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Denken

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Sehen, Sehnen, Denken

Erinnerung an die Hängematte. Wie muss es in Jemanden aussehen, die oder der angesichts dieses perlenbesetzten Netzes (vulgo: tropfnasses Spinnennetz außer Dienst) an einen warmen Sommertag erinnert wird, an dem sie oder er im Schatten eines kühlen Baums leicht baumelnd in einer Hängematte liegend seinen Gedanken freien Lauf lässt…? Das versuche ich gerade zu ergründen, denn genau dieser Gedanke, waberte mir durch den Kopf, als ich diesen Anblick (siehe Foto) am Wegesrand vorfand. Ich dachte sogar daran, was ich wohl auf diese Weise gebettet am liebsten denken würde… Gleichzeitig finde ich es merkwürdig, dass ich Wahrnehmender, Erinnernder, Antizipierender und all dies auch noch Beurteilender in einer Person bin und statt dieses unstatthafte Gebaren sofort abzustellen, es auch noch als Beobachter schalkhaft genieße.

Denken heißt, Unterschiede vergessen

Tatsächlich erinnerte Funes sich nicht nur an jedes Blatt jedes Baumes in jedem Wald, sondern auch an jedes einzelne Mal, da er es gesehen oder sich vorgestellt hatte…Nicht nur machte es ihm Mühe zu verstehen,daß der Allgemeinbegriff „Hund“ so viele Geschöpfe verschiedener Größe und verschiedener Gestalt umfaßt, es störte ihn auch, daß der Hund von 3 Uhr 14 Minuten(den er im Profil sah) denselben Namen führen sollte, wie der Hund von 3 Uhr 15 Minuten (den er von vorn gesehen hatte). Sein eigenes Gesicht im Spiegel, seine eigenen Hände überraschten ihn immer wieder.
Denken heißt, Unterschiede vergessen, heißt verallgemeinern, abstrahieren. In der vollgepfropften Welt von Funes gab es nichts als Einzelheiten, fast unmittelbarer Art…
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* Jorge Louis Borges. Das unerbittliche Gedächtnis, in: Ders.Labyrinthe. München 1959, S. 238

Mehr sehen – durchs Schlüsselloch spähen

Seltsam, diese Begegnung des inneren Auges hinter dem Schlüsselloch, welches sieht und das äußere Auge entdeckt, auf frischer Tat ertappt, ein Delikt des Sehens aus Neugierde, aus Ungewißheit. Derjenige, der nach draußen schaut, um über sich selber hinaus zu sehen, vielleicht das zu sehen, was in der Welt geschieht, oder in sich hinein schaut, zögernd allerdings, so sehr ungenau, daß es, das Auge selbst, nicht mehr weiß, schaut es in die Leere, in die Luft, hinein in den anderen, oder in eine weite Landschaft, die es, einer Erinnerung gleich, entstehen ließ, eine gewollte, eine ausgewählte Kulisse, eine elementare Kraft, die der Hintergrund seines Lebens sein könnte. Dieses Auge also, das auf diesem Stuhl sitzt und durch das Schloß späht, oder womöglich durch die Spalte zwischen den zwei Holzleisten, die die Rückenlehne dieses selben Stuhles bilden, dieses Auge, sage ich, geblendet von der Sonne, die mir in den Rücken fällt, auf den Rücken, in mich hinein fällt durch wie Stahl erhitzte Schultern, hat die Kraft, oder besser die Macht, die Dinge zu enträtseln.*


* Danielle Collombert. Mord. Köln 1993, S. 7

 

Spirale 9 – Abwärtsspirale

Als ich (in einem Kaufhaus) in diese gläserne Schlucht blickte, schoss mir das Wort „Abwärtsspirale“ durch den Kopf und die mit diesem Begriff gegebenen negativen Konnotationen überlagerten sich über die an sich ästhetische ansprechende Konstruktion. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie zufällige Assoziationen, die wie auch immer in bestimmten Situationen im Bewusstsein wabern, einen sinnlichen Eindruck verändern können. Das entdecke ich auch manchmal bei Kunstausstellungen. Aber wofür haben wir den kritischen Verstand, mit dem wir uns gegen solche (internen) Übergriffe zu wehren vermögen.

Lesen im Park

Ein kleiner Park mit Bänken. Vom Flanieren müde, nehme ich Platz, um mich ein wenig auszuruhen. Auf den anderen Bänken sitzen bereits Leute. Was mich wundert, fast alle lesen. Nicht irgend eine Zeitschrift, sondern ein Buch. Erstaunlich! Als ich später den Park verlasse, entdecke ich diesen Bücherschrank, gut bestückt. Eine gute Idee, die Schule machen sollte.

Zur Relativierung meiner Leseleidenschaft möchte ich an dieser Stelle den ersten deutschen Experimentalphysiker und Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) mit einigen Aussagen zu Wort kommen lassen: Weiterlesen

Spirale 8 – der Natur abgeschaut

Für mich ist die Spirale ein Symbol des Lebens.
Ich glaube, die Spirale ist dort, wo die Materie aufhört zu sein und beginnt, etwas Lebendiges zu werden.
Meine Spirale ist keine geometrische Spirale, sie ist eine biologische Spirale, die nicht mit dem Zirkel nachgemessen werden kann. Sie hat Ausbuchtungen, Widerstände und Partikel in der Mitte und an den Rändern. Meine Spirale wächst vegetativ.

Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000) Weiterlesen

Der Kurfürst und die Kuh

Moderne Technik hilft dem Menschen. Das Navi ist für viele ein Segen. Endlich brauchen sie sich nicht mehr um den Weg zu kümmern. Eine synthetische Stimme sagt einem, wo es lang geht. Geografie und Kartenlesen sind aussterbende Kulturtechniken. In diesem Zusammenhang hörte ich kürzlich aus dem Bekanntenkreis, dass eine Jungsgruppe in einen Ort in Schleswig Holstein fahren wollte. Sie gaben den Namen ein und los ging es. Die Fahrt kam dem einen oder anderen zwar länger vor als gedacht, aber schließlich war man nach vielen Stunden am Ziel. Zumindest dem Namen nach, denn der Ort lag in Bayern.

Diese Geschichte ging mir kürzlich bei einer Wanderung durch den Kopf, als wir bei einem Straßenschild angekommen waren und plötzlich ein komisches Gefühl aufkam, dass wir hier völlig falsch sein könnten, was angesichts der Anstrengungen des Wanderns als sehr ärgerlich empfunden wurde. Plötzlich die von einem überschüssigen Buchstaben ausgehende Erleichterung: ein „h“ zuviel.

Spirale 5 – Ich dreh‘ mich im Kreis

Die meisten Leute kranken daran, daß sie nicht aussagen können, was sie sehen und was sie denken. Man behauptet, es sei nichts schwieriger als eine Spirale in Worten zu definieren: Man muß dazu, sagt man, in der Luft mit der literaturlosen Hand eine ansteigend geordnete, eingerollte Gebärde vollführen, dank welcher sich diese abstrakte Figur der Sprungfedern oder manchen Treppen den Augen darstellt. Weiterlesen

Wie öffne ich diese Tür?

tor_fenster062_rvIch schätze nur Erfahrungen, und die sind in der Regel von allem Denken und Vergleichen vollkommen unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe öffne. Im Türöffnen liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage.
Robert,Walser. Jakob von Gunten. München 1964

Zur Bedeutung der Schönheit (Lichtenberg 9)

prisma_img_1724_rvDer erste deutsche Experimentalphysiker und Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) suchte nach Möglichkeiten, Neues zu finden, etwas was bislang noch nicht gesehen oder zumindest so nicht gesehen wurde. Dabei misst er in der Kantschen Tradition der Komplementarität von Denken und Anschauung der Visualisierung selbst des Unsichtbaren große Bedeutung bei. Indem er davon ausgeht, dass sich „die Menschen (…) Bilder von allem machen“ müssen, versucht  er selbst den Gedanken als den Elementen des Denkens Bildhaftes und Farbiges abzuringen: Weiterlesen

Hoffnung

trockenrisse-mit-pflanze_rvWas aus der Hoffnung ein so intensives Vergnügen macht, ist, daß die Zukunft, über die wir nach unserem Belieben verfügen, uns in den verschiedensten Formen erscheint, die uns alle gleich lächelnd, gleich möglich, anmuten. Selbst wenn die begehrteste unter ihnen sich verwirklicht, müßte man die andern zum Opfer bringen, und wir würden viel dabei verlieren. Der Gedanke an die Zukunft voll von unendlichen Möglichkeiten ist also fruchtbarer als die Zukunft selbst und deshalb findet man mehr Reiz in der Hoffnung als im Besitz, im Traum als in der Wirklichkeit. Weiterlesen

Zwischenräume und Träume

ZwischenraumZwischen: eine Konfusion, Trennwand und Brücke, Lücke und Propf. Wie das numinose, unscheinbarste und abgegriffenste Wörtchen – UND. Wie jeder Gedankenstrich, sofern er die Denk-Pause ist, die er signalisiert, Kitt zugleich und Trennungszeichen, Getrenntes verbindend, Verbundenes trennend. Zwischen: eine Grenze, die, versucht man sie festzuhalten, zu wachsen beginnt, zum Zwischenraum sich weitet, wo Platz ist für alles und nichts. No man’s land, zwischen den Grenzen. Eldorado für Schmuggler und Interpreten. Was ihnen von Wichtigkeit ist, etymologisch ihr INTERESSE, ist immer: dazwischen. Zwischenhändler sind es – interpretari, ein lateinisches Deponens, schwebend zwischen passiver Form und aktivem Sinn -, ohne die Ware, die sie vermitteln, je selber berührt haben zu müssen (Christiaan L. Hart Nibbrig (*1944). Versuch in sechs Anläufen)

Newtons Apfel: Scharfsinn geht nicht allemal aus Scharfsicht hervor

ScharfsinnAber wie ich den Kopf über die Hecke der Elfen hinausstreckte und von der natürlichen Welt Kenntnis zu nehmen begann, da fiel mir etwas Außergewöhnliches auf: mir fiel auf, dass gelehrte Männer, mit Brillen, über die wirklichen Geschehnisse – über Morgendämmerung und Tod und so weiter – sprachen, als ob diese vernünftig und unvermeidlich wären. Sie sprachen, als ob die Tatsache, dass Bäume, Früchte hervorbringen, genau so notwendig wäre wie die Tatsache, daß es zwei Bäume und einer drei ausmachen. Aber dem ist nicht so. Weiterlesen

GedankenGedanken

ÜberlagerungGedanken sind mehrdimensional, zumindest die tiefen. Sie bestehen oft aus einander überlagernden Bildern. Sie ähneln mehr einem Multiversum mit undurchschaubarer Hierarchie. Erst dadurch, dass die Gedanken geäußert werden, kommt es zu einer Art Projektion, bei der Gedanken zu Worten werden und dadurch in ein (mehr oder weniger) geordnetes Universum eintreten.

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