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Ästhetik

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Erinnerung an den Sommer

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Die Welt als Hintergrund

ente_abstrakt_dscf5126aDie gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, (man ist immer schon mittendrin, HJS), die Betrachtung sub specie aeternitatis  von außerhalb. So daß sie die ganze Welt als Hintergrund haben.
Nun scheint mir aber, gibt es außer der Arbeit des Künstlers noch eine andere, die  Welt sub specie aeterni einzufangen. Es ist- glaube ich- der Weg des Gedankens, der gleichsam über die Welt hinfliege und sie so läßt, wie sie ist – sie von oben vom Fluge betrachtend.
Der Mensch aber befindet sich in dieser Welt in der die Dinge zerbrechen, rutschen, alles mögliche Unheil anstiften. Und er ist natürlich eins von den Dingen.

Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951).

Windbewegte Strukturen

sandstrukturen_dsc01544a_rv„Anstatt Chaos und Unordnung vorzufinden, wird der Beobachter nicht umhin können zu staunen über eine Einfachheit der Form, eine Genauigkeit der Wiederholung und eine geometrische Ordnung, die in der Natur jenseits der Größenordnung der Kristallstruktur unbekannt ist. An bestimmten Stellen bewegen sich enorme, millionen Tonnen schwere Anhäufungen von Sand unaufhaltsam in geordneten Formationen über die Oberfläche des Landes, indem sie wachsen, dabei ihre Gestalt bewahren und sich sogar in einer Weise fortpflanzen, die in ihrer grotesken Nachahmung des Lebens auf einen fantasievollen Menschen leicht verstörend wirken könnten (Übs. HJS)“. Mit diesen geradezu poetischen Worten beschreibt der wohl erste „Dünen-“ und „Sandwissenschaftler“ Ralph Bagnold (1896 – 1990) in seinem Buch „The Physics of Blown Sand and Desert Dunes. London: Methuen 1954“ seine Begegnung mit den Sandstrukturen in der Wüste.
Wissenschaftler und Poeten scheinen gleichermaßen von den vielfältigen, ästhetisch ansprechenden Strukturen im Sand fasziniert zu sein. So berschreibt der Schriftsteller Raoul Schrott (*1964) – offenbar von Bagnolds Ausführungen inspiriert – seine Begegnung mit den gemeinsamen Werken von Wind und Sand mit den folgenden Worten.
Die Springfracht desWindes bläst die Körner über Luv, kaum höher als ein oder zwei Fuß, bis sie am Kamm festgepreßt werden und schließlich wieder abgleiten; es ist wie mit den Wellen. Der Wind schiebt sie vor sich her. Manche stauen sich auf und werden so rund wie Walrücken.Einige kollidieren miteinander, rollen dann weiter und lassen hinter sich eine kleine, noch junge Düne zurück; solche grotesken Imitationen des Lebens wirken auf jemanden, der zu viel Phantasie hat, sehr leicht verstörend.“ (Raoul Schrott: Die Wüste Lop Nor. 2000).

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Schönheit mit Makel

Hummel_mit_Parasiten_rvEs ist nicht das erste Mal, dass ich Hummeln beobachte, die deutlich sichtbar von Parasiten befallen sind. Eine kleine Recherche ergab, dass es sich offenbar um Milben handelt, die im Leben der Hummel eine zwiespältige Rolle zu spielen scheinen. Weiterlesen

Verfall – Spuren der Zeit

entblaettern_rvDinge werden durch die Zeit beeinträchtigt, in dem Sinne wie wir zu sagen pflegen, daß die Zeit die Dinge zerbröckelt, und daß alles durch die Zeit altert und durch den Zeitablauf in Vergessenheit gerät. Aber wir sagen nicht, daß wir durch die Zeit gelernt haben, oder daß etwas durch sie neu oder schön geworden ist, denn wir sehen die Zeit an sich eher als Ursache des Verfalls an… Weiterlesen

Strömendes Holz

Strömendes-HolzSo full of shapes is fancy,
that it alone is high fantastical.

William Shakespeare (1564 – 1616)

Was hier wie eingefrorene Strömungsmuster erscheint, ist nichts anderes als ein Teil aus der Rinde einer Korkeiche. Welche biophysikalischen Vorgänge zu dieser Strukturbildung verantwortlich sind, ist mir unbekannt. Es scheint aber so zu sein, dass die Natur in ganz unterschiedlichen Kontexten gerne auf ähnlichen Gestaltbildungsprozessen zurückgreift. Weiterlesen

Erinnerung an die Eisblume

eisblumen2_dsc07061_rvEisblumen gehören der Vergangenheit an. Manche wissen nicht einmal mehr so recht, was das ist. Mein nicht geheizter Wintergarten gönnt mir jedoch manchmal das Vergnügen eines Blicks durch das eisblumenversiegelte Fenster. Dennoch gebe ich zu, dass dies die Ausnahme ist und der Nekrolog auf die Eisblume von Ulrich Holbein (*1953) nur allzu gerechtfertigt ist. Hier ein Ausschnitt: Weiterlesen

Mit Kristallen umkränzt

kristall_umkraenzt_dsc06639aManches, was man schon nicht mehr beachtet, weil es längst verblüht ist, erwacht tiefgekühlt und mit weißen Rändern hervorgehoben zu neuer winterlicher Schönheit. Weiterlesen

Tierische Kunst

Blattgerippe_rvKünstliche Structur der Blätter.

Ich habe jüngst ein Eichen-Blat gefunden,
Das, durch der kleinen Würmer Schaar,
So künstlich ausgefressen war:
Daß alle Aederchen darin in netter Ordnung stunden.
Unzehlig war der zarten Gänge
Verändrung, Unterschied und Menge. Weiterlesen

Rostzeichen in der Ästhetik des Zerfalls

Rostzeichen_rvSie wußte immer, wo sie im Gestöber der Zeichen sich selbst finden konnte, und das war es, was göttliche Geister aus dem Chaos Wissen ziehen ließ. Gesträubt hatte sie sich nur gegen die Idee, auch normale Schriftzeilen so zu lesen wie die Botschaften des Rostes oder die Tänze der Kiesel im Brunnenbecken. Dabei war das einfach, man mußte nur gnadenlos ignorieren, was der Schreiber selbst mitteilen wollte.
Sten Nadolny (*1942)

Chemisch gesehen ist Rost ein wasserhaltiges Oxid. Wie wir alle wissen, entsteht er von selbst an feuchter Luft. Dabei verbindet sich das Eisen in Gegenwart von Wasser – ohne dass höhere Temperaturen nötig wären – mit dem in der Luft reichlich vorhandenen Sauerstoff. Da Rost porös ist, schützt eine Rostschicht nicht vor weiterer Verrostung. Durch die Aufnahme des Sauerstoffs nimmt das Volumen des rostenden Eisens zu.
Das hat zur Konsequenz, dass beispielsweise Stahlbetonteile (Stahl besteht hauptsächlich aus Eisen), deren Stahlteile in Kontakt mit der Luft geraten,  schließlich durch Rostbildung und die dadurch bedingte Ausdehnung zum Bersten gebracht werden.
Rosten ist ein Zerfallsvorgang par excellence und hat daher schon lange auch eine metaphorische Dimension. „Wer rastet, der rostet“ heißt es da, wobei Rosten mit Altern, Verfall, Krankheit u.ä. gleichgesetzt wird.
In den letzten Jahrzehnten hat man jedoch auch eine ästhetische Dimension in der mit dem Rosten einhergehenden Strukturbildung entdeckt. Verrostende Designobjekte schmücken Gärten und Balkone und manch ein vor sich hin rostendes Kunstwerk im öffentlichen Raum wird erst eigentlich durch den Vorgang des Rostens zur Kunst. Die Spannung zwischen Ästhetik der entstehenden Roststrukturen, zwischen Zufall und Notwendigkeit und dem irreversiblen Verfall, der allem Irdischen anhängt, ist dabei oft Teil des Programms.

Der Abend loderte noch still…

abend_lodertDer Abend loderte noch still mit breiter schon gedämpfter Glut und silbernen Wolkenflammen (war aber zu faul zum Figurenlesen).

Arno Schmidt (1914 – 1979)

 

Sanddünen – das reinste morphologische Paradies

Wüste-bei-Sonnenaufgang„Die Wüstenlandschaft ist immer am schönsten im Zwielicht der Morgen- oder Abenddämmerung. Das Gefühl für Entfernung fehlt dann: Ein naher Hügel kann wie ein weitentfernter Höhenzug wirken, jedes kleine Detail kann zu einer Größe erster Ordnung im monotonen Thema der Landschaft werden.
…es schien ihr, daß sich die Landschaft überhaupt nicht veränderte, daß sie sich überhaupt nicht fortbewegten und daß die Düne, an deren scharfem Rand sie jetzt entlang ritten, die gleiche war, die sie vor langer Zeit hinter sich gelassen hatten, und daß es unmöglich war, daß sie irgendwo hingelangten, da sie sich ja nirgends befanden“
(Paul Bowles: Himmel über der Wüste). Weiterlesen

Die Glühlampe ist tot. Es lebe die Glühlampe…

Glühlampe-3_rvWir erleben es seit Jahren, dass die klassische Glühlampe Schritt für Schritt, das heißt von hohen zu niedrigeren Leistungen absteigend vom Markt genommen wird, weil sie energetisch ineffizient ist. Bevor dieses Projekt jedoch abgeschlossen ist, sitzt sie bereits auf der eigenen Nostalgiewelle und feiert als Designlampe ein strahlendes Comeback. Weiterlesen

Ringwellen gegen Zeitverschwendung

Stein_Ringwellen_2_rvSteine ins Wasser werfend,
beobachte die entstehenden Kreise,
sonst ist dein Treiben pure Zeitverschwendung

Kos`ma Prutkow Weiterlesen

Mit einem Windhauch in die Welt hinaus

Mohnkapsel_grün_rvReife Klatschmohnkapseln erinnern an eine Art überdachten Turm mit einer ringförmig angeordneten Fensterreihe. Als Kinder haben wir in diese kleinen Öffnungen hineingeblasen und dem Spielkameraden eine Minikaskade winziger Samenkörner ins Gesicht gejagt. Erst viel später habe ich mich darüber gewundert, dass die Körnchen ohne direkt angestoßen zu werden in die Luftströmung gelangen und mitgerissen werden. Weiterlesen

Kornblumenblau

Kornblumen2Kornblumen sieht man heute nur noch selten, weil die Getreidefelder mit Herbiziden behandelt werden. Lediglich am Rand lassen sie sich zuweilen gemeinsam mit rotem Mohn blicken. Ästhetisch machen Kornblumen und Mohn das erst ein Kornfeld aus, wie man es aus alten Zeiten kennt. Aus diesen Zeiten stammt auch das folgende Gedicht von Johannes Trojan (1837 – 1915):

In der Saat viel blaue Sterne
Stehn wir leuchtend fern und nah.
Laßt uns blühn und seht uns gerne,
Denn wir sind nun einmal da!

Die uns sonst nicht leiden mochten
Unterm Korn, die schimmernd blaun:
In den Erntekranz geflochten
Mögen sie doch gern uns schaun. Weiterlesen

Ästhetik und mathematische Regelhaftigkeit im Rahmen biologischer Musterbildung

Weberkegel

Diese schöne Schnecke fand ich im warmen, seichten Wasser an einem Sandstrand des indischen Ozeans. Genau genommen handelt es nur um das Gehäuse eines Weberkegels, so heißt diese Textil-Kegelschnecke (Conus textile) und das ist auch gut so. Wäre der Weberkegel noch am Leben gewesen, hätte ich mich in Gefahr begeben, durch seinen Harpunenzahn vergiftet zu werden. Mit diesem jagt er nicht nur andere Schnecken, sondern verteidigt sich auch erfolgreich gegen Angreifer. Das durch den Zahn verabreichte Gift ist für Fische und kleine Säugetiere tödlich. Weiterlesen

Verwehte Spuren im Sand

Spuren-im-Sand-2Die vom Vortag zeugenden Fußspuren sind durch den Sandsturm in der Nacht nicht verschwunden, sondern wurden nur modifiziert bzw. harmonisch in das übrige Netzwerk der Sandrippel integriert. Umgekehrt sind sie nicht ohne Wirkung auf die übrige Rippelbildung geblieben. Man hat den Eindruck, dass auch sie sich der Störung durch die Fußspuren angepasst und ganz anders strukturiert worden sind als es bei ungestörter Sandfläche der Fall gewesen wäre.

Die physikalischen Gesetze, die zu dieser Strukturbildung führen, sind weitgehend bekannt (Strukturen im Sand). Die komplexen Randbedingungen, die dem vorliegenden Muster zugrunde liegen, legen allerdings eher einen ästhetischen als einen physikalischen Zugang nahe. Das Muster angemessen zu beschreiben ist schwierig, weil man sich keiner Vergleichsbilder bedienen kann. „Denn man ist in einem abstrakten Universum das keine Beziehung mit einem andern Universum hat. Für die meisten übrigen Formen der Natur, wie etwa für die Bäume und für die Berge kann man vergleichbare Bilder finden, aber nicht für die Formen welche durch den Sand entstehen“ (Italo Calvino)

Subtropische Perspektiven

Blick-nach-obenDie Palme

Du Palme bist ein edler Baum,
Es strebt dein hoher Sinn nach oben;
Dein Haupt wiegt sich im ew’gen Raum,
Von innrem Drang emporgehoben.

Nichts fesselt dich in niedre Haft;
Drückt auch ein Stein den jungen Gipfel,
So bäumt sich stolz dein schlanker Schaft
Und trägt die Last im grünen Wipfel.

Dich edlen Baum, nie unterjocht,
Will ich zum Vorbild mir erküren;
Der Drang, der uns im Busen pocht,
Der muß uns auch zum Ziele führen.

Wo dir, o Baum! die Kraft nicht bricht,
Soll da ein Menschenherz verzagen?
Ich ring‘ wie du in Luft und Licht,
Und muß ich Erd‘ und Himmel tragen.

O wirst du, Palme stolz und kühn,
Wenn einst des Abends Feuer glänzen,
Mit deiner Zweige kühlem Grün
Die müde Schläfe mir bekränzen?

Ludwig Pfau

Wer würde in dieser ungemütlichen Zeit nicht gern mal wieder unter Palmen liegen und das durch die Palmwedel gefilterte Himmelslicht auf Körper und Gemüt wirken lassen!

Manchmal helfen nur Blumen

BlumenwieseEtwas wirkt noch immer droben, weit über die Erfahrung der letzten Möglichkeit von Überleben hinaus: ein Fest an den Quellen der Zeit. Die Blumen gestalten es, indem sie nicht etwa karg, ärmlich und sparsam ihr Leben am Rande des mindestens an Wärme und Boden, des äußersten an Ausgesetztheit, Sturm, Schneetreiben und Trockenheit fristen, sondern Farbe und Gestalt verschwenden.

Barbara von Wulfen: Lichtwende 1985

Lektüre, die das Herz erfreut

Linsenherz_rvDie Überraschung, die man erleben kann, wenn man seine Leselupe bei der Lektüre kurz auf dem Buch ablegt, bringt ein unerwartetes Phänomen hervor: Das Bild eines stilisierten Herzens scheint auf dem ersten Blick die Solidität der Lupe Lügen zu strafen, scheint es doch sehr weit von dem entfernt, auf was man realiter gefasst ist. Wenn man dann auch noch aus der persönlichen Befindlichkeit heraus oder durch die Wirkung des gerade gelesenen Inhalts des Buchs darin eine zeichenhafte Repräsentation zu sehen geneigt ist, kann der nüchterne physikalische Hintergrund leicht in Vergessenheit geraten: ein Schatten, der auf eine unebene Fläche, eine von zwei Seiten spitz zulaufende Vertiefung, fällt. Die Kreisform des Originals wird daher so deformiert, dass eine Herzform entsteht. Trotz dieser einfachen Erklärung bleibt natürlich der ästhetische Reiz und für diejenigen, die sich eine gewisse wohltuende Naivität bewahrt haben, das Erstaunen über ein sinnstiftendes Zusammentreffen zufälliger Gegebenheiten auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen.