlich war Brecht nicht gefährdet, mathematisch naturwissenschaftliche Ideen auf die Probleme der Gesellschaft zu übertragen. Eher ging es ihm darum, die Diskrepanz zwischen den Kalkulierbarkeiten der Naturwissenschaften und der gesellschaftlichen Wirklichkeit sichtbar zu machen. So auch in dem Fragment gebliebenen Gedicht „Gespräch über den Alltagskampf“. Es wiurde in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben und für ein Stück über Rosa Luxemburg (1871 -1919) gedacht.

Gespräch über den Alltagskampf
Mit zwanzig hätte ich gern Mathematik studiert und Sternkunde
In den Zahlen waschen wir das Unreine
Aus Geschehen und Körpern. Selbst das Zufällige, das
Uns so quält in den Kämpfen, erscheint
In den Wahrscheinlichkeitskalkulationen
der Mathematik gebändigt. Die großen
Bewegungen der Gestirne gestatten
Gute Voraussagen. Auch da
Sind die Kugeln im Weltraum nicht völlig rund, die Kurven
Gespräch über den Alltagskampf
Nicht ganz stetig, aber beobachtet über Sternjahre
Und Weltraumentfernungen befriedigen sie
den ordnenden Geist.
Auch hättest du, Mathematik studierend und Sternkunde an statt
Politik und Wirtschaft, weniger Betrug getroffen. Die Sternbahnen
werden nicht so verheimlicht als die Wege der Kartelle. Der Mond
Klagt nicht auf Geschäftsschädigung.
*

* Bertold Brecht. Gesammelte Werke 10. Gedichte 2. Frankfurt 1967, S. 966

Holzquerschnitte lassen tief blicken

Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass in den Querschnitten gefällter Bäume einiges aus der vergangenen Geschichte des jeweiligen Baums zu erfahren ist. Einige Beispiele habe ich in diesem Blog bereits gezeigt. Eigentlich wollte ich dieses Foto eines Baumquerschnitts nur zeigen, weil ich es von den Farben und der Struktur her schön finde. Doch bei näherem Hinsehen zeigen sich Anomalien im Wachstumsprozess. Einige Jahresringe haben Einbuchtungen, die in einem bestimmten Jahr beginnen und sich nach außen hin verstärkend fortsetzen. Was mag der Ursprung für diese Störung des Wachstums gewesen sein?

Kinder des Lichts und der Nacht

Wir stammen, unsrer sechs Geschwister,
Von einem wundersamen Paar,
Die Mutter ewig ernst und düster,
Der Vater fröhlich immerdar.

Von beiden erbten wir die Tugend,
Von ihr die Milde, von ihm den Glanz;
So drehn wir uns in ewger Jugend
Um dich herum im Zirkeltanz.

Gern meiden wir die schwarzen Höhlen
Und lieben uns den heitern Tag,
Wir sind es, die die Welt beseelen
Mit unsers Lebens Zauberschlag.

Wir sind des Frühlings lustge Boten
Und führen seinen muntern Reihn,
Drum fliehen wir das Haus der Toten,
Denn um uns her muß Leben sein.

Uns mag kein Glücklicher entbehren,
Wir sind dabei, wo man sich freut,
Und läßt der Kaiser sich verehren,
Wir leihen ihm die Herrlichkeit.


Die sechs Geschwister, die freundlichen Wesen,
Die mit des Vaters feuriger Gewalt
Der Mutter sanften Sinn vermählen,
Die alle Welt mit Lust beseelen,
Die gern der Freude dienen und der Pracht
Und sich nicht zeigen in dem Haus der Klagen –
Die Farben sinds, des Lichtes Kinder und der Nacht.

Friedrich Schiller, 1804
Aus der Sammlung Rätsel aus Turandot

Optische Täuschung und Wirklichkeit

Dieser Anblick ist real. In einer Felsgrotte aufgenommen, die in ihren unterschiedlichen Kammern mit farbigem Licht bestrahlt wird. Beim Betrachten des Fotos gibt es unterschiedliche Sehweisen – unsere Wahrnehmung wird getäuscht, wenn wir nicht auf der Hut sind. Man achte insbesondere auf die beiden Spitzen in der rechten Bildhälfte, die – kämen sie zusammen – sich zum größten Teil aufheben würden.

Spirale 15 – eine eingerollte Gebärde

Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder manchen Treppen den Augen darstellt. Doch sobald wir uns daran erinnern, daß reden erneuern heißt, können wir eine Spirale ohne Mühe definieren: es ist ein Kreis, der aufsteigt, ohne je imstand zu sein, sich zu schließen. Die meisten Leute, ich weiß es wohl, würden es nicht wagen, auf diese Weise zu definieren, weil sie annehmen, daß definieren das aussagen heißt, was die anderen hören möchten, und nicht das, was man sagen sollte, um zu definieren. Besser gesagt: eine Spirale ist ein virtueller Kreis, der sich aufsteigend entfaltet, ohne je zu seiner Verwirklichung zu gelangen. Aber nein, diese Definition ist ebenfalls noch abstrakt: Ich werde eine konkrete Formulierung suchen und alles wird klar sein: eine Spirale ist eine Kobra, die sich vertikal nicht einrollt.*


Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. München 1987, S.: 292

Das Schöne muss nicht erklärt werden…

Als ich diese Holzstruktur eines in der Brandungszone des Meeres liegenden angeschwemmten Baumes entdeckte, war ich vom ersten Moment an von der Naturschönheit fasziniert. Der Baum wurde im ewigen Wellengang allmählich dekonstruiert und dabei in ein Naturkunstwerk (ein schönes Oxymoron) umgewandelt. Mir fiel dazu der Vers eines Gedichts von Christian Morgenstern ein:

Der Quellnixe wehendes Fontänenhaar.**

Ich machte mir Gedanken, wie es wohl zu dieser ästhetisch ansprechenden Gestalt gekommen sein mag, bis mir einfiel, dass man Schönheit gar nicht erklären muss – wohl auch deshalb, weil man es nicht kann. Sagte nicht bereits Friedrich Schiller (1759 – 1805):

Schön, kann man also sagen, ist eine Form, die keine Erklärung fordert, oder auch eine solche, die sich ohne Begriff erklärt„.*


* Friedrich Schiller. Unsterbliche Hoffnung. Wien und Stuttgart 1952, S. 73
** Christian Morgenstern. Stufen. München 1984. S. 41

Lichtspiele im Glashaus

Ob der Architekt dieses Raumes die Phänomene eingeplant hat, die der aufmerksame Beobachter hier am Abend erleben kann, wenn es draußen dunkel wird und die indirekte (unter der Sitzbank angebrachte) Beleuchtung eingeschaltet wird? Ich denke schon, denn die Installation ist so präzise durchdacht, dass die hervorgebrachten Lichtstrukturen kaum ein zufälliger Nebeneffekt der Beleuchtungseinrichtung sein können.
Besonders auffällig ist das halbkreisförmig gekrümmte Lichtband, das wie ein monochromer Nebelbogen außerhalb des Raumes wahrgenommen wird. Hervorgerufen wird es durch die leicht kegelförmig gekrümmte Glaswand die einen Teil des von unterhalb der kreisförmigen Sitzbank spiegelnd reflektiert wird. Da wegen der beginnenden Dunkelheit außerhalb des Gebäudes dem Betrachter kaum störendes Licht von außerhalb des Gebäudes entgegenstrahlt, ist die Spiegelung deutlich zu erkennen.
Bei unkritischer Betrachtung könnte man den Eindruck gewinnen, als würde der unterhalb der Bank zu sehende leuchtenden Lampenbogen durch die Spiegelung einfach ein Stück angehoben. Das ist natürlich nicht der Fall. Verfolgt man nämlich die Lichtwege unter Berücksichtigung des Reflexionsgesetzes (Einfallswinkel = Reflexionswinkel), so erkennt man, dass der rechte Teil des gespiegelten Lichtbogens durch den linken Teil der Leuchten hervorgebracht wird. Entsprechendes gilt für die andere Seite. Die Steinsäule in der Mitte des Raums verdeckt gerade den Zwischenraum zwischen den beiden reflektierten Teilbögen und erweckt den Eindruck eines einheitlichen Reflexbogens.
Das Foto wurde im Foyer des modernen Ausstellungsbaus des Deutschen Historischen Museums in Berlin aufgenommen. Der Architekt des Anbaus an das alte barocke Zeughaus ist Ieoh Ming Pei, der für eindrucksvolle Licht- und Schatteneffekte in seinen Konstruktionen bekannt ist. Er ist u. A. der Architekt der Glaspyramide im Innenhof des Louvre.

Kunst im Wald

Anstatt Landschaftsmalerei Malen in der Landschaft. Tote Objekte -zerfallende Baumwurzeln, abgehackte Bäume u. Ä. werden mit Farbe und künstlerischer Fantasie zu neuem Leben erweckt. Jedenfalls war ich auf einer Wanderung im Wiehengebirge, in dem diese Kunstwerke zu bestaunen sind, überrascht und erfreut zugleich. Auf eine Kunstausstellung war ich nicht eingestellt. Ich gestehe, dass ich nach dem vorausgegangenen Anblick einiger traurig stimmender abgestorbener Baumgruppen durch diese liebevolle künstlerische Auseinandersetzung mit dem präkären Zustand des Waldes einigen Trost empfand. Aber auch unabhängig davon gilt:

Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten

Joseph Beuys (1921 – 1986), von dem dieser Ausspruch stammt, hätte sich über diese künstlerischen Aktivitäten und Aktionen sicherlich gefreut. Nicht dass die Wälder es nötig hätten auf diese Weise aufgewertet zu werden, aber der Gedanke, dass die Wälder und mit ihnen die Grundlagen unseres Lebens bedroht sind, kann uns mir solchen Aktionen vor Augen geführt werden.
Ganz abgesehen davon kann eine kleine Kunstausstellung im Wald einen zusätzlichen Reiz ausüben, insbesondere dann wenn dabei Wurzeln und andere Baumreste im Spiel sind, die man normalerweise gar nicht zur Kenntnis genommen hätte.


Mit dem Mond ist nicht gut Fische fangen…

Die Mondkurre

In der Himmelssee,
muss man sich placken,
damit es sich lohnt
bei der Sternfischerei.

Orion heißt mein Boot,
Mars ist mein Topplicht,
die Venus mein Lot,
meine Kurre der Mond.

Die Mondkurre soll
zum Teufel versacken!
Es tagt, und ich hab nicht
einen Fingerhut voll*

.

.

Um das Gedicht, insbesondere den Misserfolg des Sternfischers in der Himmelssee zu verstehen, muss man wissen, dass eine Kurre ein netzartiges Gebilde ist, in dem die Fische gefangen werden. Der gute Fischer hat sich dabei ausschließlich auf die Ähnlichkeit der Sichelform der Kurre mit dem Mond verlassen und dabei vergessen, dass der Mond diese Form nur jeweils ein paar Tage beibehält. Ein Vollmond wäre sogar völlig ungeeignet.


* Hans Leip (1893 – 1983). Die Hafenorgel. Ebenhausen bei München 1977

„Feurig geht der Vollmond um Mitternacht auf…“

Dürfen Schriftsteller und Poeten „lügen“, indem sie Situationen beschreiben, die es so nicht geben kann? Ich maße mir nicht an, dies beurteilen zu wollen. Das müssen die Poeten unter sich ausmachen. Arno Schmidt ( 1914 – 1979) ist einer unter ihnen, der seine Kollegen immer wieder tadelt, wenn sie seiner Meinung nach  in dieser Hinsicht Fehlverhalten zeigen. Dabei nimmt er ein Wort von Samuel Butler (1835 – 1902) zum Motto: „I don’t mind lying, but I hate inaccuracy!“. Diese Ungenauigkeit wirft Schmidt zum Beispiel einem seiner Lieblingsautoren vor: Weiterlesen

Pfingsten – Frühlingsfest – Lichtfest

Obwohl Pfingsten ein religiöses Fest ist, verbinde ich damit aus meiner Kindheitserinnerung das Frühlingsfest. Mit den Pfadfindern fuhren wir auf ein Pfingstlager, bei dem Lagerfeuer und Licht eine große Rolle spielten. Licht – wie es hier im Kölner Dom an Weihrauchdämpfen gestreut als VoLumen sichtbar wird und in der Natur in dem nunmehr allenthalben überbordenden Grün zum Ausdruck kommt – ist die Quelle des irdischen Lebens überhaupt. An dieser Stelle treffen sich Religion und Naturwissenschaft: Der grüne Farbstoff der Pflanzen, das Chlorophyll, wandelt das Sonnenlicht in Biomaterie um und ist damit eine wesentliche Voraussetzung für das Leben auf der Erde.

Grün – die Farbe des Frühlings

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Die Blaue Stunde

H. Joachim Schlichting. Spektrum der Wissenschaft 5 (2021), S. 80 – 81

Es war die Stunde, in der das Licht
die Farben noch nicht hervorgeholt hat

Jorge Luis Borges (1899 – 1986)

Das Licht der tiefstehenden Sonne wechselwirkt maximal mit der Ozonschicht. Dabei werden vor allem Gelb- und Orangetöne absorbiert. Das von Blau dominierte durchgelassene Licht wird in der Atmosphäre gestreut. Weiterlesen

Übergänge 4

Die neuen Strukturen erwachenden Lebens werden begleitet durch die schöne Musterung der durch den Zerfall freigelegten Blattadern der Reste des vergangenen und nunmehr zerfallenden Lebens. Es ist eine Erinnerung daran, dass der Zerfall kein Ende und damit endgültige Vergängnis darstellt, sondern einen Übergang, bei dem die Zerfallsprodukte Ausgangspunkt für das Kommende bedeutet.

Das Foto zeigt die gelben Sterne des Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das auf einem Teppich von zerfallenden Blättern und anderen Überresten der Vorjahresvegetation heranwächst.

Gedanken zum Tag des Baumes

Zum Tag des Baumes wollte ich zunächst einen schönen repräsentativen Baum zeigen. Aber dann ging mir durch den Kopf, dass wir eigentlich nichts zu feiern haben. Den Bäumen geht es insbesondere in unseren Breiten klimabedingt schlecht. Und dort wo die Bedingungen noch einigermaßen gut sind wie in den Urwäldern rückt der Mensch den Bäumen unnachgiebig auf die Pelle. Es liegt also nicht an den Bäumen, wenn sie weniger werden und u.a. als Kohlenstoffdioxidspeicher immer mehr ausfallen.

Wie sehr sich ein Baum ans Leben und Überleben klammert kann man geradezu im buchstäblichen Sinn auf dem Foto erkennen. Ein Samenkorn ist an eine Stelle geraten, die nun wirklich für das Wachstum eines Baumes nicht geeignet ist. Aber Alternativen standen nicht zur Verfügung. Und so machte der heranwachsende Baum das Beste aus der Situation und verlegte seine Wurzeln so, dass er einerseits an Nährstoffe kommt und andererseits die physikalischen Bedingungen der Stabilität eines immer größer und schwerer werdenden Baums erfüllt.

Ich verfolge das Schicksal dieses Baumes seit einigen Jahren und sehe mit Vergnügen, dass er bestens gedeiht und mehrere Wurzeln um die Steinmauerreste legt, sodass notfalls eine mehrfache Absicherung vorhanden ist.

Eine weitere Herausforderung für den Baum besteht darin, dass er unter dem Blätterdach weitgehend abgeschirmt von direkten Sonnenstrahlen größerer Bäume wächst. Aber ich bin zuversichtlich, dass er auch dieses Problem meistert – es sei denn es kommt irgendwann irgendjemand (z.B. der Förster) auf den Gedanken, dass der Baum hier fehl am Platze ist.

Für mich ist dieser Baum auch ein starkes Symbol – passend zum Tag des Baumes.

Eine weiße Baumwurzel vor dem Osnabrücker Rathaus

Vor dem historischen Osnabrücker Rathaus kann man zurzeit eine Ausstellung eines weiß gefärbten Wurzelstumpfes einer 200-jährigen Eiche sehen. Sie wird mit White Root bezeichnet und ist hier von dem Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb (*1966) platziert worden. Sie stammt von den Seelower Höhen, wo sich die letzten Kämpfe des zweiten Weltkrieg zugetragen haben. Nach der Eröffnung der Ausstellung in Osnabrück wurde im Rathaus des 50. Todestages des gebürtigen Osnabrückers Erich Marie Remarque (1898 – 1970) gedacht, der in seinem Werk u.A. die Greuel der Kriege thematisiert hat (siehe auch hier).

Als ich vorgestern das Kunstwerk besuchte, fand ich außerdem von der weißen Wurzel ausgehende Bahnen von Grablichtern vor,  die jeweils mit einem beschrifteten Keramikschild versehen auf das Rathaus zulaufen. Dabei stellte ich fest, dass die Bahnen nicht parallel zueinander verlaufen, sondern geringfügig divergieren mit der Wirkung, dass von der Wurzel aus gesehen, die perspektivische Verjüngung weitgehend kompensiert wird. Allerdings verrät sie sich in der Zunahme des Zwischenraums zwischen den Lichterreihen in Richtung Rathaus (mittleres Foto).

Auf den Keramikschildern liest man:

ES GIBT IM GEHEN EIN BLEIBEN,
IM GEWINNEN EIN VERLIEREN,
IM ENDE EIN NEUANFANG.

Dieser Ausspruch kommt vermutlich aus Japan, wo er lautet:

Es gibt ein Bleiben im Gehen,
ein Gewinnen im Verlieren,
im Ende einen Neuanfang.
(Quelle)

Zum Welttag des Buches – die Welt als Buch

Heute ist der Welttag des Buches. Dazu habe ich mich bereits in den Vorjahren geäußert (z.B. hier und hier). Auch habe ich kürzlich mein kleinstes Buch vorgestellt. Das größte Buch steht noch aus: Die Welt als Buch.
Diese Metapher hat zumindest seit den alten Griechen das westliche Denken mitbestimmt. Italo Calvino (1923 – 1985) sieht den Faden der Schrift als „Metapher für die staubförmige Substanz der Welt“ und weist darauf hin, dass „schon für Lukrez die Buchstaben Atome in permanenter Bewegung (waren), die durch ihre Permutationen die verschiedensten Wörter und Laute erzeugten, ein Gedanke, den eine lange Tradition von Denkern aufgreifen sollte, für die sich die Geheimnisse der Welt in der Kombinatorik der Schriftzeichen fanden“ [1].
Wenn aber die Welt ein Buch ist, dann muss man sie lesen können. Diese Aufgabe treibt insbesondere die Protagonisten der neuzeitlichen Physik um. Galileo Galilei (1564 – 1642) hat dies in einem viel zitierten Satz ausgesprochen und auch gleich die Art der Buchstaben benannt: Weiterlesen

Knallroter Sonnenaufgang

Wie oft hatte ich mir vorgenommen, den Sonnenaufgang zu beobachten, zu sehen, was von seiner so häufig besungenen Inspirationskraft noch übrig war, aber immer war ich zu faul gewesen, extra dafür aufzustehen. Der rosige Rand hinter dem Eichenknick hob sich langsam auf Wipfelhöhe, wurde am Horizont über den Weiden kräftiger, satter, in die von Wolken freigegebenen Himmelsstücke floß ein durchsichtiges Blau, und dann erschien der glühende Rand, unterbrochen von den noch schwarzen Baumstämmen, ließ im Höhersteigen deren dunkle Konturen zu einem lässigen Tanz verschwimmen, ergoß sich in flüssigen Bahnen über den Acker, erreichte die Fundamente unseres Hauses, stieg zu den Fenstern, kitzelte mein Gesicht, und plötzlich wußte ich wieder, warum der Umzug von Hamburg aufs flache Land die richtige Entscheidung gewesen war. *


* Klaus Modick. Ins Blaue. Reinbek 1987. S. 191

Stutenschwänze aus Eiskristallen

Der nächste Tag brachte blauen Himmel und Zirruswolken, die gezerrt und vom Licht verklärt eine Vorstellung von hoher Ferne erzeugten. Als Kind hatte er lange unter dem Blattwerk der Sommerbäume gelegen, neben Getreidefeldern, um den vorüberziehenden Wolken Formen und Gesichter zu geben.*

Auf dem Foto sind klassische Cirruswolken zu sehen, die manchmal auch Stutenschwänze genannt werden, eine Bezeichnung, die vermutlich aus dem bäuerlichen Milieu stammt, in dem man mit Pferden zu tun hatte. Cirren treten in großer Höhe auf (5000 bis 13700 m) und bestehen wegen der dort herrschenden tiefen Temperaturen aus Eiskristallen. Sie sind oft vor einer Verschlechterung der Wetterbedingungen zu sehen und kündigen Niederschläge an. Sie selbst sind daran allerdings nicht beteiligt. Allenfalls fallen sie als Fallstreifen in wärmere und trockene Luft und verdampfen dabei ohne die Erdoberfläche zu erreichen.
Ihrer locken- und strähnenartigen Beschaffenheit zufolge kann man ihnen ansehen (Foto), wie sie durch die in großen Höhen herrschenden Winde auseinandergetrieben werden.


*Nicolaus Bornholm. America oder Der Frühling der Dinge. Frankfurt 1980, S. 112 

Schön gestocktes Holz

Als ich kürzlich einen abgestorbenen Baum fällen musste, stellte ich mit Erstaunen und einer Spur von neugierigem Entzücken fest, dass das gestockte Holz eine naturschöne Strukturierung und Färbung angenommen hatte (siehe Foto). Diese wie eine abstrakte Naturmalerei wirkende Musterung konnte kaum ließ keine Beziehung zu den natürlichen Charakteristik wie etwa die Jahresringe des Baums erkennen. Weiterlesen

Impressionen aus der Krummhörn 5 – Landleben

Landleben aus der Innenperspektive: Als ich vor einigen Tagen eine kleine Wanderung durch die nicht enden wollenden Wiesen und Weiden der Krummhörn (Ostfriesland) unternahm und die Einsamkeit genoss, wurde ich durch dieses Graffiti flugs darüber belehrt, dass es auch andere Meinungen dazu gibt.

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